Friedrich Czapek Biochemie der Pflanzen Dritte Auflage Erster Band Jena; Verlag von Gusta? Fischer ,«y v& «} x^ •3 o « «Vi /^\»^ •^LW /4 {•9 •9 •J» ^W.\T «I V\f>W €» ^*;A*/. '/, •/» 1^ \/ / '"Sh. « ® V/j BIOCHEMIE DER PFLANZEN VON Dr. PHIL ET MED. FRIEDRICH CZAPEK O. ö. PROFESSOR DER ANATOMIE UND PHYSIOLOGIE DER PFLANZEN, UND VORSTAND DES PFLANZENPHYSIOLOGISCHEN INSTITUTES DER K. K. DEUTSCHEN UNIVERSITÄT IN PRAG DRITTE, UNVERÄNDERTE AUFLAGE ERSTER BAND MIT 9 ABBILDUNGEN IM TEXT JENA ^Z?' VERLAG VON GUSTAV FISCHER 1922 ALLE RECHTE VORBEHALTEN Herrn Herrn Prof. Dr. Franz Hofmeister Geh. Hofrat Prof. Dr. W. Pfeffer in Straßburg in Leipzig in Dankbarkeit zugeeignet. Vorwort zur ersten Auflage. Das vorliegende Werk ist aus dem Wunsche des Verfassers, bei seinen physiologischen Studien eine möglichst vollständige und kritisch gesichtete Sammlung des pflanzenbiochemischen Tatsachenmateriales zu besitzen, entstanden. Es wendet sich auch in erster Linie wieder an diejenigen, welche auf dem Gebiete der chemischen Physiologie der Pflanzen wissenschaftlich tätig sind. Da verschiedene andere Wissen- schaften, wie organische Chemie, Agrikulturchemie und Pflanzenbau, medi- zinische Physiologie und Bacteriologie, landwirtschaftliche und technische Mikrobiologie, Pharmacie mit der chemischen Pflanzenphysiologie durch zahlreiche Berührungspunkte verbunden sind, so wird es vielleicht auch anderweitig Nutzen stiften. Es ist als bedeutsames Zeichen der Zeit mit Freude zu begrüßen, daß die Vertreter der medizinischen Physiologie und Pathologie gegenwärtig mit größter Aufmerksamkeit die Fortschritte der botanischen Physiologie verfolgen. In Erkenntnis der ungemein großen wechselseitigen Bedeutung näherer Beziehungen zwischen Tier- und Pflanzenphysiologie war ich auch meinesteils bemüht, die Wichtigkeit der tierphysiologischen Methoden und Tatsachen für den Botaniker an allen geeigneten Stellen möglichst in den Vordergrund zu rücken. Für den Anfänger auf dem Gebiete der botanischen Physiologie als Lehrbuch, ist das Werk nicht gedacht. Es setzt die Kenntnisse in Botanik und Chemie, soweit sie in den theoretischen und praktischen Universitätsvorlesungen erworben werden, voraus, und soll besonders als Nachschlagebuch und Literaturrepertorium bei der Orientierung über spezielle Fragen dienen. Der Grundgedanke meiner Arbeit war: Wie weit gelangt man in der Physiologie mit chemischen Methoden? Es wurde deswegen viel- fach auf eine allseitige Erörterung größerer Probleme verzichtet und nur die chemische Seite derselben dargestellt. Dies konnte ich um so eher tun, als wir gegenwärtig in Pfeffers Handbuch der Pflanzenphysiologie ein Werk besitzen, welches nicht nur umfassend alle ernährungsphysio- logischen Probleme beleuchtet, sondern auf Dezennien hinaus für die weitere einschlägige Forschung die Richtschnur bilden wird. Aus dem Gesagten ergibt sich auch die Abgrenzung des hier behandelten Stoffes von dem Inhalte der Handbücher der Physiologie. Das Gebiet der Pflanzenbiochemie ist heute so wenig bearbeitet, und an empfindlichen Lücken so reich, daß das Gefühl des Unbefriedigtseins bei der Zusammenstellung und Sichtung der bekannten Tatsachen hier lebhafter ist als in irgend einem Teile der Botanik. Vielfach sind aber Probleme und Methoden schon heute unmittelbar gegeben, so daß es nur eine Sache des Arbeitseifers ist, unser Wissen erheblich zu ver- VI Vorwort. mehren. Die vielen Hinweise in dem vorliegenden Buche mögen daher zu rüstiger Arbeit anspornen. Der ungewöhnhche Umfang der einschlägigen Literatur bringt es mit sich, daß ich nicht hoffen darf, allerorts sämtiiche wichtigen Arbeiten zitiert zu haben. Auch möge aus dem Unterbleiben mancher Zitate nicht auf eine Minderwertigkeit der betreffenden Arbeiten geschlossen werden. Die Bearbeitung eines an Kontroversen so reichen Gebietes bringt es leider mit sich, daß man manches Ding gegen die persönliche Überzeugung im Geiste der gegenwärtig allgemein angenommenen An- schauung darzustellen gezwungen ist, oder daß man sich objektiv refe- rierend verhält, wo man gern Kritik anbringen möchte. Vollständig ißt die Literatur bis Juli 1904 berücksichtigt, doch sind auch später er- schienene Arbeiten, soweit es möglich war, während des Druckes mit einbezogen worden. Trotz aller aufgewendeter Sorgfalt dürften irrtüm- liche Angaben an verschiedenen Stellen nicht fehlen. Je brauchbarer sich das Werk erweisen sollte, desto mehr bittet der Verfasser ihn brieflich oder durch Rezensionen auf Fehler und Lücken aufmerksam zu machen, damit letztere, später, etwa in einem Ergänzungshefte, soweit als mögUch gut gemacht werden können. Der Umfang des Buches ist bedeutend größer geworden, als ur- sprünglich in Aussicht genommen war. Der IL Band, dessen Druck- legung eben begonnen hat, wird mit dem Abschlüsse des Werkes die nötigen Sach- und Namenregister sowie die Literaturnachträge bis Ende 1904 bringen. Herrn Dr. Gustav Fischer spreche ich für sein liebenswürdiges Entgegenkommen und seine OpferwiUigkeit bei der Übernahme des Ver- lages und bei der Ausstattung des Buches meinen aufrichtigen Dank aus. Prag, am 1. November 1904. F. Czapek. Vorwort zur zweiten Auflage. Die Herausgabe der ersten Auflage dieses Werkes fiel in eine Zeit, die durch das allseits wachgewordene Interesse für pflanzenbio- chemische Forschung sowie durch den Mangel an umfassenden Uterarischen Behelfen für die Grenzgebiete von Pflanzenphysiologie und Chemie für die Aufnahme des Buches sehr günstig war, so daß nicht nur die gesamte Auflage, sondern auch ein anastatischer Neudruck derselben seit einer Reihe von Jahren aus dem Buchhandel verschwunden ist. Wenn der Verfasser nun daran ging, für das vergriffene Werk einen auch die neuen Fortschritte unserer Wissenschaft berücksichtigenden Ersatz zu schaffen, so bedurfte dies neuerlich mehrjähriger angestrengter Arbeit, da nur eine eingreifende Neubearbeitung der meisten Abschnitte dem jetzigen Stande der Kentnisse entsprechen konnte. Die Stellung des Werkes ist in mancher Hinsicht gegenwärtig günstiger, in anderer Richtung aber schwieriger als vor 9 Jahren. Vorwort. VII Damals konnte noch einer der Rezensenten sagen, daß die tierphysio- logische Literatur ein Buch von gleichem Ziele nicht besitzt. Heute verfügen wir über eine ganze Anzahl prächtiger Sammelwerke, welche das Arbeiten ungemein erleichtern und die auch dem Verfasser des vor- liegenden Buches bei der kritischen Sichtung des Materiales außer- ordentlich wertvolle Dienste geleistet haben. Nach dem Erscheinen des großen Handbuches der Biochemie des Menschen, welches Oppenheimer herausgegeben hat, folgten die vielbändigen Kompendien, die unter Abderhaldens Ägide erschienen sind, vor allem das unentbehrliche „Handbuch der biochemischen Arbeitsmethoden", weiter das „Biochemische Handlexikon", welches in mehreren Artikeln für den Pflanzenbiochemiker ein schätzenswertes Hilfsmittel darstellt. Für den Botaniker wichtig ist die mit enormem Fleiße und größter Gewissenhaftigkeit zusammengetragene Darstellung der Pflanzenstoffe von Wehmer, welche jeder Physiologe voll würdigen wird, der erfahren hat, wie wenig verläßlich die Wiedergabe der botanischen Benennung in chemischen Schriften ist. Neuestens haben wir noch in Tunmanns Werk eine sehr gute und kritische Behandlung der Pflanzenmikrochemie er- halten. Von kürzeren orientierenden Lehrbüchern verfügen wir bisher über Eulers Grundlagen der Pflanzenbiochemie und Gräfes Lehrbuch der Biochemie. Diese reiche Literatur erleichterte mir meine große kritische Aufgabe nicht wenig. Auch schien mir jetzt der von mehreren Seiten ausgesprochene Wunsch, die Darstellung der biochemischen Methoden in dem vorliegenden Buche erweitert zu sehen, nicht mehr so dringlich, wie früher, da in Abderhaldens „Arbeitsmethoden" das meiste pflanzen- biochemisch wichtige Methodenmaterial in ausgedehnter Bearbeitung vor- liegt. Das gleiche gilt von den mikrochemischen Methoden, welche durch Tünmann dargestellt worden sind. Ferner entschloß ich mich, in Hinblick auf Wehmers Zusammenstellung, die in der ersten Auflage dieses Buches oft weitläufig gegebenen analytischen Tabellen, z. B. jene über die Zu- sammensetzung der bisher näher untersuchten Pflanzenfette, wegzulassen, um Raum für wichtige neue Darstellungen zu gewinnen, ohne den Umfang des Werkes übermäßig anschwellen zu lassen. Auch sonst dürften die Besitzer der ersten Auflage dieses Buches manche Darlegungen und Literaturangaben in der vorliegenden Neu- bearbeitung nicht mehr wieder finden, so daß die erste Ausgabe des Buches ihren Quellenwert bis zu einem gewissen Maße beibehalten wird. In der Anordnung des Stoffes ist eine Reihe von Änderungen vor- genommen worden, welche mir im Interesse der Übersichtlichkeit praktisch erschienen sind. Die Aufnahme der chemischen Reizerscheinungen in die allgemeine Biochemie, wohin dieses Kapitel unstreitig gehört, hatte auch den äußerlichen Vorteil, daß nunmehr der I. Band etwa den gleichen Umfang wie der II. Band der ersten Auflage besitzt, und es nicht zu befürchten steht, daß der noch ausstehende IL Band zu um- fangreich werden wird. Die trotz der außerordentlich bedeutenden Masse der neu zu verarbeitenden Literatur relativ geringe Vermehrung der Bogenzahl hat sich nicht ohne Mühe einhalten lassen. Eine Erweiterung konnte namentlich in der Darstellung der für die Biochemie so wichtigen allgemeinen Kapitel über Kolloide und Reaktionskinetik nicht ver- mieden werden. Im übrigen ist die Behandlung des Stoffes dieselbe geblieben. Ich hielt es nach wie vor für das beste, das Gewand der referierenden VIII Vorwort. Darstellung im großen und ganzen beizubehalten, und unter Vermeidung offener Polemik und scharfer Kritik, meine persönliche Meinung für den Fachmann erkenntlich durchschimmern zu lassen. Ich fürchte nicht, daß ein Sachkundiger deswegen darin den Anschein kritikloser Kompi- lation erblicken könnte. Auf die Korrektur des Satzes wurde die größte Sorgfalt verwendet, und ich bin meinem Assistenten, Herrn Dr. K. Boresch, Frl. E. Lie- BALDT und Frl. Dr. H. Nothmann-Zuckerkandl für die unermüdliche Unterstützung hierbei zu vielem Danke verpflichtet. Frl. Liebaldt verdanke ich ferner die Herstellung der Kopien für einige Textfiguren. Trotzdem konnte es nicht verhütet werden, daß eine bedauerliche Unrichtigkeit im Texte auf p. 21, die Membranbildung bei Sporen und Pollenkörnern betreffend, unseren wachsamen Augen entgangen ist. Da sich dieser Fehler nicht mehr anders gutmachen ließ, wolle diese Stelle auf Grund der Berichtigungen vor dem Gebrauche des Buches ver- bessert werden. Für die zahlreichen brieflichen Winke und Ratschläge, welche mir nach dem Erscheinen der ersten Auflage zugingen, bin ich' vielen Kollegen großen Dank schuldig. Vor allem möchte ich den seither verstorbenen Fachgenossen ein dankbares Wort der Erinnerung weihen, Leo Errera und ErNst Schulze, welche beide wiederholt ihr warmes Interesse an meiner Arbeit durch briefliche Ratschläge und Zusendung von Hilfsmitteln aller Art bekundet haben. Sodann bin ich den ver- ehrten Kollegen G. Berthold, Gl. Fermi, H. Fischer, Percy Groom, L. JosT, Ad. Mayer, Arth. Meyer, Th. B. Osborne, E. Pantanelli, A. Tschirch, J. V. Wiesner, E. Winterstein und W. Zaleski für ihre freundliche Unterstützung zu Dank verpflichtet. .Während die erste Auflage noch mit einem Chaos in der wissen- schaftlichen Orthographie zu kämpfen hatte, konnte sich die vorliegende Neubearbeitung bereits nach den Vereinbarungen richten, welche in Dr. Hubert Jansen, Rechtschreibung der naturwissenschafthchen und technischen Fremdwörter, Berlin, Langenscheidtsche Verlagsbuchhandlung, 1907, der Öffentlichkeit übergeben worden sind. Konform mit den Publikationen der deutschen chemischen Gesellschaft und den meisten chemischen Fachzeitschriften hält sich das Buch streng an die für den fachwissenschaftlichen Gebrauch bestimmte „gelehrte Schreibung". Es wäre zu begrüßen, wenn in der botanischen Literatur gleichfalls ein einheitliches Vorgehen erzielt werden könnte. Wenn es mir vergönnt ist, meine Arbeitsdispositionen durchzu- führen, so wird der IL Band im Jahre 1915 der Öffentlichkeit über- geben werden. Zum Schlüsse erfülle ich noch die angenehme Pflicht, meinem hochgeehrten Herrn Verleger, Herrn Dr. Gustav Fischer, für die Bereitwilligkeit, mit welcher er auf meine Wünsche hinsichtlich der Umgestaltung des Buches eingegangen ist, meinen aufrichtigen Dank zu sagen. Müritz (Meckl.), im August 1913. F. Czapek. Inhaltsverzeichnis. Seite Geschichtliche Einleitung. Die Ernährungslehre der Pflanzen im Altertum p. 1; ihre Pflege im Mittel- alter p. 1; die iatrochemische Periode p. 2; Gaesalpino und Jungius p. 2; die Bedeutung van Helmonts p. 2; Robert Boyle p. 4; Marcello Malpighi p. 4; die Bedeutung von G. E. Stahl für die Biochemie der Pflanzen p. 5; Boerhave p. 6; die Erforschung der Pflanzenaschenstoffe im 18. Jahrhundert p. 6. Jos. Blacks Arbeiten über Kohlensäure und Atmung p. 7. Priestleys Entdeckung der Sauerstoffausscheidung durch grüne Gewächse im Licht p. 7. Lavoisier und seine Rolle als Reformator in der Biochemie p. 9. Ingen-Housz und Senebier p. 10. C. W. Scheeles Entdeckungen p. 12. Saussures Untersuchungen über die Vegetation p. 13. Die Entwicklung der Biochemie im 19. Jahrhundert p. 14. Ber- ZELius, Liebig und Woehler: die Ausbildung der organischen Chemie p. 14. BoussiNGAULT und seine vergleichenden chemischen Stoffwechselstudien im Vegetationsgange der Gewächse p. 15. Die Funktion der Aschenstoffe p. 16. Enzyme und Katalyse p. 16. Die Entdeckung der Gärungs- und Fäuiniserreger p. 16. Die Begründung der Physiologie der Mikroorganismen durch Pasteur p. 17. Die vielseitige Anregung, welche die Biochemie durch die modernen chemischen Disziplinen erfährt p. 17. Der Einfluß und Nutzen der Tier-Biochemie p. 18. Allgemeine Bipchemie. Erstes Kapitel: Das Substrat der chemischen Voi^änge im lebenden Organismus. § 1. Das Protoplasma und seine Stoffe 20 Zustandseigenschaften und Vorgangseigenschaften desselben p. 20. Be- griff des Protoplasmas; Historisches p. 21. Analysen von Protoplasma p. 22. Komplexer Aufbau desselben p. 23. § 2. Allgemeine Betrachtungen über Kolloide 24 Historisches p. 24. Sole und Gele p. 25. Herstellung und Eigenschaften der Sole p. 26. Tyndall-Phänomen p. 28. Ultramikroskop p. 29. Teilchen- größe p. 30. Suspensoide und Emulsoide p. 31. Grobe Suspensionen p. 32. Ausflockung p. 33. Amikronische Kolloide p. 35. Aussalzen p. 36. Gelati- nieren und Koagulieren p. 57. Schutzkolloide p. 39. Semikolloide p. 40. § 3. Fortsetzung: die Gele und die Adsorptionserscheinungen 40 Eigenschaften der Gele p. 40. Quellung p. 41. ] Hysteresis p. 44. j Adsorp- tion p. 44. Adsorptionsgesetze p. 46. § 4. Protoplasmastrukturen und ihre biochemische Bedeutuug 50 Hyalo- und Polioplasma p. 50. Netzstrukturen p. 51. Emulsionsartiger Auf- bau p. 52. Plasmatheorien p. 52. Aggregatzustand p. 53. Plasmastrukturen und Diosmose p. 54. Plasmolyse p. 55. Semipermeabilität p. 56. Over- TONs Lipoidtheorie der Plasmahaut p. 58. Bau der Plasmahaut p. 59. Elektroendosmose p. 61. Passieren von Kolloiden p. 62. Oberflächen- schicht und Oberflächenspannung im lebenden Protoplasma p. 62. Das Zellplasma als Organismus p. 64. Stofftheorien und Maschinentheorien p. 65. Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lel)enden Pflanzenorganismus. § 1. Über die Reaktionsbedingungen 66 Die Notwendigkeit steter stofflicher Wechselwirkungen mit der äußeren Umgebung p. 66. Autolyse p. 68. Temperatureinflüsse p. 69. Aggregat- zustand p. 70. Trennungs- und Mischungsprozesse p. 70. I 0>V I X Inhaltsverzeichnis. Seite § 2. lonenreaktionen in der lebenden ZeUe 71 Vorkommen, Aufnahme ionisierter Stoffe p. 71. Neubildung von Ionen p. 73. Hydrolytische Spaltungen p. 74. Messung der Wasserstoffionen- konzentration p. 75. Ionisation und Diosmose p. 77. § 3. Reaktionsgeschwindigkeit 77 Einfluß kolloider Medien p. 77. Gesetze des Reaktionsverlaufes p. 78. Uni- molekulare Reaktionen p. 78. Bimolekulare Reaktionen p. 79. Umkehr- bare Reaktionen p. 80. Nebenreaktionen p. 81. Temperatur und Reaktions- geschwindigkeit p. 81. Temperaturoptima p. 82. Reaktionen in hetero- genen Systemen p. 83. § 4. Katalyse 84 Begriffsbestimmung der Katalysatoren nach Ostwald p. 84. Historisches p. 84. Unterschied von Auslösungsvorgängen p. 85. Negative Katalysen p. 86. Päralysatoren p. 86. Einfluß der Quantität des Katalysators p. 87. Autokatalyse p. 88. Begrenzung des Wirkungskreises der Katalysatoren p. 89. Erklärung der, Katalysen p. 90. Katalysen in heterogenen Systemen p. 91. Periodische Katalyseneffekte p. 93. Mikroheterogene Katalysen p. 94. Vergiftungsähnliche Erscheinungen bei Platinsol p. 94. § 5. Allgemeine Chemie der Enzyme 95 Enzyme sind nur Katalysatoren p. 95. Historisches p. 96. Stoffliche Eigenschaften der Enzyme p. 97. Kolloide Eigenschaften von Enzymen p. 98. Herstellung von Enzympräparaten p. 100. Sekretionsenzyme und Endoenzyme p. lOL Spezifische Wirksamkeit p. 102. Systematik der Enzymwirkungen p. 104. Temperatureinflüsse p. 106. Lichtwirkungen auf Enzyme p. 109. Enzymgifte p. 110. Antienzyme p. 112. Förderung von Enzymwirkungen durch chemische Stoffe p. 113. Kofermente p. 115. § 6. Enzyme, Fortsetzung: Kinetik der Enzymreaktionen 115 Enzymkonzentration und Wirkung p. 116. ScHÜTZsche Regel p. 117 Falsches Gleichgewicht p. 118. Substratkonzentration und die Ge- schwindigkeit von Enzymreaktionen p. 119. Reversion von Enzym- reaktionen t». 121. Profermente oder Zymogene p. 125. § 7. Immunreaktionen' 127 Antigene p. 127. Bacteriotoxine p. 128. Endotoxine p. 128. Hämolysine p. 131. Aggressine p. 131. Autotoxine p. 132. Phytotoxine p. 132. Agglu- tination p. 134. Präcipitinreaktionen p. 135. § 8. Fortsetzung: Die Kipetik der Immunreaktionen 137 Immunreaktionen sind von Fermentreaktionen verschieden p. 138. Die EHRLicHsche Seitenkettentheorie p. 138. Toxin-Antitoxinreaktion p. 139. Amboceptoren und Komplemente p. 141. Komplementablenkung p. 143. Kinetik der Agglutininreaktion p. 144. Präcipitinreaktionen p. 145. Drittes Kapitel: Chemische Reizwirkungen. § 1. Einleitung 147 Nähreffekte und Reizeffekte p. 147. Historisches p. 148. Stimulations- wirkungen p. 149. Giftwirkungen p. 150. Adsorptionswirkungen hierbei p. 151. Resistenz gegen Gifte p. 152. Gewöhnung an Gifte p. 153. Ein- teilung der Giftwirkungen p. 164. § 2. Chemische Reizerfolge bei der Alkoholgärung . 165 § 3. Chemische Reizerfolge auf die Sauerstoffatmung 158 § 4. Chemische Reizerfolge auf die Kohlensäureassimilation 160 § 5. Chemische Reizerfolge auf Protoplasmaströmung 161 § 6. Chemische Reizerfolge bei Kern- und Zellteilung 162 § 7. Chemische Wachstumsreize ohne Änderung der Gestalt. Inorganische Reizstoffe 163 Geschichtliches p. 164. Allgemeine Verbreitung stimulierender Effekte p. 164. Chemische Reizwirkungen auf Keimung von Sporen und Samen p. 166. Verdünnungsgrenzen p. 167. Der Verteilungssatz p. 168. Wir- kungen von Ionen und Molekülen p. 169. Osmotische Reize p. 172. Wir- kungen des Wasserstoffions p. 173. Giftwirkung von Laugen p. 176. Neutralsalze p. 178. Reine Metalle p. 178. Antagonistische lonenwirkungen p. 179. Erdalkalien p. 181. Kationen der Eisengruppe p. 182. Kupfer- gruppe p. 184. Quecksilber p. 187. Silber p. 187. Edelmetalle p. 189. InhaltsTerzeichnis. XI Seite Nichtmetalle p. 189. Arsen, Phosphor, Stickstoff p. 190. Schwefel p. 191. Halogene p. 193. Bor p. 194. § 8. Fortsetzung: Wachstumsreize durch Kohlenstoff Verbindungen 195 Kohlensäure, Kohlenoxyd p. 195. Blausäure p. 196. Die Narkotica p. 197. Theorie von Overton und H. H. Meyer p. 198. Untersuchungen von H. NoTHMANN. Erstickungshypothese der VERWORNSchen Schule p. 200. Atmolyse p. 201. Alkoholwirkung p. 201. Chloroform, Formaldehyd p. 202. Organische Säuren p. 203. Harnstoff, Coffein, Cyclische Kohlen- wasserstoffe p. 204. Teerfarbstoffe p. 206. Terpene und ätherische öle p. 207. Pflanzenalkaloide p. 208. § 9. Chemische Reizerfolge auf die Form der Pflanze . 210 Chemomorphosen p. 210. Bacterien und Pilze p. 211. Algen p. 214. Moose, Farne, Phanerogamen p. 216. Einflüsse auf Ausbildung des Geschlechtes p. 217. Gallen p. 218. § 10. Chemische Reizerfolge beim Befruchtungsyorgane 218 Historisches p. 218. Loebs Untersuchungen über Parthenogenesis p. 219. Spermaenzyme? p. 220. Hertwigs Arbeiten p. 221. Ermöglichung von Fremdbefruchtung p. 222. § 11. Chemische Reizerfolge in Form von Reaktionsbewegungen 222 Reizwirkungen an den Tentakeln von Prosera p. 223. Chemonastie bei Ranken p. 224. Mimosa, Chemotropismus p. 225. Chemotaxis p. 226. Gal- vanotaxis p. 233. Biologische Bedeutung der Chemotaxis p. 234. Viertes Kapitel: Chemische Anpassungs- und Vererbungserscheinungen . 234 Spezielle Biochemie. I. Teil: Die Saccharide im Stoffwechsel der Pflanze. Abschnitt 1: Allgemeine Verhältnisse. Fünftes Kapitel: Die pflanzlichen Zuclcerarten. § 1. Allgemeine Orientierung 240 Wichtigkeit des Traubenzuckers p, 240. Geschichte der Chemie der Zucker- arten p. 241. Synthese des Traubenzuckers p. 245. Gewinnung der stereo- isomeren Hexosen p. 246. Pentosen und Tetrosen p. 247. Übersicht der Zuckerarten p. 248. § 2. Kurze Charakteristik der natürlichep Zuckerarten und Zuckeralkohole; Methodische Hinweise 252 A. Die in Pflanzen vorkommenden Aldohexosen, Traubenzucker p. 252. Glucuron p. 256. d-Mannose p. 264. d-Galactose p. 266. B. Ketohexosen, d-Fructose p. 266. d-Sorbose p. 267. C. Pentosen p. 268. D. Methylpentosen p. 270. E. Tetrosen p. 272. F. Zuckeralkohole, Erytbrit p. 272. Adonit, Sorbit p. 273. Idit und Mannit p. 274. Dulcit p. 274. Perseit p. 275. § 3. Verbindungen der Zuckerarten 275 Aminozucker p. 275. Ester der Zuckerarten, Phosphorsäureester und deren Enzyme p. 277. Die stereoisomeren Glucoside p. 278. Natürliche Glucoside p. 280. § 4. Die zusammengesetzten Zuckerarten; Kohlenhydrate .....' 281 Polysaccharide p. 281. Hydrolyse. Freie Aldehydgruppen p. 283. Konsti- tution p. 284. A. Disaccharide. Vicianose. Saccharose p. 284, Trehalose p. 287. Maltose p. 288. B. Trisaccharide. Raffinose p. 289. Melezitose p. 291. C. Tetrasaccharide. Stachyose p. 291. § 6. Anhang: Bildung von Huminstoffen aus Zucker 292 Historisches p. 292. Hoppe- Seylers Arbeiten p. 293. Huminstoffe der Ackererde p. 294. Humussäuren p. 295. Abschnitt 2: Die Saccharide im Stoffwechsel der niederen Pflanzen. Sechstes Kapitel: Zuclier und Kohlenhydrate bei Pilzen und Bacterien. § 1. Zuckeralkohole, Hexosen und Hexobiosen 296 Mannit p. 297. Sorbit, Volemit, Glucose, Trehalose p. 298. Umsatz p. 299. XII Inhaltsverzeichnis. Seit« § 2. Kohlenhydrate; Glykogen 300 Glykogen, Vorkommen p. 300. Hefeglykogen p. 301. Eigenschaften p. 302. Umsatz p. 303. Andere Kohlenhydrate p. 304. Cellulinkörnchen p. 305. § 3. Kohlenhydrate bei Bacterien 305 ,, Amidon amorphe" p. 306. Paraglykogen p. 305. Siebentes Kapitel: Die Resorption von Zuclier und Kolilenhydraten durch Pilze und Bacterien. § 1. Einleitung. Resorption von Zuckeralkoholen 306 Resorption von Reservestoffen und von außen dargereichten Materialien p. 306. Enzyme als Mittel zur Erreichung dieser Nahrungsquellen p. 307. Resorption von Mannit durch Bacterien p. 308. Mannit bei höheren Pilzen p. 309. Stoffwechselprodukte p. 310. Mannitgärung p. 310. § 2. Verarbeitung von Hexosen und Pentosen 311 Differenzen in der Eignung p. 311. Saccharophile und saccharophobe Orga- nismen p. 312. Produkte der Zuckerspaltung p. 313. § 3. Die Alkoholgärung 316 Verbreitung p. 316. Vergärbarkeit der einzelnen Zucker p. 318. Zucker- konzentration p. 319. Günstigste Temperatur p. 320. Gärungsprodukte p. 321. Hemmung durch Alkohol p. 322. Glycerin p. 324. Bernsteinsäure, Acetaldehyd p. 324. Andere Produkte p. 326. Höhere Alkohole p. 326. Die Zymase p. 328. Wirkung von Kofermenten und von Alkaliphosphaten p. 330. Hexosephosphorsäureester p. 331. Reaktionsgesetz p. 332. Theorien der Alkoholgärung p. 333. Einfluß der Sauerstoffzufuhr p. 336. Hemmung durch Gifte p. 337. § 4. Milchsäuregärung 338 Historisches p. 339. Verbreitung p. 339. Die isomeren Milchsäuren p. 340. Nachweis der Milchsäure p. 341. Materialien der Milchsäuregärung. Stoff- wechselprodukte p. 344. Natur der Milchsäuregärung, p. 345. Einfluß von Temperatur und Sauerstoff p. 346. Gärkraft der Bacterien p. 346. Hem- mende und aktivierende Wirkungen p. 346. § 5. Andere, weniger bekannte Zuckerspaltungen , 347 Schleimgärung p. 347. Citronensäuregärung p. 349. Oxalsäuregärung p. 350. Fruchtätherbildende Hefen, Pilze und Bacterien p. 350. § 6. Verarbeitung von zusammengesetzten Zuckerarten und Glucosiden. . . 361 Die hierbei vorkommenden Enzymwirkungen p. 351. Rohrzuckeraufnahme, Invertin p. 352. Verbreitung invertierender Enzyme p. 353. Darstellung von Invertin p. 355. Eigenschaften des Hefeinvertins p. 356. Kinetik und Reversionswirkung p. 358. Verarbeitung von Maltose : Maltase p. 359. Trehalase, Melibiase p. 361. Lactasen p. 362. Glucosidspaltungen p. 363. Emulsin p. 364. Verarbeitung von Trisacchariden p. 366. § 7. Verarbeitung hochzusammengesetzter Kohlenhydrate 365 Stärkeverarbeitung durch Bacterien und Pilze p. 366. Diastase bei Pilzen und Bacterien p. 368. Glykogenverarbeitung p. 369. Inulinverarbeitung p. 370. Zellwandkohlenhydrate p. 370. Cellulosegärung p. 371. Mefhan- gärung und Wasserstoffgärung p. 372. Verarbeitung von Hemicellulosen und Pentosanen p. 373. Agarverflüssigung, Gelase p. 373. Cytase und Pectosinase bei höheren Pilzen p. 374. Holzzerstörende Pilze, Hadromase p. 375. Achtes Kapitel: Die Kohlenstoffassimilation und Zuckerbildung bei Pilzen und Bacterien. § 1. AJlgemeines 376 Physiologische Eignung von Kohlenstoffverbindungen als wechselnde Eigenschaft p. 376. Differenzen zwischen isomeren Verbindungen p. 377. Elektive Verarbeitung racemischer Verbindungen p. 378. § 2. Wichtigere spezielle Erfahrungen 379 Methodisches p. 379. ökonomischer Koeffizient p. 380. Verarbeitung von Carbonaten, Formaldehyd p. 380. Methan, Methylalkohol, Ameisensäure p. 381. Äthylalkohol und Essigsäure p. 381. Höhere aliphatische Ver- bindungen, organische Säuren p. 383. Stoffwechselprodukte p. 384. Kohlensäureabspaltung aus Ketonsäuren, Carboxylase p. 385. Amino- säuren, Glycerin p. 386. Ureide, hydroaromatische Verbindungen p. 387. Sprengung des Benzolringes p. 388. Huminstoffverarbeitung p. 388. Inhaltsverzeichnis. XlII Seite Neuntes Kapitel: Der Kohlenhydratstoffwechsel der Algen. § 1. Speicherung von Kohlenhydraten bei Algen 389 Paramylumkörner, Leucosin p, 389. Bei Cyanophyceen p. 390. Bei Flori- deen und Braunalgen p. 391. § 2. Resorption von Kohlenhydraten und Kohlenstoffgewinnung durch Algen 392 Ernährung grüner Algen mit Zucker p. 392. Resorption anderer organischer Stoffe p. 393. Anhang: Bemerkungen über den Kohlenhydratstoffwechsel bei Moosen und Farnen p. 395, Abschnitt 3: Die Saccharide im Stoffwechsel der Blütenpflanzen. Zehntes Kapitel: Der Reservekohlenhydrate der Samen. § 1. Zuckerarten , 395 Saccharose p. 396. Raffinose p. 397. § 2. Stärke 397 Vorkommen p. 397. Quantitative Verhältnisse p. 398. Darstellung reiner Stärke p. 399. Bau und Entstehung der Stärkekörner p. 400. Physikalische Eigenschaften p. 401. Theorien über den Bau der Stärkekörner p. 402. Allgemeine chemische Eigenschaften p. 404. Jodstärke p. 407. Die Kohlen- hydrate der Stärkekörner p. 408. Amylose, Amylopektin p. 410. Hydro- lytischer Abbau der Stärke durch Säuren p. 411. Amylodextrin p. 412. Endprodukte der Hydrolyse p. 413. Konstitution der Stärkekohlenhydrate p. 414. Quantitative Stärkebestimmung p. 416. . § 3. Die übrigen Polysaccharide ruhender Samen 417 Amylan, Secalose p. 417. Mannan, Carobin, Reservecellulose p. 418. Amy- loid p. 419. Produkte der Hydrolyse von Reservecellulosen p. 420. Elftes Kapitel: Die Resorption von Zucker und Kohlenhydraten bei keimenden Samen. § 1. Resorption der einfachen und zusammengesetzten Zuckerarten 422 Alkoholgärung des Traubenzuckers bei Sauerstoffmangel p. 422. Umsatz von Rohrzucker p. 424. Invertin in Keimlingen p. 425. Maltose p. 426. Secalose p. 426. § 2. Die Resorption von Stärke in keimenden Samen und die hierbei tätigen Enzyme 426 Der Fortgang der Stärkelösung bei der Keimung p. 427. Diastase in ruhenden und keimenden Samen p. 428. Verteilung der Diastase in keimenden Samen p. 430. Zymogen; Diffusion der Diastase p. 431. Darstellung und chemische Eigenschaften der Diastase p. 432. Messung der amylolytischen Wirksam- keit p. 434. Temperatureinfluß p. 435. Einfluß von Wasserstoffionen und Neutralsalzen p. 437. Die Kinetik der Diastasewirkung p. 439. Ist die Diastase ein Enzymgemisch? p. 439. Abbauprodukte der diastatischen Stärkehydrolyse p. 441. Isomaltose p. 443. Maltose als Endprodukt p. 444. § 3. Resorption der Reservecellulosen bei der Keimung 445 Der Lösungsvorgang p. 445. Cytase p. 446. Die entstehenden Produkte p. 447. § 4. Resorption von Zucker und Kohlenhydraten bei künstlich ernährten Embryonen 448 Zwölftes Kapitel: Die Bildung der Reservekohlenhydrate in Samen. . 449 Fortgang der Stärkeablagerung p. 450. Die Kohlenhydrate unreifer Ge- treidesamen p. 451. Amylokoagulase p. 452. Dreizehntes Kapitel: Der Kohlenhydratstoffwechsel unterirdischer Speicherorgane. § 1. Die in unterirdischen Speicherorganen vorkommenden Zuckerarten . . . 453 Zuckeralkohole, Hexosen, Rohrzucker p. 453. Raffinose p. 455. Gentianose, Cyclamose, Stachyose, Lactosin p. 456. Asparagose p. 457. § 2. Die Polysaccharide der Inulingruppe 457 Inulin, Verbreitung, Historisches p. 458. Eigenschaften p. 459. Begleit- stoffe p. 460. Sinistrin, Triticin, Graminin p. 461. § 3. Stärke in unterirdischen Speicherorganen. Vorkommen von Mannan . . . 461 Verhältnisse der Stärkekörner in unterirdischen Rhizomen und Knollen p. 462. Verbreitung, Analytisches p. 463. Dextrane, Mannane p. 463. Galactan, Reservecellulose p. 464. XIV Inhaltsverzeichnis. Seite § 4. Veränderungen der Kohlenhydratreserven während der Ruhezeit von Speicherorganen 465 Das Süßwerden abgekühlter Kartoffeln p. 465. § 5. Die Resorption der Reservekohlenhydrate beim Austreiben von Speicher- organen 466 Künstliche Entlerung p. 466. Resorption von Stärke, Inulin p. 467. § 6. Die Ausbildung der Reservekohlenhydrate in Speicherorganen 468 Entleerung und Neufüllung p. 468. Zuckerbildung in der Zuckerrübe p. 469. Anhäufung von Stärke und Inulin p. 470. Vierzehntes Kapitel : Der Kohlenhydratstoffwechsel in SproOorganen und Laubknospen. § 1. In Sprossen vorkommende Kohlenhydrate 471 Mannit, Dulcit, Traubenzucker p. 472. Saccharose p. 473. Raffinose, Stachyose, Stärke p. 474. Inulin, Reservecellulose p. 475. § 2. Resorption und Bildung der Reservekohlenhydrate in Sproßorganen 475 § 3. Die Verhältnisse in Laubknospen 477 Fünfzehntes Kapitel: Der Kohlenhydratstoffwechsel der Laubblätter. § 1. Die Bedeutung der Stärke in Laubblättern 478 Historisches p. 478. Arbeiten von Jul. Sachs p. 479. Stärkefreie Chloro- plasten p. 481. Künstliche Stärkebildung durch Zuckerzufuhr p. 482. Die Blätterstärke im Winter p. 483. Quantitative Daten p. 484. § 2. Lösung der Chloroplastenstärke und Transport des Zuckers aus den Blättern 485 Amylolytische Enzyme der Blätter p. 485. Zuckergehalt von Laubblättern p. 486. Die sogenannte transitorische Stärke p. 488. Verhalten der Kohlen- hydratreserven beim Laubfall p. 489. Sechzehntes Kapitel: Der Kohlenhydratstoffwechsel im Fortpflanzungssystem. § 1. Pollenkörner 489 § 2. Kohlenhydrate in Früchten 490 Analytische Daten p. 490. Veränderungen des Zuckergehaltes in reifenden Früchten p. 492. Invertin p. 493. Siebzehntes Kapitel: Der Kohlenhydratstoffwechsel bei phanerogamen Parasiten und Saprophyten. ChlorophyUführende Parasiten und Saprophyten p. 494. Enzymsekretion p. 495. Reservestoffablagerung p. 496. Achtzehntes Kapitel: Resorption von Kohlenstoffverbindungen durch Wurzeln und Blätter von Phanerogamen. § 1. Wurzeln 497 Resorption von Zuckerlösungen p. 497. Andere Kohlenstoffverbindungen p. 498. Enzymproduktion p. 499. § 2. Blätter und Laubsprosse 499 Blätter bilden Stärke auf Zuckerlösungen p. 499. Dazu verwendbare Zuckerarten p. 500. Neunzehntes Kapitel: Sekretion von Zucker und Kohlenhydraten. § 1. Physiologische Vorkommnisse 501 Nectarien, Sekretionsmechanismus p. 501. Vorkommende Zuckerarten p. 502. Zuckerbildung in Nectarien p. 503. § 2. Pathologische Sekretionsvorgänge 504 Honigtau und dessen Bestandteile p. 504. Abschnitt 4: Die photochemische Zuckersynthese in der Pflanze. Zwanzigstes Kapitel: Kohlensäureverarbeitung und Zuckersynthese im Chlorophyllkom. § 1. Einleitende und historische Betrachtungen 506 Funktion und Bau der Assimilationsorgane p. 506. Malpighi, Priestley, Ingen-Housz p. 507. Senebier und Saussure p. 509. Forschungen im 19. Jahrhundert p. 510. Sachs p. 511. § 2. Der Gaswechsel bei der Kohlensäureassimilation 512 Die Kohlensäure der atmosphärischen Luft p. 512. Die Eintrittspforten der Kohlensäure in die Blätter p. 514. Die von Landpflanzen aufgenommene Inhaltsverzeichnis. XV Seite Kohlensäure stammt aus der Luft p. 517. Die Kohlensäureversorgung der Wasserpflanzen p. 518. Die Abgabe von Sauerstoff im Sonnenlicht p. 520. Werden noch andere Gase abgegeben? p. 522. Das quantitative Verhältnis der Menge der aufgenommenen Kohlensäure und des abge- gebenen Sauerstoffes p. 522. Die Verarbeitung von Wasser im Assimila- tionsprozesse p. 524. Die Beschaffung von Kohlensäure auf Kosten orga- nischer Säuren bei Succulenten p. 524. Ist die Kohlensäure bei der Assimilation durch andere gasförmige Kohlenstoffverbindungen ersetz- bar? p. 526. § 3. Einflüsse äußerer Faktoren auf die Kohlensäureassimilation 527 A. Konzentration der dargereichten Kohlensäure p. 527. B. Konzen- tration des zur Verfügung stehenden Sauerstoffes p. 529. Sauerstoff- mangel p. 530. C. Einfluß des Lichtes. Ergrünen im Dunkeln p. 531. Minimale Lichtintensität p. 532. Limitierende Faktoren p. 534. Schatten- pflanzen p. 535. Wirkung verschiedener Strahlengattungen p. 537. Opti- mum im Rot p. 538. Das blaue Himmelslicht p. 540. Die submarinen Algen p. 541. D. Einfluß der Temperatur p. 542. E. Einfluß des Wasser- gehaltes der Pflanzen p. 543. F. Einfluß des Salzgehaltes des Mediums p. 544. G. Einfluß der Ansammlung von Assimilationsprodukten oder von künstlicher Zuckerdarreichung. H. Einfluß von Wasserströmungen. I. Einfluß von elektrischen Strömen p. 546. K. Einfluß des Lebensalters. L. Einfluß von Narkoticis und von anderen chemischen Substanzen p. 547. Wirkung von Formaldehyd p. 549. § 4. Die Chloroplasten als Assimilationsorgane 549 Historisches p. 549. Struktur der Chloroplasten p. 550. Vermehrung p. 551. Rolle von Farbstoff und Stroma p. 552. Inaktive Chloroplasten p. 553. Panaschüre p. 554. Chlorose p. 555. § 5. Die Pigmente der Chloroplasten 555 Allgemeine und historische Bemerkungen p. 555. Chlorophyllbegriff p. 556. Chlorophyllan p. 557. Koexistenz und Abtrennung der einzelnen Chloroplastenpigmente p. 558. Tswetts und Willstätters Methoden p. 559. Esternatur der Chlorophylle p. 560. Chlorophyllase p. 561. Physi- kalische Eigenschaften des Blattgrüns p. 561. Verfärbung am Licht p. 562. Fluorescenz p. 563. Absorptionsspektrum p. 565. Quantitative Lichtabsorption p. 566. Die chemischen Eigenschaften der Clilorophyll- modifikationen p. 568. Phytol, Phaeophytin p. 569. Phylloxanthin, Phyllocyanin von Fhemt p. 570. Phytochlorine und Phytorhodine Will- stätters p. 571. BoRODiNs „krystallisiertes Chlorophyll" p. 571. Alka- chlorophyll, ChlorophyUine p. 572. Glaukophyllin, Rhodophyllin p. 573. Porphyrine p. 574. Pyrrolkerne im Chlorophyll p. 575. Chlorophyll und Hämin p. 576. ChlorophyUogen; quantitative Chlorophyllbestimmung p. 577. Farbstoffe in etiolierten Blättern p. 579. Protochiorophyll p. 580. Die Farbstoffe der herbstlich vergilbten Blätter p. 581. Die winter- liche Rötung mehrjähriger Laubblätter p. 582. Die gelben Begleitfarbstoffe des Chlorophylls in den Chloroplasten p. 583. Xanthophyll p. 584. Mikro- skopischer Nachweis p. 585. § 6. Farbstoffe aus der Gruppe der Anthoc5'anine in chlorophyllführenden Pflanzenteilen 586 Historisches p. 586. Reaktionen p. 587. Weinrot und Rübenrot p. 588. Neuere chemische Untersuchungen Ton Gräfe p. 589. BUdungsgeschichte p. 590. Die Chromogene p. 591. Bedingungen der Entstehung von Antho- cyanin p. 592. Physiologische Rolle p. 593. § 7. Die Algenchromatophoren und deren Farbstoffe 594 Struktur p. 595; die verschiedenen Pigmente p. 596; komplementäre chromatische Adaptation p. 597; Cyanophyceen, Phycocyaninp.598. Peridi- neen und Diatomeen p. 599; Diatomin p. 600; Phaeophyceen p. 601; Chloro- phyll, Phycophaein p. 602; Florideen p. 603; Phycoerythrin p. 604. Flori- deenchlorophyll p. 605. § 8. Kohlensäureassirailation bei Bacterien 605 Grüne Bacterien p. 606. Purpurbacterien p. 607. § 9. Chlorophyll und Kohlensäureassimilation bei Tieren 608 Symbiose von Algen mit Tieren p. 608. Grüne Pigmente der Insekten p. 609. XVI Inhaltsverzeichnis. Seite § 10. Einfluß organischer Kohlenstoifnahrung auf die Kohlensäureassimilatioa grüner Pflanzen. Nicht grüne und grüne Parasiten; Holosaprophyten 609 Algen p. 609; Chlorophyllgehalt bei phanerogamen Parasiten und Sapro- phyten p. 610. § 11. Die Rolle des Chlorophyllfarbstoffes bei der Kohlensäureassimilation 611 Allgemeine Gründe p. 611. Inaktivierung von Chloroplasten p. 612. Über- leben der assimilatorischen Funktion bei zerstörten Chloroplasten p. 612. Ältere Theorien von Timiriazeff, Wiesner, Pringsheim p. 613. Chloro- phyll als Sensibilisator oder photodynamisch wirksamer Farbstoff p. 614 Chemische Wirkungen des Chlorophyllfarbstoffes p. 615. Die absorbierte Lichtenergie p. 616. Energiebilanz p. 617. § 12. Quantitatives Ausmaß der Produktion im photosynthetischen Assimi- lationsprozesse 618 Messungen von Kreusler, von Brown und Escombe p. 619. Spezi- fische Differenzen der Assimilationsenergie p. 620. § 13. Ansichten über die chemischen Vorgänge bei der Synthese von Kohlen- stoffverbindungen aus Kohlensäure und Wasser durch chlorophvllgrüne Pflanzen im Lichte ". . . . 620 I. Dasjenige Produkt, welches die Kondensation von Kohlensäure und Wasser zum ersten Ziele hat, sind wahrscheinlich Hexosen p. 621. II. Auf welchem Wege entstehen Hexosen aus Kohlensäure und Wasser? p. 623. Formaldehyd in grünen Blättern p. 624. Formaldehydreaktionen p. 625; Verarbeitung von Formaldehyd p. 626. Reduktion der Kohlensäure p. 627; Kondensation des Formaldehjwis p. 628. Abschnitt 5: Die Saccharide als Skelettsnbstanzen des Pflanzenkorpers. Einundzwanzigstes Kapitel: Das Zellhautgerüst der Pflanzen . . 629 § 1. Die Zellhaut der Bacterien 629 Keine CeUulose p. 629; Chitin; Schleimstoffe p. 630. § 2. Die Zellmembranen der Pilze und Flechten 631 I. Myxomyceten p. 631, II. Sproßpilze p. 631; III. Höhere Pilze p. 632. Die „Pilzcellulose" p. 633; Chitinnachweis p. 634; Chemie des Chitins p. 635. Mikrochemisches; Pentosane p. 636. Hemicellulosen p. 637; IV. Flechten p. 638. | § 3. Die Zellmembranen der Algen 639 I. Die Zellhaut der Euglenaceen p. 639; II. Cyanophyceen, III. Peridineen; IV. Diatomeen p. 640; V. Grünalgen p. 641; VI. Phaeophyceen p. 642; VII. Florideen p. 643. § 4. Die Zellmembranen der Moose und Farne 644 Moose; Sphagnol, Dicranumgerbsäure p. 644. Farnzellmembranen p. 646. § 5. Das Zellhautgerüst der Phanerogamen: Die Cellulose 645 Historisches p. 645. Reindarstellung und Krystallisation der Cellulose p. 647. Hydrolyse, chemische Eigenschaften p. 648. HydroceÜulose p. 649. Cellulosereaktionen p. 652. „ Rohfaserbestimmung" p. 652. Quantität der Rohfaser in verschiedenen Organen p. 654. § 6. Hemicellulosen und Pentosane der Zellwand 654 Begriff der Hemicellulosen: Reservestoffe und Gerüstsubstanzen p. 655. Galactane p. 656. Pentosane und Methylpentosane p. 656. Hydrolyse derselben p. 657. Furfurolbildung p. 660. Araban, Xylan, quantitative Pentosenbestimmung p. 661. Analytische Daten p. 662. Physiologie der Pentosane p. 664. § 7. Die Pektinsubstanzen 665 Historisches p. 665. Fremys Pektose und Pektinsäure p. 666. Die Pektine als Oxyderivate p. 667. Produkte der Hydrolyse p. 668. Koagulation durch Pektase p. 668. Die Pektinase und Pektosinase p. 669. Pektinstoffe der Mittellamelle p. 670. Pektinnachweis p. 671. Anhang: Mangins ,,Callose" p. 672. § 8. Gummibildung in Zellmembranen 673 Membranogene Entstehung p. 673. Allgemeine Eigenschaften der Gummi- arten p. 674. Produkte der Hydrolyse: Zuckerarten, Gummisäuren p. 675. Ursachen der Gummosis p. 677. Gummi in Sekretbehältern p. 678. Inhaltsverzeichniß. XVU Seite § 9. Benzol derivate als Zellhautbestandteile 678 § 10. Das angebliche Vorkommen von Proteinstoffen in Zellmembranen . . 679 § 11. Mineralische Einlagerungen in Zellmembranen 680 § 12. Verholzte Zellmembranen 682 Historisches p. 682. Elementaranalysen p. 684. Die Cellulose des Holzes p. 685. Esterbindungen p. 685. Hemicellulosen p. 685. Pentosane: Xylan p. 686. Methylpentosan p. 687. Ligninsäuren p. 688. Lignosulfon- säuren p. 688. Permanganatreaktion von Mäule p. 688. Aromatische Stoffe im Holz: Coniferin? Vanillin? p. 688. Farbenreaktionen von Holz p. 689. Hadromal p. 690. Methylzahl p. 692. Stickstoffhaltige Stoffe im Holz p. 693. Aschengehalt p. 693. Farbstoffe p. 693. Biologische Bedeutung des Verholzungsprozesses p. 694. § 13. Die verkorkten Zellhäute 695 Historisches p. 695. Suberinlamelle p. 696. Fettsäuren des Korkes p. 696. Cerin p. 696. Phellonsäure, Suberinsäure und Phloionsäure p. 697. Mikro- chemisches p. 698. Die Kohlenhydrate verkorkter Zellwände p. 699. Aromatische Stoffe p. 699. Aschenstoffe p. 699. Färbungsreaktionen p. 700. Entstehung der Verkorkung p. 700. § 14. Cutinisierte Zellmembranen 700 Cuticula und Kork p. 700. Analysen p. 701. Cutose p. 701. Epicuticula p. 701. Chemie des Cutins p. 701. Pollenin p. 702. Vittin p. 702. Die Aus- kleidung der Intercellularen pektinartig p. 702. Regeneration, biologische Bildung der Cuticula p. 703. § 15. Schleimige Epidermisüberzüge, fälschlich ebenfalls Cuticula genannt . . 703 Mucosa p. 703. Mikrochemie p. 703. Experimentelle Erzeugung p. 703. § 16. Membranschleime 703 Epidermisschleim p. 704. Membranogene Schleimbildung p. 704. Schleim- zellen p. 705. Biologisches p. 705. Chemie des Pflanzenschleime p. 705. Cellulose- und Pektinschleime p. 706. Produkte der Hydrolyse p. 706. § 17. Die Bildung von Zellmembranen 706 Rolle des Zellkernes p. 707. Ausscheidung oder Umwandlung p. 707. Die Bildung von Exosporien und Exinen p. 708. „Geformte Sekrete" p. 708. Materialien der Cellulosebildung p. 708. II. Teil: Die Lipoide im Stoffwechsel der Pflanze. Abschnitt 1 : Die Nahrnngslipoide der Pflanzen. Zweiundzwanzigstes Kapitel: Das Reservefett der Samen .... 709 § 1. Vorkommen und Bedeutung 709 Verbreitung p. 709. Mikroskopische Befunde p. 710. Quantitative Me- thoden p. 710. Eiweiß und Fettgehalt p. 711. ökonomische Vorteile der Fettspei ciierung p. 712. Y^^^^'^^^^'^i^gswert p. 712. Historisches p. 713. § 2. Das Reinfett und seine Beimengungen. Physikalische Eigenschaften der Fette 713 Verseifbare und unverstifbare Bestandteile des Rohfettes p. 714. Kon- sistenz p. 715. Schmelz- und Erstarrungspunkt p. 715. Optische Eigen- schaften p. 716. Kolloide Eigenschaften p. 716. § 3. Die chemischen Eigenschaften der Fette 716 Zusammensetzung p. 716. Mischglyceride p. 717. Verseifung p. 717. Die Alkaliseifen p. 718. Fettsynthese p. 718. Löslichkeit p. 718. Gehalt an freien Fettsäuren p. 718. Qualitative Fettreaktionen p. 719. § 4. Die Fettsäuren der Samenfette 721 Gesättigte Säuren p. 721. O.xysäuren p. 722. Ungesättigte Säuren p. 722. Verbreitung der einzelnen Fettsäuren p. 724. Glyceride p. 726. Ranzig- werden p. 727. Trocknende öle p. 727. Ozonide p. 727. Bestimmung und Trennung der Fettsäuren p. 728. Jodzahl p. 729. Elaidinprobe p. 730. Hrtxabromidzahl p. 731. Acetylzahl p. 731. § 5. Das Glyeerin der Samenfette 731 Nachweis p. 732. Quantitative Methoden p. 732. Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die Resorption der Fette bei der Samenkeimung 733 § 1. Der Fortgang des Resorptionsprozesses 733 Analytische Verfolgung p. 734. Auftreten freier Fettsäuren p. 736. XVIII Inhaltsverzeichnis. Seite § 2. Fettspaltende Enzyme (Lipasen) in keimenden Samen p. 737. Allgemeines Vorkommen p. 737. Methodisches p. 738. Aktivierende Einflüsse p. 738. Wirkungsgesetz p. 739. Hemmungen p. 739. Reversion p. 739. § 3. Weiteres über Fettspaltung und Fettresorption. Umwandlangsprodukte der Fettsäuren 740 Lokaler Umsatz des Reservefettes p. 740. Transport von Fettemulsion p. 740. Schicksal des Glycerins p. 741. Chemismus des Umsatzes von Fett in Zucker p. 741. Vierundzwanzigstes Kapitel: Die Fettbildung in reifenden Samen und Früchten 742 Analytische Daten p. 743. Intermediärprodukte p. 744. Chemismus p. 745. Fünfundzwanzigstes Kapitel: Reservefett in Achsenorganen und Laubblättem 746 § 1. Fett als Reservestoff von unterirdischen Stämmen, Zwiebeln, Knollen und Wurzeln 746 Quantitative Angaben p. 746. Zusammensetzung p. 748. § 2. Fett als Reservestoff von Stamm und Zweigen bei Holzgewächsen . . . 749 Winterliche Umwandlung von Kohlenhydraten zu Fett p. 749. Das Ver- schwinden des Fettes im Frühjahr p. 750. Knospen p. 751. § 3. Auftreten von Fett bei Laubblättern 751 Umsatz im Winter p. 751. Analytische Daten p. 752. Sechsundzwanzigstes Kapitel: Fett als, Reservestoff bei Thallophyten, Moosen, Farnen und Poilenkömern 753 § 1. Fett bei Bacterien 753 Analytische Befunde p. 753. Tuberkelwachs p. 754. Fettbildung p. 754. Fettspaltung und Fettresorption p. 754. Bäcteriolipasen p. 755. § 2. Fett bei Hefen 756 Menge und Zusammensetzung p. 756. Glycerinbildung p. 756. § 3. Fett bei höheren Pilzen 757 Verbreitung und quantitative Daten p. 757. Bestandteile p. 758. Fett- bildung bei Pilzen p. 758. Fettresorption p. 759. Lipasen p. 759. § 4. Andere Vorkommnisse von Fett bei Kryptogamen 760 Flechten p. 760. Algen p. 760. Moose p. 761. Pteridophyten p. 762. § 5. Fett bei Pollenkörnern; Elaioplasten 762 Analytische Daten p. 762. Elaioplasten und Elaiosphären p. 762. Abschnitt 2: Die Cytolipoide der Pflanzen. Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die pflanzlichen Lecithide (Phospholipoide) . . 763 § 1. Vorkommen und chemische Natur der Lecithide 763 Historisches p. 763. Phosphatide und Cerebroside p. 764. Lecithoalbumine p. 765. Methodisches p. 765. Allgemeine Eigenschaften p. 766. Hydrolyse p, 767. Cholin p. 767. Betain p. 768. Neurin p. 768. Andere Betaine p. 769. Glycerylphosphorsäure p. 770. Kohlenhydratgruppen p. 771. Fettsäurereste p. 772. Konstitution p. 773. Physiologische Bedeutung der Lecithide p. 773. § 2. Lecithide in Samen 774 Analytische Daten p. 774. Lecithide und Eiweiß p. 775. Cholin, Betain p. 776. Kohlenhydratgruppen p. 776. Verhalten bei reifenden Samen p. 776. Lecithide bei der Keimung p. 776. § 3. Lecithide in anderen Teilen von Blütenpflanzen 778 Unterirdische Teile p. 778. Laubknospen, Blätter p. 778. Umsatz des Betains 779. Trigonellin p. 779. Pollen p. 780. Trimethylamin p. 780. § 4. Lecithide der Pilze und Bacterien . 780 Daten über Vorkommen bei Pilzen p. 781. Cholin und Betain p. 781. Muscarin und andere Basen p. 781. Hefelecithin p. 782. Bacterienlecithide p. 783. Lecithinspaltung durch Bacterien p. 783. Achtundzwanzigstes Kapitel: Pflanzliche Cerebroside 783 Neunundzwanzigstes Kapitel: Die Sterinolipoide der Pflanzen . . . 784 j 1. Allgemeines 784 Cholesterin, Historisches p. 784. Phytosterine p. 785. Physikalische Eigen- schaften p. 786. Farbenreaktionen p. 786! Sterinfettsäüreester p. 787. Inhaltsverzeichnis. XIX Seite Steringlucoside p. 788. Additionsverbindungen p. 788. Konstitutions- ermittlung p. 789. Beziehungen zu den Terpenen p. 791. Quanti- tative Bestimmung p. 792. § 2. Sterinolipoide in Samen und Keimlingen 793 Analytische Befunde p. 793. Sitosterin p. 794. Stigmasterin p 794. Andere Befunde p. 795. Verhalten bei der Keimung p. 796. Caulosterin p. 796. Gruppe des Lupeol, Phasol p. 796. § 3. Sterinolipoide in anderen Teilen von Phanerogamen . 796 Aus Rhizomen und Wurzeln p. 796. Aus Laubblättern p. 797. Aus Blüten p. 798. Aus Rinden p. 799. Cholestol p. 800. Amyrine p. 800. Phyto- sterine aus Milchsaft p. 800. § 4. Sterinolipoide bei Pilzen und Bacterien 801 Ergosterm p. 801. Befunde bei Hutpilzen p, 801. Hefephytosterin p. 801. Bacteriosterine p. 802. Schleimpilze p. 802. Dreißigstes Kapitel: Pflanzliche Cfiromolipoide ...... 802 § 1. Allgemeines 802 Carotin p. 803. Xanthophyll p. 804. Methodisches p. 805. Physiologische Bedeutung p. 806. § 2. Chromolipoide in Blütenteilen; gelbe Blütenfarbstoffe fraglicher Natur . 806 Historisches p. 806. Crocusfarbstoff p. 807. Anthochlor p. 808. § 3. Chromolipoide in Früchten und Samen 808 § 4. Chromolipoide bei Algen 809 § 6. Chromolipoide bei Pilzen und Bacterien 810 Einunddreißigstes Kapitel: Die Produktion von Wachs (Cerollpoiden) bei Pflanzen 811 § 1. Charakteristik und Vorkommen von Pflanzenwachs 811 Begriffsbestimmung und allgemeine Eigenschaften p. 812. Ausscheidungs- vorgänge p. 812. Biologische Verhältnisse p. 813. Intracelluläre Wachs- bildung p. 813. Japantalg, Balanophorin p. 814. Cerolipoide in Milchsaft p. 814. § 2. Chemie der Wachsarten 814 Historisches, Analysen p. 814. Bestandteile p. 816. Wachsüberzüge von Blättern p. 816. Carnaubawachs p. 816. Beziehungen zwischen Fettsäure und Alkohol bei Cerollpoiden p. 816. Candelillawachs p. 817. Wachs bei Moosen p. 818. Blütenwachs p. 818. Wachsausscheidung an Früchten p. 818. Wachs von Rinden p. 819. Pathologische Wachsausscheidungen p. 819. Bildung von Wachsarten p. 820. Druckfehler, Berichtigungen und Nachträge 820 Geschichtliche Einleitung. Die Lehre vom Stoffwechsel und der Ernährung der Pflanze steht durch ihre Methode naturgemäß in innigem Zusammenhang mit der Heranentwicklung der Chemie, als deren Bestandteil sie ja bis vor etwa 40 Jahren widerspruchslos angesehen werden durfte. Unter den antiken Naturwissenschaften existierte eine Pflanzenbiochemie noch nicht. Da die meisten biochemischen Tatsachen erst durch das Experiment auf- gedeckt werden können und wohl die scharfe Beobachtung der spontan eintretenden Naturerscheinungen, nicht aber das Experimentieren bei den griechischen Forschern weitaus die bevorzugte Methode bildete, so war eine Entwicklung unserei Wissenschaft von vornherein unmöglich. In der Tat tritt die große Armut an empirischen Grundlagen in den uns erhaltenen Ansichten über Pllanzenernährung selbst bei dem be- deutendsten Naturforscher des klassischen Altertums, bei Aristoteles, deutlich zutage (i). Was damals der Drang nach wissenschaftlicher Erkenntnis nicht vermochte, wurde aber durch die praktischen Bedürfnisse des Lebens und die hierdurch erweckten Bestrebungen vermittelt. Für Ernährungs- physiologie und Chemie waren es die Heilkunde und die Landwirtschaft, welche als fördernde Faktoren eintraten. Es scheint insbesondere das alte Ägypten mit seinem hochgebildeten ärztlichen Stande der Boden gewesen zu sein, auf dem die Chemie und die mit ihr zusammen- hängenden Wissenschaften ihr erstes Gedeihen fanden. Leider sind uns hierüber nur Andeutungen erhalten geblieben (2). Es ist auch hochwahrscheinlich, daß die bedeutenden chemischen und botanischen Kenntnisse zahlreicher arabischer Gelehrter der späteren Zeit ihre Wiege in Ägypten gehabt hatten. Bei den Arabern sowohl wie in den abendländischen Pflegestätten der Naturwissenschaften im Mittelalter war es fast ausschließlich die medizinische Nutzanwendung der Pflanzen, welche das Interesse an der Botanik noch erhielt. Es trachteten die damaligen Botaniker vor allem neue heilkräftige Pflanzen zu entdecken, ohne die Beschaffenheit derselben rein naturwissenschaft- lich zu prüfen. Die damaligen Vertreter der Chemie, die Alchymisten, 1) Aristoteles unterschied zuerst zwischen organischen und anorganischen Naturgebilden. Die auf die Ernährung der Pflanzen bezüglichen Stellen der Aristo- telischen Schriften finden sich übersetzt in E. H F. Meyers Geschichte der Botanik, /, 118—127 (Königsberg 1854). Über die antike Naturforschung auch Strunz. Natur- betrachtung und Naturerkenntnis im Altertum (1904). — 2) SuiDAS von Byzanz (im 11. Jahrh.) berichtet, daß auf Diokletiaks Geheiß die besiegten ägyptischen Auf- ständischen im Jahre 296 ihre Bücher neQi xVh^* xovaov xai doyvgov verbrennen mußten. Czapek, Biochemie der Pflanzen. 3, Anil. ^ 2 Geschichtliche Einleitang. hatten kein Interesse au der Erforschnaig der chemischen Beschaffenheit von Pflanzen und Tieren (i). Die Vorstellungen, welche Albertus Magnus, die hervorrageudste Erscheinung unter den Ärzten und Naturforschern des Mittelalters, von der Pflanzenchemie besaß, waren durchaus der aristotelischen Philosophie entlehnt (2). Mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts erlosch bei den Chemikern das Interesse an den fruchtlosen Versuchen, Gold künstlich zu gewinnen, und die Führung in Chemie wie Botanik ging an die Ärzte über. Aus der Verknüpfung von Medizin mit den theoretischen Naturwissenschaften in dieser iatrochemischen Periode erblühten aber die ersten Anfänge von Physiologie und Biochemie. Zeitlich fällt diese Periode zusammen, was bemerkenswert erscheint, mit der Grundsteinlegung unserer wissen- schaftlichen Physik und Astronomie. Theophrastus Paracelsus, welcher in der Regel als erster unter den „latrochemikern" genannt wird, besitzt für die Biochemie keine größere Bedeutung. Er kannte bereits die Kohlensäure, hielt jedoch die ausgeatmete Kohlensäure für Luft, wie sie eingeatmet wird (3). Die Tätigkeit, welche zahlreiche bedeutende Männer dieser Zeit der Abfassung rein beschreibender Pflanzenbücher widmeten, bildet zum mindesten ein erfreuliches Zeichen dafür, daß die peripatetische An- schauungsweise endlich aufgegeben war und man sich frei und froh dem Schauen in der Natur hingab. Von allen Botanikern des 16. Jahr- hunderts kommt für die Ernährungslehre der Pflanzen nur Andrea Caesalpino (1519 — 1603) in Betracht, welchir im zweiten Kapitel des ersten Briefes seiner „De plantis libri XVI" (1583) unabhängiges physi- kalisches Denken auf das physiologische Problem der Nahrungsaufnahme und Saftbewegung in der Pflanze anwendete. Leider mangelte ihm das empirisch zu erwerbende Material an verwertbaren Tatsachen, und ein Experimentator war Caesalpino noch nicht. Chemische Gesichtspunkte treten in seinen Schriften nicht hervor. Deutschland besaß in dem Philosophen und Botaniker Joachim JuNGius (1587 — 1657) ein würdiges Gegenstück zu Caesalpino, den er an naturwissenschaftlicher Bildung sogar bedeutend überragte. Jungius ist wohl einer der ersten, welche im Gegensatze zu Aristoteles den pflanzlichen Stoffwechsel als aktiv tätigen Faktor auffaßten; er erkannte klar die Stoffaufnahme und Stoffabgabe als Wesenheit der Ernährung. Chemische Studien scheint aber Jungius weiter nicht getrieben zu haben (4). In dem Zeitgenossen des eben genannten Forschers, dem Belgier JoH. Bapt. van Helmont (1577 — 1644), hat die experimentelle Bio- chemie entschieden einen ihrer Vorläufer zu erblicken (5). Seine klare 1) Arnold Bachüone, genannt Villanovanus (geb. 1235) besaß toxikolo- gische Kenntnisse und gab sich mit der Destillation ätherischer Pflanzenöle ab. Vgl. Kopp, Geschichte der Chemie, /, 67. — 2) Hierzu Meyer, Gesch. d. Bot., IV, 59. — 8) Näheres über diesen merkwürdigen Mann findet man in den zitierten Werken von Meyer {IV, 424) und Kopp (/, 92), ferner in F. Strunz, Theophrastus Paracelsus (Leipzig 1903/4). Auch sein (Paracelsus übrigens an Begabung nicht erreichendes) Gegenstück: L. Thurneisser zum Thurn, hat für uns hier kein näheres Interesse. — 4) Caesalpin und Jungius' Verdienste um die pflanzliche Ernährungslehre sind ausführlich geschildert in J. Sachs' glänzend geschriebener Geschichte der Botanik p. 481 ff. (München 1875), welche von dieser Epoche an das wichtigste historische Kom- pendium für die Biochemie darstellt. — 5) Vgl. F. Strunz, Johann Baptist van Helmont (Leipzig 1907). Geschichtliche Einleitung. 3 Erkenntnis von den wissenschaftlichen Zielen der Chemie, seine Stellung- nahme gegen die Vier-Element-Theorie des Aristoteles sowohl als auch gegen die Annahme der drei alchymistischen „Urstoffe" (Schwefel, Salz, Quecksilber) als Elementarbestandteile des menschlichen Körpers sichert ihm für immer einen Ehrenplatz in der Geschichte der Chemie. Doch vermißt man bei ihm den nüchternen kritischen Geist, welcher seine großen Zeitgenossen Galilei, Stevin u. a. auszeichnet; die Mög- lichkeit, Gold zu erzeugen, die Existenz des lapis philosophorum sind für ihn feststehend. Die mystische Darstellungsweise eines Paracelsüs ist auch bei Helmont noch vorhanden, ebenso phantastische Berichte, wie über die Erzeugung von Mäusen in einem Gefäße, worin man ein schmutziges Hemd mit Weizenmehl zusammengebracht hat. Helmont war aber der erste, der sich mit dem wissenschafthchen Studium der Gase befaßte; seine Untersuchungen über die Kohlensäure, welche er Gas silvestre oder carbonum nannte, bezeugen, daß er ihre Ent- stehung beim Verbrennen von Kohle, bei der Alkoholgärung, bei der Ein- wirkung von Säuren auf Kalkstein kannte; er wußte, daß sie Tiere erstickt und ein Licht zum Verlöschen bringt. Helmont versuchte endHch auch bereits experimentell biochemische Probleme zu lösen. Ausgehend von der Frage, woher bei den Pflanzen die unverbrennhchen und verbrennhchen Bestandteile kommen, indem in der Natur nur der Regen die Gewächse zu ernähren scheint; ferner, woher die Fische im Wasser ihre Nahrung beziehen, kam Helmont zur Anstellung des ersten quantitativen biochemischen Versuches, von v^relchem wir Kenntnis haben (1). Wenn er dadurch zu dem Schlüsse kam, daß alle vegetabilischen und animaUschen Stoffe durch Umwandlung aus dem Wasser entstehen, so ist daran nur die unzureichende Erfahrung schuld, zumal der einzige, offenbar möglichst sorgfältig angestellte Versuch wirk- Hch derartige Resultate zu ergeben schien. Helmont gab in einen Topf eine abgewogene Menge Erde. Scharf getrocknet wog sie 200 Pfund. Ein Weidenzweig von 5 Pfund Gewicht wurde eingepflanzt. Der Topf wurde durch einen Deckel möglichst vor Staub geschützt und täglich mit Regenwasser begossen. Nach 5 Jahren wurde der Versuch abgebrochen. Die Weide war groß und stark geworden, hatte an Gewicht zugenommen, während die Erde im Topfe, wieder getrocknet bis auf 2 Unzen Verlust genau das ursprüngliche Gewicht behalten hatte. Die Anstellung dieses prinzipiell gänzhch neuen Versuches zeigt gewiß Helmonts großes Talent, und seine irrigen Schlüsse werden wir ihm um so weniger zur Last legen, als es bekanntlich erst Lavoisier vor- behalten war zu zeigen, daß der erdige Rückstand nach Abdestillieren von Brunnenwasser nicht durch Umwandlung des Wassers in Erde zu er- klären ist. Helmonts Versuch hatte auch die Konsequenz, daß die Chemiker bis auf Lavoisier die erdigen Mineralstoffe iür keine Elemente hielten. So griff die Pflanzenphysiologie in die Entwicklung der Chemie ein. 1) Dieser vielzitierte berühmte Versuch wird erwähnt p. 108 der Elzevirausgabe von Helmoxts Ortus medicinae vel opera et opuscula omnia (1648). Die gesammelten Werke sind erst nach Helmonts Tode durch seinen Sohn vollständig herausgegeben worden. Übrigens soll- angeblich ein ähnlicher Versuch schon früher vom Kardinal DE CüSA angestellt worden sein. — Die Verdienste von Helmont finden sich aus- führlich dargestellt in Kopp, Geschichte der Chemie, /, 117 ff. und bei Strunz, 1. c. (1907). 1* 4 Geschichtliche Einleitung. Helmonts wissenschaftlicher Nachfolger, De le Boe Sylvius (1614—1672), welcher entschieden Helmont übertraf, und als erster echter medizinisch -chemischer Forscher genannt werden muß, suchte seine Probleme nicht auf botanischem Gebiete. Doch verdanken wir ihm interessante Beobachtungen über Gärung, welche er als Zersetzungs- prozeß scharf vom Aufbrausen mit Säuren, wie es manche Stoffe zeigen, trennte. Auch stellte er kohlensaures Ammou aus Pflanzen (Cochlearia) dar. Von großer Bedeutung für unsere Wissenschaft war es, daß sich vom 17. Jahrhundert an hervorragende physikalische Talente für chemische und biochemische Studien interessierten, zumal bereits die Apparatentechnik und Experimentierkunst in der Physik hoch entwickelt war. Unter diesen Forschern ist Rob. Boyle (1627—1691) namhaft zu machen, ein Mann von ganz hervorragendem experimentellem Genie, welcher auf allen physikalischen und chemischen Gebieten Bedeutendes leistete. Bekannt ist sein großer Anteil an der Verbesserung der Luftpumpe (die Erfindung der Kompressionspumpe ist wohl ihm allein, zuzuschreiben), ferner an der Erfindung des Manometers und an der Entdeckung des Phosphors. Es ist aus Boyles Schriften durchaus nicht zu erkennen, was ihm angehört und was er anderen entlehnt hat, mdem er es nicht hebt Namen zu zitieren. Auch wiederholte er die meisten Versuche, von denen er hörte, selbst, und verarbeitete die Resultate zu seinem geistigen Eigentum. Seine hervorragendste wissenschaftliche Tat ist entschieden die Auffindung der umgekehrten Proportionahtät von Gasdruck und Volumen, ein Gesetz, welches lange Zeit irrigerweise Mariotte zugeschrieben worden ist. Biochemische Versuche hat Boyle in großer Zahl angestellt. Er untersuchte die Einwirkung verdünnter Luft auf das Leben der Tiere (1), machte den HELMONTschen Vegetations versuch mit verschiedenen Pflanzen nach (2), studierte die Phosphoreszenz faulenden Holzes und fauler Fische, stellte durch trockene Destillation von Holz, Holzgeist und Holzessig dar, er erkannte, daß faulende Pflanzen Kohlensäure entwickeln usw. Seine Schriften stechen durch den klaren Ton höchst vorteilhaft von der ab- sichthch dunkel gehaltenen und geschraubten Darstellung in früheren chemischen Werken ab. Boyle benutzte auch bereits das Verhalten von Pflanzenfarbstoffen zur Erkennung von Säuren und Alkahen. Der HELMONT- schen Lehre über Verwandlung von Wasser in Erde pfhchtete er bei. Bei Marcello Malpighi, den man mit großem Rechte als den Vater der modernen Biologie ansehen darf, finden wir zwar ein näheres Eingehen auf chemische Fragestellungen nicht, doch sind überall bei der Unsumme biologischer Tatsachen, welche Malpighi behandelt und großen- teils selbst entdeckt hat, wo immer es darauf ankommt, die richtigen ernährungsphysiologischen Gesichtspunkte unstreitig erkannt. Ich erinnere an seine Abhandlung „De setoinum vegetatione" und die darauf bezüg- lichen Darlegungen in den Opera posthuma, p. 63 ff., worin zahlreiche 1) Nova experimenta phys. mech. de vi aeris elastica, p. 116 ff. (1677). Von Boyles Werken ist mir zur Hand die Sammlung unter dem Titel Robert Boyle Opera varia (Genevae 1677, Quart). Tr' Anschlüsse an diese Tierversuche untersucht er, worauf die Respirationswirkung bei at, und meint, daß von der Luft ein Teil für den Körper verwendet, während ein Teil unbrauchbar abgegeben werde (dem Para- CELSUS entlehnt!). Daß C0„ ein Abfallsprodukt der Atmung ist, wußte er noch nicht. — 2) Chymista scepticus vel dubia et paradoxa chymic. phys., p. 120 (1677). Geschichtliche Einleitung. 5 richtige Beobachtungen hinsichthch der Keimungsphysiologie enthalten sind. Dasselbe gilt hinsichtlich der Wurzeln in der Abhandlung „De radicibus plantarum". Von besonderem Interesse ist eine Stelle in seiner Anatomes plantarum idea, wo er die Funktion der Laubblätter als Stätte der Stoffbildung ahnt (i). In Frankreich war es der hervorragende Phy- siker Edm. Mariotte, welcher sich nicht nur um die Feststellung des lange Zeit nach ihm allein benannten Gasgesetzes, sondern auch um manche physiologische Probleme verdient gemacht hat. In seinen Oeuvres (1717) befindet sich eine Abhandlung „Sur le sujet des plantes" vom Jahre 1679, worin Mariotte geistvolle Anschauungen über Pflanzen- biocheraie entwickelt (2). In durchaus origineller Weise argumentiert Mariotte, daß die Pflanzen alle ihre zahlreichen Stoffe aus wenigen Stoffen, die sie aus der Erde aufnehmen, in ihrem Körper erst auf- bauen, und daß nicht, wie Aristoteles annahm, alle Stoffe aus der Erde fertig aufgenommen werden. Mariotte hatte hinsichtlich der Mineralstoffaufnahme aus dem Boden eine klarere Vorstellung als seine Zeitgenossen. Es ist bekannt, w-elchen großen Einfluß auf die Chemie die Lehren von G. E. Stahl (1660—1734) genommen haben. Seine Phlogiston- theorie, wohl die einfachste, entschieden genial erdachte, Auffassung von der Verbrennung, hatte jedoch auf die Biochemie durchaus keinen fördernden Einfluß. Sehr hohe Bedeutung für uns besitzt aber Stahls 1697 erschienenes Erstlingswerk: „Zymotechnia fundamentalis seu fer- mentationis theoria generalis'*. Die früheren Ansichten über Gärung waren im höchsten Grade verworren. Die latrochemiker, z. B. Para- celsus, sahen in der Gärung nur einen hohen Grad von Zersetzung; sie bedienten sich der Fäulnis von Pferdeexkrementen, welche sie für die stärkste Digestion hielten, um ihre medizinischen Präparate („per ventrum equinum!") zu bereiten. Die Beobachtung, daß bei Gärung und Fäulnis Infektion durch Partikel eines bereits gärenden oder faulenden Stoffes erfolgen müsse, w^urde zuerst von dem englischen Arzte Th. Willis (1621 — 1675) in seiner Diatribe de fermentatione (1659; gemacht und in ihrer Wichtigkeit von Stahl ebenfalls klar erkannt. Willis wie Stahl fassen die Gärungserregung als Bewegungsübertragung auf (3), und vertraten im wesentlichen keinen anderen Standpunkt, als Liebig und Nägeli im 19. Jahrhundert. Gärung und Fäulnis unterschied Stahl nicht. Bezüghch der Pflanzenstoffe nahm Stahl an, daß sie dieselbe Zu- sammensetzung, dieselben Elemente haben müssen, wie die inorganischen 1) Die bezügliche Stelle findet sich Opera omnia, p. 14 (Londini 1686, Folio) und lautet: „Folia a Natura in hunc usum institui, ut in ipsorum utriculis nutritivus 8UCCU8 contentus a ligneis fibris delatus excoquatur". Er schloß dies aus dem Zu- grundegehen von Kürbiskeimlingen, denen die ölreichen Kotyledonen genommen worden waren. Wie wenig diese Gedanken zu Malpighis Zeit beachtet wurden, erhellt aus dem Werke von Neh. Grew, Anatomy of plants, IN Edition, p. 33 (1682); dort ist sonst Malpighi sehr fleißig benützt worden. — Die kleineren Schriften von Grew, unter dem Titel: Several lectures (1682) mit der Anatomy, p. 221 ff., abgedruckt, beschäftigen sich teilweise mit biochemischen Themen, haben aber keine größere Be- deutung. — 2) Ausführlich berichtet über Mariotte und seine pflanzenphysiologischen Anschauungen Sachs, Geschichte der Botanik, 499 ff. — 3) Stahl sagt: „Die Fer- mentation ist eine, durch eine wässerichte Flüssigkeit verursachte, zusammenstoßende und reibende Bewegung unzählicher aus Saltz, Oehl und Erde in gewissem Maße mit einander verknüpfter Theilchen." 6 Geschichtliche Einleitung. Stoffe, weil die Pflanzen ihre Nahrung aus der Erde zögen. Nur walte bei den Pflanzen- (und Tier-) Stoffen das wässerige Element und das Phlo- giston vor. Die meisten organischen Stoffe beständen aus salzigen Teil- chen, Wasser und Phlogiston, ; die beiden ersteren seien oft zu Öl vereinigt. Stahl kannte das Vorkommen von Kahsalpeter in manchen Pflanzen. Wie wenig empirisches Material und wie viel theoretischer Ballast und Vorurteile in der Biochemie zum Ausgange des 17. Jahrhunderts vorhanden waren, erhellt aus Zusammenstellungen, wie bei Dodart und John Ray (i). Doch zeigen andererseits Schriften eines Christian WoLFF (2), daß der Geist der Wissenschaft ein ganz anderer war, wie zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Wir können aber das 17. Jahrhundert nicht verlassen, ohne der merkwürdigen Erscheinung des englischen Arztes John Mayow (1645 bis 1679) zu gedenken, eines Mannes, welcher der Entdeckung • des Sauerstoffes und Stickstoffes in der atmosphärischen Luft näher ge- kommen war, als irgend einer vor Priestley und Lavoisier, und welcher wohl zuerst den Gedanken gefaßt hatte, daß beim Verbrennen und bei der Tieratmung derselbe Bestandteil der Luft konsumiert werde: „Credendum est animalia ignemque particulas ejusdem generis ex aere exhaurire" (3). Bis zum Zeitalter der Entdeckung des Sauerstoffes waren die Fort- schritte auch im 18. Jahrhundert nicht groß. Der berühmte H. Boer- have (1668 — 1738) riet eifrig zu Zerlegung der Pflanzen nach chemischen Methoden. In seinen „Elementa chemiae" (1732) nennt er als nähere Bestand- teile der Pflanzen: spiritus rector (das Aroma); oleum princeps hujus spiritus vera sedes; sal acidus; sal neuter; sal alcaUnus fixus vel volatilis; oleum sah mixtum saponis in modum, indeque ortus succus saponaceus; oleum tenacissime terrae inhaerens, neque inde temere separandum; terra denique sincera firma basis omnium. Die geistige Gärung hielt Boerhave von der Fäulnis wohl auseinander. Auf dem Gebiete der Pflanzenaschenstoffe erfolgten nun die ersten kleinen Fortschritte. Früher hatte man überhaupt von Alkalien nur das „fixe Alkali" der Pflanzen gekannt. Stahl scheinen die ersten Mut- maßungen gekommen zu sein, daß dem Kochsalz ein differentes Alkali zugrunde liege. H. S. Duhamel de Monceau (1700 — 1781) zeigte 1736 in einer Abhandlung über die Basis des Seesalzes, daß diese in Verbindung mit Säuren andere Eigenschaften hat, als das fixe Pflanzen- alkali. Er fand diese Basis auch in der Asche von Strandpflanzen auf und machte später die Beobachtung, daß bei Kultur solcher Pflanzen im Binnenlande die Menge der Kochsalzbasis oder Soda abnimmt und 1) DoDART, M^moires pour servir ä l'histoire des plantes (1676): in JoHN Rays Historia plantarum, / (1866) die Kapitel De nutritione plantarum, p. 31, und De chymica plantarum Analysi, p. 55. — 2) Chr. Wolff, Vernünftige Gedanken von den Wirkungen der Natur (1723). — 3) Diese Stelle findet sich in der Abhandlung „De sal nitro et spiritu nitro aero'' der Tractatus V medico - physici (1669). Diese Ab- handlung ist in der bekannten Sammlung der Klassiker der exakten Wissenschafttin von Ostwald durch G. F. Donnan neu herausgegeben worden (No. 125 der Samm- lung). Mayow wußte, daß ein Stoff in der Luft existiere, der mit der Salpetersäure in Beziehung steht, und ein anderer, welcher zur Bildung der Salpetersäure beiträgt und zugleich jeuer ist, welcher die Verbrennung unterhält. Greschichtliche Einleitung. 7 das Pflanzenalkali zunimmt. Montet fand 1762 auch in Salicornia viel Natron. Da damals Pottasche nur aus vegetabilischen Aschenrückständen bekannt war, so benannte Marggraf das Kali „fixes Gewächslaugensalz", das Natron als „mineralisches Laugensalz". Diese Unterscheidung fiel erst, als der tüchtige Mineralchemiker Klaproth 1797 das Kali im Leucit, später auch in anderen Mineralien nachwies (1). Sein Vorschlag, die Stoffe einfach Kali und Natron zu nennen, drang sodann durch. A. S. Marggraf (1709—1782), der berühmte Entdecker des Zuckers in der Runkelrübe, hat auch das Verdienst, im Jahre 1743 Phosphor zu- erst aus Pflanzen (Senf, Kressensamen, Weizen) dargestellt zu haben (2). Er leitet sein Vorkommen in tierischen Stoffen von der pflanzlichen Nahrung ab. Die Atmung blieb damals noch ganz unverstanden. Boerhave dachte sich«- die tierische Wärme durch die Reibung des Blutes an den Gefäßwänden verursacht; die Atmung habe den Zweck, das Blut in den Lungen abzukühlen. Steph. Hales (1677—1761) sieht in seinem be- rühmten Werke „Statical essays" (1727) die Luft als einheitlichen Stoff an; er wußte, daß sie beim Atmen nicht ganz verbraucht wird. Hales ist auch dort, wo seine Ansichten Mängel an empirischer Begründung und an vorsichtiger Berücksichtigung von Eventualitäten aufweisen, ein großer Forscher, welcher den Geist Newtons in seiner ursprünglichen Frische besitzt. Folgenreich hätten vielleicht seine Versuche über die Entwicklung gasförmiger Stoffe bei der trockenen Destillation von Pflanzen- substanz werden können. Hales war gewiß der erste, welcher die Frage aufwarf, ob nicht luftförmige Stoffe zur Bildung von Pflanzensubstanz verwendet werden und nicht nur flüssige und gelöste Stoffe (3). In der Mitte des 18. Jahrhunderts folgen nun eine Reihe For- schungen, die den Gaswechsel bei Atmung und Gärung bedeutend auf- klärten. Jos. Black (1728 — 1799) erwies in seinen grundlegenden Ar- beiten über die Kohlensäure (1757), daß die Luftart, welche durch Säuren aus kohlensaurem Alkali entwickelt wird, identisch ist mit jener, die bei Verbrennung, Atmung oder Gärung entsteht. Er nannte sie „fixed air", und meinte, daß beim Atmen die atmosphärische Luft in „fixe Luft" verwandelt werde. Seine Untersuchungen über Kaustizität der Alkalien führten dazu, daß er der erste Gegner der Phlogistonlehre wurde, weil beim Erhitzen jener Stoffe nicht Feuerstoff, sondern fixed air aus ihnen entweicht. Im Jahre 1764 entdeckte D. Macbride die Bildung von fixed air bei Gärungs- und Fäulnisprozessen; Cavendish beobachtete 1766, daß bei manchen Fäulnisvorgängen Wasserstoff auftritt. Ein neues Zeitalter der Biochemie hebt nun- an mit der gelungenen Zerlegung der Luft, der Entdeckung des Sauerstoffes und mit der glücklichen Auffindung der Sauerstoffausscheidung durch grüne Pflanzen im Lichte. BoNNET hatte zwar schon früher beobachtet, daß sich unter Wasser getauchte Blätter im Sonnenlichte mit Luftbläschen überziehen; doch war die Sache unverstanden und unbeachtet geblieben. Jan Ingen-Housz (1730-1799) und Jos. Priestley (1733—1804) haben das Verdienst, entdeckt zu haben, daß unter solchen Bedingungen Sauerstoff abgäbe stattfindet. 1) Klaproth, Crells Ann. (1797), /, 90. — 2) Marggbap, Chymisch. Schriften /, 72 (1761). — 3) Hales, Statick der Gewächse, p. 177 (Halle 1748). g Geschichtliche Einleitung. Priestley, einer der originellsten Köpfe unter den vielen großen Naturforschern seiner britischen Heimat, ging 1772 von der Beobachtung aus, daß die durch Atemholen entstandene, zum weiteren Atmen un- brauchbare fixe Luft durch grüne Gewächse ihre Tauglichkeit zur Ver- atmung wiedergewinnt (i). Dafür wurde ihm von Sir J. Pringle die goldene Medaille überreicht. Alsbald fand Priestley auch, daß man den veratembaren Luftbestandteil mit Stickoxyd quantitativ bestimmen kann. Nachdem in den Jahren 1773—1774 die ersten erfolgreichen Ver- suche der Darstellung des Sauerstoffes aus Salpeter und Quecksilberoxyd unternommen worden waren, fand Priestley 1778, daß die Luft „in den Blasen des Seegrases" viel „reiner" war, als die der Atmosphäre; ebenso fand er, daß die Luft, in welcher Pflanzen im Lichte gewachsen waren, weit „reiner" war, als die äußere Luft. Gegen Ende des Jahres 1778 konstatierte er, daß Luftblasen aus der im Wasser einiger Kultur- gefäße entstandenen grünen Materie aufsteigen; bei der Untersuchung dieser Luft ergab es sich, daß sie „sehr dephlogistisierte Luft" enthielt Die Erzeugung dieser Luft hörte bei Lichtentziehung sofort auf (2). Lavoisier (3) sagt, daß er, Priestley und Scheele gleichzeitig die Entdeckung des Sauerstoffes und der Säuerst off ausscheidung durch grüne Pflanzen im Lichte gemacht hätten. Scheeles Entdeckung geht jedoch bis auf 1774—1775 zurück und wurde erst 1777 publiziert, so daß Scheele als der eigentliche Entdecker des Sauerstoffes anzusehen ist (4). 1) Priestley selbst lieferte im Jahre 1803 (Crells Ann. [1803], II, 123) eine anziehende Skizze der Geschichte seiner Entdeckungen. Dort äußerte er sich, seine Priorität gegenüber Ingen -Housz verteidigend, folgendermaßen: „Diese Versuche, welche ich Ingen- Housz nebst mehreren anderen sehen ließ, waren diesem sehr auf- fallend, nur stritt er sich mit mir, ob die grüne Materie vegetabilischen Ursprunges sei. Dies bewog mich, die Prüfung der Wirkung verschiedener Pflanzen auf das Wasser zu beschließen, und ich führte den Entschluß bei nächstem Sonnenschein aus und vervollständigte so die Entdeckung. Indessen kam mir Ingen-Housz durch den Druck seiner Versuche zuvor, welches ich unter solchen Umständen an seiner Stelle nicht getan haben würde.'' Priestley war bis nahe vor seinem Tode ein uner- schütterlicher Anhänger der Phlogistonlehre. Er hielt den Sauerstoff für reine phlo- gistonfreie (.,dephlogisti8ierte") Luft. In der gewöhnlichen Luft sei sie neben der phlogistisierten Luft enthalten. Er verteidigte noch 1796 (vgl. Crells Ann. [1798], //, 308, 376) und 1800 (The doctrine of Phlogiston established and the composition of water refuted [Northumberland 18(X)]) tapfer die STAHLsche Theorie. Damals war in Deutschland nach langem Kampfe das Phlogiston bereits abgetan. Erst 1803 (1. c.) schwenkte auch der greise Priestley in das „antiphlogistische" Lager über. — 2) Diese Darstellung stützt sich auf den von Priestley 1803 gegebenen Bericht. Leider knüpft sich daran ein unliebsamer Prioritätsstreit mit Ingen-Housz, welcher nach Wiesners Darstellung (J. Wiesner, Jan Ingen-Housz, p. 83 ff . [Wien 1905]) Priestley in der Entdeckung der Sauerstoffabgabe grüner Pflanzen im Lichte tat- sächlich vorausgegangen war. Da hier eine schwere Beschuldigung gegen die andere steht, ziehe ich es vor, diese Angelegenheit nicht weiter zu berühren. — 3) Vgl. Lavoisiers Traitö Giemen taire de Chimie (1789), abgedruckt in Oeuvres de Lavoisier, /, 38 (Paris 1864). Lavoisier scheint die Sauerstoff entdeckung nicht so unabhängig von Priestley gemacht zu haben, wie es bei Scheele der Fall ist. Bis 1774 war Lavoisier nur zum Schlüsse gelangt, daß bei der Verbrennung Gewichtszunahme erfolgt durch Absorption von atmosphärischer Luft, wobei er noch an eine homogene Beschaffenheit der Luft dachte. Erst nachdem Priestley an Lavoisier von seinen Versuchen 1774 persönlich Mitteilung gemacht hatte, wurde Lavoisier bestimmter und kam zum Ergebnisse, daß die Luft aus zwei Gasen zusammengesetzt sein müsse (1775). — 4) Scheeles Abhandlung von der Luft und dem Feuer; auch auf- genommen in „Ostwalds Klassiker". Bekanntlich gewann Scheele seine ,, Feuer- luft" durch Destillation von Braunstein mit Schwefelsäure, sowie durch Erhitzen von Kalisalpeter. Geschichtliche Einleitung. 9 Scheele erkannte auch das Verschwinden seiner „Feuerluft" bei der Atmung, und daß statt ihrer fixe Luft entsteht. Während nun Priestley über die empirisch neu errungenen Grundlagen kaum hinauskam, baute sich in Lavoisiers genialem Kopfe, der ebenso erfinderisch als ordnend veranlagt war, die Chemie in neuer Form so klar und zwingend logisch auf, daß seine französischen Fach- genossen, ihm mit Enthusiasmus folgend, bald nicht mehr von Lavoisiers Chemie, sondern von der „Chimie frangaise" sprachen: nicht aus Be- streben, die Verdienste dieses Mannes zu schmälern, sondern unter dem tiefen Eindrucke, welchen die unwiderstehlichen neuen Anschauungen erzeugten. Wir haben zwar hier nur die Aufgabe, die Verdienste Ant. Laur. Lavoisiers (1743—1794) um die Biochemie zu charak- terisieren. Aber auch da bietet sich unendlich viel, und es gibt kein Gebiet unserer Wissenschaft, welches nicht in ihm seinen Reformator zu ferbhcken hätte (i). Eine der frühesten Ai'beiten Lavoisiers betrifft die alte Frage über die angebhehe Transformation des Wassers in Erde (1770) (2). Er kritisiert die vielen seit Helmont diesbezüglich angestellten Versuche und stellt durch genaue Wägung fest, daß tatsächlich nach AbdestilHeren des Wassers ein erdiger Rückstand verbleibt, dessen Gewicht jedoch genau dem Ge- wichtsverluste des Glasgefäßes entspricht. Er leitet daraus den imponierend einfachen Schluß ab, daß diese Erde aus dem Glasgefäße durch Auflösung entstammt, und daß sie nicht aus dem Wasser entstehen kann. Aber auch Scheele konnte die irrige frühere Anschauung dadurch widerlegen, daß er die quahtative Übereinstimmung der Glassubstanz mit dem erdigen Rückstande erwies. Für die Chemie war die Transformationslehre damit endgültig abgetan. Daß aber die Ansicht, der Lebensprozeß der Pflanze könne Aschenstoffe neu erzeugen, noch lange ungestört fortbestand, lehren viele Arbeiten noch Dezennien später. Die Entdeckung des Sauerstoffes führte 1775 Lavoisier zum Schlüsse seiner Abhandlung: ,,Sur la nature du principe qui se combine avec les metaux pendant leur calcination et qui en augmente les poids" zur heutigen Auffassung von der Natur der Kohlen- säure: ,,Puisque le charbon disparait en entier dans la revivification de la mercure et de l'air fixe, on est force d'en conclure que le principe auquel on a donne jusqu'ici le nom d'air fixe, est le resultat de la combinaison de la portion eminemment respirable de l'air avec le charbon." Im Verlaufe seiner Arbeiten über Verbrennung und die Rolle des Sauer- stoffes sowie über die Entstehung von sauren Substanzen bei Verbrennung kam Lavoisier 1777 zur Meinung daß, „air pure" ein „principe oxygene" sei, und 1781 legte er der fixen Luft nach Eruierung ihrer quantitativen Verhältnisse den Namen „acide du charbon" bei. Schon 1777 berichtet er über Versuche bezüghch tierischer Atmung und bezüghch der Verände- rungen, welche die Luft beim Passieren der Lunge erleidet. 1780 spricht er sich dahin aus, daß das Atmen ein Verbrennen sei; wohl verlaufe es langsam, sei aber sonst dem Verbrennen der Kohle vollkommen ähnlich. Die dabei entstehende Wärme ersetze den Wärmeverlust des Körpers. Diese bis 1789 fortgesetzten Studien bilden die Grundlage für unsere Theorie der Sauerstoffatmung. 1) Vgl. M. Speter, Lavoisier und seine Vorläufer (Stuttgart 1910). — 2) Sur la nature de l'eau et sur les exp^rimentes par lesquelles on a prötendu prouver la possi- bilit^ de son changement en terre. M^m. Acad. (1770), p. 73. In der Neuaiisgabe von Lavoisiers Werken, //, 1 (1862). 10 Geschichtliche Einleitung. Es sei gestattet, hier zur PRiESTLEYschen Entdeckung zurückzu- kehren. Priestley wurde in der Publikation seiner Versuche überholt durch eine glänzend abgefaßte Abhandlung des holländischen Arztes Jan Ingen-Housz (1730 — 1799): Experiments upon vegetables discovering their great power of purifying the common air in the sunshine and of injouring it in the shade and at night (1779). Zu dieser Zeit war die Entdeckung des Sauerstoffes noch neu und zusammenhanglos, Lavoisiers System noch nicht vorhanden. Um so bewunderungswürdiger ist die Form und der Inhalt dieser Publikation eines ebenso stark physikalisch- chemisch als biologisch veranlagten Mannes Ingen-Housz erkannte genau die Abhängigkeit der Ausscheidung von „dephlogistisierter Luft" vom Chlorophyllgehalte der Pflanzen und vom Lichte, ferner die „Luft- verschlechterung" durch chlorophyllfreie Pflanzenteile in Licht und Dunkel ; er wußte auch, daß bei dieser Luftverschlechterung Kohlensäureaus- scheidung irgend eine Rolle spielt. Hingegen war Ingen-Housz nicht sicher darin, ob diese Kohlensäureausscheidung, wie beim Tier ein kon- tinuierlicher Prozeß sei(i). Klar und deutlich sprach die richtige Ansicht erst Saussure 1798 aus. Auch wußte Ingen-Housz noch nicht be- stimmt, woher der entwickelte Sauerstoff stamme. Daß die Sauerstoff- ausscheidung mit Kohlensäureverarbeitung kausal zusammenhängt, hat erst 1782 J. Senebier (1742 — 1809) erkannt, durch seine Versuche über Beschleunigung der Sauerstoffproduktion in kohlensäurereichem Wasser und unter richtiger Verwertung der damals eben von Lavoisier festgestellten Erkenntnis von der Zusammensetzung der Kohlensäure. Lavoisier setzte in dieser Zeit seine Verbrennungsversuche mit organischen Substanzen fort. 1784 pubhzierte er seine Memoire sur la combinaison du principe oxygene avec l'esprit-de-vin, l'huile et differents Corps combustibles. Darin wurde gezeigt, daß das Gewicht der bei der Verbrennung gebildeten Produkte, Kohlensäure und Wasser, genau gleich ist dem Gewichte der verbrannten Substanz vermehrt um das Gewicht des verbrauchten Sauerstoffes. Dies waren die ersten Verbrennungsanalysen organischer Stoffe. Von hohem biochemischen Interesse ist eine 1786 erschienene Mit- teilung Lavoisiers (2), worin zum erstenmal die Nutzanwendung obiger Verbrennungsanalysen gezogen wird, und die Unrichtigkeit der alten Methode der Pflanzenanalyse klargelegt wird (3). Es hatte zwar schon Boyle ge- zeigt, daß das Feuer bei freiem Luftzutritt aus organischen Stoffen andere Verbrennungsprodukte liefert, als bei Luftbeschränkung. Lavoisiers Verdienst war es aber, bewiesen zu haben, daß die bei der trockenen Destil- lation und beim Verbrennen auftretenden Stoffe nicht schon früher in der organischen Substanz enthalten sind, sondern sich erst beim Erhitzen unter MitbeteiHgung des Luftsauerstoffes bilden. Er zeigte dies am Bei- spiele des Zuckers, welchen er offenbar schon damals analysiert hatte. Der Zucker besteht aus Sauerstoff, Wasserstoff und Kohle; letztere ist 1) Insofern ist die Darstellung in Sachs' Geschichte der Botanik zu berich- tigen. Über Jan Ingen-Housz vgl. J. Wiesner, jan Ingen-Housz, sein Leben und Wirken als Naturforscher und Arzt (Wien 1905). — 2) Röflexions sur la döcompo- ßition de l'eau par les substances v^gätales et animales. M6m. Acad. Paris pour 1786, p. 590. — 3) Wer sich unterrichten will, wie zu Lavoisiers Zeit die Pflanzen- chemie stand, und mit welcher Unklarheit und welchem Wichtigtun gearbeitet wurde, lese etwa die „Anleitung zur Zerlegung der Pflanzen" von Schiller in Crells Ann, (1791), //,*226, oder andere ähnliche Mitteilungen aus dieser Zeit. Geschichtliche Einleitung. U in bedeutendem Übermaße vorhanden; Sauerstoff und Wasserstoff fast in dem Verhältnisse, wie es nötig ist, um Wasser zu bilden. Das Öl, welches bei der trockenen Destillation entsteht, ist ebensowenig schon vorher im Zucker enthalten, wie die bei der Verbrennung entstehenden Kohlensäure und Wasser. Dieselbe Abhandlung zeigt aber auch, daß Lavoisier bezüghch der Kohlensäureassimilation in den Grundzügen richtige und klare An- schauungen besaß (1). 1788 erschien die hochinteressante Memoire sur la fermentation spiritueuse, worin Lavoisier trotz mangelhafter Annahmen und Versuchs- resultate zur Anschauung kam, daß der gärende Traubensaft in Kohlen- säure und Weingeist (hier zuerst als „Alkohol" bezeichnet) zerfällt. Die berühmte zusammenfassende Darstellung der „antiphlogistischen" Chemie Lavoisiers Traite elementaire de chimie erschien 1789. Darin finden sich alle erwähnten biochemischen Entdeckungen, sowie eine nützliche Übersicht über die damals bekannten Pflanzenstoffe. In Deutschland brachen sich Lavoisiers Ansichten bekanntlich nur langsam Bahn. Von den deutschen Chemikern war es zuerst S. F. Hermb- STÄDT, welcher als Vorkämpfer für das „antiphlogistische System" auftrat. Es darf wohl kühn behauptet werden, daß die heutige Biochemie unmöghch hätte aufgebaut werden können, wenn ihr nicht Lavoisier mit seiner Theorie der Zusammensetzung der organischen Stoffe aus Kohlen- stoff, Wasserstoff, Sauerstoff die Grundlagen gehefert hätte. In. Lavoisiers Arbeiten wurde auf den Stickstoffgfehalt vieler or- ganischer Stoffe nicht geachtet, und es haben sich die Kenntnisse von diesem wichtigen Bestandteile der Organismen nur sehr langsam geklärt. Zerstreute Beobachtungen älterer Chemiker berichten über Am- moniakentwicklung bei der trockenen Destillation von Tier- und Pflanzen- stoffen. Erst Cl. L. Berthollet (1748—1822) wies 1786(2) Stickstoff allgemein in animalischen Substanzen nach, und bald galt der Stickstoff- gehalt für tierische Stoffe als charakteristisch gegenüber Pflan^ienstoffen. A. Fr. de Fourcroy unterschied 1789 drei Klassen von Tierstoffen nach der Stickstoffmenge, welche sie enthalten, und stellte wohl zuerst den Grundbegriff der Eiweißstoffe auf (3). Weiterhin wies Fourcroy (4) §1) Er sagt: „Pour se faire une idöe de ce qui se passe dans cette grande Operation qua la nature semblait avoir jusqu'ici environnöe d'un voile epais, il faut savoir qu'il ne peut y avoir de v^g^tation sans eau et sans acide carbonique. Ces deux substancea se döcomposent mutuellement dans l'acte de la Vegetation par leur latus analogue; Thydrogfene quitte l'oxygfene pour s'unir au charbon, pour former les huiles, les ri^sines et pour constituer le v6g6tal: en meme temps l'oxygfene de l'eau et de l'acide, carbonique se d^gage en abondance, comme l'ont observ^ MM. Priest- LEY, Inqen-Housz et Senebier, et il se combine avec la' lumi^re (für Lavoisier waren Licht und Wärmestoff Elemente!) pour former du gaz oxygöne." Diß Lavoi- sier auch die atmosphärische Kohlensäure als Kohlenstoffquelle würdigte, geht aus einem Berichte über Hassenfratz s Abhandlung „Sur la nutrition des v^getaux" (1792) hervor, welcher in Oeuvres de Lavoisier, /F, 531 (1868) abgedruckt ist. Senebier wie Hassenfratz waren der Ansicht, daß die Kohlensäure durch die Wurzeln aus dem Boden aufgenommen werde. Lavoisier meinte, dies sei noch näher zu prüfen. Doch geht aus dem Berichte unzweifelhaft hervor, daß sich Lavoi- sier der Ansicht zuneigte, daß die Pflanzen die Kohlensäure aus der Luft aufnähmen, und nicht aus der Erde. — 2) Journ. de Physique, 28, 272 (1786). — 3) FoURCROY, Ann. de Chim., /, 40 (1789). Er sagt: „. . • ä laquelle (mat. albumineux) il donne pour caractfere de se concr^ter et de devenir opaque par la chaleur, par les acides et par l'alcool tels que le blanc d'oeuf, la partie söreuse du sang l'eau des hydropiques, la liqueur de l'amnios, la matifere cas^euse." — 4) Sur l'existence de la mati^re al- bumineuse dans les v6g6taux. Ann. de Chim., 3, 252 (1789). Bonvoisin, Crells Ann. (1795), II, 266, fand „eiweißartigen" Stoff in den Blumenblättern der Kornblume, Braconnot später „animalisch-vegetabilische" Substanz bei Pilzen. J2 Geschichtliche Einleitung. auf die Ähnlichkeit des Klebers mit tierischen Stoffen hin; er betont, daß Pflanzensäfte (Cochlearia, Kresse) ebenso viskos sein können wie tierisches Eiweiß, in der Hitze gerinnen, fäulnisfähig sind, er vergleicht die Gallerte aus Früchten mit Leim. Eine Verallgemeinerung auf alle Pflanzen wurde noch lange nachher nicht durchgeführt, man sprach von „animalisch - vegetabilischer Substanz", „matiere animalisee" usw. Erst später kam man zur Überzeugung, daß eiweißartige Stoffe zu den all- gemein verbreiteten Pflanzenbestandteilen gehören. C. W. Scheele (1742—1786), der berühmte Entdecker des Sauer- stoffes, gehört auch zu den erfolgreichsten Pflanzenchemikern seiner Epoche. Ihm verdankt man die Darstellung reiner AV einsäure und Citronensäure ; er zeigte 1785, daß die von Bergmann durch Oxydation des Rohrzuckers mit Salpetersäure dargestellte .,Zuckersäure" mit der Kleesäure von Oxalis und Rumex identisch ist und daß die früher für Gips gehaltene ,.Rha- barbererde" aus ..Sauerkleesalz und Kalk" bestehe (i). Bald darauf er- kannte er auch das weit verbreitete Vorkommen des kleesauren Kalkes in Wurzeln und Rinden. Scheele ist ferner der Entdecker der Äpfel- säure (1785), der Milchsäure (1780), der Harnsäure und der Gallussäure (1786). Im Jahre 1784 gelang es ihm zu zeigen, daß bei Verseifung des Olivenöls mit Bleioxyd eine süßschmeckende Substanz gebildet wird, welche, mit Salpetersäure oxydiert, Kleesäure liefert: es war dies die Entdeckung des Glycerins. Die Weiterbearbeitung der Fettchemie aber wurde erst ein Vierteljahrhundert später durch Chevreul erfolgreich unternommen. Im Chlorophyll hatte schon Berthollet den Stickstoff nachge- wiesen (2). Von Pilanzenaschenstoffen war bis dahin bekannt: Kali (welches Rouelle (3) für ein Produkt der Vegetation erklärte), Natron (4), Kalk, Schwefelsäure, Phosphorsäure (5) und Kieselsäure. Von den Arbeiten über Aufnahme und Bedeutung der Aschenstoffe aus dieser Zeit sind diejenigen Chr. Albr. Rückerts (6) ehrender Erwähnung wert. Rückert hält dafür, daß die Kohlensäure im Boden als Lösungsmittel bei der Beschaffung der Aschenstoffe fungiere; er will durch Begießen mit kohlensaurem Wasser günstige Erfolge erzielt haben. Rückert hat ent- schieden richtige Begriffe von der Wichtigkeit der Mineralstoffe, bekämpft die Theorie, daß nur organische Bodensubstanzen bodeutungsvoll für die Pflanze sind und nimmt die Bodenanalyse zu Hilfe, wenn es sich darum handelt, fehlende Bodenbestandteile künstlich zu ersetzen. Diese Vor- stellungen sind z. B. jenen R. Kirw^ans (7) weit überlegen, welcher die Aschenstoffe mehr wie ein Gewürz oder Verdauungsmittel, als wie ein Nährmaterial ansah. Im übrigen blieben bei den Chemikern und Bota- 1) Die bezüglichen Arbeiten Scheeles finden sich in Crells Ann. (1784), //, 1; (1785), /. 19; (178.Ö), //, 291, 513; (1786) /, 439. — 2) Rouelle, Journ. de M6d., 40 (1773); Meyer, Crells Ann. (1784), /, 521, gab darin Phosphorsäure an. Nach J. G. Georgi, Crells Ann. (1785), /, 277, sollte der Farbstoff eisenhaltig sein. Vgl. RtJCKERT, Crells Ann. (1788), //, 394. — 3) Beyträge z. d. ehem. Ann. v. Crell, /, 124 (1785). — 4) Vgl. VaüQUELIN, Ann. de Chim., 18, 65 (1793). — 5) Hierzu Hassenfratz, Crells Ann. (1789), /, 106. — 6) Chr. Albr. Rückert, Der Feld- bau,, chemisch untersucht usw., (Erlangen 1789), 2 Teile. Vgl. Crells Ann. (1788), //, 394; (1789), //, 284; (1790), /, 275. Wie weit Rückerts Auffassung derjenigen seiner Zeitgenossen überlegen war, sieht man auch aus einer Mitteilung von Parmen- TIER, Ann. de Chim., //, 278; Crells Ann. (1795), //, 227. — 7) R. Kirwan, Crells Ann. (1796), /, 63 ff. Geschichtliche Einleitung. 13 nikern die Ansichten bezüglich der Biochemie der Aschenstoffe noch Dezennien hindurch unrichtig und unklar (i). Dies war im allgemeinen der Zustand der Biochemie in der ersten Zeit nach Lavoisiers Tode. Einer der wenigen, welcher ganz im Geiste eines Lavoisier und Ingen-Housz als Chemiker und Biologen weiter- arbeitete, war Th. de Saüssure (1767 — 1845), den man wohl vielleicht als den größten Pflanzenbiochemiker ansehen darf, welchen die letzten Jahrhunderte hervorgebracht haben. Schon die erste, 1797 erschienene Abhandlung Saüssüres, ob die Bildung der Kohlensäure zum Leben und Wachsen der Pflanzen not- wendig sei (2), zeigt sein großes Talent in hellstem Lichte. Darin be- richtet er über Versuche, welche das Pflanzenwachstum in atmosphärischer Luft, in Luft-Kohlensäuremischung und in kohlensäurefreier Luft betreffen, und faßt seine Ergebnisse in folgenden Sätzen zusammen. „Die Ver- suche beweisen 1. daß die Pflanzen wie die Tiere beständig Kohlensäure bilden, wie im Sonnenlichte, so im Schatten; 2. daß sie wie die Tiere diese Kohlensäure mit dem Sauerstoff der Atmosphäre bilden und daß, wenn man diese Kohlensäurebildung nicht wahrnimmt, der Grund darin liegt, daß die Kohlensäure, so wie sie gebildet ist, auch zersetzt wird; 3. daß die Gegenwart oder vielmehr die Verarbeitung der Kohlensäure zum Wachstum der Pflanzen in der Sonne nötig ist; 4. daß das Licht das Wachstum der Pflanzen insoweit befördert, als es zur Zersetzung der Kohlensäure beiträgt; ö. daß die stärkste (}abe von Kohlensäure, welche das Wachstum der Pflanzen im Sonnenlicht begünstigt, demselben im Dunkel bereits schädlich ist." Daraus geht am besten hervor, wie weit Saussure schon damals in seinen biochemischen Auffassungen war. Und es ist erst Julius Sachs gewesen, welcher diesen Ideen volle all- gemeine Anerkennung und Geltung verschaffen konnte! Saussures berühmtes Hauptwerk sind die Recherches chimiques sur la Vegetation (1804) (3), welche in ihrer Inhaltsfülle, Tragweite der Versuche und vorsichtigen Darstellung bis heute unerreicht geblieben sind. Hier ist der Ort wo Saussure die grundlegenden quantitativ analytischen Daten für die Erkenntnis, daß die Landpflanzen ihren Kohlenstoffbedarf aus der Luftkohlensäure decken, geliefert hat. Dies ist ein ureigenes Verdienst, nachdem Senebier und Hassenfratz gemeint hatten, daß nur die im Boden wasser gelöste Kohlensäure als Nährstoff in Betracht komme (4). Er legt weiter neuerdings die Verhältnisse der Sauerstoff- atmung dar und bringt endlich seine wichtigen Versuche über die Ver- sorgung mit Aschenstoffen. Schon 1801 hatte Humphrey Davy(5) die angeblich gelungenen Versuche mit Ernährung von Pflanzen mit reinem Wasser in geistreicher Weise zu widerlegen gesucht, indem er die Fähigkeit zur Elektrizitäts- leitung als Beweis der Existenz von Mineralsalzen im Wasser heranzog. 1) Dies trotz der genialen Forschungen eines Saussure. Noch 1807 konnte H. Braconnot (Ann. de Chim., 6i, 187) behaupten, daß die Pflanzen in reinem Wasser alles fänden, was sie zum Leben brauchten; der Dünger sollte nur das Wasser liefern, die „force organique aidee de la lumiäre solaire" brächte in der Pflanze die Erden, Alkalien, Metalle, Schwefel, Phosphor, Kohlenstoff, vielleicht auch Stickstoff hervor. — 2) La formation de l'acide carbonique est-elle ä la v^g^tation? Ann. de Chim., 24, 135 (1797) und ibid., p. 227. — 3) Jetzt leicht zugänglich in der von A. WiELER besorgten Übersetzung als No. 15 — 16 von „Ostwalds Klassikern". — 4) J. Senebier, Physiologie vög^t , ///, 227. J. H. Hassenfratz, Ann. de Chim., 13, 178 u. 318 (1792); 14, 55 (1792). — 5) Vgl. dessen „Elemente der Agrikultur- chemie", 357 (1814). Deutsche Übersetzung. 14 Geschichtliche Einleitung. und sich auch auf negativ verlaufene Versuche berief, in welchen Hafer in reinem kohlensauren Kalk kultiviert worden war. Saüssure lehrte nun die Unentbehrlichkeit der Aschenstoffe, und zeigte durch eine große Anzahl von Aschenanaljsen, den ersten in ihrer Art, daß zwischen Aschenzusaramensetzung und Entwicklungszustand der Pflanzenteile ge- setzmäßige Beziehungen obwalten. Es war ihm völlig klar, daß es der Pflanze nicht auf orgauische Nahrung im Boden ankommt, sondern auf die im Boden wasser gelösten Aschenstoffe; er wußte, daß man diese Aschenstoffe quantitativ in der Pflanze wiederfindet, so wie sie dem Boden entnommen sind, und nicht etwa im Organismus gebildet werden. Diese Grundwahrheiten wurden erst viel spätei- Gemeingut der Wissen- schaft, und bis auf die (auch heute noch nicht gänzlich aufgeklärte) aktive lösende Wirkung der Wurzeln im Boden hat man eigentlich nichts hinzu kennen gelernt. Die Recherches chimiques von Saussure sind in der Regel das- jenige Werk, worauf man beim Studium von Spezialfragen zurückgeht, und es könnte eine allgemeine historische Einleitung zur Biochemie der Pflanzen mit der Würdigung dieses Werkes ganz wohl ihren Abschluß finden. Von hier an teilt sich der Strom der Wissenschaft in eine Anzahl von Armen, und wir geben weitere historische Daten am besten in den einzelnen Kapiteln dieses Werkes. Nur die Marksteine der biochemischen Forschung im 19. Jahrhundert, die Einführung von Anschauungen und Methoden der allgemeinsten Bedeutung mögen zum Schlüsse, dieser historischen Übersicht gebührend hervorgehoben v/erden. Das Schicksal der pflanzlichen Ernährungslehre lag in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz in den Händen der Chemiker, und eine glückliche Fügung war es, daß die großen Chemiker dieser Zeit fast sämtlich, wie ein Davy, Dumas, Berzelius und Liebig für die biologische Chemie ein warmes Interesse hegten; die „poetischen Pflan- zenphysiologen", wie sie Berzelius mit feinei- Ironie einmal nannte, lagen ja in den Banden einer wenig fruchtreichen naturphilosophischen Richtung (l). Jedes Jahr brachte damals die Entdeckung einer außerordentlich großen Zahl von Kohlenstoffverbindungen aus dem Pflanzenreiche, und das Studium dieser reichen Ernte beherrschte die gesamte Chemie. Durch Berzelius, Dumas und Liebig erhielt die Wissenschaft exakte Methoden, um die Grundstoffe der organischen Verbindungen quantitativ zu bestimmen, und .dadurch eine genaue Charakteristik der organischen Stoffe zu ermöglichen. Alle diese Substanzen galten als spezifische Produkte der Organismen. Berzelius (2) schrieb: „Ihre Bildung ist der organischen Natur vorbehalten und scheint der chemische Zweck der Organisation zu sein." Gerechtes Aufsehen mußte es daher erregen, als 1828 durch Wühler (3) die Möglichkeit gezeigt wurde, Harnstoff syn- 1) Vgl. hierzu auch F. Rukge, Neueste phytochemische Entdeckungen, p...Vir (1820). — 2) Berzelius, Gilberts Ann., 42, 37 (1812). — 3) F. Wöhler, Über künstliche Bildung des Harnstoffs, Pogg. Ann., 12, 253 (1828). „Eine auch in- sofern merkwürdige Tatsache, als sie ein Beispiel von der künstlichen Erzeugung eines organischen, und zwar sogenannten animalischen Stoffes aus unorganischen Stoffen darbietet" (Wöhler, 1. c ). Wieweit die Auffassung der Dinge wenige Jahre später gediehen war, zeigt eine interessante Äußerung von Dumas aus dem Jahre 1836 (Handbuch d. angew. Chemie, V; Joum. prakt. Chem., 7, 298 [1836]). „Es drängt sich mir die Überzeugung auf, daß die organische Chemie von der unor- ganischen durchaus nicht wohl getrennt werden kann. Denn man wird doch nicht im Ernst behaupten wollen, daß das Cyan und der Kohlenwasserstoff, welche beide Geschichtliche Einleitung. 15 thetisch darzustellen. Es war dies die erste der vielen überraschenden Synthesen, welche der Chemie des 19. Jahrhunderts gelangen. Nicht zu verwundern ist es, daß das Studium der Pflanzenaschen- stoffe eine Zeitlang in den Hintergrund trat. Erst das erwachende In- teresse an chemischen Stoffwechselversuchen brachte auch hier Fortschritte mit sich, und so konnten die alten unklaren Vorstellungen der sogenannten „Humustlieorie" aus der Ernährungsphysiologie nach und nach verbannt werden. Stoffwechselversuche an keimenden Samen verdanken wir schon einigen älteren Forschern, wie Chaptal, Cruikshank, ferner Saussure (i). Systematisch sehen wir später diese bedeutungsvollen Bestrebungen ge- pflegt von J. BoussiNGAULT. einem der verdienstreichsten Biologen des 19. Jahrhunderts. Boussingault (2) ging aus von Analysen der Futter- mittel und der Düngerstoffe. Daran schlössen sich die ersten Stoff- wechseluntersuchungen an Haustieren und die ersten Untersuchungen über die Zusammensetzung von Kulturpflanzen in verschiedenen Lebens- stadien. Dadurch gewann die Pflanzenchemie erst wieder biologisches Interesse und biologischen Geist. Im Jahre 1824 trat Justus Liebig auf den Plan der wissenschaftlichen Arbeit, und schnell gelang es seiner glänzenden Begabung, sich den ersten Platz unter Deutschlands Che- mikern zu sichern. In der ersten Periode seines überaus fruchtbaren Schaffens beschäftigten ihn außerordentlich zahlreiche, trefflich ausge- führte Elementaranalysen pflanzlicher Substanzen. Er schlug vor, die einzelnen Verbindungen, welche im Organismus vorkommen, in ihren Veränderungen und Verwandlungen Schritt für Schritt durch die Ele- mentaranalyse zu verfolgen, um so ein Verständnis für die chemischen Vorgänge des Lebens zu gewinnen (3). Die Entdeckung der Erschei- nung der Isomerie bei organischen Substanzen, ferner die ersten Studien über Esterbildung, Hydrolyse und Fermente, welche sich an Liebigs berühmte Amygdalinarbeit anknüpften, und im weiteren Verlaufe bis zu den ersten Versuchen, Eiweißstoffe durch Hydrolyse abzubauen, führten, schufen wichtige Erweiterungen der biochemischen Auffassung und be- gründeten wohl die moderne Biochemie überhaupt. Wir sehen weiter Liebig, gleichzeitig mit Boussingaults Wirken in Frankreich, landwirt- schaftlich-chemischen Fragen zugewendet: er ist es, welcher klar erkennt. einzig und allein immer nur bei der Zersetzung organischer Stoffe zum Vorschein kommen, der Mineralchemie angehörende Produkte seien, während die Sauerkleesäure, der Alkohol, der Äther, die Schwefelweinsäure, der Harnstoff organische Substanzen wären? Ich suche vergebens nach einem Unterschied, welcher diese Körper von- einander zu trennen vermöchte, finde aber durchaus keinen. Meiner Meinung nach gibt es keine eigentlichen organischen Stoffe. Ich erblicke nur in den organisierten Wesen sehr langsam wirkende Apparate, welche auf Stoffe in dem Momente ihrer Entstehung einwirken und auf solche Weise aus wenigen Elementen sehr verschiedene unorganische Verbindungen erzeugen." 1) Chaptal, Ann. de Chim., 74, 317 (1810), studierte die Veränderungen im Öl- und Stärkegehalt während der Keimung, sowie CO^-Abgabe und 0-Aufnahme. Er fand den Quotienten ^ = 1. N. Cruikshank, Crells Ann. (1800), //, 195, hatte schon früher die Zuckerbildung und Sauerstoffatmung bei der Keimung der Gerste sowie das Ausbleiben der Zuckerbildüng bei Sauerstoffmangel aufgefunden. — 2) J. Boussingault, Die Menge des Stickstoffes in Futtermitteln, Ann. de Chim. et Phys. (2), 6j, 225 (1836) und (2), 67, 408 (1838); Düngeruntersuchungen, Stoffwechselunter- Buchungen, ibid. (3), /5, 97 (1845); Entwicklung der vegetabilischen Stoffe in der Kultur des Weizens, ibid. (3), /;, 162 (1846). — 3) Vgl. Liebig, Pogg. Ann., 34, 570 (1835). IQ Geschichtliche Einleitung. welche Nährstoffe die Kulturpflanzen dem Boden entnehmen, und wie eine rationelle Düngung vorzunehmen ist. Trotz mancher Irrtümer, welche hierbei unterliefen (wir werden im speziellen Teile des Buches mehrfach darauf zurückzukommen haben), bleibt es Liebigs unvergäng- liches Verdienst, die bereits von Saüssure klar erkannten Grundzüge der pflanzlichen Ernährung zu allgemeiner Kenntnis und Anerkennung zu bringen. Aus Liebigs Anregungen und Ideen wuchs die von Sachs, Knop, Nobbe und anderen Forschern von 1860 an ausgebildete Methode der Wasserkultur hervor, welche noch mehr als die älteren Versuche von Wiegmann und Polstorff (1842), sowie vom Fürsten zu Salm-Horst- MAR (1) geeignet waren, die Funktion der Wurzeln als Mineralstoffe auf- nehmendes Organ der Pflanzen zu demonstrieren, und auf deren Durch- bildung unsere heutigen biochemischen Kenntnisse von den Aschenstoffen der Pflanze beruhen. Im Jahre 1833 gelang es Payen und Persoz (2), in der Malz- diastase das erste Enzym aufzufinden und dessen Eigenschaften und Wirkungen zu studieren. Kurz danach wurde das Emulsin durch Liebig entdeckt. Berzelius (3) war es, welcher die Eigentümlichkeiten der Enzym Wirkungen schon seit 1836 klar auffaßte und den Begriff der Katalyse aufstellte. Mitscherlich (4), welcher diese Wirkungen „Kon- taktwirkungen" nannte, erkannte die Bedeutung der Oberflächen Wirkung bei diesen Erscheinungen. Dies waren die ersten Wurzeln einer bio- chemischen Forschungsrichtung, welche in den letzten Jahren des 19. Jahr- hunderts namentlich durch die Schule W. Ostwalds ihre exakte chemische Begründung erhielt und welche schon in unseren Tagen weitgehende Konsequenzen für die Auffassung der chemischen Lebens Vorgänge mit sich gebracht hat. Im Jahre 1837 zeigte Th. Schwann (5) in seinen berühmt gewor- denen Versuchen, daß Weiugärung und Fäulnis durch Luft, welche stark erhitzt worden ist, nicht übertragen wird, und sprach die Bierhefe, die bis dahin als auf chemischem Wege entstandenes Sediment betrachtet worden war, als einen Pilz an. Fast gleichzeitig (1838) äußerte sich Cagniard Latour (6) dahin, daß die Hefekügelchen organisiert seien und dem Pflanzenreiche angehörten. Kützing (7), welcher übrigens in bezug auf die p]ntstehung der Mikroben, wie fast alle damaligen Forscher, im Gegensatze zu Schwann sehr unkritische Ansichten vertrat, fand gleichzeitig die Essigbakterien auf. Sehr genaue und kritische Versuche über die Entstehung mikroskopischer Organismen veröffentlichte zu dieser Zeit F. Schulze (8). 1841 fanden Boutron und Fr^my (9) die Milch- 1) A. J. Wiegmann u. L. Polstoeff, Über die anorganischen Bestandteile der Pflanzen (Braunschweig 1842); Fürst zu Salm-Horstmar, Versuche und Resul- tate über die Nahrung der Pflanzen (Braunschweig 1856). — 2) Payen et Persoz, Memoire sur la Diastase, Ann. de Chim. et Phys. (2), 53, 73 (1833). — 3) J. Ber- zelius, Einige Ideen über eine bei der Bildung organischer Verbindungen in der lebenden Natur wirksame, aber bisher nicht bemerkte Kraft. Berzelius, Jahresber. üb. d. Fortschr. i. d. phys. Wiss., 15, 237 (1836). — 4) E. Mitscherlich, Pogg. Ann., 5S, 209 (1842). — 5) Th. Schwann. Vorläufige Mitteilung, betreffend Versuche über die Weingärung und Fäulnis. Pogg. Ann., 41. 184 (1837). Weil die Wein- gärung in seinen Versuchen nicht durch Strychnosextrakt, wohl aber durch Arsenit aufgehoben wurde, meinte er, der Erreger sei kein Tier, sondern eine Pflanze — 6) Cagniard-Laxour, Ann. de Chim. et Phys. (2), 68, 206 (1838). p. 209 sagt er: „On peut donc regarder comme fort probable que les globules de la levure sont or- ganisls, et qu'ils appartiennent au rögne vegetal". — 7) F. Kützing, Mikroskop. Untersuchungen über die Hefe u. die Essigmutter. Journ. prakt Chem , ;/, 385 (1837). — 8) F. Schulze, Pogg. Ann., 39, 487 (1836). — 9) Boutron et E. Frrmy, Ann. de Chim et Phys. (3), 2, 257 (1841). Geschichtliche Einleitung. 17 Säuregärung des Zuckers auf, Pelouze und Gelis (l) 1844 die anaerobe Buttersäuregärung. Diese Arbeiten, (ieren Resultate von den maßgebenden Chemikern dieser Zeit, wie Berzelius und Liebig, als unbefriedigend angesehen und nicht gut aufgenommen wurden, waren der erste Anfang der heutigen Mikrobenphysiologie, und es ist bekannt, daß ihre Blütezeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sich an die glänzenden Erfolge von L. Pasteür anschloß, welcher der Wissenschaft klare Vorstellungen über Verbreitung der Mikroben und Infektion brachte, die Prinzipien der Er- nährung der Mikroorganismen auffand, schließlich die außerordentlich wichtige Tatsache des Lebens ohne Sauerstoff entdeckte und sicherstellte, so daß heute die Biochemie der kleinsten Lebewesen eines der best- durchgearbeiteten Gebiete unserer Wissenschaft darstellt. Die wichtigsten Entdeckungen des letzten \'ierteljahrhunderts auf biochemischem Gebiete: die Salpeterbilduug, die Bindung des Stickstoffes durch die Leguminosen und durch Bodenbacterien schließen sich an die Forschungen der Pasteur- schen Schule an. Nachdem die Botaniker Dezennien hindurch, das neugewonnene Hilfsmittel der verbesserten Mikroskope benützend, an den Grundlagen der mikroskopischen Anatomie gearbeitet hatten (mit welchem Erfolge, zeigen uns um die Mitte des Jahrhunderts die Werke eines Mohl und ScHLEiDEN), brach von 1860 an eine neue Blütezeit der experimentellen Physiologie an, die, von Julius Sachs mit glänzenden Mitteln begonnen und besonders von W. Pfeffer fortgeführt, alle die vielen Erfolge ge- bracht hat, deren wir uns heute erfreuen (2). Es steht zu erwarten, daß die experimentell chemische Arbeits- richtung immer mehr an Einfluß gewinnen wird und die lange Zeit hin- durch in der Botanik vielleicht viel zu einseitig getriebene mikrochemische Methodik in kurzem jenen Platz einnehmen wird, der ihr gebührt: als wichtige Bestätigung von Analysenresultaten und als Mittel zur Verfolgung der Vorgänge in der lebenden Zelle (3). Die moderne Chemie bedenkt die Biologen überreichlich mit neuen Methoden und Problemen. Ein weites Gebiet zu biochemischer Arbeit brachten die Studien über das asymmetrische Kohlenstoffatom und die sterische Konfiguration dei- Kohlenstoffverbindungen von van t' Hoff. WisLiCENUS. E. Fischer. Die Biochemie der Zucker und ihrer Deri- vate, wie sie Fischer selbst inauguriert hat, zeigt am besten, was hier geleistet wurde und wieviel noch der Arbeit offen steht. Die letzten beiden Dezennien in ihrer rapiden Entwicklung der allgemein-chemischen, ge- wöhnUch als ,.i)hysikaliscli-cheinischen'' bezeichneten Methoden und An- schauungen schufen für die Biochemie eine heute noch nicht entfernt zu übersehende Fülle von Anregungen und neuen Fragestellungen. Der Ausspruch von W. Ostwald (4), dem die neueste biochemische Richtung so vielfache Förderung verdankte, daß die physiko-chemischen Errungen- schaften der jüngsten Zeit der Biochemie eine Entwicklung prognostizieren 1) Pelouze et Gelis, Ann. de Cliim. et Pliys. (3). lo, 434 (1844). — 2) Die Geschichte der Pflanzenbiochemie von 1860—1900 behandelt J. Reynolds Green. A History of Botany 1860—1900, p. 278 ff. (Oxford 1909). — 3) Grundlagen für eine moderne Mikrochemie schafft F. Emich, Lehrb d. Mikrochemie (Wiesbaden 1911). Biolog. Anwendungen: A. B. Macallum, Abderhaldens Handb. d. biochem. Arb.metli. V, (2), 911 (1912). 0. Tunmann. Pharm. Post (1911). — 4) W. Ostwalp, Ztsch. physik. ehem., 23, 708 (1897). Verhandl. Gesellsch dtsch. Naturf. w. Ärzte, 73. Vers, z. Hamburg I, 200 (1902). Czapek, Biochemie der Pflanzen. 3. Aufl. 2 \g Geschichtliche Einleitung. lassen, welche an Bedeutung der von Liebig angeregten Entwicklung nicht nachstehen wird, ist bereits heute in Erfüllung gegangen. Aber auch die Tierbiochemie brachte der pflanzlichen Ernährungs- lehre in den letzten Jahren eine reiche Zahl von Anregungen, Methoden und Anschauungen. Dürfen wir ja doch glauben, daß biologische Theorien im allgemeinen um so näher au die Wahrheit heranrücken, je allgemeiner sie im Pflanzen- und Tierreiche entsprechende Anwendung finden können; die Grundgesetze aller Organismen scheinen dieselben zu sein. Eine Reihe von Arbeiten hervorragender Zoochemiker zeigen, wie auch auf der anderen Seite das Interesse für phytochemische Probleme bei weitblicken- den Forschern rege erhalten worden ist. Die von Kühne und seiner Schule erfolgreich angebahnte, von F. Hofmeister, A. Kossel, E. Fischer und vielen anderen Forschern mit großem Glücke weiter be- arbeitete Chemie der Eiweißsubstanzen hat auch für die Pflanzen- biochemie viele wichtige Ergebnisse gebracht, und bleibt eines der wich- tigsten Gebiete für die Arbeit des 20. Jahrhunderts. Die Enzymforschung ist namentlich durch die von E. Salkov^ski (i), später von Schmiede- berg zuerst angewendete, sodann besonders im Hofmeister sehen Laboratorium technisch hochausgebildete Methodik der aseptischen Auto- lyse mächtig gefördert worden. Wir sind hierdurch in den Stand gesetzt, zahlreiche Prozesse im Organbrei chemisch zu verfolgen, und ihre Unab- hängigkeit vom übrigen Lebensgetriebe zu erweisen. Die Frage, ob synthetische Wirkungen von Enzymen im Organismus eine Rolle spielen, wird auf diese Art weiter bearbeitet werden können. Es schließen sich die von E. Buchner ausgebildeten Methoden, Organpreßsäfte zu be- reiten und ihre Wirkungen zu studieren, an diese Versuche an. Endlich hat die moderne Immunochemie und Serobiologie auch der Biochemie der Pflanzen ein verheißungsvolles Feld erschlossen; die wenigen Bemühungen, welche bis jetzt in dieser Richtung aufgewendet worden sind, haben bereits gezeigt, daß dieselben Gesetze der Assimilation körperfremder Eiweißarten und der Eliminierung artfre:ader Protem- komplexe im Pflanzenorganismus herrschen wie bei den höheren Wirbel- tieren. Die Serobiologie hat für uns ein besonderes Interesse, weil sie uns zeigt, in welch reichem Maße die Biologie die Mittel ersetzt, welche bisher die organische Chemie für die chemische Biologie aufzubringen hatte. Die kommende Epoche unserer Wissenschaft wird immer mehr erweisen, wie biologische Methoden der chemischen Forschung zu Hilfe kommen. Fast unbebaut liegt noch ein weites Gebiet vor uns: die Untersuchung der Variations- und Vererbungserscheinungen im Stoff- wechsel der Pflanze. Hier dürfte durch die Vereinigung der Forschungs- mittel der Biologie und analytisch-chemischen Technik ein gewaltiger und dauernde Erfolge bringender Vorstoß zur Aufhellung der Lebens- erscheinungen zu erzielen sein. So sehen wir heute den Fortschritt der Pflanzenbiochenne allent- halben in vollem Flusse, und zahlreiche, kaum erschlossene Hilfsquellen bieten Erfolge und Verheißungen. Auch die praktischen Anwendungen, welche Landwirtschaft, Gärungstechnik, Zuckerfabrikation, medizinische Bakteriologie und viele andere DiszipUnen aus der theoretischen Biochemie geschöpft haben, werden mit reichlichem Zins das Entlehnte zurück- 1) E. Salkowski, Ztsch. klin. Med., >;, 77, Suppl. (1890). Deutsch. Klin,, //, 147. Geschichtliche Einleitung. 19 erstatten. Ich erinnere nur an die kaum noch hinreichend gewürdigte Bedeutung, welche die genaue Untersuchung der von der Großindustrie in großen Massen geheferten Produkte für die theoretische Wissenschaft hat; viele im Pflanzenorganismus in relativ verschwindend kleiner Menge vorhandene Substanzen, Zwischenprodukte des Stoffwechsels, welche im Laboratoriumsversuch der minimalen Quantität halber kaum zu fassen sind, werden auf diesem Wege der Untersuchung zugängHch. Die Biochemie ist weit entfernt von den einstigen Träumen der Chemiker und Physiologen, eine künstliche Zeile zu erzeugen, oder das ehemische Gesetz, welches allein alle Lebensvorgänge diktiert, ausfindig zu machen. Die besonnene Forschung von heute kann nur das Ziel verfolgen, Vergleichsmomente zu finden zwischen chemischen Vorgängen außerhalb des Organismus, und den Prozessen im lebenden Organismus selbst. Die Auffindung gleichartiger Verhältnisse in bestimmten Fällen dient der Vereinfachung unserer Vorstellungen, der „Ökonomie des Denkens'- (E. Mach). Im Hinblick auf das Ideal der biologischen Forschung, die Lebensvorgänge zu verstehen und alle ihre wechsel- seitigen Beziehungen aufzudecken, ist auch die Biochemie nur ein Mittel von vielen, allerdings eine der mächtigsten W^affen, die wir besitzen. Allgemeine Biochemie. Erstes Kapitel: Dan Substrat der chemischen Vorgänge im lebenden Organismas. § 1- Das Protoplasma und seine Stoffe. So wie der Chemiker an seinen Untersuchungsmaterialien einerseits die dem Objekte veränderungslos gegebenen Eigenschaften: Aggregat- zustand, Farbe, Lichtbrechung, Dichte usw. studiert, andererseits aber ex- perimentell Bedingungen aufzufinden trachtet, unter welchen sich diese Eigenschaften ändern, und dann die Gesetze dieser Änderungen zu fixieren sucht, so hat auch die Biologie bei der chemischen Erforschung der Lebenserscheinungen zu Werke zu gehen. Unsere erste Aufgabe bildet daher die Untersuchung des Substrates, in welchem sich die Lebensvor- gänge abspielen. Mit Ostwald (i) können wir auch von den „Zustands- eigenschaften" des Lebenssubstrates sprechen, wenn wir dessen beständige Eigenschaften im Auge haben. Während aber der Chemiker bei der Feststellung der „Zustands- eigenschaften" seiner Objekte selten eine Störung erfährt, arbeitet der Biologe mit Dingen, welche oft unter seinen Händen andere Eigenschaften annehmen. Bei jeder Untersuchung erfährt er, daß er es mit Objekten zu tun hat, in welchen ohne Unterbrechung sich langsame oder rasche Veränderungen der chemischen Eigenschaften vollziehen, Veränderungen, die man in der inorganischen Natur nicht findet, und welche einen hervorragenden Charakterzug des lebenden Organismus bilden. Ostwald (2) berührt diese Verhältnisse mit folgenden W^orten: „Für alle Lebewesen ist ein nie fehlendes Kennzeichen der Energiestrom. Meist bezeichnet man den hier stattfindenden Vorgang mit dem Namen Stoffwechsel. Dieses Wort trifft aber nicht die Hauptsache." Diese Veränderungen fallen unter den Begriff der „chemischen Reaktionen" oder der „Vor- gangseigenschaften" (Ostwald). Daß sie in mannigfacher Erscheinung ohne unser Zutun an lebenden Objekten erfolgen, bedingt manche Be- sonderheit der biochemischen Arbeitsmethodik. Die Chemie, welche meist erst experimentelle Erzeugung von Reaktionen zu deren Studium nötig hat, liefert uns wenige methodische Anhaltspunkte in dieser Richtung. Für die Biochemie sind sowohl experimentell hervorgerufene als freiwillig an dem lebenden Substrate ablaufende Reaktionen von großer 1) W. Obtwald, Die wisseuschaftl. Grundlagen der analyt. Chem., 5. Aufl. (1910). — 2) W. Ostwald, Vorles. üb. Naturphilosophie, p. 312 (1902). § 1. Das Protoplasma und seine Stoffe. 21 Bedeutung. Wir können einmal Vergleiche ziehen zwischen Reaktionen verschiedener Stoffe außerhalb des Organismus und Prozessen, welche sich im lebenden Organismus abspielen. Dabei treten Analogien und Differenzen zutage, auf Grund deren wir mit verschieden großer Wahr- scheinlichkeit Rückschlüsse auf die Natur der betreffenden Lebensvor- gänge ziehen dürfen. Eine andere Methode ist die, mit dem Lebens- substrate selbst zu arbeiten und zu versuchen, wie es sich beim Zu- sammenbringen mit gewissen Stoffen oder bei der Herstellung bestimmter Bedingungen verhält. Hierbei sind jedoch die Schwierigkeiten zu über- winden, welche sich aus der Veränderlichkeit des Materials ergeben, und erst in neuerer Zeit, seit man imstande ist, die Beteiligung anderer Lebe- wesen an den Prozessen im Untersuchungsmaterial sicher auszuschalten, sind hier größere Erfolge erzielt worden. Aus dem Gesagten geht hervor, daß es eine Abstraktion ist, vom Substrate der Lebensvorgänge zu sprechen, ohne die darin stattfindenden chemischen Reaktionen zu berücksichtigen. Es ist ferner zuzugestehen, daß sich die Zustandseigenschaften biologischer Objekte nie so voll- kommen untersuchen lassen wie an chemischen Objekten, weil eben in den Organismen sich stetig Veränderungen unbekannter Natur volkiehen. Doch bleibt noch immer genug übrig, um reichlich Anregung zum Studium dieser Eigenschaften zu finden. Seit der Forschungsepoche von Mohl und Schleiden (l) ist in der Botanik die Erkenntnis fest begründet, daß das Protoplasma der Zellen pflanzlicher Organismen der Träger der Lebenserscheinungen sei, und daß das Leben erlischt, sobald die Zellen ihr Protoplasma verlieren. Ferd. Cohn (2) erklärte 1850 zuerst das pflanzliche Protoplasma und die tierische Sarkode für übereinstimmende Gebilde. Das Protoplasma mit seinen chemischen Eigenschaften bildet daher das erste und vornehmste Studienobjekt für die Biochemie. Eine Reihe von Beobachtungen hat ergeben, daß sich chemische Ver- änderungen verschiedener Art im Organismus auch an solchen Stellen regelmäßig vollziehen, die vom Zellplasma räumhch getrennt sind, z. B. in der Mittellamelle der Zellhaut. Die auffallenden Erscheinungen beim Wachstum der mit verschiedenfachen Leisten, Vorsprüngen, Stacheln versehenen Außenhaut von Sporen und Pollenkörnern hat H annig (3) in ihrem Wesen durch die Aufdeckung der „Periplasmodien" einfach erklärt. Die Ansicht, daß Protoplasma auch in der Zellmembran enthalten sei (4), ist unzureichend gestützt und auch vöUig entbehrUch. J. V. Hanstein (6) schlug vor, den Protoplasmaleib der Zelle, so- bald man ihn als organisches aktives Ganzes hinstellen will, als „Proto- 1) H. V. MoHL, Botan. Ztg. (1846), p. 73; Vegetabil. Zelle, p. 42 (1851). M. J. Schleiden, Grundzüge der wissensch. Botanik, 4. Aufl., p. 136 (1861); auch N. Pringsheim, Bau und Bildung der Pflanzenzelle (1854) [Ges. Abhandl., ///, 33.] — 2) F. CoHN, Nov. Act. Leopold., 22, 605 (1850). M. Schulze, Das Protoplasma d. Rhizopoden (1863). — 3) Chemische Veränderungen der Mittellamelle in verschie- denen Lebensstadien der Zelle. L. Manqin, Journ. de Botan. (1893). Ch. E. Allen, Botan. Gaz., 32, 1 (1901). Selbständiges Wachstum der Zellmembran: E. Stbas- BUBGEE, Wachst, veget. Zellhäute (Jena 1889) und Ja.arb. wiss. Botan., j/, 511 (1898). C. E. Coreens, Jahrb. wiss. Botan., 26, 587 (1894); Potan, Ztg. (1898), Abt. II, 219. H. FiTTiNG, Botan. Ztg. (1900), Abt. I, 131. E. Hannig, Flora 102, 209, 335 (1911). — 4) Allgemeines Vorkommen von Protoplasma in Zellmembranen nimmt besonders J. Wiesner an (Elementarstruktur und das Wachstum der lebenden Sub- stanz, p. 149 [1892]), zumindest eo lange, als die Zellhaut vrächst (Anat. u. Phys. d. Pfl., 4. Aufl., p. 27 [1898]). Vgl. auch F. O. Bower, Rep. Meet.. Brit. Assoc-, p. 535 (1883). — 6) Jon. v. Hanstein, Botan. Abhandl., 4, II, 9 (1880). 22 Erstes Kapitel: Das Substrat der chemischen Vorgänge. plast'* zu bezeichnen, während er „die hypothetische Stoffverbindung'" des Protoplasmas mit dem Namen „Protoplastin" belegen wollte. Mit dieser Unterscheidung des Apparates vom Stoff im Zellplasma war die Bahn betreten, welche in den letzten Dezennien zur Aufstellung der mo- dernen „Maschinentheorie" des Protoplasmas geführt hat. Diese Theorie steht im Gegensatze zu einer anderen Auffassung, welche aus den stoff- lichen Eigenschaften des Protoplasmas seine Fähigkeiten und Tätigkeiten erklären will. Die erste Ansicht hat besonders in J. Reinke (i) einen Vertreter gefunden, die zweite Anschauung wird beispielsweise von 0. LoEW (2) bevorzugt. Hier ist es nicht unsere Sache, zu untersuchen, wieweit ein voll- kommenes Verständnis der Lebenserscheinungen mit Hilfe der einen oder der anderen Theorie erreichbar erscheint. Naturgemäß hat sich die Bio- chemie aber an die Eigenschaften der Stoffe zu halten und zu erforschen, wieweit eine wissenschaftliche Erkenntnis durch das Studium stofflicher Eigenschaften möglich ist. Daß die Substanz des Protoplasmas kolloidalen Charakter hat und daß wesentlich Eiweißstoffe an ihrer Zusammensetzung beteiligt sind, ist bereits das p]rgebnis der ersten eingehenden Studien über das Zellplasma gewesen. Die kolloidale Beschaffenheit des Myxomycetenplasmas wurde von DE Bary und von Cienkow^ski (3) studiert. Der Eiweißgehalt wurde seit 1862 insbesondere durch J. Sachs und W. Hofmeister hervorgehoben. Letzterer (4) charakterisiert das Protoplasma, wie folgt: „Zähflüssige Beschaffenheit, reichlich Wasser enthaltend, von leichter Ver- schiebbarkeit seiner Teile; quellungsfähig, in hervorragender Weise die Eigenschaften einer Kolloidsubstanz besitzend — ein Gemenge verschie- dener organischer Substanzen, unter denen eiweißartige Stoffe und solche der Dextrinreihe nie fehlen, von der Konsistenz eines mehr oder minder dicklichen Schleimes, mit Wasser nur langsam und nicht in jedem beliebigen Verhältnisse mengbar: das Protoplasma." Hanstein (5) faßte sein „Protoplastin" direkt als „ein einheitliches Albuminat oder eine Gesellschaft von Albuminaten" auf. Ähnlich hatte sich bereits Schleiden (6) geäußert. Die erste eingehende quantitative Analyse eines vorwaltend aus Protoplasma bestehenden Materials war die bekannte Untersuchung des Plasmodiums von Fuligo varians (Aethalium septicum) durch Reinke (7) (1880). Das Material enthielt über 27 % der Trockensubstanz an Cal- ciumcarbonat. Nach Abrechnung dieses Bestandteiles stellt sich das Analysenergebnis Reinke s wie folgt: 1) J. Reinke, Untersuch, a. d. botan. Inst. z. Göttingen, II (1881), Einleitung in die theoret. Biologie, 2. Aufl. (1911); vgl, auch bes. W. Pfeffer, Pflanzenphysiol., 2. Aufl., /, 3 u. 52 (1897). — 2) O. Loew, Die chemische Ursache des Lebens, und viele spätere im folgenden zitierte Schriften dieses Forschers. — 3) Bary (Myceto- zoen [1864]) hält das Plasma für eine Substanz, die an verschiedenen Punkten wech- selnde Kohäaion besitzt. Cienkowski, Jahrb. wiss. Botan., j (1863) meint, das Plasma der Myxomyceten bestehe aus einer hyalinen zähen Grundmasse und einer körnerführenden Flüssigkeit. — 4) Hofmeister, Pflanzenzelle, p. 1 (1867). — 6) J. V. Hanstein, Das Protoplasma, p. 25 (1880). — 6) M. J. Schleiden, Grund- züge, 4. Aufl., p. 136 (1861). — 7) J. Reinke, Botan. Ztg. (1880), p. 815. Reinke und Rodewald, Untersuch, a. d. botan. Inst. Göttingen, II (1881). Reinke und Z. Krätschmar, Ebenda, III (1883); auch Reinke, Einleit. i. d. theoret. Biologie, p. 248 (1911);' vgl. auch Fürth, Vergl. Physiologie d. nied. Tiere, p. 36 (1903). A. Kanitz, Das Protoplasma als chemisches System. Oppenheimers Handbuch der Biochemie des Menschen und der Tiere, //, 1. Hälfte, 213 (1909). E. Zacharias, Sammelbericht üb. ehem. Beschaffenheit von Protoplasma u. Zellkern; Progress. rei bot., 3, 67 (1909). § 1. Das Protoplasma und seine Stoffe. 23 Phosphorhaltige Proteide (wenig Nuclein, viel ,, Plastin") . . 40,0 Proz. Eiweiß und Enzyme 15,0 Xanthinbasen, kohlensaures Ammon, Asparagin, Lecithin . . 2,0 Kohlenhydrate (Zucker und Glycogen) 12,0 ,, Fett 12,0 „ Harz 1,5 ,. Cholesterin 2,0 „ Calciumformiat, -acetat und -oxalat 0,5 Kali und andere anorganische Salze, Phosphorsäure .... 6,5 ,, Unbestimmte Stoffe 6,5 ,, Im Hinblick auf die seitdem weit vorgeschrittene chemische Technik und unsere heutigen Kenntnisse in der Eiweißchemie wären neuerliche Analysen von Schleimpilzen und anderen geeigneten Objekten von großem Interesse. Von einschlägiger Bedeutung ist eine Studie von Sosnowski (i) über die Bestandteile des Paramaecium caudatum, sowie eine Arbeit von 0. Emmerling(2) über die Hydrolyse von Noctiluca miliaris. Aus den Angaben von Reinke und Rodewald ist übrigens zu ersehen, daß 50 — 7ö 7o der Frotoplasmatrockensubstanz aus Stoffen der Eiweißklasse im weiten Sinne bestehen dürften, während von den übrigen Substanzen ungefähr die Hälfte Fett und Kohlenhydrate sein können. Reinke s „Plastin" ist viel zu unvollkommen bekannt (ebenso sein Aethalium-Myosin und Aethalium-VitelHn), als daß ein bestimmtes chemisches Urteil über die Substanz möglich wäre (3). Doch geht man kaum fehl, wenn man es als ein Gemenge komplexer Proteide ansieht. Über ähnliche Stoffe aus Paramaecium berichtet auch Sosnowski. Die genuinen Eiweißstoffe treten nach den bisherigen Erfahrungen im Proto- plasma nur in relativ kleiner Menge auf. In den Bereich der plastin- artigen Proteide zählen auch die von F. Schwarz (4) als Linin, Para- linin usw. bezeichneten Stoffe, deren namentliche Unterscheidung jedoch kaum empfehlenswert erscheint. Etard (5) hat diese konstiruierenden Proteide des Plasmas als „Protoplasmide" bezeichnet. Es wird sich z. B. auch bei der Analyse embryonaler Gewebe, welche mit Samenembryonen oder Wurzelspitzen ganz gut durchführbar wäre, voraussichtlich herausstellen, daß ähnlich wie bei Leukocyten Nucleo- proteide einen sehr erheblichen Anteil am Aufbau des Protoplasma (Zell- kern) haben können. Andere Differenzen sind bei Samenfäden voraus- zusehen, welche vielleicht wie tierische Spermatozoen reichlich Protamine oder Histone enthalten (6). Reinke hat das Verdienst, darauf hingewiesen zu haben, daß Eiweißstoffe nicht die einzigen wichtigen Protoplasmabestandteile sind, 1) J. Sosnowski, Zentr. f. Physiol., 13, 267 (1899). Die Hypothese von Herrera (Ref. Botan. Zentr. 92, 513, 93, 210 [1903] und Biochem. Zentr. [1903], Ref. Nr. 917), wonach da.s natürliche Protoplasma als ein „anorganisches, von man- cherlei Substanzen durchsetztes Metaphosphat" aufzufassen sei, entbehrt jeder Be- gründung. A. L. Herrera, Notions gönerales de biologie et de plasmogenie (Berlin 1906). - 2) O. Emmerling, Biochem. Ztsch., 18, 372 (1909). Über eine Coccidie: Th. Panzer, Ztsch. physiol. Chera., 7J, 109 (1911). — 3) Auch V. Ruzicka. Arch. Zeliforsch., /, 587 (1908) bringt nichts wesentlich Neues zur Plastinfrage. — 4) F. Schwarz, Die morphol. u. ehem. Zusammensetzung des Protoplasma. CoHNs Bei- träge Biol. d. Pfl, 5, I (1887). — 5) A. Etard, Ann. Inst. Pasteur, 75, 398 (1901); '7, 74 (1903). Über Hydrolyse von Protoplasmasubstanzen: A. Etard und A. ViLA, Corapt. rend., 150, 1709 (1910). — 6) Versuchern dieser Richtung bei E. Zacharias. Ber. botan. Ges., //, 293 (1893) [Zellkern]; ibid.. 19, 377 (1901) [Samenfäden]. 24 Erstes Kapitel: Das Substrat der chemischen Vorgänge. sondern eine Reihe andeier organischer Verbindungen, wie Lecithin. Cholesterin, Aminosäuren, Kohlenhydrate zum Bestände des Ganzen voraussichtlich ebenfalls nötig sind. Kossels (i) „primäre Zellbestand- teile" fallen wesentlich mit den Protoplasmabestandteilen Reinkes zu- sammen, während die „sekundären Zellbestandteile" die Reservestoffe, sowie die besonderen Zellen eigentümlichen Substanzen darstellen. Den hervorragend wichtigen Anteil, welchen die kolloidalen Eiweißst<>"o ' Protoplasmas an der Struktur des Protoplasten nehmen, haben aber Reinke und Rodewald dadurch anerkannt, daß sie dem Plasma die Natur eines festeren schwammartigen Gerüstes zuschrieben, welches aus äußerst feinen und zahlreichen anastomosierenden Platten und Fäden bestehe und in seinen Hohlräumen (Hansteins „Enchylema") Flüssigkeit enthalte. Damit war auch der Bedeutung kolloidaler Strukturen für die Verhältnisse der lebenden Zelle schon vorausgreifend Rechnung getragen. Allgemeine Betrachtungen über Kolloide (2). Die überragende Bedeutung kolloidaler Stoffe für die Organismen- welt ist seit langer Zeit erkannt. Die Biologie mußte es deshalb mit Freude begrüßen, daß seit einem Dezennium die wissenschaftlichen Chemiker mit großem Erfolg bestrebt sind, die Natur des kolloidalen Zustandes und dessen Beziehungen zum kristallinischen Zustande der Materie aufzuklären. Für den ersten Erforscher der Kolloide, Th. Graham (3), waren die von ihm so benannten Kolloide Stoffe, die in scharfem Gegensatze zu den „Kristalloiden" stehen. Kolloide diffundieren sehr langsam, passieren gar nicht durch Dialysiermembranen hindurch, und sind nicht in Kristallen zu erhalten. Kristalloide hingegen diffundieren und dios- mieren sehr schnell und leicht und kommen regelmäßig in Kristallform vor. Graham erschienen beide Gruppen wie zwei verschiedene Welten der Materie. Wir aber wissen heute, daß die Differenzen zwischen Kolloiden und Kristalloiden nur graduelle sind. Typisch kolloidale Zell- inhaltsstoffe, wie Albumine, Amylodextrin, konnten zum Kristallisieren gebracht werden, und andererseits sind viele typische „Kristalloide" bereits in kolloidalem Zustand erhalten worden. So bildet Kochsalz in Petroläther nach Paal(4) eine orangegelbe kolloidale Flüssigkeit. Viel- leicht sind die allermeisten Stoffe der inorganischen und organischen Welt unter geeigneten Bedingungen sowohl im kolloidalen als im kri- stalloiden Zustande existenzfähig und man hätte eher von kolloidalen und kristalloiden Zuständen, als von kolloidalen und kristalloiden 1) A. KOSSEL, Arch. Anat. u. Physiol., Phys. Abt., p. 181 (189J). Auf die geistvollen Ausführungen L. Erreras (Reo. d'Oeuvres, Physiol. Gön., p. 183 (1910), warum sich hauptsächlich nur Elemente niederen Atomgewichts am Aufbau der lebenden Substanz beteiligen, sei hier nur beiläufig hingewiesen. — 2) Aus der reichen Literatur über Kolloidchemie sind die für den Physiologen wichtigsten Werke: H. Freundlich, Kapillarchemie (Leipzig 1909). WO;. Ostwald, Grundriß der Kolloidchemie, 2. Aufl. (Dresden 1911). R. Zsigmondy, Über Kolloidchemie (Leipzig 1907). R Höber, Physikal. Chemie d. Zelle u. d. Gewebe, 2. Aufl. (Leipzig 1906). H. Bechhold, Die Kolloide in Biologie u. Medizin (Dresden 1912). R. Zsigmondy. Kolloidchemie (Leipzig 1912). — 3) Th. Graham, Lieb. Ann., /2/, 1 (1861). Auch Ostwalds Klassiker, Nr. 179 (1911). Nach J. Guareschi, KoUoid-Ztsch., 8, 113 (1911), hat Francesco Selmi bereits vor Graham die Unterscheidung zwischen Kristalloiden und Kolloiden erfaßt. — 4) C Paal, Ber. ehem. Ges. 39, 1436 (1906). § 2. Allgemeine Betrachtungen über Kolloide. 25 Stoffen zu reden (i). Immerhin neigen unter den gewöhnlichen Be- dingungen viele Stoffe so außerordentlich zur Annahme des kristallinischen Zustandes, andere so sehr zum kolloiden Zustand, daß sie praktisch nach wie vor als „Kristalloide" bzw. „Kolloide" gelten können. Die unscharfe Abgrenzung des Kolloidbegriffes äußert sich ferner darin, daß sich bei verschiedenen Kolloiden alle möglichen Abstufungen des Vermögens der Diosmose (2) ergeben haben, sowie auch ungleiche Ausprägung der an- deren typischen Kolloideigenschaften. Für solche Substanzen, zu denen physiologisch wichtige Stoffe wie Peptone und Seifen gehören, hat Freundlich die Benennung Semikolloide vorgeschlagen. Die Kolloide sind, wie es typisch der Leim zeigt, je nach dem Gehalte an Lösungsmittel (Wasser) entweder dünne, wasserähnliche oder viskose, klebrige, fadenziehende, dicke Flüssigkeiten, oder mehr oder weniger konsistente Gallerten, oder bei sehr geringem Wassergehalt selbst hornartig spröde feste Massen. Graham faßte die kolloiden Flüssigkeiten als „Sole" zusammen; die mehr weniger festen Zustände aber nannte er „Gele". In lebenden Zellen spielt ausschließlich Wasser die Rolle des Sol- bildenden Lösungsmittels und des Quellungsmittels gallertiger Gele. Es handelt sich um Hydrosole und Hydrogele. Künstlich wurden viele Sole und Gele bereitet, welche an Stelle von Wasser ein organisches Lösungsmittel, wie Alkohole, Petroläther, Be&zol, enthalten. Dies sind „Organosole" und „Organogele". Sole und Gele gehen bei den Zellkolloiden, wie Eiweiß, Leim, Stärkekleister, Seifen, kontinuierlich mit Abnahme resp. mit Zunahme des Wassergehaltes in- einander über. Hinreichenden Wassergehalt vorausgesetzt, spielt die Temperatur in den Beziehungen zwischen Solzustand und Gelzustand solcher Kolloide eine wichtige Rolle, so daß das Kolloid seinen gelartigen Zustand "-nur unterhalb einer bestimmten Temperaturgrenze beibehält und bei höheren Temperaturen ein Sol darstellt. Solche Veränderungen pflegen umkehr- bar zu sein. Die Vorstellungen vom festen und flüssigen Aggregat- zustand, der bei den Kristalloiden eine scharfe Grenze aufweist, passen meist nur unvollkommen auf derartige Kolloide, und es gibt hier zahl- reiche als halbflüssig, weich, halbfest zu bezeichnende Zustände, welche für die Kolloide des lebenden Protoplasmas bei gewöhnlicher Temperatur hoch charakteristisch sind, und in der unbelebten Natur unter den ge wohnlichen physikalischen Verhältnissen nirgends in dem Maße vor- kommen. Bei vielen anderen Kolloiden hingegen besteht zwischen Sol- und Gelzustand eine scharfe Grenze, so daß beim Erhitzen, oder durch kleine Zusätze von Stoffen, selbst durch starkes Schütteln eine mehr oder weniger vollständige Ausscheidung von Kolloid aus der Flüssigkeit als Gel erfolgt. Solche Vorgänge pflegt man als Gerinnung, Koagulation zu bezeichnen. Es ist sehr merkwürdig, wie geringe Anlässe häufig in Solen Koagulation erzeugen. Koagulationsprozesse innerhalb des Lebens der Zelle kennt man in der Biologie von den Veränderungen des Nah- rungseiweißes, welche vom Sekrete verdauender Zellen erzeugt werden. Sonst sind in lebenden Zellen, wenn man von Gelmembranbildungen 1) Am weitesten gehen in dieser Hinsicht die Auffassungen von P. v. Wei- MARX. z. B. Ztsch. Koll.chena., 2, 76 (1907); 8, 24 (1911). Ztsch. physikal. Chera., 76, 212 (1911). Grundzüge der Dispersoidchemie (Dresden 1911). Wo. 08TWAJ.,d, Kt)ll.Lliem. Beihrli, 4, 1 (1912). — 2) Die ersten genauen Versuche hierüber Staramen von W. Pfeffer, Osmot. Untersuchungen, p. 72 (1877). Über Diosmose kolloidaler Lösungen: K. Spiro, Hofmeisters Beitr., 5, 292 (1904). 26 Erstes Kapitel: Das Substrat der chemischen Vorgänge. absieht, Koagulationsvorgänge nur necrobiotische oder uecrotische Vor- gänge, die mit dem Tode der Zelle verknüpft sind. In neuester Zeit hat man die Ausscheidung fester Kohlenhydrate, wie von Stärke in lebenden Zellen, mit Koagulation verglichen. Ein Seitenstück zur Koagu- lation bildet die Ausscheidung einer nicht mischbaren Flüssigkeit aus dem ursprünglichen Kolloid, wie aus Fettemulsionen, Vorgänge, die wir als Entmischung bezeichnen wollen. Die kolloidalen Zustände machen sich besonders bei den hoch zu- sammengesetzten Kohlenstoffverbindungen, wie Lipoiden, Kohlenhydraten,. Farbstoffen, Eiweißkörpern, außerordentlich geltend, also wie man sieht, gerade bei den wichtigsten Aufbaumaterialien der lebenden Zelle. Doch neigen sehr zahlreiche inorganische Stoffe gleichfalls mehr oder weniger zur Annahme des kolloiden Zustandes, wie man von der Kieselsäure,. Zinnsäure, verschiedenen Metallsulfiden, Arsensulfid, Metallhydroxyden schon lange weiß. In neuerer Zeit haben die aus reinen Metallen hergestellten Sole reges Interesse auf sich gelenkt, besonders seit Bredig (1) die schöne Methode der Zerstäubung von Platin, Gold und anderen Metallen in Drahtform im elektrischen Lichtbogen aufgefunden hat, und die Bedeutung solcher Metall- sole für die Theorie des kolloidalen Zustandes erkannt worden war. Metall- sole lassen sich auf außerordentlich verschiedene Art und Weise erhalten, sehr allgemein durch Reduktions Vorgänge (2) unter bestimmten Be- dingungen. Nach SvEDBERG (3) sollen sogar manche Metalle, vsde Blei, durch Bestrahlung mit ultraviolettem Licht, durch Zerstäubung, in Sol- form zu bringen sein. Erwähnt sei, daß Neuberg (4) und seine Mitarbeite- die Sulfate der Erdalkahmetalle, sowie einige unlösUche Magnesiumverbin- dungen als gelatinöse Kolloide erhalten haben. Paal (5) gelang es eine Reibe von Chloriden, Bromiden, Jodiden der Alkahmetalle als Organosole darzustellen, von denen NaCl in Petroläther eine orangefarbene Flüssigkeit darstellt. Das Studium der flüssigen kolloidalen Zustände oder der Sole hat sich bisher als das Gebiet der erfolgreichsten Erforschung der Kolloide erwiesen. Für die Physiologie sind die Hydrosole von ganz besonderer Bedeutung, da im lebenden Protoplasma vor allem Kolloide solcher Art eine große Rolle spielen. Der Vorgang der Auflösung eines festen Kolloids in Wasser macht zwar äußerlich den Eindruck eines Lösungsprozesses, doch sind die physikalischen Eigenschaften der er- haltenen Auflösung von den bekannten Eigenschaften von Salzlösungen 1) G. Bredig, Ztsch. Elektrocheiu., 4, 514 (1898); Anorganische Fermente, p. 21 (1901); Ztsch. physik. Chem., j2, 126 (1900). Die gefärbten Gläser, wie Rubinglas, sind ebenfalls kolloidale Metallösungen. — 2) Eine Zusammenfassung der bisher bekannten Methoden zur Herstellung von inorganischen Solen findet sich in dem umfassenden Werke von The Svedberg, Die Methoden zur Herstellung kolloi- daler Lösungen anorgan. Stoffe (Dresden 1909). L. Va_nino u. F. Hartl, Ber. chem. Ges., J7, 3620 (1904) haben Aspergilluskulturen zur Herstellung von Metall- solen benützt. Spuren von vielen Schwermetallen sind bekanntlich in reinem Wasser kolloidlöslich. Vgl. M. TRAUBE-MENGARrNi u. A. ScALA, Atti Acc. Line. Roma (5), 19, IT, 505 (1910). Ztsch. KoU.Chem., /o, 113 (1912). — 3) The Svedberg, Ber. chem. Ges., 42, 4375 (1909). Vgl. jedoch F. Schulze, Ber. physik. Ges. (1912), p. 246. — 4) C. Neuberg u. E. Neimann, Biochem. Ztsch., /, 166 (1906). Neuberg u. B. Rewald, Ebenda, 9, 537 (1908). — 5) C Paal, Ber. chem. Ges., jp, 1436 (1906). Paal u. G. Kühn, Ebenda, p. 2859, 2863; 41, 51, 58 (1908). Paal u. K. Zahn. Ebenda, 42, 277, 291 (1909). Über Kochsalzgallerten ferner P. v. Weimarn, Ztsch. KoU.Chem.. 7, 92 (1910). § 2. Allgemeine Betrachtungen über Kolloide. 27 außerordentlich verschieden. Wie zuerst Pfeffer (l) gezeigt hat, ist der osmotische Druck solcher „kolloidaler Lösungen" im Vergleiche zu den Lösungen kristalloider Stoffe relativ sehr klein. Li den Versuchen von Linder und Picton (2) an Arsensulfid und FefOHja- Solen, wo dafür gesorgt wurde, daß auch die letzten Spuren beigemengter Elektro- lyte durch Dialyse entfernt wurden, wurden nur sehr geringe und schwankende Druckwerte (1,2 cm Hg für 2,5% As.^Sg) erhalten. Lillie (3) bekam bei einer Ovalbuniinlösung von 12,5 g pro Liter bei Zimmer- temperatur durchschnittlich 2,0 cm Hg -Druck. Auch die Arbeiten von Moore und Roaf (4) lassen daran nicht zweifeln, daß kolloidale Lösungen tatsächlich kleine osmotische Druckwerte haben, wenn auch in vielen früheren Versuchen Beimengungen von löslichen Salzen irrige Angaben veranlaßt haben mögen. Größere Salzbeimengungen drücken übrigens aus später zu erörternden Gründen die osmotischen Werte kolloider Lösungen herab (Lillie). Analoge Ergebnisse hatten auch die Versuche, die Ge- frierpunktsdepression und Siedepunktserhöhung kolloider Lösungen zu messen (5), Da Gefrierpunktsdepression und Siedepunktserhöhung um so geringer sind, je gi'ößer das Molekulargewicht der gelösten Substanz ist, so wurde aus dem Verhalten kolloider Lösungen auf ein sehr hohes Molekulargewicht und sehr große Moleküle für Kolloide geschlossen [Paterno, Sabanejeff (6)]. Nach letzterem Autor beträgt das Molekulargewicht der kolloidalen wässe- rigen Tanninlösung 1322; füi- Eieralbumin ist es kaum weniger als 15000; für die Stärke wurde über 30 000 (7), und für das Kieselsäurehydrogel von Sabanejeff sogar mehr als 49 000 als Molekulargewicht angegeben. Diese Zahlen sind natüidich nur als annähernde Werte zu betrachten (8). Sehr zu beachten ist, daß bei den meisten Solen die Teilchengröße mit wachsender Verdünnung abnimmt, so daß die ermittelten „Molekular- größen" nur für bestimmte Verdünnungsgrenzen gelten. Übrigens konnten Bruni und Pappadä (9) durch möghchst vollkommenes Ausdialysieren von Solen aus SiOg, Eiweiß und Gelatine die Gefrierpunktsdepression unter die Grenzen der Meßbarkeit vermindern. Die Diffusion der kolloidalen Flüssigkeiten ist hingegen leicht mit Hilfe der gewöhnhch angewendeten Methoden messend zu verfolgen, wie schon in den grundlegenden Arbeiten von Graham (1862) und Stefan (1874) 1) W. Pfeffer, Osmotische Untersuchungen (1877). Osmotische Versuche an Jodstärkelösungen stellten an H. Rodewald u. A. Kattein, Ztsch. physik. ehem., 33, 579 (1900). J. Duclaux u. E. Wollmann, Compt. rend., 152, 1580 (1911). — 2) E. Llnder u. H. Picton, Journ. Chem. Soc, 87, 1906 (1905). — 3) R. S. Lillie, Amer. Journ. Physiol., 20, 127 (1907). — 4) B. Moore u. H. E. RoAF, Biochem. Journ., 2, 34 (1906). Osmotische Versuche mit kolloiden Farbstoffen: W. M. Bayliss, Proceed. Roy. Soc, B.Si, 269 (1909). W..Biltz u. A. v. Vegesack, Ztsch. physik. Chem., 68, 357 (1909); 73, 481 (1910). über Osmo.se von Kolloiden sodann J. Duclaux, Compt. rend., 140, 1544 (190.Ö); Journ. de Chim. phys., 5, 29 (1907); Koll. Ztsch., j, 126 (1908). — 5) Z. B. G. Malfitano u. S. Michel, Compt. rend., 143, 1141 (1906). — 6) E. Paternö, Chem. Zenir. (1890), /, 75. A. Sabane- jeff, Chem. Zentr. (1891), /, 10. — 7) Brown-Millar, Journ. Chem. Soc. 75, 331 (1898). H. Rodewald u. A. Kattein, Ztsch. physik. Chem., 33, 579 (1900). Wei- tere Literatur über Siedepunktserhöhung u. Gefrierpunktsdepression kolloider Lösungen bei Wo. Ostwald, Grundriß der Kolloidchemie, 1, Aufl., p. 174 (1909). Sodann J. Duclaux, Compt. rend., 148, 714 (1909). — 8) Über die verschiedenen Bedenken hinsichtlich der Molekulargewichtsbestiraraung bei Kolloiden vgl. Wo. Ostwald, Kolloidchemie, 1. Aufl., p. 177 (1909). — 9) G. Bruni u. N. PappadI, Atti Accad. Lincei Roma (5), IX, /, 354 (1900). G. Malfitano, Compt. rend., 142, 1418 (1906). 28 Erstes Kapitel: Das Substrat der chemischen Vorgänge. dargetan worden ist. In neuerer Zeit hat besonders Herzog (1) für eine Re-he von Eiweißstoffen und Enzymen die Diffusionskonstanten bestimmt. Mit Hilfe der Diffusionskoeffizienten läßt sich gleichfalls das Molekular- gewicht annähernd ermitteln. Herzog berechnete so für Ovalbumin 17 000, für Ovomukoid 30 000, Pepsin 13 000, Invertin 54 000 und Emulsin 45 000 als ,, Molekulargewicht". In den Untersuchungen von Svedberg (2) ergab sich für viele organische Stoffe eine befriedigende Übereinstimmung mit der theoretischen Folgerung aus der Formel von Einstein und Smoluchüwski, daß unter sonst gleichen Verhältnissen Diffusionskoeffizient und Molekular- diameter umgekehrt proportional sind. Kolloidale Lösungen filtrieren schwierig. Schon Traube (3) suchte die Zurückhaltung von Kolloidlösungen durch tierische Membranen für die Annahme großer Moleküle bei den Kolloiden zu verwerten („Porentheorie" der semipermeablen Membranen). Dabei bheben jedoch die T^ösungs- und Adsorptionsverhältnisse unbeachtet. Später hat es Barus j.«; unternehmen wollen, die Dimensionen der Teilchen kolloider Lösungen durch Hindurch- pressen durch Membranen von bekannter Porenweite zu bestimmen. In neuerer Zeit bedeuten die Arbeiten von Bechhold (5) über ,.,Ultrafiltration" einen wesentlichen Fortschritt auf diesem Gebiete. Wenn man Papier filter- scheiben mit Gelatinelösungen von verschiedener Konzentration tränkt, so erhält man Filter von sehr verschiedener Durchlässigkeit für gelöste Kolloide. Die Abstufungen stimmen recht wohl überein mit den anderweitig ermittelten Teilchengrößen der gelösten Kolloide, so daß man die Bechhold- schen Ultrafilter wohl als eine Art Sieb für Kolloidteilchen differenter Größe ansehen darf, sobald die Teilchen eine innerhalb enger Grenzen unveränder- hche Form haben, was nicht immer zutreffen muß (6). Besonders folgenreich für die Entwicklung der Kolloidchemie war das Studium der optischen Eigenschaften kolloider Lösungen. Kolloid- lösungen zeigen das sogenannte „Tynd all -Phänomen", d. h. sie zer- streuen einfallendes Licht und das zerstreute Licht ist polarisiert. Daraus darf man schließen, daß das Licht an kleinen in der Flüssigkeit suspen- dierten Teilchen reflektiert wird. Die kolloidalen Lösungen sind dem- nach keine homogenen Systeme. Die wichtigen Untersuchungen von LoBRY DE Bruyn Und WoLFF (7) haben aber erwiesen, daß auch echte Lösungen von Substanzen mit hinreichend hohem Molekulargewicht, wie Saccharose und Raffinose, selbst nach sorgfältigster Reinigung, den Zer- streuungskegel einfallender Lichtstrahlen zeigen. Daraus ersehen wir, 1) R. O. Herzog, Ztsch. KoU.Chem.. 2, 1 (1907); j, 83, (1908); Zentr. Physiol. (1907), p. 477; Herzog u. H. Kasarnowski, Biochem. Ztsch., //, 172 (1908). Herzog, Ztsch. Elektrochem., 77, 679 (1911). — 2) The Svedberg u. A. Andreej^-Svedberg, Ztsch. physik. Chera., 70, 145 (1911). Arkiv f. Kemi, 4, 1 (1912). — 3) M. Traube, Arch. Anat. u. Physiol. (1867), p. 87. — 4) C. Barus. Amer. Journ. Scienc, 48, 451 (1895). Hindurchpressen durch Chamberlandkerzen: C. J. Martin, Journ. of Physiol., 20, 364 (1896). -- 5) H. Bechhold, Koll. Ztsch., 2, 3 (1907). Ztsch. physik. ehem., 60, 257 (1907); 64. 328 (1908). Biochem. Ztsch., 6, 379 (1907h A. V. Lebedew, Zentr. Physiol. (1910), p. 511. R. Buriän. Ebenda (1909), p. 767. J. DucLAUx, Koll. Ztsch., 3, 126 (1908). Borrel u. Manea, C. r. Soc. ßiol., 2, 317 (1904). H. Bechhold, Abderhaldens Hdb. biochem. Arbeitsmethoden, V, 1086 (1912). A. ScHOEP, Ztsch. f. Chem., ik. Chem., 45, 608 (1903). — 4) F. Czapek, Eine Methode z. direkt. Best. d. Oberflächenspannung d. Plasma- haut, p. 61 ff. (Jena_19ll). — 5) Quincke, Wiedemanns Ann., 35, 582 (1888). — 6) Vgl. Garrett, Üb. d. Viskosität einiger Kolloidlösungen. Di.«isert. (Heidelberg 1903), p. 51. Gokun, Ztsch. Koll.chem., 3, 84 (1908). M. Albänese, Arch. exp. Pathol., Schmiedeberg -Band, p. 16 (1908). R. O. Herzog, Koll. Ztsch., 8, 210 (1911). L. Dienes, Biochem. Ztsch., 33, 222 (1911). E. C. Bingham u. G. F. White, Journ. Amer. Chem. Soc, 33, 1257 (1911). H. W. Woüdstra, Ztsch. Koll.chem.. 8, 73 (1911). G. F. White; Biochem. Ztsch., 37, 482 (1911). H. Chick u. Martin, Ztech. Koll.chem., //, 102 (1912). 3* 36 Erstes Kapitel: Das Substrat der chemischen Vorgänge. H. Handovsky (1)). Die Viscositätskurven lassen sich sehr gut zur Verfolgung von Fällungserscheinuugen usw. bei Kolloiden anwenden. Die Diffusion lösungsartiger Ilydrosole ist leicht durch Messung zu kontrollieren. Der osmotische Druck ließ sich für viele Hydrosole seit Pfeffers ersten Versuchen bestimmen. Hingegen versagt die kryosko- pische Methode fast völlig. Das elektrische Verhalten amikronischer Hydrosole ist in wichtigen Punkten von den elektrischen Eigenschaften der suspensionsartigen Kolloide verschieden. Schon die Kataphorese ist weniger markant, da die Geschwindigkeit der wandernden Teilchen kleiner ist, und der Sinn der elektrischen Ladung bei den amikronischen Hydrosol- Pajtikeln nicht als unabänderlich zu gelten hat, sondern von der basi- schen oder sauren Reaktion des Dispersionsmittels wesentlich bestimmt wird. Pauli (2) hat sehr sorgfältig ausdialysierte Eiweißlösung durch Zusatz von etwas Alkali stark negativ, durch Säure stark positiv elek- trisch aufzuladen vermocht, so daß die Wanderungsrichtuug bei der Kata- phorese in beiden Fällen entgegengesetzt war. (Umladung von Hydro- solen.) Konstant positive und negative Sole gibt es somit hier nicht mehr. Die wichtigsten Hydrosole, mit denen es die Biologie zu tun hat, die Eiweißlösungen, sind nach den umfassenden Untersuchungen von Michaelis (3) in den meisten Fällen praktisch elektrisch amphotere Sole, ebenso die Enzymlösungen. Der isolelektrische Punkt, wie er durch die Methode der elektrisclien Überführung bestimmt wird, liegt sehr nahe dem Neutralitätspunkt (für Gelatine bei einer H-Ionenkonzen- tration von 2,5xlO~^); er stimmt gut mit dem Quellungsminimum überein. Sind zwei amphotere Sole in Mischung, so liegt ihr Flockungs- optimum zwischen den isoelektrischen Punkten beider Komponenten. Die elektrische Leitfähigkeit der lösungsartigen Sole ist eine sehr ge- ringe und Verunreinigungen durch Elektrolyte sind hier äußerst wirksam. Die geringe Bedeutung elektrischer Charaktere bei amikronischen Hydrosolen zeigt sich auch darin, daß sie durch kleine Elektrolytmengen nicht ausgeflockt werden. Erst hohe Salzkonzentrationen erzeugen in Stärke- oder Eiweißsolen oder Pflanzenschleimen Fällungen. Man nennt dies Aussalzen. Die Fällungen mit Neutralsalzen der Alkalimetalle sind stets reversibel, und in vielen Fällen ein bequemes Mittel, solche Kolloide abzuscheiden. Es ist ohne weiteres klar, daß man es hier mit Erscheinungen zu tun hat, welche der Löslichkeitserniedrigung bei Krystalloiden durch bestimmte Stoffe analog sind. Überhaupt lassen sich bei einer großen Reihe von Emulsionskolloiden viele Vorgänge mit Lösungs- und Fällungserscheinungen vergleichen. Man kann daher in Anlehnung an Perrin(4) und Freundlich Sole mit derartigen Eigen- schaften als lyophil bezeichnen. Ostwald (5) findet es richtiger, den Begriff der „Lyophilie" durch den der „Solvatation" zu ersetzen. Zu bemerken ist, daß nicht alle amikronischen Sole lyophil sein müssen. Als Gegensatz zu „Lyophilie" hat man von lyophoben Solen gesprochen. 1) W. Pauli u. H. Handovsky, KoU. Ztsch., j, 2 (1908). — 2) Wo. Pauli, Hofmeisters Beitr., 7, 531 (1906). Methoden der Dialyse: ZuNZ, Abderhaldens Hdb. biochem. Arb.meth., 6, 478 (1912). — 3) L. Michaelis, Biochem. Ztsch., jp. 496; 41, 373 (1912); Nernst-Festschrift, p. 308 (1912). Vgl. auch G. R. Mines, Journ. of Physici., 43. 14 (1911); Koll.chem. Beihefte, 3, 191 (1912). P. Richter, Ztsch. phyMk. ehem., 80, 449 (1912). — 4) J. Perbin, Journ. de Chim. phys., 3, 50 (1905). Freundlich u. W. Neumann, Ztsch. Koll.cnem., j, 80 (1908). — 5) Wo. Ostwald, Ztsch. Koll.chem., //, 230 (1912). § 2. Allgemeine Betrachtungen üher Kolloide. 37 wenn die erwähnten lösungsartigen Eigenschaften fehlen. Mit „Suspea- soiden" möchte ich den Begriff der lyophoben Kolloide keineswegs streng verknüpfen. Hofmeister (1) fand zuerst die fundamentale Tatsache, daß die Anionen der Neutralsalze sich in ihrer eiweißfällenden Wirksamkeit unter- scheiden. Bei den Natriurasalzen ergab sich, daß das Citrat und Tar- trat am stärksten fällen, Nitrat und Chlorat relativ am schwächsten. Die Reihenfolge war Sulfat >- Phospliat >> Acetat > Chlorid > Nitrat > Bro- mid>> Jodid >>Rhodanat; in anderön Versuchen: Citrat >> Tartrat >• Sul- fat >> Acetat >> Chlorid >- Nitrat >> Chlorat Natriumjodid und Rhodanat waren in den herstellbaren Konzentrationen überhaupt unwirksam. Dies gilt im neutralen Eiweißsol. In schwach saurer Lösung kehrt sich, wie aus dem oben dargelegten elektrischen Verhalten der Sole vorauszusagen ist, diese Anionenreihenfolge um (2). Die SciiULZEsche Regel bezüglich der Wirksamkeit verschiedenwertiger Kationen gilt hier ebenfalls. Da jedoch Pauli (3) gefunden hat, daß auch elektrisch neutrales Eiweiß durch Neutralsalze in der angegebenen Weise gefällt wird, so wären nicht nur elektrische Vorgänge für das Zustandekommen dieser Erschei- nung verantwortlich zu machen. Übrigens haben auch Nichtelektrolyte (Alkohol, Chloroform) fällende Wirkung. Von dem Prozesse des Aussalzens sind andere Vorgänge, welche gleichfalls in der Abscheidung eines Hydrogels aus dem Hydrosol be- stehen, streng zu scheiden. Einmal kann der Fall eintreten, daß das Hydrosol nur zwischen bestimmten (höheren) Temperaturgrenzen beständig ist, und sich in ein Hydrogel umwandelt, sobald die Tem- peratur unter ein bestimmtes Maß sinkt. Gerade physiologisch wichtige organische Hydrosole, wie Stärkekleister und Gelatine, sind typische Beispiele hierfür. Es wird sich empfehlen, hier von Erstarren oder Gelatinieren des' Hydrosols zu sprechen; die Verflüssigung des Gels bei Wiederansteigen der Temperatur mag man immerhin als .,Schraelzen*' bezeichnen. Der Prozeß des Gelatinierens ist typisch um- kehrbar. Vielleicht haben manche Vorgänge des Kältetodes bei Pflanzen, welcher bekanntlich nicht immer erst mit der Eisbildung in den Geweben verknüpft ist, mit derlei Vorgängen etwas zu tun. Wenigstens lassen sich die durch die niedere Temperatur welk gewordenen Pflanzen eine gewisse Zeit hindurch noch retten, indem man die Temperatur ent- sprechend erhöht; dies spricht für reversible Wirkungen. In das Hydrogel geht oft, wie bei der Gelatine, praktisch das gesamte Dispersionsmittel auf. In anderen Fällen, wie beim Erstarren von Agar, wird ein größeres Quantum von Wasser bei der Gelbildung ausgestoßen. Als Gerinnung oder Koagulierung im engeren Sinne möchte ich die irreversiblen Gelbildungen au'ö Hydrosolen bezeichnen, welche in der Abscheidung eines relativ wasserarmen Gels bestehen, welches in kleineren oder größeren Flocken sich aus dem Dispersionsmittel ab- scheidet. Dabei kann sich je nach den Reaktionsbedingungen nur ein kleinerer oder ein größerer Teil der dispersen Substanz, oder auch die letztere quantitativ vollständig vom Dispersionsmittel trennen. Intra- vital kommen solche Prozesse kaum jemals vor. Hingegen ist mit dem Tode der Zelle sehr gewöhnlich typische Koagulation von Plasmakollo- 1) F. Hofmeister, Arch. exp. Path., 24, 247 (1888). Lewith, Ebenda, p. 1 (1888). — 2) Wo. Pauli, Hofmeisters Beitr., 5, 27 (1904). Posternak, Ann. Inst. Pasteur, 15, 85 (1901). — 3) Wo. Pauli, Hofmeisters Beitr., 7. 531 (1906). 38 Erstes Kapitel: Das Substrat der chemischen Vorgänge. iden verbunden. Koagulierung und Gelatinierung lassen sich aller- dings nicht in allen Fällen scharf scheiden. So hat das langsame, durch verschiedene Einflüsse zu beschleunigende Erstarren von Kieselsäure- hydrosolen äußerlich völlig den Charakter von Gelatinierungsprozessen, ist jedoch nicht umkehrbar und ähnelt in seinem Effekt außerordentlich den echten Gerinnungsvorgängen. Bei Eiweißsolen ist hingegen Gela- tinieren bei Wasserentziehung bei mäßig hoher Temperatur und Gerin- nung bei höheren Temperaturen scharf verschieden : dieses ist umkehrbar, jenes nicht. Der V'erlust der Gelatinierbarkeit bei Gelatine, die höheren Temperaturen länger ausgesetzt war, beruht auf chemischen Veränderungen. Zu beachten bleibt, daß irreversibel scheinende Vorgänge dennoch reversibel sein könnten, jedoch mit sehr geringer Geschwindigkeit. Pauli (D hat darauf aufmerksam gemacht, daß bei reversiblen Kolloid- prozessen der Rückweg zum Ausgangszustand nicht immer derselbe sein muß, wie der Weg zu der gesetzten Veränderung. Sehr klar ist dies beim Ausfriereu von Gelatine, wo man stärker erwärmen muß, um das ursprüngliche Sol wieder herzustellen. Pauli nannte solche Prozesse heterodrom. Hingegen wäre das Erstarren und Verflüssigen von Ge- latine zwischen Zimmertemperatur und + 40 "^ ein homodromer Prozeß. Salze haben eine ausgeprägte Wirkung auf die Gelatinierungsgeschwin- digkeit. Wie Pauli (2) fand, erhöhen Sulfate, Acetate, Tartrate die Zähig- keit von Gelatinelösung und verkürzen die Erstarrungszeit. Hingegen ver- ringern Ghoride, Nitrato, Bromide, Jodide, Bhodanate die Zähigkeit und hemmen das Erstarren. Die Wirkung der Anionen ist also ganz analog dem oben erwähnten Einfluß auf das Aussalzen von Hydrosolen. Eine inte- ressante noch nicht aufgeklärte Tatsache ist es, daß manche Nichtelektro- lyte, besonders solche, welche wie Zuckerarten, Hexite usw. reich an OH- Gruppen sind, das Erstarren beschleunigen ; Harnstoff und dessen Derivate hemmen, ähnlich wie die Ausflockung von suspensionsartigen Kolloiden von diesen Stoffen in gleichem Sinne beeinflußt wird. Die Eiweißsole bieten ein typisches Beispeil dafür, wie durch hohe Temperaturen Koagulation befördert wird (Hitzegerinnung) (3). Man weiß heute, daß lonenwirkungen sich hier in bedeutendem Maße geltend machen. Paulis sorgfältig ausdialysierte Eiweißlösungen zeigten keine scharfe Gerinnungstemperatur, sondern schieden allmähüch flockige Fällungen aus. H-Ionen fördern, OH-Ionen verzögern die Hitzegerinnung; Erhöhung des Koagulationspunktes wird auch durch sehr verdünnte AlkaHsalzlösungen hervorgerufen. Manche Eiweißstoffe sind übrigens in der Hitze ungerinnbar. Bei allen diesen Prozessen sind wohl in erster Linie LösHchkeitsbeein- flussungen im Spiele, in einem Maße, wie sie sich bei Suspensionskolloiden nicht finden. Dieselben Gegensätze zwischen suspensionsartigen und lösungsartigen Kolloiden, wie sie sich in ihrem Verhalten gegen Elektrolyte äußern, finden wir auch in der Wechselwirkung zweier Sole. Schon Graham sah, daß ein Kolloid ein anderes auszuflocken imstande ist. In neuerer Zeit fanden Neisser, Friedemann und Bechhold (*), daß sich Kolloide und 1) Wo. Pauli, Naturwiss. Wochschr. (1902), Nr. 25 ff. Ergebn. d. Physio- logie, 4. Jahrg. — 2) Wo. Pauli, Pflüg. Arch., 7/, 323 (1898). S. Lewites, Koll. Ztsch., 2, 161 (1908); Ebenda, p. 237. — 3) Hierzu^ bes. Wo. Pauli, Pflüg. Arch., 78, 315 (1899). Hofmeisters Beitr., 10, 53 (1907). Pauli u. Handovski, Ebenda, //, 415 (1908). HÖBER, Ebenda, p. 50. G. Buglia, Koll. Ztsch., 5, 29 (1910); Ebenda, p. 291. — 4) M. Neisser, U. Friedemänn, München, med. Wochschr., 51, XI (1904). Larguier de Bancels, Compt. rend., 140, 1647 (1905); 143, 174 (1906). H. Bechhold, Ztsch. physik. Chera., 48, 385 (1904). § 2. Allgemeine Betrachtungen über Kolloide. 39 grobe Suspensionen entgegengesetzter elektrischer Ladung, in bestimmtem Verhältnis zusammengebracht, gegenseitig ausflocken. Bei Überschuß des einen Kolloides war keine Fällung zu beobachten. Sodann bewies besonders BiLTZ (1), daß sich entgegengesetzt geladene Suspensionskolloide auch ohne Elektrolytzusatz als gemischte Gele ausfällen, während gleichsinnig ge- ladene Suspensionskolloide aufeinander nicht einwirken. Wie bei der Aus- flockung durch Elektrolyte, so spielt auch hier die Schnelhgkeit des Zusatzes eine Rolle. Michaelis und Pincussohn (2) konnten bei der Ausflockung von Mastixkolloid durch Indophenolsuspensoid ultramikroskopisch direkt beobachten, wie die roten Indophenolsubmikronen von den farblosen Mastix- teilchen eingehüllt wurden, und sich so größere, an Zahl geringere Partikel der Ausflockung formierten. Bei der Kataphorese verhält sich nun die Aus- flockung wie Mastix negativ elektrisch. Die amikronischen Hydrosole lassen auch in ihrer Wechselwirkung die konstanten elektrischen Quahtäten sehr in den Hintergrund treten. Eiweißsole können durch basische, wie durch sauere Kolloide gefällt werden. Lecithinsol verhält sich basisch und wird durch Tanninsol ausgefällt. Auch hier wirken zu kleine und zu große Mengen des zugesetzten Kolloides nicht fällend. Dies gestattet wiederum den Schluß, daß bei der Fällung ein Kolloid die Teilchen des anderen einhüllt. Michaelis und RoNA (3) haben dies in ingeniöser Weise benützt um Eiweiß durch Mastix quantitativ zu fällen. Man braucht zu Eiweißsol nur viel Mastix- suspensoid zuzusetzen, so daß alle Eiweißamikronen eine Hülle aus Mastix- teilchen haben, und kann dann durch eine kleine Elektrolytmenge genau so fällen als ob man reines Mastixsuspensoid vor sich hätte. Für diese Ein- hüllung ist die Benennung „Schutzkolloidwirkung" durch Bechhold (*) eingeführt worden. Schutzkolloide machen Sole viel beständiger. Deshalb kann man bei Gegenwart von Dextrin und anderen kolloiden Pflanzenstoffen Schwefelblei, Silber und andere unlösliche Stoffe in Form von kolloiden Lö- sungen erhalten. Zu den Schutzkolloidwirkungen gehört offenbar auch die emulgierende Wirkung von kleinen Alkalizusätzen zu Ölwassergemischen, wo das Alkah mit der Fettsäure dünne Seifenhüllen um die Ölteilchen bildet, welche so am Zusammenfüeßen gehindert werden (5). Wichtig scheint es zu sein, daß der Schutzstoff capillaraktiv ist und eine größere Viscosität besitzt. Amphoteres Eiweiß ist auf die StabiUsierung von Fettemulsionen von gar keinem Einfluß, wohl aber sauere und alkalische Eiweiß lösungen (6). Hatschek hat interessante Versuche gemacht, die Dicke dieser Adsorptions- hüllen aus der inneren Reibung von Emulsionen zu berechnen und kam für Schwefelsol zum Werte von 0,87 [X(a. Auf die verwickelten Wechselbe- ziehungen, welche nicht selten zum Auftreten von zwei Flockungszonen 1) W. BiLTZ, Ber. ehem. Ges., J7, 1095 (1904). O. Tbague u. B. H. Bux- TON, Ztsch. physik. Chem., 62, 287 (1908). — 2) L. Michaelis u. L. Pincus- sohn, Biochem. Ztsch., 2, 251 (1906). — 3) L. Michaelis u. P. Rona, Biochem. Ztsch., 2, 219 (1906). — 4) H. Bechhold, Ztsch. Elektrochem., //, 339 (1905). Gummi als Schutzkolloid für Metallsole. E. W. Lewis u. Waumsley, Journ. Soc. €hem. Ind., j/, 518 (1912). — S) Donnan, Ztsch. physik. Chem., 31, 42 (1899). Früher Quincke, Wiedemanns Ann., 35, 580 (1888). W. R. Waftney u. A. Straw, Journ. Amer. Chem. Soc, 29, 325 (1907). G. Keppeler u. A. Spangenbebq, Journ. f. Landwirtsch., 55, 299 (1907). Über Ölemulslonen femer G. Wiegner, Koll.chem. Beihefte, 2, 213 (1911). Bancelin, Compt. rend., 152, 1382 (1911). E. Hatschek, Koll. Ztsch., p, 159 (1911); 10, 79 (1912); //, 280, 284 (1912). E. C. Binqham u. White, Journ. Amer. Chem. Soc, 33, 1257 (1911). R. Ellis, Ztsch. physik. Chem., 78, 321 (1911); 80, 597 (1912). — 6) Vgl. W. D. Banoroft, Journ. Physic Chem.. 16, 177, 345, 475 (1912). 40 Erstes Kapitel: Das Substrat der chemischen Vorgänge. bei verschiedener Konzentration des zugesetzten Stoffes führen, kann hier nicht näher eingegangen werden (1). Als Semikolloide fassen wir im Anschluß an Freundlich die Übergangsstufen zwischen wahren Lösungen und Solen (Emulsions- kolloiden) zusammen. Derartige Stoffe, wie die physiologisch bedeutungs- vollen Peptone (Albumosen), Gerbstoffe und Seifen haben kryoskopisch bestimmbares Molekulargewicht, sicher unter 1000 gelegen, und besitzen meßbares elektrisches Leitungsvermögen (2). Die Lösungen sind jedoch in höheren Konzentrationen oft opaleszent, schäumen leicht und neigen in den höchsten Konzentrationen dazu, bei hinreichender Abkühlung, zu gelartigen Massen zu erstarren. Alle diese Stoffe krystallisieren ge- wöhnlich nur schwierig. Auch viele der in der Experimentalphysiologie oft verwendeten Teerfarbstoffe gehören zu den SeraikoUoiden. §3. Fortsetzung; Die Gele und die Adsorptionserscheinungen. Die Gele sind starre Kolloide mit festem Dispersionsmittel und flüssiger disperser Substanz. Es bedarf allerdings noch weiterer Unter- suchungen, bevor die Behauptung aufgestellt werden kann, daß die beim Eintrocknen, Ausfrieren usw. entstehenden amorphen festen Massen aus Suspensoiden gleichfalls heterogene Systeme darstellen. Was von typi- schen Gelen bekannt ist, hängt mit lyophilen amikronischen Solen zusammen. Nur bei sehr großem Wasserverluste bilden die Gele hornartige spröde Massen; sie nehmen unter Voiumvergrößerung (Quellung) reichlich Wasser auf, wenn man sie in Wasser legt, und werden zu gallertigen Massen verschiedener Konsistenz. Bei Wasserverlust tritt Schrumpfung ein. Zu den Gelen zählen die Zellmembranen, Gummiarten, Stärke- körner, und wohl auch manche Protoplasmabestandteile der Pflanzen- zelle, wie Zellkern und manche Chromatophoren. Man denkt sich auf Grund der theoretischen Überlegungen und in Anlehnung an mikro- skopische Untersuchungen von Bütschli(3) den Bau der Kolloide als äußerst feines schaumartiges Kammerwerk, dessen Wände aus einer festeren, an Dispersionsmittel ärmeren Phase bestehen, und welches ein flüssiges Kolloid einschließt, in Form von kleinsten Tröpfchen oder Bläschen. Die von Bütschli mikroskopisch wahrgenommenen Struk- turen entsprechen jedoch keinesfalls dem elementaren Aufbau von Gelen, sondern stellen außerordentlich viel gröbere Verteilungen dar. Bei den Gelen spielen, wie bei festen Körpern, die Widerstände gegen die Ver- schiebungen der Teilchen und die elastischen Eigenschaften bereits eine bedeutende Rolle. Die Gele gehören wesentlich zu jenen Bestandteilen des lebenden Organismus, welche an der Erhaltung der spezifischen Form beteiligt sind. Nur bei den Amöben, Myxomyceten und ähnlichen 1) Hierzu O. Poeges u. E. Neubauer, Biochem. Ztsch., 7, 152 (1907); KoU. Ztsch., 5, 193 (1909) [für Lecithin]. B. H. Buxton, Ztsch. Koll.chem., 5, 138 (1909). Freundlich, Kapillarchemie, p. 461 (1909). — 2) Für Seifenlösungen: L. Kahlenberg u. O. Schreiner, Ztsch. physik. Cheno., 2T, 552 (1898). — 3) Bütschli. Untersuchungen Ob. mikroskop. Schäume (1892). R. Zsigmondy, Ztsch. anorgan. ehem., 7/, 356 (1911). R. E. Liesegang, Biolog. Zentr., .7/, 445 (1911). M. W. Beijerinck, Ztsch. Koll.chem., 7, 16 (1910). Ultramikroskop. Beobacht. an Gallerten: W. Bachmann, Ztsch. anorgan. Chem., 7j, 125 (1911). R. Zsigmondt, Ztsch. KoU.chem., //, 145 (1912). Weimarn, Ebenda, 10, 131 (1912). § 3. Die Gele und die Adsorptionserscheinungen. 41 Organismen, welche keine konstante charakteristische Körperform be- sitzen, treten die elastischen Gele und Gelstrukturen sehr zurück. Während sich die Kompressibilität der Kolloidlösungen, so weit be- kaitnt, wesentHch von der Kompressibilität des Dispersionsmittels nicht unterscheidet, sind Gele (Gelatine) erhebhch kompressibel, mehr als die meisten festen Körper. Die interessanten Versuche von Bakus (1) weisen darauf hin, daß in der Kompressibihtät der Gele bereits ihre Heterogenität zum Aus- drucke kommt. Der Wärmeausdehnungskoeffizient von Gallerten ist nach BjERKÄN (2) kaum von jenem des reinen Dispersionsmittels verschieden. Ein wichtiger Unterschied besteht in thermischer Hinsicht dem genannten Autor zufolge zwischen trockener Gelatine und Gelatinegallerten darin, daß erstere wie Wasser oberhalb + 4'' einen positiven Ausdehnungskoeffi- zienten hat, während Gallerten sich beim Erwärmen zusammenziehen und beim Abkühlen ausdehnen. Doppelbrechung bei Anwendung von Druck, welche übrigens auch bei flüssigen Kolloiden beobachtet wurde, und welche auf die elastischen Eigen- schaften der dispersen Substanz zu beziehen ist, bildet eine altbekannte Eigentümhchkeit der Gele. Man wird auch nicht fehl gehen, die an Gelen im lebenden Organismus (Zellhäute, Stärkekörner) regelmäßig zu beobachtende optische Anisotropie auf Spannungsverhältnisse innerhalb dieser Gebilde zurückzuführen (3). Für die Theorie der Gele waren besonders die ausge- dehnten Untersuchungen von van Bemmelen (*) über Entwässerung und Wiederwässerung von Kieselsäuregallerte und anderen Gelen von großer Bedeutung. Handelte es sich um eine chemische Bindung des Wassers etwa nach Analogie der Krystallwasserbindung, so müßten beim Entwässern Sprünge in der Dampf tension zu beobachten sein. Man bemerkt aber von solchen nichts, sondern die Entwässerung, mit ihr die Dampfdruckkurve, nimmt einen stetigen Verlauf. Nach van Bemmelen ist die Gelbildung des Kieselsäurehydrates eine Trennung des Sols in ein Gewebe von Kiesel- säure, welches Wasser absorbiert hält, und in Wasser, das im Gewebe einge- schlossen ist. Wenn ein Kolloid mit Wasser, Sole und Gele jeder Konzentration bildet, wie Stärkekleister oder Gelatine, so kann man mit van Bemmelen das ausgeschiedene Gel als ein festeres Gerüst ansehen, welches aus einer Lösung von Wasser im Kolloid besteht, und welches als flüssigen Bestandteil Wasser, in welchem das Kolloid gelöst ist, eingelagert hält. Die Flüssigkeit, welche das Gel durchtränkt, kann man durch eine andere Flüssigkeit, für welche das Gel permeabel ist, ersetzen. Man kann derart ein Hydrogel ohne Struktur- änderung in ein Alkohologel überführen, wie dies Graham für inorganische, BüTSCHLi für organische Hydrogele mehrfach gezeigt hat. Selbst durch Äther läßt sich das Imbibitionswasser ersetzen (5). Der physiologisch hochbedeutsarae Prozeß der Quellung ist die Wasseraufnahme in Gele von ausgeprägt hoher Elastizität, wie sie sich 1) Bakus, Amer. Journ. of Science, 6, 285; 8, 681 (1898). Vgl. über diese bemerkenswerten Verhältnisse auch Freundlich, Kapillarcheraie, p. 482 (1909). — 2) Bjerken, Wiedemanns Ann., 43, 817 (1891). — 3) F. Braun, Sitz.ber. Berlin. Ak. (1904); Ann. d. Phys., 16, 238 a905); Ztsch. wiss. Mikrosk., 22, 306 (1905) führt die optische Anisotropie von Gelen auf ultramikroskopische Gitterstrukturen zurüt;k. Quincke, Ztsch. wiss. Mikrosk.j 22, 301 (1905). H. Ambronn, Ztsch. Koll.chera., 6, IV (1910). Möglicherweise wird hier die Theorie der anisotropen Flüssigkeiten einst erfolgreich eingreifen. J. Königsberger, Ztsch. wiss. Mikrosk., 28, 34 (1911). — 4) J. M. VAN Bemmelen, Ztsch. anorgan. Chem., 13, 233 (1897); 14, 98 (1898); 20, 185 (1899); j6, 380 (1903); 49, 125 (1906). — 5) Vgl. Vl. Stan£k, Ztsch. physiol. ehem., 72, 93 (1911). 42 Erstes Kapitel: Das Substrat der chemischen Vorgänge. gerade unter den organischen Gelen der lebenden Zelle finden. Man kann die Quellung direkt an ganzen Organen (Samen, Laminariathallus) studieren. Schon 1879 hat Reinke(I) an Laminaria den Quellungsdruck mit Hilfe eines „Oedometer" genannten Apparates dadurch gemessen, daß er die Volumszunahme in Wasser durch Gewichtsbelastung kompen- sierte. In neuerer Zeit sind viele grundlegende Erfahrungen an einem typischen Gel dieser Art, der gereinigten Gelatine des Handels, durch Gewichtsbestimmung vor und nach der Quellung gewonnen (2). Bei jeder Quellung ist das Volum des gequollenen Kolloides kleiner als die Summe der Volumina des trockenen Kolloides und der aufgenommenen Flüssig- keit. Es findet demnach eine Volumsverminderung statt, was unge- zwungen auf eine festere Bindung des Wassers durch das Kolloid be- zogen werden kann. Die Menge des aufnehmbaren W^assers hängt von der Natur des quellbaren Kolloides und von der Temperatur ab ; die Quel- lung in anderen Medien als Wasser selbstverständlich auch von der Natur dieser Flüssigkeiten. Die Quellung wird durch zunehmende Temperatur gefördert. Daß bei der Bindung des Quellungswassers durch Hydrogele Wärme frei wird, ist eine alte Erfahrung. Kalorimetrische Messungen verdanken wir Wiedemann und Lüdeking (3). Nach Parks (*) beträgt die Wärmetönung beim Benetzen von fein verteilten festen Körpern pro Quadratzentimeter annähernd 0,00105 Kai., wenn die Temperatur nahe 7 <^ C ist. Nach Rodewald (S), welcher ausgezeichnete Studien über die Quellung von Stärke anstellte, ist der Maximaldruck, mit welchem trockene Stärke Wasser anzieht, 2073 kg pro Quadratzentimeter. Die Quellungsenergie ist seit Hales vom physiologischen Standpunkte aus viel untersucht worden, worüber in Pfeffers Pflanzenphysiologie nähere Darlegungen zu finden sind (6). In wasserdarapfgesättigter Atmosphäre nehmen Hydrogele niemals bis zum Quelluhgsmaximum Wasser auf, sondern, wie Schroeder (7) zeigte, sind solche Hydrogele nach Erreichung ihres Sättigungspunktes in feuchter Luft noch imstande, große Wassermengen aufzunehmen, so- bald sie in Wasser gelegt wurden. Umgekehrt verlieren in Wasser bis zum Maximum gequollene Gele reichlich Wasser, wenn man sie aus dem Wasser in dampfgesättigte Luft überträgt. Man darf daraus auf einen hohen Dampfdruck des in den Hohlräumen des Gels enthaltenen Wassers schließen (8). Gelatine nimmt in feuchter Luft 50 %, in Wasser 500 % ihres Trockengewichtes an Wasser auf. Das Geschwindigkeitsgesetz der Quellung von Hydrogelen hat F. Hof- meister O) schon 1890 definiert. Die Wasseraufnahme erfolgt anfangs sehr rasch, sodann mit allmählich abnehmender Geschwindigkeit bis zur Erreichung des Quellungsmaximums. Mit höheren Temperaturgraden wird der Kurvenverlauf viel steiler und das Quellungsmaximum wird eher er- reicht, wobei aber das letztere keine Verschiebung erleidet. Nach den letzten Untersuchungen von Posnjak(IO) über die Quellung von Gelatine 1) J. Reinke, Hansteins ßotan. Abhandl., 4, 1 (1879). — 2) über Gallerte: Wo. Pauli, Ergebn. d. Phyeiol. (Asher-Spiro), 3, I. 155 (1904), ö, 105 (1907). — 3) E. Wiedemann u. Ch. Lüdeking, Wiedemanns Ann., N. F., 25, 145 (1885). Ferner J. R. Katz, Ztsch. Elektrochem., 17, 800 (1911). — 4) G. J. Parks, Natur- wiss. Rdsch. (1902), p. 647. — 5) H. Rodewald, Ztsch. physik. Chem., 24, 193 (1897); 33, 593 (1900). — 6) W. Pfeffer, Pflanz-^jphysiologie, 2. Aufl., /, 59—64 (1897). — 7) V. Schroeder, Ztsch. physik. Che-a., 45, 109 (1903). — 8) W. D. Bancroft, Journ. Physic. Chem., t6, 395 (1912). — 9) F. Hofmeister, Arch. exp. Path., 27, 395 (1890). — 10) E. Posnjak, Koll.chem. Beihefte, j, 417 (1912). § 3. Die Gele und die Adsorptionserscheinungen. 43 und Kautschuk stimmt das Quellungsgesetz in der Tat recht gut mit der exponentiellen Gleichung P = PiC^. wobei P^ und K konstante sind, und läßt sich somit mit Adsorptionsvorgängen vergleichen. Es be- herrschen also nicht Löslichkeitsvorgänge, sondern Grenzflächenphänomene das Bild der Quellung. Wie Freundlich nachdrückhch hervorgehoben hat, wirken alle Fak- toren, welche die Teilchen eines elastischen Gels gegeneinander leichter ver- schieblich machen und welche den Elastizitätsmodulus verringern, auf die Quellungsvorgänge im begünstigenden Sinne. Die Beeinflussung der Quel- lung von Hydrogelen durch Salze entspricht vollkommen der Fällungs- wirkung und Löshchkeitsbeeinflussung durch Salze bei Hydrosolen, wie sie zuerst Hofmeister (l) konstatiert hat. So begünstigt das am Ende der HoFMEiSTERschen „lyotropen" Reihe stehende Rhodanat die Quellung von Gelatine sehr stark. Auch die Halogenide M.Cl, M.Br, Chlorate und Nitrate wirken stärker quellend als reines Wasser. Hingegen ist die Quellung bei Gegenwart von Sulfat, Citrat, Tartrat und Acetat geringer. Desgleichen bei Gegenwart von Alkohol oder Zucker. Wo. Ostwald (2) hat für die Gelatine- quellung in Salzlösungen die Kurve der Abhängigkeit von der Konzentration näher festgelegt. Bei der Totalwirkung von Salzen auf Quellungsvorgänge hat man natürUch zu beachten, daß die Wirkung sich aus den Wirkungen der Ionen als Komponenten zusammensetzt. Hierbei gelten für die hin- dernde Wirkung auf die Fibrinquellung in Säuren nach M. H. Fischer und Moore (3) die Reihen : Gl > Br > NOj > SCN > J > Acetat > SO4 >P04 > Tartrat > Citrat Fe>Cu>Ca>Ba>Mg>NH4>Na>K Nach den Erfahrungen von Wo. Ostwald (*) lassen sich die Erfah- rungen über die Quellung von Gelatine in Wasser und in Salzlösungen auch auf die Wirkung von Säuren und Alkahen auf die Gelatinequellung über- tragen, nur spielen hier die Elastizitätsverhältnisse eine gi'ößere Rolle. Zu den Entquellungsvorgängen hat man auch das Ausfrieren von Gallerten zu rechnen, welches auf eine Wasserentziehung beim Aus- krystallisieren des Eises hinausläuft (S). Bei den elastischen organischen Gelen ist dieser Vorgang bekanntlich nicht ohne weiteres beim Auftauen reversibel, und man hat z. B. bei Gelatine, Stärkekleister neuerliches Erhitzen nötig, um wieder ein elastisches wasserreiches Gel zu erhalten. Die Gumraiarten und Schleime hingegen liefern ohne weiteres reversible Gallerten und Lösungen. Mit dem Einflüsse von verschiedenen Stoffen auf den Quellungszustand von Hydrogelen steht unstreitig auch die inter- essante und physiologisch bedeutsame Frage über die Diffusionsvorgänge in Gallerten in nahem Zusammenhange. Ältere Untersuchungen, von Graham angefangen (6), hatten (wohl durch Anwendung zu geringer 1) F. Hofmeister, Arch. exp. Path., 28, 210 (1891). — 2) Wo. Ostwald, Pflüg. Arch., ///, 581 (1906). W. Pauli, Ergebn. Physiol., 6, 106 (1907). — 3) M. H. Fischer u. G. Moore, Ztsch. KoU.chem., 5, 197 (1909). — 4) Wo. Ostwald, Pflüg. Arch., 108, 563 (1905). H. R. Procter, KoU.chem. Beihefte, 2, 243 (1911). Abhängigkeit von der Konzentration der Säuren und Alkalien: R. Chiari, Biochem. Ztsch., 33, 167 (1911). — 5) Lit. H. W. Fischer u. O. Bobertag, Biochem. Ztsch., jS, 58 (1909); Ber. ehem. Ges., 41, 3675 (1908). Q. Bruni, Ber. ehem. Ges., 42, 563 (1909). H. Molisch, Untersuch, üb. d. Erfrieren der Pflanzen, p. 7 ff. (Jena 1897). Liesegang, Flora, g6, 523 (1906); Ztsch. KoU.chem., 10, 225 (1912). A. Lotter- moser, Ber. ehem. Ges., 41, 8976 (1908). — 6) Vgl. Graham, Lieb. Ann., 121, 5, 29 (1862). H. DE Vries. Reo. trav. chim. Pays-Bas, 3, 375 (1884). N. Prinqsheim, Jahrb. wiss. Botan., 28, 1 (1895); Ztsch. phyaik. Chem., 17, 473 (1895). 44 Erstes Kapitel: Das Substrat der chemischen Vorgänge. Kolloidkonzentrationen) keine greifbaren Unterschiede zwischen Diffusions- vorgängen in Gallerten und solchen in reinen wässerigen Medien heraus- finden können. Nach neueren Untersuchungen (i) besteht jedoch kein Zweifel, daß der Diffusionswiderstand von Gallerten mit deren Kolloid- konzentration ansteigt. Man hat daraus geschlossen, daß die Diffusion wesentlich in dem wasserreicheren Inhalt der Gelhob Iräume vor sich geht, welche sich mit zunehmender Gallertfestigkeit verkleinern. Daß Löslichkeitsvorgänge und Adsorptionserscheinungen bei der Diffusion in Gelen bedeutenden Einfluß haben, ist wohl sicher, doch sind die An- sichten hierüber bis jetzt wenig geklärt. An Gelen treten offenbar spontan und sehr langsam Zustands- änderungen ein, welche in geänderter Quellungs- und Lösungsfähigkeit sich dartun. Van Bemmelen hat diese Verhältnisse an dem „Altern" von SiOo-Gelen genauer verfolgt. Man nennt diese Erscheinungen Hysteresis. Sie zeigen sich sehr ausgeprägt an längere Zeit trocken aufbewahrten Eiweißsubstanzen und ruhenden Zellen (2). Wir hatten wiederholt auf die Wichtigkeit der Adsorptions- er seh ei nun gen in der Kolloidchemie hingewiesen, und es erübrigt uns, diese Wirkungen noch zusammenfassend zu erörtern, so weit es unseren Zwecken dienlich ist. Jede Ansammlung eines Stoffes auf einer Oberfläche betrifft die landläufig als Adsorption bezeichneten Prozesse. Je größer die Oberflächenentwicklung eines Systems ist, desto bedeuten- dere Adsorptionswirkungen müssen zutage treten, und wir werden daher bei den Kolloiden besonders große Adsorptionseffekte zu erwarten haben. Die hier berührten Effekte sind theoretisch nur einer der beiden mög- lichen Fälle von Adsorption, Nach den von Willard Gibbs entvvickelten theoretischen Anschauungen müssen sich alle Stoffe, welche die Tendenz haben, die Oberflächenspannung des Lösungsmittels herabzusetzen, an der Oberfläche des Systems anhäufen, also die stärkste Adsorption zeigen. Dies wäre die positive Adsorption. Hat der gelöste Stoff die Eigenschaft, die Oberflächenspannung des Mediums zu erhöhen, so tritt diese Erscheinung nicht ein. Dieser Gegenfall, welcher in der Biologie bisher praktisch noch keine Bedeutung erlangt hat, müßte als negative Adsorption bezeichnet werden (3). Daß man allgemein zwischen Ad- sorption und Absorption unterscheidet, ist eigentlich durch nichts ge- rechtfertigt. Die Aufnahme von Gasen findet in der gleichen quanti- tativen Reihenfolge statt, ob das Absorptionsmittel Wasser oder Kohle ist. Bei porösen Körpern spricht man aber allgemein von Adsorption und ebenso in der Kolloidchemie. Daß die stark oberflächenaktiven (=die Oberflächenspannung des Wassers gegen Luft erniedrigenden) Stoffe stark adsorbierbar sind, hat sich sehr allgemein bestätigen lassen; Michaelis und RoNa (4) fanden auch, daß zwei adsorbierbare Stoffe sich gegenseitig in ihrer Adsorbierbarkeit 1) P. Nell, Ann. d. Physik (4), i8, 32.3 (1905). H. Bechhold u. J. Ziegler, Ztsch. physik. Chem., 56, 105 (1906); Ann. d, Physik (4), 20, 900 (1906). K. Meyer,. Hofmeisters Beitr., 7. 392 (1905). A. Dumanski, Ztsch. KoU.chem., 3, 210 (1908). J. A. Craw, Proceed. Roy. Soc, 77, 311 (1906). Reaktionen in Gelen: E. Hatschek, Ztsch. KoU.chem., 8, 193 (1911). — 2) Hierzu A. Rakowski, Chem. Zentr. (1911), /, 1478, 1479; (1912), /, 970. Ztsch. KoU.chem., /o, 22 (1912); //, 269 (1912). — 3) R. O. Herzog u. J. Adler, Ztsch. KoU.chem., 2, Suppl. II, 3 (1908). Herzog, Ztsch. physiol. Chem., 57, 315 (1908); Ztsch. KoU.chem., 5, 209 (1911). K. Estrup, Ztsch. KoU.chem., ;/, 8 (1912). Geleugnet wird die Existenz negativer Adsorption durch E. Häqglund. Ztsch. physiol. Chem., 64, 294 (1910). — 4) L. Michaelis u. P. RoNA, Biochem. Ztsch., 15, 196 (1908). § 3. Die Gele und die Adsorptionserscheinungen. 45 beschränken, und im allgemeinen wird derjenige der beiden Stoffe stärker adsorbiert, welcher eine größere Oberflächenaktivität besitzt. Doch gilt diese Regel nicht ohne Ausnahmen. Es heß sich weiter feststellen, daß der relative Betrag der Ansammlung solcher Stoffe in der Oberfläche um so größer ausfällt, je verdünnter die Lösung war. Man kann daher durch Er- zeugen von Schäumen in solchen Lösungen die Flüssigkeit selbst beträcht- hch an dem oberflächenaktiven Stoff verarmen lassen. Es fehlt auch nicht an Versuchen, die Geschwindigkeit von Adsorptionsvorgängen zu messen, wobei man die Hautbildung auf Seifen- und Farbstofflösungen herange- zogen hat; doch dürften diese Resultate kaum das Geschwindigkeitsgesetz der Adsorption rein wiedergeben, da sich die entstandene Haut schnell in ihrer Konsistenz ändert. Die Adsorptionserscheinungen umfassen verschiedene Gebiete von Vor- gängen, je nachdem das Adsorbens flüssig oder fest, die adsorbierbare Sub- stanz gasförmig oder flüssig resp. fest und löslich ist. Alle diese Vorgänge sind für die Physiologie höchst bedeutungsvoll. Gase werden allgemein um so stärker adsorbiert, je stärker sie kompressibel, überhaupt je leichter sie zu ver- dichten sind. Daher adsorbieren die Kolloide der Zelihaut und des Plasmas Kohlensäure am meisten und Sauerstoff mehr als Stickstoff. Die Eigen- schaften der adsorbierenden Substanz spielen eine weitaus geringere Rolle. Bekannt ist, daß mit zunehmender Temperatur die Adsorption der Gase geringer wird. Das Adsorptionsgleichgewicht pflegt sich bei Gasen wie in allen Fällen der Adsorption sehr rasch einzustellen. Adsorptionsvorgänge finden aber, wie Mc Lewis (l) konstatierte, un- streitig auch statt, wenn ein oberflächenaktiver Stoff (Natriumglycocholat) in der Emulsion eines Öles in Wasser gelöst wird. Die Öltropfen wurden mikroskopisch gemessen, und aus der Verkleinerung ihres Durchmessers die Oberflächengröße im Vergleiche zu der Emulsion in reinem Wasser eruiert. Es ergab sich ferner Erhöhung der Oberflächenspannung der Gly- cocholatlösung, also eine Konzentrationsverringerung. Aus beiden Erschei- nungen konnte auf die stattgefundene Adsorption des Salzes an der Öl- Wasseroberfläche geschlossen werden. Solche Ober flächen Verdichtungen führen zur Bildung von Häutchen. Besonders wichtig und genauer studiert ist die Adsorption aus Lösungen. Freundlich (2), dem wir auf diesem Gebiete die neueren grundlegenden Arbeiten verdanken, hat gezeigt, daß für die Adsorption gelöster Stoffe an Flüssigkeiten und feste Körper dieselben theoretischen Überlegungen gelten wie für die Gasabsorption in flüssigen Medien oder an festen Körpern. Ganz allgemein gilt für die Grenzflächenspannungen des reinen Lösungsmittels und der Lösung eine parabolische Gleichung von der Form 1 (Oni — ö l) = S. C^ wobei öm die Oberflächenspannung des reinen Mediums, ol jene der Lösung und s und - Konstanten sind. Für die Ermittlung dieser beiden Kon- 1) W. C. Mc Lewis, Phil. Mag. (6), 15, 499 (1908); 17, 466 (1909). — 2) H. Freundlich, Zteeh. physik. Chem., 57, 385 (1907); Ztsch. Koll.chem., /, 321 (1907). Der Beweis, daß zur graphischen Darstellung der Adsorptionsvorgänge die bekannte einfache Exponentialgleichung in der Regel hinreicht, stammt von Keoeker, Dissert. (Berlin 1912) und F. W. Küster, Ztsch. physik. Chem., 13, 445 (1894). Lieb. Ann., ^83, 360 (1895). S. Levites, Ztsch. Koll.chem., 9, 1 (1911). Für Ackerboden: Aberson, Ztsch. Koll.chem., w, 13 (1912). 46 Erstes Kapitel: Das Substrat der chemischen Vorgänge. stanten ist es nach W. Ostwald und Freundlich (i; sehr bequem, die Gleichung in der logarithmierten Form log (om — öl) = log s H log c zu benützen, welche der Gleichung einer Geraden entspricht, log s ist der Abstand der Geraden von der log c- Achse und bedeutet die molare Oberflächenspannungserniedrigung. — ist die Tangente des Neigungs- winkels 9? der Geraden gegen die log c- Achse; sie variiert nur wenig mit der Natur des Lösungsmittels und des gelösten Stoffes. Für die Adsorption von Gasen an festen Körpern gilt die Gleichung — = a.p. n, wobei X die adsorbierte Gasmenge, m die Menge des Adsorbens ist; a ist eine Konstante, p der Gasdruck (gleichbedeutend mit Konzentration). X Auch hier stellt die Kurve nach der logarithmierten Gleichung log — = log a -i log p eine Gerade dar,. aus der man a und — ermitteln kann, n Die Werte für den Adsorptionsexpo- nenten — liegen bei Gasen zwischen 0,2 und 0,6. P'ür die Adsorption gelöster fester Stoffe ist die „Ad- X 1 sorptionsisotherme" — = a. c ä ohne weiteres benutzbar. ist stets als Kurve 1. die auf die Mengeneinheit des Ad- sorbens adsorbierte Menge des ge- lösten Stoffes zu betrachten. Bei Benützung der logarithmierten Gleichung lassen sich Ad- sorptionsexponent und die Konstante a in jedem Falle ermitteln. — schwankt innerhalb nicht zu weiter Grenzen (0,11 und 0,52). c ist in Mol x . Millimole , t^ . ,. zrr: — , — m 7= -. T-j — , anzugeben. Durch diese hier nur Liter m Gramm des Adsorbens kurz angedeuteten Beziehungen wurde die Adsorption durch Freund- lich mit Sicherheit als eine Oberflächenspannungserscheinung erwiesen. Christow(2) konnte zeigen, daß selbst in Versuchen mit Gas- adsorption durch ein Medium mit geringer Oberflächenspannung wie Äther, die Adsorptionserscheinungen viel intensiver sind. Nach Wo. Ostwald und nach Lottermoser (3) gehorchen die Ad- sorptionserscheinungen auch in jenen Fällen, wo das Adsorbens flüssig ist (Hydrosole), denselben Gesetzen, was für die Physiologie von größter Bedeutung ist. Sehr sorgfältige Arbeiten von Schmidt (*) haben in 1) Wo. Ostwald, Lehrb. d. aUgem. Cham., //, (3), 232 (1906). — 2) A. Christow, Ztsch. physik. Chem., 79, 456 (1912). — 3) Wo. Ostwald, Van Bem- melens Festechr., p. 267 (1911). A. Lottermoser, Ztsch. Elektrochem., /;, 806 (1911). — 4) C. G. Schmidt, Ztsch. phyeik. Chem., 74, 689 (1910); 77, 641 (1911); 78, 667 (1912). § 3. Die Gele und die Adsorptionserscheinungen. 47 neuester Zeit im wesentlichen die ältere Exponentialformel für die Ad- sorption als brauchbar erwiesen, doch gelang es diesem Forscher, eine neue Adsorptionsisotherme zu finden, welche den Anforderungen in noch besserem Maße gerecht wird. In der Formel: In S-x -(t) ist S das Maximum der Adsorption, x die adsorbierte Menge, A und C sind Konstanten, von der Menge des Adsorbens abhängig, a die Gesamtmenge der gelösten Substanz, v das Volumen; die Menge des Adsorbens ist dabei als konstant angesehen. Nach Georgievics (i) entspricht wohl die Exponentialformel auf der Höhe des Adsorptionsvorganges, doch treten im Beginne Werte für den Exponenten — auf, welche sich stark 1 nähern, so daß in diesem Stadium Lösungsvorgänge nicht ausge- schlossen sind. Es ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung, daß die Natur des festen Adsorbens nm* ganz wenig den Grad der Adsorbierbarkeit der ge- lösten Stoffe modifiziert. So gelten für Zuckerpulver, Kalkcarbonat, Kohle ziemlich dieselben Beihenfolgen der verschiedenen adsorbierbaren Stoffe (2). Wegen der Oberflächenzunahme mit sinkender Korngröße und weiter mit zunehmendem Dispersitätsgrad des Adsorbens muß natürüch die SchnelHgkeit der Adsorptionsvorgänge gleichzeitig steigen; doch scheint sich der Grenzzustand dabei nicht zu ändern (3). So hat TswETT die Trennung der Chromatophorenfarbstoffe sehr gut mittels Adsorptionsanalyse erreicht, und Grüss mit Erfolg die „Kapillari- sation" durch Filterpapier zur Scheidung von Enzymwirkungen be- nützt (*). Die Adsorption aus Lösungsgemischen läßt sich bis zu einem ge^ wissen Grade gut als Hilfsmittel zur analytischen Trennung von Substanzen (Farbstoffen, Enzjmen) benützen. Freundlich hat theoretisch den Satz ab- geleitet, daß solche Lösungsmittel, in welchen andere Stoffe stark adsorbiert werden, selbst nur schwach adsorbiert werden, wenn sie selbst mit anderen Flüssigkeiten gemischt werden. Daher geben jene löslichen Stoffe, welche aus ihrer Lösung stark adsorbiert werden, Lösungsmittel, welche nur schwach adsorbierend wirken. Praktisch wird für den Vergleich von Adsorptionsvorgängen die Größe X i — in der oben angeführten Bedeutung verwendet. — ist relativ wenig veränderüch. a, die eigenthche charakteristische Adsorptionskonstante (^jene von der Gewichtseinheit des Adsorbens adsorbierte Menge, welche mit der Konzentration 1 in der Lösung im Gleichgewicht steht), läßt sich nur durch weitläufige Versuchsreihen eruieren. 1) G. V. Geobgievics, Monatsh. Chem., 32, 1075 (1911); 33, 45 (1912); Ztsch. KoU.chem., w, 31 (1912). — 2) Vgl. die Versuche von Tswett, Ber. Botan. Ges., 24, 316, 384 (1906), über Adsorption von Chromatophorenfarbstoffen. H. Wisii- CENUS, Verhandl. Ges. dtsch. Naturf. Dresden 1907, //, I, 94 (1908). H. Eulee u. Beth af Ugglas, Arkiv f. Kemi, j, Nr. 34 (1910). — 3) Vgl. K. Estkup u. An- dersen, Ztsch. KoU.chem., /o, 161 (1912). Gurwitsch, Ebenda, ir, 17 (1912). — 4) Methodik: V. Gräfe, Abderhaldens Hdb. biochem. Arb.meth., 6, 100 (1912). J. Grüss, Ebenda, p. 239. 48 Erstes Kapitel: Dag Substrat der chemischen Vorgänge. Für Tierkohle als Adsorbens und Wasser als Lösungsmittel findet man schwache Adsorption für inorganische Salze, Säuren und Basen und stark hydroxylhaltige organische Verbindungen (Glycerin, Zucker). Stark absorbiert werden die Halogene, die meisten organischen Ver- bindungen und darunter wieder am meisten aromatische Stoffe, hoch- molekulare Farbstoffe, Alkaloide, Eiweiß usw. Im Einklänge mit den angeführten theoretischen Beziehungen adsorbiert Tierkohle aus organischen Lösungsmitteln nur wenig. Die eben angeführten Erfahrungen beweisen ferner, daß Stoffe, welche die Oberflächenspannung des Wassers stark herab- setzen, in der Regel auch stark adsorbiert werden. Doch werden Citronensäure, Benzoesäure, Salicylsäure und einige andere Stoffe, welche die Oberflächenspannung des Wassers nur sehr wenig ändern, ebenfalls stark adsorbiert (D. Stärkelösung adsorbiert inorganische Salze und Säuren sehr wenig oder gar nicht, hingegen (mit Ausnahme von NH3) sehr stark wasserlösliche Alkalien (2). Durch die Beobachtung der Ad- sorptionskurven für Säuren oder Basen, deren Ionen leicht nachgewiesen werden können, läßt sich die Reinheit des Adsorbens kontrollieren (3). Wenn mehrere adsorbierbare Stoffe gleichzeitig zugegen sind, so addieren sich deren Adsorptionsbeträge nicht einfach. So werden Bernsteinsäure und Oxalsäure aus einer Mischlösung schwächer adsorbiert, als wenn jede Säure für sich vorhanden ist. Das elektrische Verhalten von Adsorbens und gelösten Teilchen kann oft sehr starken Einfluß auf den Adsorptionseffekt haben. Michaelis fand, daß elektronegative Kaolinsuspension in Wasser nur basische oder amphotere (also elektropositive) Farbstoffe adsorbiert. Dasselbe Ver- halten zeigt die lebende Plasmahaut gegen Farbstoffe. Hingegen werden durch elektropositive Suspensionen von A1(H0)3 in Wasser die sauren (elektronegativen) Farbstoffe adsorbiert. Bei Hydrosolen, welche leicht den Sinn der Ladung durch Zusatz von OH'-Ionen oder H*-Ionen wechseln, wie Eiweiß, werden daher auch die Adsorptionseffekte durch solche Zusätze entsprechend beeinflußt werden müssen. Übrigens wirken die Metallkationen, besonders die mehrwertigen, wie AI*" sehr stark auf die Adsorption durch elektronegative Adsorbentien wie Tierfasern, worauf ja die Anwendung solcher Stoffe als Beizmittel in der Färberei mitberuht (4). Bei der Adsorption von Neutralsalzen, die allerdings quantitativ meist nur gering ist, kann interessanterweise eine Spaltung in Säure und Base erfolgen. So hat van Eemmelen (5) gezeigt, daß Manganoxydul- hydrat Mn (011)2 aus einer Lösung von Kaliumsulfat offenbar Kali stärker adsorbiert, weil in der Lösung sich sodann neben K2SO4 freie Schwefel- säure findet. Für die Physiologen besonders interessant sind die Arbeiten von Baümann und Gülly (6) über die Salzadsorption durch die Zellmembranen der Torfmoose. Bei diesen Adsorptionsvorgängen 1) Für solche Fälle, wie für die imroerhin nicht zu vernachlässigende Adsorp- tion von Zucker durch Kohle darf man vielleicht erwägen, ob diese Stoffe nicht durch eine Erniedrigung der Grenzflächenspannung Kohle-Lösung wirken. Vgl. P. RoNA u. L. Michaelis, Biochem. Ztsch., 16, 489 (1909). G. Wiegner u. Fr. Bukmeister, KoU. Ztsch., 8, 126 (1911). — 2) A. Rakowski, Ztsch. KoU.chem., //, 51 (1912). Vgl. auch M. Samec, KoU.chem. Beüiefte, 3, 123 (1911), über Lösungsquellung der Stärke in Gegenwart von Krystalloiden. — 3) K. Estrup, Chem. Zentr. (1912), //, 2007. — 4) Hierzu auch N. Sahlbom, KoU.chem. Beihefte, 2, 79 (1910). — 5) van Bemmelen, Journ. prakt. Chem., 23, 342 (1881). — 6) A. Baumann u. Eug. Gully, Untersuch, üb. d. Humussäuren II. Heft 4 der Mitteil. d. Kgl. Bayr. Moorkultur- anstalt (1910). § 3. Die Gele und die AdBorptionserscbeinungen. 49 wird regelmäßig eine kleine Menge freier Säure durch Mehradsorption des Kations gebildet. Dabei tritt auch die mehrfach besprochene Be- ziehung zutage, daß hinsichtlich der Wirkung die Hofmeister sehe Anionenreihe sich herausfinden läßt, und daß die mehrwertigen Metall- ionen stärker adsorbiert werden als die einwertigen. Dadurch kann bis zu einem gewissen Grade das Vorhandensein von freien organischen Säuren in Pflanzenmaterialien, die Kolloide enthalten, vorgetäuscht werden. Es sind also die Adsorptionskoeffizienten der Salzionen meist verschieden. Da die Kationenadsorption durch OH-Ionen begünstigt und durch H'-Ionen verringert wird, so spielen wahrscheinlich elektrische Vorgänge hierbei eine wesentliche Rolle (D. Die Abhängigkeit der Adsorption aus Lösungen von der Temperatur ist nur geringfügig und hat praktisch bisher noch keine Bedeutung gewonnen. Die Herstellung des Gleichgewichtszustandes bei Adsorptionsvor- gängen geschieht, falls die Lösungen nicht zu stark verdünnt sind und genügende Mengen des Adsorbens zu Gebote stehen, sehr rasch; ebenso die Herstellung der Lösung, wenn die Adsorptionsverbindung aufgehoben wird. Sorgt man aber dafür, daß der Vorgang sich genügend langsam abspielt, so kann man, wie in so vielen anderen Fällen, den Prozeß durch eine logarithmische Kurve wiedergeben; zuerst geht der Prozeß mit relativ großer Geschwmdigkeit vor sich, die sich später all- mählich vermindert. Die schließliche Verteilung des gelösten Stoffes auf Adsorbens und Lösungsmittel hängt sehr von der anfänglichen Konzentration ab. Aus sehr verdünnten Lösungen wird relativ sehr viel adsorbiert, aus kon- zentrierter aber verhältnismäßig wenig, so daß die prozentische Verarmung des Lösungsmittels an gelöster Substanz bei sehr verdünnten Lösungen gegenüber der Anfangskonzentration sehr bedeutend ist. Freundlich hat in einer Reihe von Arbeiten (2) die gegenwärtigen Kenntnisse von den Adsorptionsvorgängen dahin zusammengefaßt, daß es sich wesentlich um eine Oberflächenverdichtung und deren Konsequenzen handle. Naturgemäß werden durch die höhere Konzentration an den Grenzflächen chemische Reaktionen sehr unterstützt werden, so daß es sehr schwierig wird, die Gebiete der chemischen Reaktionen und der Adsorptionsphänomene auseinander zu halten. Für die Kolloidchemie, die es ja vorwiegend mit Oberflächenwirkungen zu tun hat, hat die Lehre von den Adsorptionserscheinungen eine außer- ordentUch große Bedeutung gewonnen. Die Ausflockung von Suspensoiden durch Elektrolyte ist, wie Freundlich (3) ausgeführt hat, am besten als, Adsorptionspbänomen zu deuten, ebenso die Wirkung der Schutzkolloide, welche auf der Bildung von Adsorptionshüllen um die Kolloidteilchen 1) H. Lachs u. L. Michaelis, Ztsch. Elektrochem., n, 917 (1911). H. Lloyd, Jouru. Amer. Chem. Soc, jj, 1213 (1911). — 2) Vgl. Freundlich, Ztsch. angewandt, ehem., 20, 749 (1907); Koll. Ztsch. /, 321 (1907); Ztsch. physik. Chem., $7, 385 (1907); 6i, 241 (1907); Koll. Ztsch., j, 212 (1908); Capillarchemie (1909), p. 281. Die chemische Theorie der Adsorption u. a. vertreten von T. Br. Robertson, Koll. Ztsch., 3, 49 (1908). Vgl. auch O. M. Davis, Journ. Chem. Soc, gu 1666 (1907). M. W. Travers, Ztsch. physik. Chem., 6/, 241 (1907). W. M. Bayliss, Proceed. Roy. Soc. Lond. B, 84, 81 (1911). — 3) H. Freundlich, Ztsch. physik. Chem., 7J, 385 (1910); Ztsch. Koll.chem., 7, 193 (1910. H. Morawitz, Koll.chem. Beihefte, /, 301 (1910). W. M. Bayliss, Biochem. Journ., /, 175 (1906). W. Pauli u. Handovsky, Hof- meisters Beitr., //, 415 (1908. L. Michaelis u. P. Rona, Biochem. Ztsch. 25, 359 (1910). Czapek, Biochemie der Pflanzen. 3. Aufl. 4 50 Erstes Kapitel: Das Substrat der chemischen Vorgänge. beruht. Ebenso wissen wir seit Hofmeisters Arbeiten, daß bei quellender Gelatine Adsorption gelöster Stoffe zu beobachten ist. Für die Lehre von der Färbung, die ja für den Physiologen nicht wenig aktuelles Interesse darbietet, ist die Adsorption als Ursache des Färbungsprozesses endhch ebenso von größter Bedeutung. Sicher ist es, daß bloße Adsorptionserschei- nungen vollkommen echte Färbungen bedingen können, wenngleich natür- lich in speziellen Fällen auch andere Faktoren als Ursachen des Festhaltens von Farbstoffen mit zu berücksichtigen sind (1). Auf die Bestimmung einer adsorbierten Farbstoffmenge durch Kol- loide kann man Methoden zur quantitativen Feststellung der vorhandenen adsorbierenden Kolloide begründen, z. B. in Ackererde (2). Geruch- stoffe lassen sich durch manche Kolloide, besonders Kaolin, außerordent- hch stark aufspeichern (3). §4. Protoplastnastrukturen und ihre biochemische Bedeutung. In Pflanzenzellen läßt das Protoplasma, sobald die Zelle ihre Jugendstadien überschritten hat, zwei Schichten unterscheiden; eine innere, anscheinend durch feine Körnchen getrübte voluminöse Schicht, Endo- plasma, für welche Nägeli (*) die Bezeichnung „Polioplasma" vorge- schlagen hat, und eine dünne, der Zellwand anliegende homogen er- scheinende Schicht, Ektoplasma, welche gewöhnlich nach Pfeffers (5) Vorgange als „Hyaloplasma" oder Hautschicht bezeichnet wird. Nägeli sowie Pfeffer (6) hatten das trübe Aussehen des Polioplasma auf Sus- pension äußerst zahlreicher winziger Vakuolen und auch fester Partikel zurückgeführt. Den Gedanken, das Protoplasma als eine Emulsion von mehr oder weniger leichtflüssiger Konsistenz zu betrachten, hat späterhin besonders Berthold (7) gründlich bearbeitet; auch die Ausführungen von Schwarz (8) gingen von dem Standpunkte aus, daß es sich im Plasma um eine Emulsion oder Mischung handle. Die Bedeutung trennen- der Membranen, welche in schaumartigen Emulsionen vorhanden sein müssen, hat Berthold auf Grund der von Pfeffer gewonnenen An- schauungen gleichfalls berücksichtigt. Etwa von 1880 an finden wir bei einer ganzen Reihe von Forschem [Hanstein, Schmitz, Fromm ann, Reinke, Strasburger l»)] Annähe- 1) Vgl. W. ßiLTZ, Ber. Chem. Ges., 38, 2963 (1905); Chem. Zentr. (1905), //, 524. G. V. Georgievics, Monatsh. Chem., 15, 705 (1894); 16, 345 (1895). Freund- lich, Kapillarchemie, p. 530 (1909). H. Fischer, Ztsch. pbysik. Chem., 63, 480 (1908). Ä. J. Perold, Lieb. Ann., 345, 288 (1906). W. Suida, Ztsch. physiol. Chem., 50, 174 (1906). G. v. Georgievics, Ztsch. Koll.chem., 10, 31 (1912). Scha- POSCHNiKOW, Chem. Zentr. (1912), /, 861. R. Haller, Ztsch. Koll.chem., //, 110 (1912). Farbstoffadsorption: L. ViGNON, Compt. rend., 151. 673 (1910). — 2) P. Kohland, Landw. Jahrb., 42, 329 (1912). — 3) Rohland, Biochem. Ztsch., 4Ö, 170 (1912). — 4) NÄGELI, Theorie der Gärung, p. 154 (1879). — 5) Pfeffer, Osmotische Untersuchungen, p. 123 (1877). — 0) Pfeffer, Pflanzen physiologie, 1. Aufl., /, 32 (1881). — 7) G. Berthold, Protoplasmamechanik, p. 64 (1886). — 8) F. Schwarz, Morphol. u. chem. Zusammensetzung des Protoplasmas (1887). Cohns Beitr. z. Biol. d. Pfl., 5. — 9) J. v. Hanstein, Das Protoplasma als Träger d. Lebensverrichtungen, p. 38 (1880); Botan. Abhandl., 4, H, 9 (1880). Schmitz, Sitz.ber. Niederrhein. Ges. (1880). C. Frommann, Beobacht. üb. Strukt. u. Bewegungser^chein. d. Protoplasma (1880). C. Heitzmann, Mikroskop. Unters, d. Tierkörp. (1883). J. Reinke, Unters, a. d. botan. Inst. (Göttingen 1881); vereinzelte Andeutungen in ähnlichem Sinne schon bei älteren Forschem (MouL, Brücke). W. Flemmtng (Zellsubstanz, Kern u. Zellteilung [1882]) hatte die Existenz fädiger Elemente ohne netzförmigen Zusammenhang ange- nommen; vgl. auch Waldeyer, Deutsch, med. Wochschr. (1895), Nr. 43/44. § 4. Protoplasmastrukturen und ihre biochemische Bedeutung. 51 rungen an die Meinung, daß das Protoplasma aus einer netzartigen Ge- rüstsubstanz, mit einer flüssigen Füllmasse („Enchyleraa" Hansteins) bestehe. Für diese beiden Bestandteile sind in der Folge die verschiedensten Benennungen eingeführt worden. Das Gerüstwerk wurde als Filarmasse, Mitom, Spongioplasma, Reticulum bezeichnet, die Füllmasse als Interfilar- musse, Paramitom, Plasmochym usw. Daß faserige Strukturen mindestens im Plasma mancher Tierzellen sicher vorkommen, steht wohl außer Zweifel (i). Von derartigen Strukturen mögen sich phylogenetisch die Muskelfasern ableiten lassen. Kontraktile Plasmaelemeute sind aber von Pflanzen bisher noch nicht bekannt geworden. Die faserigen Strukturen, welche von NemeciZ) in den Pleromzellen von Wurzelspitzen beobachtet wurden und die von ihm mit der Reizfortpflanzung in Zusammenhang gebracht worden waren, sind in ihrer Bedeutung bisher noch kaum sicher erkannt worden. Eine größere wissenschaftliche Rolle spielt die Netzstruktur des Plasmas erst seit den ausgedehnten und genauen Forschungen Bütschlis, welcher als der Begründer der Lehre vom netzwabigen Bau des Plasmas anzusehen ist (3), und auch eingehende Studien über, den wabigen Cha- rakter von Kolloidstrukturen angestellt hat. Selbst bei voller Würdigung der von der Kritik (*) beigebrachten Gesichtspunkte darf man die Waben- struktur für eine Reihe von lebenden Objekten als nachgewiesen be- trachten. Derartige Fälle haben außer Bütschli auch andere Forscher [E. Crato(6)] beschrieben. Die grobschaumigen Veränderungen, wie sie sich an absterbendem Plasma nicht selten einstellen (6) , haben jedoch mit der Wabenstrukturhypothese nichts zu schaffen. Hofmeister (7) hat biochemische Tatsachen zusammengestellt, welche das Bestehen zahl- reicher kolloider Scheidewände im Plasma, d. h. schaumartige Strukturen, sehr wahrscheinlich machen. L. Rhumbler (8) hat sehr ausführlich nachzuweisen gesucht, daß die Annahme einer alveolären Struktur im Protoplasma, d. h. einer Wabenstruktur oder „Schaummischung" am besten den am lebenden Zellinhalte zu beobachtenden Tatsachen ent- spricht (9). 1) Über Plasmastrukturen vgl. W. Biedermann, Ergebn. d. Physiologie (Spiro- Asher), 8, 26 (1909). — 2) B. Nemec, Reizleitung u. die reizleit. Strukturen b. Pfl. (Jena 1901). G. Haberlandt, Ber. Botan. Ges., 19, 569 (1901). ~ 3) O. Bütschli, Verhandl. nat.-med. Ver. Heidelberg, N. F., 4, III, 423, 441 (1889); Mikroskop. Schäume (Leipzig 1892); Bau der Bakterien (Leipzig 1890); Weitere Ausführ. üb. d. Bau d. Cyanophyceen (Leipzig 1896); Herstellung künstl. Stärke: Botan. Zentr., 68, 213 (1896); auch A. Zimm'^rmanns Sammelref., Beiheft bot. Zentr., 3, 211 (1893). BiJTSCHLl, Untersuch üb. Strukturen usw. (Leipzig 1898); Arch. f. Entwicklungsmech., //, 499 (1901); Sitz.ber. München. Ak., jj, 215 (1903). — 4) Besonders A. Fischer, Fixierung, Färbung u. Bau des Protoplasmas (Jena 1899) und Arch. f. Entwicklungs- mechanik, /j, I u. II (1901). — 5) E. Crato, Cohns Beitr. z. Biol., ;, III, 407 (1896); Botan. Ztg. (1893), /, 157 (für Braunalgen, Cladophora); Ber. Botan. Ges., 10, 451 (1892). — 6) Vgl. z. B. A. Degen, Botan. Ztg. (1905), /. 202. — 7) F. Hofmeister, Die ehem. Organisat. d. Zelle (Braunschweig 1901); auch W. Ost- wald sieht solche Auffassungen vom allgemein-chemischen Standpunkte aus als be- gründet an, z. B. Ztsch. physikal. Chem., 28, 574 (1899). — 8) L. Rhumbler, Ver- worns Ztsch. f. allg. Physiol., /, III u. IV, 279 (1902); 2, 183 (1902). — 9) Über verschiedene Streitpunkte auf diesem Gebiete: K. PüRiEWiTSCH, Ber. Botan. Ges., 15, 239 (1897). A. Meyer, Botan. Ztg. (1896), Abt. II, p. 328. P. Klemm, Jahrb. wiss. Botan., 28, 685 (1895); auch W. Pauli, Naturwiss. Rdsch. (1902). p. 313. W. Pfeffer, Pflanzenphysiologie, 2. Aufl. //, 7 14 ff. (1904). 52 Erstes Kapitel: Das Substrat der chemischen Vorgänge. Ich halte es jedoch trotzdem für korrekter wegen des ausgesprochen flüssigen Charakters der Plasmakolloide von einem emulsions artigen Aufbau des Protoplasmas zu sprechen. Niclit alle Teile des Protoplasten dürften die gleiche Struktur besitzen; insbesondere werden die peripheren Plasmaschichteu häufig, besonders bei Plasmodien und Protozoen, anders gebaut sein als das flüssige Plasma des Zellinnern(l). Es wurde bereits erwähnt, daß mit Hilfe des Uitramikroskopes im lebenden Plasma distinkte Teilchen nachzuweisen sind, welche mindestens in so großer Zahl im gewöhnlichen Mikroskop nicht sichtbar sind („Ultra- mikronen" (2). Ihre Bedeutung ist noch nicht klar gestellt worden. Brown sehe Bewegung konnte ich an den Teilchen im unversehrten Zell- plasma nie unterscheiden, in der Literatur sind jedoch gegenteiUge An- gaben vorhanden (3). Zwischen der Annahme von emulsionsartigen Strukturen und der Wabennetztheorie besteht in vieler Hinsicht nur eine graduelle Differenz. Für die Art des Zustandekommens von trennenden Oberflächenhäutchen haben die eingehenden Untersuchungen von Zangger und Ramsden (*) zahlreiche Aufklärungen erbracht. Die von Altmann (5) vertretene ,, Granulatheorie" geht von Voraus- setzungen aus, welche einer exakten biochemischen Bearbeitung unzugäng- lich sind und entzieht sich daher an dieser Stelle weiteren Erörterungen. In dem zitierten Vortrage Hofmeisters findet man ausgeführt, wie die vielen kolloidalen Trennungsmembranen im Protoplasma für die Se- paration der zahheichen gleichzeitig in der Zelle nebeneinander verlaufenden chemischen Vorgänge als zweckentsprechende Einrichtung fungieren. So stößt es denn auf keine Schwierigkeit, auch dort, wo wir im Protoplasma keine gesonderten Organe durch mikroskopische Beobachtung erkennen können, wie sie z. B. Chromatophoren, Elaioplasten, Zellkern, Tonoplasten darstellen, spezifisch wirkende Apparate, die unserem direkten Nachweise nicht zugänghch sind, anzunehmen. Anscheinend gleich aussehende Plasma- teile mögen im Dienste der Zelle höchst verschiedenen Aufgaben dienen und ganz ungleiche Verrichtungen haben. So mögen die Chromosomen des sich teilenden Zellkernes, welchen Boveri (ß) und andere Forscher die Bedeutung von individualisierten Zellbestandteilen zuschreiben, mit ungleichen Funktionen in irgendeiner Richtung betraut sein. Wir kommen also auch vom biochemischen Standpunkte zur Einsicht, daß das Proto- plasma der Zelle eine hochdifferenzierte chemische Organisation besitzt und nicht in allen Teilen gleichwertig ist: die hypothetischen Elementar- organe des Plasmas, „Pangene", „Biogene", „Biophoren", „Piasomen" oder wie immer sie genannt werden, stellen auch für die Biochemie keine gleichwertigen Gebilde dar (7). 1) Vgl. W. Lepeschkin, Ber. Bot. Ges., 29, 181 (1911). — 2) N. Gaidükov, Ber. Botan. Ges. (1906), p. 192. Dunkolfeldbeleucht. u. Ultramikroskopie in Biologie u. Mediz. (Jena 1910). — 3) Z. B. J. Chifflot u. Cl. Gatjtier, Journ. de Botan., 19, 40 (1905). S. R. Price, Proc. Cambridge, Phil. Soc., 16, Pt 6, 481 (1912). — 4) H. Zangger, Vierteljahrsschr. d. Nat.forsch. Ges. Zürich, 51, 432 (1906); 52, 500 (1907). Ergebn. d. Physiol., 7, 99 (1908). C. L. Alsberg, Science, 34, 97 (1911). W. Ramsden, Ztsch. physik. Chem., 47, 336 (1904); Proceed. Roy. Soc, 72, 156 (1903). — 5) R. Altmann, Die Elementarorganismen (1890); hierzu bes. A. Fischer, Fixierung usw., p. 295 (1899). — 6) Boveri, Chromat. Subtstanz d. Zellkerns, p, 9 (1904). O. RoSENBERO, Flora (1904), p. 251. — 7) Über die jetzt von den meisten hervorragenden Forschern angenommenen Organelemente des Plasmas vgl. Pfeffer, Physiologie, /, 2. Aufl., 41 (1897). Übrigens äußert sich schon 1861 E. BrIJCKE (Die Elementarorganismen, Sitz.ber. Wien. Ak., 44, 385) wie folgt: „Ich kann mir § 4. Protoplasmastrukturen und ihre biochemische Bedeutung. 53 Daß zwischen vorübergehend sich bildenden Kolloidstrukturen und den hierdurch ermöglichten chemischen Leistungen und zeitlebens dauernd erhaltenen Kolloidstrukturen der Zelle alle möglichen Übergänge reahsier- bar sind, mag noch anschließend hervorgehoben werden. Insofern werden ausschHeßende Gegensätze zwischen mehr morphologischen und mehr chemischen Erklärungsversuchen, wie sie z. B. bezüghch der Befruchtungs- vorgänge geäußert wurden, sich in Wirklichkeit vielleicht weniger schroff entgegenstehen, als es derzeit den Anschein hat. Schon Brücke (1. c.) äußerte sich über den „Aggregatzustand" des Plasmas 1861 treffend: ,,Für uns ist der Zelleninhalt ein komplizierter Aufbau aus festen und flüssigen Teilen. Wenn man uns fragt, ob wir den Zelleninhalt nicht als Flüssigkeit anerkennen, glauben, daß er fest sei; so antworten wir: Nein, und wenn wir gefragt werden, ob er denn doch flüssig sei, so antworten wir wieder: Nein. Die Bezeichnungen feSt und flüssig, wie sie in der Physik Geltung haben, finden auf die Gebilde, mit denen wir es hier zu tun haben, in ihrer Gesamtheit keine Anwendung." NÄGELI und SCHWENDENER (1) gebrauchen für das Protoplasma das Bei- wort „halbflüssig"; sie betonen als wesentlich für seine Organisation einen bestimmten Wassergehalt, was für den halbflüssigen Gummischleira nicht zutreffe. Später haben sich Velten und Berthold (2) mit dem Aggregat- zustande des Protoplasmas beschäftigt, sodann besonders Pfeffer, Jensen, Schenck und Rhumbler (3). In der Arbeit des letztgenannten Autors findet man die Schwierigkeiten und Unsicherheiten bei der Anwendung der Begriffe „fest", ,, flüssig" auf die kolloiden Gebilde des lebenden Plasmas, sowie die Eigenschaften, welche das Protoplasma mit Flüssigkeiten teilt, ausführlich abgehandelt. Auch die Erscheinungen der Verschiebbarkeit der Teilchen bei der Plasmaströmung (*), auf die hier nicht weiter einzugehen ist, finden sich bei Rhumbler berücksichtigt. So interessant die manchmal frappante Ähnhchkeit zwischen Proto- plasmaströmung in lebenden Zellen oder amöboider Zellbewegung mit den experimentell bei inorganischen Emulsionen, Quecksilbertropfen usw. her- vorzubringenden Erscheinungen ist, so müssen wir uns doch hüten, für die komphzierten Phänomene im Plasmakörper mit ihrer tausendfachen Ab- hängigkeit von anderen Vorgängen in der Zelle ebenfalls derartige relativ einfache Verhältnisse als parallele Vorkommnisse zu betrachten. Die- selben Bedenken gelten auch für die vielen sinnreichen und schönen Ver- suche, mit welchen Bütschli und andere Forscher die Erscheinungen der auch nicht wohl denken, daß irgendein Mikrograph im Ernste glaube, unsere mikro- skopischen Bilder gäben eine auch nur annähernd vollständige Übersicht über den Bau der Zellen, und wenn gesagt wird: die Zellmembran ist strukturlos, das Proto- plasma ist eine homogene Masse usw., so soll dies wohl nichts anderes heißen als: die Zellmembran erscheint uns strukturlos, das Protoplasma erscheint uns als eine homogene Masse." 1) NÄGELI u. SCHWENDENER, Das Mikroskop, 2. Aufl., p. 548 (1877). — 2) W. Velten, Wien. Ak., 73, 138 (1876). G. Berthold, Protoplasraamechanik (1886). W. Pfeffer, Plasmahaut und Vakuolen, p. 253 (1890); Pflanzenphysiol., /, 2. Aufl., 38 (1897). — 3) P. Jensen, Pflüg. Arch., . § 1. über die Reaktionsbedingungen. gg Von der Vermehrung und Verbesserung aller dieser Methoden hängt wesentlich der Fortschritt in der Biochemie ab, welche, solange sie rein präparativ betrieben wurde, nur relativ wenig leisten konnte. Soweit bekannt, gehen die im Organismus vorkommenden chemischen Reaktionen in der lebenden Zelle nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ ebenso vor sich, wie außerhalb des Organismus. Das ganze Reaktionsgetriebe des Lebens ist ebenso wie die morphologiscLe 'Ent- wicklung des Individuums als Ganzes nicht umkehrbar und wird nach einer bis zu gewissen Grenzen vorherbestimmten Zeit durch Störungen in seinem Fortgang verändert, welche schließlich zum Tode dor Zelle führen. Da überdies weitgehend die organische Entwicklung mi: der Bildung von freier Wärmeenergie verbunden ist, so wird es aus allen diesen Gründen sehr wahrscheinlich, daß die chemischen und physi- kalischen Veränderungen im lebenden Organismus nicht nur dem Gesetze der Erhaltung der Energie unterliegen, sondern, daß der zweite Haupt- satz seine Gültigkeit auch auf die Vorgänge des Lebens erstrecken mußd). Die Art und der quantitative Effekt der Reaktionen im lebenden Organismus hängen ab von der Natur der aufeinander treffenden Stoffe, sowie von den Bedingungen, unter welchen das Zusammentreffen statt- findet. Diese Bedingungen sind höchst verschiedenartig; Temperatur, Aggregatzustand, Trennung und Mischung spielen eine große Rolle. Diese Faktoren sind im Organismus entweder konstant erhalten oder sie variieren: beides geschieht entweder passiv durch äußere Einflüsse oder aktiv durch Selbststeuerung in der lebenden Zelle. Die Tem- peratur z. B. wird bei der Pflanze nur sehr selten in meßbarer Weise durch aktive Tätigkeit abgeändert; die Pflanzen haben sich vielmehr ihren klimatischen Verhältnissen angepaßt. Dies tritt nicht nur in morphologischen Merkmalen hervor, sondern auch in chemischen. So ist das Fett bei tropischen Pflanzen regelmäßig von höherem Erstarrungs- punkt als das Fett der gemäßigte Klimate bewohnenden Pflanzen. Die Lebensvorgänge finden allgemein ohne Störung und in bestimmter quantitativer Abhängigkeit von der Temperatur gewöhnlich innerhalb eines weiten Intervalls von rund 20»^ (10—30« C) statt; darunter und darüber können Störungen bereits in bestimmten Fällen vorkommen, so „erfrieren" manche Tropenpflanzen schon bei etwa -^ b^ C(2). Dies ist jedoch nicht etwa als ein eigenartiger Fall von Kältewirkung aufzufassen, sondern nur als extremes Vorkommnis; donn entgegen der früher verbreiteten Meinung liegt die Temperatur des Kältetodes stets etwas oberhalb der Temperatur des Gefrierens des Zellinhaltes, so daß die Prozesse des Gefrierens und die hierbei stattfindende Wasserentziohung wohl niemals als die primäre Ursache des Kältetodes anzusehen sind (3). Übrigens können beim Abkühlen von Kolloiden durch Alteration des Ad- sorptionsvermögens usw. genügend Änderungen vor sich gehen, um schwere Störungen durch niedere Temperaturen im kolloiden Zellinhalt begreiflich 1) Vgl. Ä. Kanitz, Zentr. Physiol. (1906). P; 837; (1907) p. j70. H. ZWAARDEMA^KER, Ergebn. d. Physiol., 5, 117 (1906); Zontr. Phys'ol. ( 90. ), p^ 68. u TVT^.To^xx TT^f^rc nh H F.rfripren d. Pflanz. (189.), P- 55. bit7..l)er. \N icn. — 2) H. Molisch, Unters, üb. d. Erfrieren d. Pflanz. (1897), p. Ak 70,- I (1896) - 3) C. MEZ, Flora, w, 89 (1905 . A. Appxt Be.tr B.oI. d 1 fl , r2l5(lSoV) R. KEm Ztsch. Natu^wiss., So 1 (1909) H ^«/«-„l-^^Jf^ '^■■^^• Riol. rl Pfl o. .^^9 ri909V N. Maximow, Zentr. Bakt. (II), .'5. 3.6. pS«)- «• Biol. d. Pfl., 9, 3.59 (1909). N. Maximow, Zentr. ßakt. (u;, ^5, ^'" , '^""j^^. • V Bartetzko, Jahrb. wiss. Botan., 47, 57 (1909). E. SchYKX.t, Ztsch. allg. 1 hjMui. 12, 223 (1910). A. Richter, Zentr. Bakt. (II), 28, bl7 (IJlU). 70 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. erscheinen zu lassen (1 ). Was die Schädigungen seihst anbelangt, so deuten alle Momente darauf hin, daß die Plasmahaut der Sitz jener deletären Ver- änderung ist [Maximow (2)]. Daß bestimmte Stoffe, wie Glucose, die Kälte- resistenz von Pflanzenzellen erhebhch steigern [Lidforss (3)], beruht weder auf der Gefrierpunktserniedrigung noch auf einer Verhinderung der Eiweiß- aussalzung durch Kälte, welcher letztere Faktor in Betracht käme, wenn nach der Annahme von Gorke (4) der Kältetod eine Wirkung von Eiweiß- aussalzung wäre. Vielmehr geht, wie Maximow gezeigt hat, diese Schutz- wirkung ganz parallel der Lage des eutektischen Punktes der betreffenden Stoffe. So schützen Mannit, NaoSO^ und andere Stoffe mit hochgelegenem eutektischen Punkt sehr wenig, während die Wirkung der Glucose, NaCl, Natriumacetat mit sehr niedrigem Kryohydratpunkt eine recht bedeutende ist. Solche Schutzstoffe sind bei Pflanzen des Gebirgskhmas reichUcher vorhanden als bei Pflanzen der Ebene (5) und ähnliches darf man wohl für die arktische Flora erwarten. Aktive Temperaturänderung durch Selbstregulierung sehen wir in der Temperatursteigerung nach Verwundungen und in der manchmal sehr starken Wärmeerzeugung durch „thermophile Bacterien", durch atmende Samen und Blüten. Bei den warmblütigen Tieren spielen be- kanntlich diese Prozesse eine äußerst wichtige Rolle zur Erhaltung des Gleichgewichtes der Lehensvorgänge. Die Erscheinung, daß in einer gleichförmigen Lösung Konzentrationsverschiedenheiten auftreten, wenn ein Teil der Flüssigkeit eine andere Temperatur annimmt als die übrige Lösung, bezeichnet mau als „Ludwig sches Phänomen". Sehr schön kann man dasselbe in dem von Abegg(6) angegebenen Apparat demon- strieren. Hierbei spielt einmal der höhere osmotische Druck in der wärmeren Partie eine Rolle, dann aber auch das Verteilungsgesetz. Der bedeutende Einfluß des Aggregatzustandes der rea- gierenden Stoffe auf Eintritt und Verlauf von Reaktionen ist eine sehr alte chemische Erfahrung. Lösungen herzustellen, wenn ein Stoff in Reaktion treten soll, ist auch für den Organismus ein wichtiges Hilfs- mittel, von welchem der ausgiebigste Gebrauch gemacht wird. Anderer- seits ist Herstellung von Verbindungen festen Aggregatzustandes, von unlöslichen Stoffen oft das beste Mittel, wenn Stoffe aus dem Reaktions- getriebe ausgeschaltet werden sollen. Auf letzterem Wege lagert die Pflanze ebensowohl Reservematerial zu künftiger Benützung ab (Stärke, Fett) als auch „Sekrete" wie Harze, Terpene, die niemals wieder in den Stoffwechsel eintreten, wie auch Giftstoffe, z. B. Oxalsäure als unlös- liches Kalksalz. In Lösung bieten einander zwei Stoffe gleichsam ideal große Oberfläche dar. Eine Annäherung an diesen Fall bildet die möglichst feine Emulsion von nicht mischbaren Flüssigkeiten, welche z. B. bei der Fettresorption im Organismus eine wichtige Rolle spielt. Die biochemische Bedeutung von Trennungsprozessen wird uns wirksam durch die eben erwähnte Herstellung unlöslicher Verbin- dungen in der Zelle in verschiedenen Fällen illustriert. Filtrationen, die der Chemiker so häufig zur Trennung fester Stoffe von Flüssigkeiten anwendet, finden wir auch in der lebenden Pflanze als wiclitige Beein- 1) H. W. Fischer, Beitr. ßiol. d. Pfl., /o, 133 (1910). — 2) N. A. Maximow, Ber. Botan. Ges., 30, 52, 293, 504 (1912). — 3) B. Lidforss, Die wintergrüne Flora, (Lund 1907). — 4) H. Gorke, Landw. Versuchsstat., 65, 149 (1906). — 5) Marie u. Gatin, Botan. Zentr., 122, 6 (1913). — 6) R. Abegg, Ztsch. physik. Chem., 26, 161 (1898). Über Thermoendosmose ferner G. Lippmanh, Corapt. rend., 145, 104 (1907). § 2. lonenreaktionen in der lebenden Zeile. 71 flussung von Reaktionen tätig. Auch die Filtration befördernden Mittel, wie Herstellung einer großen Filterfläche, vollkommene Benetzbarkeit der Filtermembran, sind im Organismus benutzt, wo die vielen Systeme kolloider Trennungsmembranen im Zellplasma, wie F. Hofmeister an- ziehend geschildert hat, höchst wirksame Einrichtungen darstellen. Der Organismus leistet aber noch mehr. Die in Frage kommenden Trennungs- membranen sind, wie es Pfeffer (1) in seinen denkwürdigen osmotischen Untersuchungen darlegte, „semipermeabel"; sie vermögen, wie bereits oben näher auseinandergesetzt wurde, selbst zwischen gelösten Stoffen auszuwählen und so Abtrennungen von Stoffen zu erreichen. Dergleichen geschieht schon bei der Stoffaufnahme durch die Wurzeln im Boden. Zudem ist die Beschaffenheit und Wirkung der Membranen keine kon- stante, sondern eine variable. Für Gase, die in den Zellflüssigkeiten gelöst sind, gelten dieselben Gesichtspunkte, und es kann Trennung der- selben durch semipermeable Membranen voraussichtlich ebenfalls bewerk- stelhgt werden. Da die Filtermembranen im Zellplasma auch starke Adsorptionswirkungen äußern, so werden endlich auch Abtrennungen durch Zurückhaltung von Stoffen in der Filtermembran zu erwarten sein. Ist eine vollständige Undurchlässigkeit der Membranen für bestimmte Stoffe nicht vorhanden, so wird häufig die verschieden große Filtrations- geschwindigkeit derselben Konzentrationsdifferenzen und partielle Schei- dung erzielen können. Aber auch Mischungsprozesse sind für Reaktionen innerhalb der Zelle sicher von großer Bedeutung. Mit Recht hat Pfeffer (2) die Protoplasmaströmungen als voraussichtlich wichtiges physiologisches Hilfs- mittel in dieser Richtung in Anspruch genommen. Sonst wird auch jeder Diffusionsstrom im Zellsaft, jede aktive oder passive Ortsveräude- rung von Zellorganen, Ungleichheit von Temperaturen usw. mehr oder weniger als Hilfsmittel für die Mischung von Stoffen innerhalb der Zelle dienen können. Die Physiologie interessiert schließlich auch die räumliche Fort- pflanzung chemischer Reaktionen über kürzere oder längere Strecken, da solche Prozesse voraussichtlich zwischen Nachbarzellen sich regel- mäßig abspielen werden und selbst die Reizleitung vielfach mit derartigen Vorgängen in Verbindung zu bringen ist. Interessante Versuche über die räumliche Fortpflanzung chemischer Reaktionen in emem Rohr ver- danken wir Luther (3) und Srebnitzki (4). Weitere messende Verfolgung solcher Vorgänge wäre für die Biologie sehr wünschenswert. lonenreaktionen in der lebenden Zelle. Die zahlreichen Stoffe, welche im Innern der Zelle enthalte^i sind und sich an den zum Lebensprozesse gehörenden «^^^f «^^ .^.^^'^^Xhe beteiiieen sind teils ausgesprochene Elektrolyte, teüs Stoffe welche eben noch meßbar dissoziiert (5), oder solche, die nicht nachweislich 1) W. Pfeffer, Osmot. Untersuchungen (Leipzig 1877) - 2) W. ^feffeb Studien Lr Energetik,' p. 270 (1892). Biekberg ^^/jf' .^^JJ^f^^^Flora 95 l u. Herfluten des Plasmas in Mucorhyphen beruht "««^ ^;^^^^5„"''B^f /j, ^^ /^^ 2 (1905), auf osmotischen und T/ansiMrat.onsvv.rkungen. H^^^^ 4) V Hrebn.tzk.. ^rSl^l^lC S.Ä t^^r^^ vo^- £S^LSrt^h^NaOH hei 72 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. dissoziiert sind (Nonelektrolyte), Die Menge der ionisierten Stoffe in Organsäften wurde öfters durch Leitfähigkeitsbestimmungen gemessen. In den Versuchen von de Forest Heald(1), Nicolosi-Roncati(2) hat sich ergeben, daß die Säfte von Blättern und Stengeln verschie- dener Pflanzen relativ gute Leiter sind, und zwar die Stengelsäfte in höherem Maße als Wurzelsäfte. Es wurde auch der hervorragende Anteil der gelösten Mineralstoffe an dem elektrischen Leitungsvermögen konstatiert. Indem die ionisierten Stoffe in Gewebesäften zum aller- größten Teile Substanzen von geringem Molekulargewicht sind und daher den Gefrierpunkt ihrer Lösungen relativ stark herabsetzen, so gestatten bereits die in der heutigen physiologischen Methodik gut ausgebildeten kryoskopischen Untersuchungsbehelfe (3) eine annähernde aber sehr bequem auszuführende Bestimmung des lonengehaltes von Gewebesäften, So hat Maquenne(4) die Verhältnisse während der Samenkeimuug kryoskopisch verfolgt, F. Cavara (5) die hohen Werte (bis 30 Atmosphären osmotischen Druckes) im Zellsaft von Salzpflanzen festgestellt, und Dixon und Atkins(6) bestimmten auf thermoelektrischem Wege die Gefrierpunkts- erniedrigung im Gewebesaft von Laubblättern. Den letztgenannten Autoren zufolge nimmt die Gefrierpunktsdepression des Zellsaftes bei Blättern von der Knospenentwicklung bis zum Herbst deutlich zu. Nach Pantanelli (7) wird man zu beachten haben, daß Gewebesaft in frisch entnommenem Zustande eine stärkere Gefrierpunktsdepression zeigt als nach einigen Stunden; nach noch längerer Zeit sinkt der Gefrierpunkt neuerdings etwas. Dabei dürften wohl lonenadsorptionen im Spiele sein. Weitere einschlägige Daten aus diesem immerhin noch auffällig wenig durch- forschten Gebiete können den Zusammenfassungen von Livingston (8) und BoTTAzzi (9) entnommen werden. Auch für die Pflanzenphysiologie wird es künftighin öfters von Bedeutung sein, über osmotischen Druck und lonengehalt einzelliger Organismen und isolierter Körperzellen experimentelle Daten zu sammeln; in dieser Richtung dürfte eine von Höber (10) angegebene Methode zur Leitfähigkeitsbestimmung sehr dien- lich sein. Die Pflanzen nehmen eine große Menge von ionisierten Stoffen aus ihrem Bodensubstrate auf, da die in der verdünnten Bodenlösung enthaltenen wichtigen mineralischen Nährsalze meist so gut wie voll- ständig elektrolytisch dissoziiert sind. Die Neutralsalze der einwertigen Metalle erreichen ja den Endwert ihres Zerfalles in Ionen bei einer Zuckerzusatz. Mannit ist wirkungslos; Rohrzucker, mehr noch Invert- und Trauben- zucker, verringern die katalytische Wirkung der OH'-lonen durch partielle Neutrali- sation derselben. Über die Dissoziation von Zucker auch H. Euler, Ber. ehem. Ges., 34, II, 1568 (1901). Th. Madsen, Ztsch. physik. Chem., j6, 290 (1901). KuLLGREN, Ebenda, 41, 407; 43. 701 (1903). 1) Fr. de Forest Heald, Science (1902), p. 457; ßotan. Gaz., 34, 81 (1902). — 2) F. NicoLOSl-RoNCATi, Botan. Zentr., iio, 458 (1909). Elektr. Leitfähigkeit d. Bäume: F. Wolfe, Naturwiss. Ztsch. f. Land- u. Forstwirtsch., 5, 425 (1907). — 3) Vgl. H. Frledenthal, Zentr. Physiol., 14, 157 (1900). Abderhaldens Handb. d. biochem. Arb.meth., /, 498 (1910). P. Rona, Ebenda, V, (1). — 4) l^. Maquenne, Compt. rend., 125, 576 (1897). — 5) F. Cavara, Botan. Zentr., 104, 547 (1906). — 6) H. Dixon u. W. R. G. Atkins, Proceed. Roy. Soc. Dublin, 12, 275, 463 (1910); 13, No. 28 u. 29 (1913). Notes from the Botan. School Trinity College Dublin, //, No. 3 (1912). — 7) E. Pantanelli, Arch. Farm. Sper., 12, 225 (1911). — 8) B. E. LrviNGSTON, The Röle of Diffusion and Osmotic Pressure in Plants (Chicago 1903). G. Trinchieri, Bull. Orto Bot. Napoli, 9 (1909). Leitfähigkeit von Bac- terienkulturfliissigkeiten: M. Oker-Blom, Zentr. Bact. (I), 65, 382 (1912). — 9) F. BoTTAZZi, Ergebn. d. Physiol., 7. Jahrg., p. 161 (1908). — 10) R. Höber, Pflüg. Arch., 133, 237 (1910); 148, 189 (1912); 150, 15 (1913). § 2. lonenreaktionen in der lebenden Zelle. 73 Verdünnung von 1 Grammolekel auf 2000 Liter, sind aber schon in einer Verdünnung von °/iooo praktisch völlig elektrolytisch dissoziiert Bei den aus dem Boden aufgenommenen Ionen handelt es sich vor allem um die Kationen K', Na', Ca**, Mg", Fe"', Mn" und Al"\ um die Anionen SO4", NO3', HPO4", er, wozu noch eine geringe Menge von H*- und OH'-Ionen kommt d). Die Kohlensäure der Luft, welche die Pflanzen aufnehmen und verarbeiten, entspricht, im Zellsaft gelöst, wahrscheinlich der Säure H2CO3, welche faSt nur die Anionen HCO3' bildet, die sodann im Chlorophyllapparate der Reduktion anheimfallen. Es scheint ferner, daß der Luftsauerstoff nach seiner Aufnahme gleichfalls bald in Ionen übergeht und zur Bildung von OH'-Ionen Anlaß gibt. In der Zelle spielen sich zahlreiche lonenreaktionen ab und solche Reaktionen gehören zu den notwendigen Vorgängen im Lebensprozeß. Hierher zählen die in der Bildung von oxalsaurem und phosphorsaurem Kalk bestehenden Ausfällungserscheinungen und viele Lösungserschei- nungen. Sehr gewöhnlich verschwinden von außen aufgenommene Ionen in der Zelle und können mit Hilfe der in der analytischen Chemie ge- bräuchlichen Reagentien nicht mehr nachgewiesen werden. Diese „Mas- kierung" ist z. B. vom Eisen wohl bekannt. In solchen Fällen handelt es sich häufig um Reaktionen, in welchen „komplexe Ionen" entstehen. Es neigen besonders die mehrwertigen Metallionen sehr stark zu diesem Verhalten, und in Gegenwart von m"ehrbasischen organischen Säuren (Weinsäure), von Zucker und Kohlenhydraten werden leicht komplexe Metallionen gebildet, in denen das Metall nicht mit Hilfe der gewöhn- lichen lonenreagentien nachgewiesen werden kann. Zahlreiche Reaktionen in der lebenden Zelle führen zur Neubildung von Ionen aus Nichtelektrolyten. Wenn Alkohole oder Aldehyde in der Zelle zu Säuren oxydiert werden, so müssen zahlreiche H"-Ionen und Säureanionen entstehen. Gerade eine sehr häufig und oft massenhaft im Stoffwechsel auftretende Säure, die Oxalsäure, zeigt eine für orga- nische Säuren sehr starke elektrolytische Dissoziation in ihren wässe- rigen Lösungen (2). Die mehrbasischen organischen Säuren teilen das Verhalten der Phosphorsäure, mehrere Reihen von Salzen zu bilden, welche verschieden stark ionisiert sind. Diese „stufenweise Dissoziation" ist bei jenen Salzen am stärksten, bei denen nur 1 H durch ein Metall substituiert ist. Natürlich sind in Lösungen der freien Säuren ebenfalls die entsprechenden Anionen am reichlichsten vertreten, so bei der Phos- phorsäure die Ionen H2PO4' neben H'O). Zu reichlicher lonenneubil- dung führen aber auch viele andere Wege, z. B. der Übergang der sehr schwach elektrolytisch zerfallenen Aminosäuren in Ammoniak und Fett- säuren, wie er bei der BUdung von bernsteinsaurem Ammoniak aus As- paragin stattfindet. Auch bei der BUdung von organischen Basen im Stoffwechsel entstehen oft stark ionisierte Substanzen aus Nichtleitern (4). Wichtig ist die physiologische Bildung von Substanzen, welche in ihren wässerigen Lösungen gleichzeitig H'-Ionen und OH'-Ionen bilden. 1) Aufnahme von H'- und OH'-Ionqn du/ch lebendes Plasma: O. W Barratt, Ztsch. algem. Pbysiol., 5, 10 (1905). - 2) Die biochemisch sehr w>cht,,^enL)^^^^^^ ziationsverhältnisse organischer Säuren wurden zuerst naher slud.crt <^"^^,\ ^\- g^;-- WALD, Ztseh. Physik, ehem., 3, 170 (1889). P;^ Walden. ^^f^^J'^^^'J^^'^' WiQHTMAN u. Jones, Amer. Chem. Joum., ^5, 320 (1912) - 3) V'l. ^^^"'^J^ ' f • Smith, Ztsch. physik. Chem., 25, 144 (1898). «• Wegscheider. Mon^ L Cliem -j. 599 (1902); 26, 1235 (1906). - 4) Affinitätsgroße der Basen: G. Br.EPio, /t^ch. physik. Chem., 13, 289 (1894). 74 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. also Säuren und Basen gleichzeitig darstellen. Bredig und Winkel- blech (1) haben für solche Elektrolyte die Benennung amphotere Elektrolyte eingeführt. Solche Stoffe sind die Aminosäuren, Xan- thinbasen und viele Eiweißkörper. Die Aminosäuren (wie auch Coffein) bilden mehr H'-Ionen als OH'-Ionen, sind also eigentlich sehr schwache Säuren. Von sonstigen amphoteren Elektrolyten wären Metall- hydroxyde, Diazoniumhydrat, sowie der bekannte Indicator Methylorange zu nennen. Zu berücksichtigen ist, daß die Dissoziation schwacher Säuren durch Zusatz von stark ionisierten Neutralsalzen erheblich gesteigert werden kann [Arrheniüs (2)]. Setzt man zu einer EssigsaurelÖsung NaCl, so entstehen mehr nichtdissoziierte Natriumacetatmolekel als nichtdissoziierte Chlormolekel, woraus ein Plus an Wasserstoff-Ionen resultiert. Würde man hingegen der Essigsäure Natriumacetat hinzu- fügen, so käme man zu dem gegenteiligen Effekt. ADgemein wird der Dissoziationsgrad schwacher Säuren oder Basen zurückgedrängt, wenn man ein Neutralsalz mit dem gleichnamigen Anion respektive Kation zusetzt. Die elektrische Leitfähigkeit und lonenbildung des Wassers ist sehr gering. Für 18 " ist die lonenkonzentration reinsten Wassers mit 0,78 X 10""^ Gramm-Ionen pro Liter bestimmt worden, für 25^ mit 1,05 X 10-' (3). Sie besitzt einen auffallend großen Temperaturkoeffi- zienten, wird aber durch einen Zusatz von Säuren oder Basen nicht er- höht. Gegenüber sehr schwachen Elektrolyten, wie sie in den Zellsäften so verbreitet vorkommen, fällt jedoch selbst die Ionisierung des Wassers bereits in die Wagschale. Lösungen von Neutralsalzen sehr schwacher Säuren (Essigsäure, Blausäure, Kohlensäure M2HPO4) reagieren bekannt- lich alkalisch. Man nennt diese Erscheinung hydrolytische Spal- tung (4) und erklärt sie durch die Annahme, daß das Wasser als Säure mit dem betreffenden Salz reagiert, z. B. NaCOO • CH3 4 HgO = NaOH -i- COOH • CH3, d. h. die Lösung verhält sich ebenso als ob Na- tronlauge und Essigsäure gleichzeitig anwesend wären. Nun ist aber NaOH ein starker Elektrolyt, die Essigsäure hingegen sehr wenig in Ionen gespalten, woraus sich ergibt, daß ein Quantum freier OH'- Ionen vorhanden sein muß. Trinatriumphosphat dürfte sogar überhaupt nicht in einer Lösung von NagPO^ + HgO vorhanden sein, sondern so gut wie vollständig in Na2HP04 und NaOH hydrolysiert sein. Ähn- hches gilt von Salzen schwacher Basen mit starken Säuren. Wahr- scheinlich ist die normale sogenannte „Alkalescenz" des lebenden Proto- plasmas auf hydrolytische Spaltungen zurückzuführen. 1) Bekdig u. Wlnkelblech, Ztsch. Elektrochem., 6, 33 (1899). J. Walker, Proceed. Roy. Soc. Lond., 73, 155 (1904); Ztsch. physik. Chem., 5/, 706 (1905). H. LuNDEN, Joum. Biol. Chem., 4, 267 (1908). L. Michaelis, Biochem. Ztsch., jj, 182 (1911). — 2) Sv. Akrheniüs, Ztsch. physik. Chem., j/, 199 (1899); Ztsch. Elektrochem., 6, 10 (1899). — 3) W. Nernst, Theoret. Chem., 6. Aufl., p. 518 (1909); Ztsch. physik. Chem., 14, 155 (1894). Sv. Arrheniüs, Ebenda, //, 824 (1893). W. Ostwald, Ebenda, //, 521 (1893). G. Bredig, Ebenda, p. 828. — 4) J. Shields, Ztsch. physik. Chem., 12 (1893). G. Bruni u. A. Manuelli, Ztsch. Elektrochem., //, 554 (1905). A. Naumann u. A. Rücker. Journ. prakt. Chem., 74, 209 (1906). A. Rosenstiehl, Compt. rend., 144, 1284 (1907); Bull. Soc. Chim. Fr. (4), /, 879 (1907). B. L. Vanzetti, Gaz. chfji. ital., j*, II, 98 (1908). P. Pfeiffer. Ber. Chem. Ges., 40, 4036 (1907). fie Wirkungen des Wassers als schwache Säure oder Base waren im Prinzip schon von H. Rose, Pogg. Ann., 83, 132, 147 (1851), erkannt worden. § 2. lonenreaktionen in der lebenden Zelle. 75 Wohl die allermeisten Reaktionen im Organismus vollziehen sich unter der Wirkung und der Beteihgung der Ionen des Wassers. Diese Tat- sache ist von größter Bedeutung für die Ökonomie im Haushalte der lebenden Zelle, indem sich derartige Reaktionen unter sehr geringem Energieaufwande vollziehen lassen. Alle Hydratationen und Anhydrierungen in ihren mannig- fachen Erscheinungsformen, ja vielleicht selbst Oxydationsprozesse, zählen hierher. Deswegen ist die quantitativ messende Verfolgung der Konzen- trationen von Wasserstoffionen und OH'-Ionen für die Physiologie sehr wichtig, die leider bisher auf botanischem Gebiete recht vernachlässigt ist. Besonders gut ausgebildet ist die Methodik der Bestimmung der Wasserstoff- ionen. Wohl umständUcher, aber sehr genau führt die Verwendung der NERNSTschen Gasketten (Wasserstoffkonzentrationsketten) zum Ziele (1 ). Sehr scharf sind sodann die Methoden, welche die später zu erörternde katalytische Wirkung der H '-Ionen auf spaltbare Substanzen als Prinzip haben, und aus der Zahl dieser Methoden ragt besonders die durch Bredig und Fränkel (2) angegebene hervor, welche die Spaltung des Diazoessig- säureäthylesters in Stickstoff und Glykolsäureäthylester durch H-Ionen benützt. In neuester Zeit hat sich jedoch dank der Bemühungen von Frieden- thal (3), Sörensen(4), Michaelis und Rona(5), Salm (6) und anderen Forschern die Farbstoffindicatorenmethodik so sehr vervollkommnet, daß man mit Hilfe geeigneter Indicatoren die H-Ionenkonzentration inner- halb enger Grenzen durch den Farbumschlag bestimmen kann. Die nachfolgende, einer Darstellung der einschlägigen Verhältnisse durch Kanitz(7) entlehnte Tabelle benützt 0,l%ige Farbstofflösungen, die zu 1 Tropfen auf 10 ccm der zu untersuchenden Lösung verwendet werden (GRÜBLERsche Präparate). Beobachtung im durchfallenden Licht und bei Zimmertemperatur. (Siehe Tabelle S. 76.) Die Indicatorenmethode ist besonders für die Bestimmung des Ge- haltes an OH'-Ionen wertvoll, weil hier andere genaue Methoden nicht in dem Maße ausgebildet sind, wie für die Bestimmung der H'-Ionenkonzen- tration. In den überaus kritischen Untersuchungen von Sörensen wird man weitere Anleitung zur Benützung von Indicatoren für biochemische Zwecke finden. Bemerkt sei hier nur, daß der Einfluß von Neutrakalzen in der Lösung bei manchen Farbstoffen (Methylviolett, Mauvein) sehr be- deutend ist. Bei SÖRENSEN ist auch näheres über den Einfluß von Toluol- und Chloroformzusatz, Eiweißstoffen usw. einzusehen. Die Methode eignet sich ferner, falls die Farbstoffe in lebende Zellen eindringen dazu, um die Zellsaft- und Vacuolenflüssigkeit zu prüfen. Für einschlägige tierphysio- 1) Vgl. L. V. ROHKER, Pflüg. Arch «'^. 586 (1901) H^Fiuedentha.^.^^^^^ derhaldens Handb. d. biochem. U"*«^«»«*»-'"^',^'/' Sk ^ Chem 6o ^o'(m^) Ebenda, 5. 500 (1911). - 2) ^^ Fean^l Ztsch P^^-^. ^^^-''^i^VHAl/i^h. LR.FBESEN,üS,Ztsch Physik. Ch^n «. 7. Sebiet der exp. Phy^ioi. allgem. Physiol., /. 56 (1901), 4, 4^^™^^- a\ S P L Sörensen. Compt. reud. (Jena 1908) und 1. c Abderhaldens Handb - *> '^pff, " /^oA'q^^" V^^^ d. Vhysiol. tr. Carlsberg. 8, l, 596 (1909); ßio^^hem^ Z^ch .^ 201 ^^j^^) ^^^^^^^^ ^gos)! /., 398 (1912). - 5) L. MICHAELIS u. f • ^«f ^iy^^ö) M J^^^^ Ber Chen;. Ges., - 6) E. Salm, Zt«ch. phys.k. Chem., 57. 471 (™;. ii. ^^^. 42, 3179 (1909). Sv. Palitzsch, B'^^l^/J^^t^^^i.^^ -7) A. (H--Ionen im Seewasser) Compt. rend^ ^^i^L.hpn von Oppenheimer, /, 60 (1908). Kanitz in Handbuch der ßioche^mie des Menschen von Up^enhe^m^ , , k ^^^ P. RONA, Abderhaldens Handb. d. biochem. Untersuch.metü., K, ai^ ; (1912). 76 Zweites Kapitel : Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. ooooooooo 3 3 1. 3 § % l 3 l-«- 3- all; 111 I ß 1^ §1 o g. 2. 5' g 5- c b3 § 3. Reaktionsgeschwindigkeit 77 logische Resultate wäre die ausführliche Arbeit von Henderson(I) noch zu vergleichen. Die Bedingungen zur lonenbildung innerhalb der lebenden Zellen sind deshalb außerordenthch günstig, weil stets Wasser mit seiner außerordentlich hohen dissoziierenden Kraft (2) (Dielektrizitätskonstante 81, 12) als Lösungs- mittel in Betracht kommt; in organischen Solventien ist die Ionisierung sehr bedeutend geringer (3). In einer Flüssigkeit von höherer Dielektrizitäts- konstante als Wasser könnte Wasser mögUcherweise in seine Ionen zer- fallen (4). Die Bedeutung der Ionisation für die Diosmose bedarf noch eingehen- der Untersuchimgen. Dort wo bestimmte Ionen durch Komplexbildung in andere Ionen übergehen, wird der Einstrom neuer Ionen der ersten Art in in die Zelle bestimmt gefördert werden müssen. Die diosmotisch wirksame Membran braucht, wie Ostwald ausgeführt hat, nicht Kation und Anion eines Salzes in gleichem Maße hindurchzulassen. Eine lonentrennung erfolgte aber in solchen Fällen durch die semipermeable Membran nicht, sondern das Salz diosmiert dann überhaupt nicht nachweisbar. Man kann aber durch Zusatz eines zweiten Salzes, dem eines der Ionen gemeinsam ist, die Osmose des passierenden Stoffes tatsächlich ermögUchen ; nur diosmieren dann nicht die betreffenden Ionen, sondern nicht gespaltene Molekel, welche infolge der Herabsetzung der Dissoziation jetzt reichücher zugegen sind. Auf die Bedeutung der Produktion der als Katalysatoren sehr wirk- samen Wasserstoffionen werden wir noch zurückzukommen haben. §3. Reaktionsgeschwindigkeit (5j. In homogenen Medien verlaufen die Reaktionen zwischen Ionen, wie aus den Tatsachen der analytischen Chemie wohl bekannt ist, mit unmeßbar großer Geschwindigkeit und sind momentan beendet. Es fragt sich nun wie in den kolloiden Medien der lebenden Zelle die Ver- hältnisse bezüglich der lonenreaktionen liegen. Einmal spielt in der- artigen Medien, wie Arrhenius (6) gezeigt hat, die innere Reibung des Lösungsmittels eine Rolle, indem mit Steigerung derselben das Leit- vermögen nachweisbar vermindert wird. Bei sehr schwach dissoziierten Elektrolyten wird dieser Faktor gewiß in Betracht zu ziehen sein. Außer diesem die lonenkonzentration vermindernden Einüuß ist aber weiter die Verlangsamung der Diffusion durch kolloide Medien nicht zu ver- nachlässigen. Der Diffusiouswiderstand vergrößert sich, wie bereits er- wähnt (p. 44), mit Zunahme der Konzentration von Gallerten in meb- Die Reaktionen :wischen Molekeln verlaufen nun, wie spezieU die organische Chemie gelehrt hat, in der Regel auch in homogenen Medien 1W T Henderson Ergebn. d. Physiol., 8. Jahrg., p. 254 (1909). Hendee- SON u.'^.'^F.'BfACrAmer.' Ä. Physiol^ .. 250 (1^07)^ - 2) Nur vo,n Fo^ma- mid übertroffen: P. Walden. Bull. Ac. Peterebourg (1911). P- ^^^^u "569 19 ot neue Bestimmungen von D bei P. Walden, Zt^fV^y«! ; hor^^; auf die Gröüe voS wo auch der Einfluß bestimmter Atomgruppen (»D.elektropho e ) auf d■eG^oüe^on D behandelt wird. - 4) W. C D Whetham Ph.l. Mag (5^^ •^^ • 1 ( J^;;'^^^ 6) Sv. Arrhenius, Ztsch. physik. Chem., 9, 487 (189-^). 78 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenoiganismus. viel langsamer als die lonenreaktionen, so daß es leicht ist, den P'oit- gang der Reaktion zu verfolgen, falls man keine zu hohe Temperatur auf das Reaktionsgemisch einwirken läßt. Solche molekulare Reaktionen sind nun die meisten wichtigen Reaktionen, durch welche sich der Ab- bau und auch der Aufbau der Kohlenhydrate, Fette, Eiweißkörper, Glucoside und vieler anderer wichtiger Körperbestandteile der Pflanze vollzieht. Deswegen ist das Studium der Kinetik der chemischen Reak- tionen von allerhöchster Bedeutung für die Biologie. Man mißt den Reaktionsverlauf praktisch zeitlich durch die in der Zeiteinheit umgesetzte Substanzmenge. Als Zeiteinheit gilt 1 Minute, die Substanzmenge wird in Grammolekeln pro Liter gerechnet. Zur Feststellung der Reaktionsgeschwindigkeit (RG.) entnimmt man nach Ver- lauf bestimmter Zeitintervalle eine Probe des Reaktionsgemisches und bestimmt die noch vorhandene Substanzmenge durch Titration, Polarisation, Refraktion, colorimetrisch, dilatometrisch usw., wie es der gegebene Fall am besten gestattet. Es gilt die Regel, daß chemische Vorgänge nicht mit gleichförmiger Geschwindigkeit verlaufen, sondern daß die Geschwindigkeit der Reaktion mit sinkender Konzentration des Ausgangsmaterials abnimmt. Besonders häufig ereignet sich der Fall, daß die RG. in jedem Momente bei kon- stanter Temperatur der ersten Potenz der noch unverwandelten Substanz- menge einfach proportional ist. Der erste Vorgang, welcher als diesem Gesetze folgend erkannt worden ist, war die Spaltung des Rohrzuckers in seine Komponenten Traubenzucker und Fruchtzucker durch verdünnte Mineralsäuren [Wilhelmy, 1850(1)]. Es hat sich nun ergeben, daß dies allgemein stattfinden muß, wenn nur eine einzige Substanz des Reaktions- gemisches ihre Konzentration ändert. Wir nennen solche Reaktionen nach dem Vorschlage von van 't Hoff unimolekulare Reaktionen oder Reaktionen erster Ordnung. Für unsere Meßinstrumente sind diese Vorgänge relativ bald an ihrem Ende angelangt. Wenn das Zehn- fache der zur Umsetzung des halben Ausgangsmaterials nötigen Zeit verflossen ist, so ist die noch vorhandene Konzentration bereits kleiner als 0,001 der Anfangskonzentration. Graphisch muß sich das Gesetz der unimolekiilaren Reaktionen deswegen, weil die RG. der wirksamen (nämlich der noch vorhandenen) Substanzmenge proportional abnimmt, durch eine logarithmische Kurve darstellen lassen. Auch zur experimentellen Prüfung des Reaktions- verlaufes führt man die Grundgleichung des Vorganges ^^k(a-x) wobei a die Ausgangsmenge, x die nach t Minuten zersetzte Substanz- menge und der Differentialquotient den aus der Mechanik bekannten Ausdruck für die Geschwindigkeit bedeutet. Integriert ergibt diese Gleichung , 1 , a , 1 , a k = — In oder t a— X 0,4343 • t ° a— x' in welcher letzteren Form die Größe log experimentell leicht be- stimmt werden kann. 1) L. Wilhelmy, Pogg. Ann., 8i, 413 (1850). Ostwalds Klassiker der exakt. Wiss., 29 (1891). § 3. Reaktionsgeschwindigkeit. 79 Es ist leicht ersichtlich, daß, wenn auch die anfänglichen Konzen- trationen verschieden sind, bei den unimolekularen Reaktionen die Zeiten gleicher prozentischer Umsetzung gleich sein müssen. Auch ist es ver- ständlich, daß solche Vorgänge theoretisch nur assymptotisch sich dem Nullwert der Geschwindigkeit, d. h. dem Ende der Reaktion, nähern dx können und -r- gleich wird, wenn t = oo. Sind zwei Stoffe in den Anfangskonzentrationen a und a ge- geben und betragen die nach t Minuten zersetzten Substanzmengen x und x', so verwandelt sich unsere oben gegebene Geschwindigkeits- dx gleichung in — ^= k (a — x) (a' — x'). Setzen wir die Konzentrationen a s= a' und x = x', so wird die Gleichung zum Ausdrucke des Geschwindig- keitsgesetzes für den Fall, daß zwei Stoffe gleichzeitig ihre Konzen- tration ändern: d. h. die RG. ist bei bimolekularen Reaktionen oder Reaktionen zweiter Ordnung der zweiten Potenz der Differenz: Anfangskonzentration weniger der nach t Minuten zersetzten Stoffmenge proportional. Die Bedingung a = a ist erfüllt, wenn wir äquivalente Mengen beider Stoffe anwenden, so daß gleiche Molekülzahlen in glei- chen Volumteilen gegeben sind. Durch Integration geben wir der Gleichung die praktisch verwendbare Form: k=i..-^. at * a— X Wir sehen sofort, daß die Geschwindigkeitskonstante hier tri molekular bimolekular unimolekular Fig. 2. von der Anfangskonzentration a nicht unabhängig ist, sondern deijelben umgekehrt proportional ist. Die Zeiten gleicher prozentischer Umsetzung verhalten sich umgekehrt wie die Anfangskonzentrationen. In analoger Weise leiten wir das Geschwindigkeitsgesetz für tn- molekulare bis^n-molekulare Reaktionen ab und sehen ^aß die Reaktj^^^^^^^^ geschwindigkeiten immer ganzen Potenzen der noch "f ^ jin^^geset^^^^^^^ Subst^nzmengen proportional sind. Dabei ist aber "^«J" ^„^'^g^^^^"' daß die Temperatur des Systems konstant «ehalten werden mu^^ Für die Biochemie sind einstweilen nur die Reak lonen erster und zweiterOrtunrvon Bedeutung. Zu ^^ unimolek^^^^^^^^^^ gehören alle Zucker- und Glucosidspaltungen (D; ^^^^^lekulare Rea^^^^^^^ Ind vor allem die Verseifungen von Estern (2), wo .s^J^5°^\^?^,f ^gf^^^^ zentration des Esters, als jene der verseifenden Sub tanz (Akah^bä^^^^^^^^ ändern muß. Trimolekulare Reaktionen kennt man bisher nur in vsenigen l^^spiele: Maltosespaltung: A V SvMO.., Ztech^ phy^ -V^. 385 (1898). Salicinspaltung: A. Noyes u W. J- Hall, ^^^enaj 1911) - 2) Hierzu: ROSANOFF, CLARK u. SiBLEY, Joum. Amer^Chem^ boc, 33, 1911 (i« ) E. Petersen, Zisch, physik. Chem., i6, 385 (i»yo;- 80 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. Fällen aus der theoretischen Chemie, aus der Biochemie noch gar nicht. In der Physiologie ist es nicht selten möglich, aus der Konstruktion des Kurven verlauf es für einen Vorgang die ersten Anhaltspunkte zur richtigen Beurteilung des Grundgesetzes für denselben zu gewinnen. Wie die vorstehend für uni-, bi- und trimolekulare Reaktionen entworfenen Kurven zeigen, hat jede Kurve ihre charakteristischen Eigentümlichkeiten. Vor allem wird man sehr viele biologische Vorgänge finden, welche ein logarithmisches Verlaufsgesetz einhalten. Man darf wohl dann stets an- nehmen, daß die wirksame („aktive") Menge sich mit der Zeit oder einem anderen Faktor proportional ändert und in den meisten Fällen wird man auf die Veränderung nur einer einzigen Substanz daraus schließen können. Diese Überlegungen gelten auch für die zahlreichen Befunde, in welchem das „WEBER-FECHNERSche Gesetz" aufgefunden wurde. Natürlich wird man aus gewissen formalen Ähnlichkeiten keinen verfrühten Schluß auf wesentliche Eeziehungen ziehen dürfen (1). Betreffs der wohl zu beachtenden Unsicherheiten in der Aufstellung von Beziehungen zwischen dem Verlaufsgesetz einer Gesamtreaktion und den Gesetzen der dieser subsumierten Einzelreaktionen sei auf eine Arbeit von Brünner(2) verwiesen. Die hier besprochenen Molekularreaktionen verlaufen nicht nur nach einer Richtung, nach der Spaltung eines zusammengesetzten Stoffes oder nach der Verseif ung eines Säureesters, sondern müssen theoretisch als umkehrbar gelten. So gilt die Gleichung der Verseifung des Essigsäure- äthylesters C2H5 . OOC . CH3 + H2O = COOK . CH3 -I- C2H5 • OH nicht nur als statische Gleichung, sondern auch als dynamische, als Ausdruck der Umwandlungsgeschwindigkeit zwischen Est3r und Wasser einerseits und Säure und Alkohol andererseits. Wenn also die Verseifungsgeschwindig- keit im Laufe der Spaltung so gering geworden ist, daß wir sie nicht mehr messen können, so werden wir nach der dynamischen Auffassung sagen müssen, daß die Geschwindigkeit der Esterbildung zu dieser Zeit so sehr angewachsen ist, daß sie der Spaltungsgeschwindigkeit gleich- kommt und die Esterbildung und Esterspaltung in gleichen Zeiten gleiche Beträge aufweisen. Wir schreiben die Gleichung, um diesen Gedanken auszudrücken, dann mit dem Doppelpfeil verbunden: H2O + C2H5 . OOC • CH3 ^^~7 COOK . CH3 -r C2H5 . OH Unter der Voraussetzung, daß während der Reaktion an dem System nichts geändert wird, ist das Verhältnis der Produkte der aktiven Mengen: Essigsäure x Alkohol : Ester x Wasser im Gleichgewicht für die betreffende Reaktion eine charakteristische Größe. Das Verhältnis der Geschwindigkeitskonstanten des Spaltungs- und Esterbildungsvorganges ist diese charakteristische Gleichgewichtskonstante. Sie hängt bei den im Organismus vorkommenden Reaktionen ohne bedeutenden Wärme- umsatz von der Temperatur nur in geringem Maße ab. Nimmt man jedoch die Spaltungsprodukte durch einen zweiten Prozeß stetig hinweg, so schreitet der Spaltungsprozeß immer weiter fort, je vollständiger die Spaltungsprodukte verschwinden. Bei dieser Gleichgewichtsverschiebung wird allerdings die Reaktionsgeschwindigkeit in ihrem Gesetze nicht 1) Th. Paul, Biochem. Ztsch., 18, 1 (1909). — 2) E. Brunnee, Ztsch. physik. ehem., 52, 89 (1905). § 3. Reaktionsgeschwindigkeit. gi tangiert, weil sie nur von der jeweilig vorhandenen Konzentration des Esters abhängt. Solche Vorgänge sind von großer biologischer Bedeutung. Durch Verhinderung der Abfuhr oder Verarbeitung der gebildeten Reaktions- produkte sehen wir biochemische Prozesse, wie die Kohlensäureassimilation nach Verhinderung der Stärkeentleerung durch Abschneiden der Blätter, oder die Stärkehydrolyse in Endospermen nach Entfernung des zucker- konsumierenden Embryos zum Stillstand kommen. Man kann aber, wie Hansteen und Pfeffer (1) gezeigt haben, speziell in letzterem Falle auch an isolierten Endospermen Entleerung herbeiführen, wenn man für einen genügend raschen Diffusionsstrom sorgt, welcher den gebildeteil Zucker entfernt. Anscheinend wird in dem komplizierten Spiel der in der Zelle nebeneinander verlaufenden Reaktionen äußerste Sorgfalt darauf verwendet, die gebildeten Produkte auf passendem Wege zu entfernen. Viele Reaktionen der organischen Synthese im Laboratorium geben nur desv^egen schlechte Ausbeute, weil die Reaktionsprodukte dem Prozesse ein vorzeitiges Ende bereiten. Doch liegen sowohl in der Zelle wie in letzterem Falle die Verhältnisse so einfach nicht, als daß eine Gleich- gewichtsverschiebung im erwähnten Sinne allein für den Effekt ver- antwortlich zu machen wäre, weil nicht nur „Gegenwirkungen", sondern auch „Nebenreaktionen-' mit in Betracht kommen. Temperatur und Reaktionsgeschwindigkeit. „Bei weitem die meisten Reaktionen zeigen durch ein Ansteigen der Temperatur um 10 «^ eine Verdoppelung bis Verdreifachung der Geschwindigkeit. Auch die Menge ausgeatmeter Kohlensäure, die Respiration bei Weizen, Lupine und Syringe zeigt zwischen 0" und 25" eine Beschleunigung, die für 10*^ auf eine das Zweiundeinhalbfache der Geschwindigkeit betragende Leistung hinauskommt." Mit diesen Worten hat van 't Hoff (2) die von ihm zuerst näher gewürdigte in Chemie und Biologie gleich- bedeutsame Beziehung zwischen Temperatur und chemischen Prozessen charakterisiert. Dieser seither als van 't HoFFsche Regel oder Reaktions- geschwindigkeitstemperatur (RGT.)-Regel bekannt gewordene gesetzmäßige Zusammenhang hat sich weitgehend bestätigt. Es wird unsere Aufgabe sein in der Darlegung der einzelnen biochemischen Vorgänge auf die einschlägigen Feststellungen hinzuweisen. Hier muß aber bereits be- merkt werden, daß selbst biologische Vorgänge kompliziertester Art (Wachstum, Zellteilung) die RGT.-Regel in unverkennbarer Weise be- folgen. Natürlich kann man ihren Geltungsbereich hier nur innerhalb der Temperaturgrenzen 0«— SO'» oder wenig höher untersuchen, während chemische Versuche für zahlreiche Reaktionen die Geschwindigkeits- zunahme mit der Temperatur bis 3— 5a) '^ verfolgen konnten. Kanitz (3), Herzog (4) und andere Forscher haben zahlreiche biologische Belege für die Temperaturregel erbracht. 1 ) Hansteek, Flora (1894), Erg.-Bd., p.4l9; Pfeffer, Ber. Sächö^Ges. d. Wiss. (1893), p. 422. - 2) J. H. van't Hoff, Chem. Dynamik, p. 224 (1898). M. rRAüTZ, Ztech. Physik. Chem., 76, 129 (1911). -• 3) A. Kanitz. Ztsch. Biolop 52, l'^^<1909); B.olog. Zenir., 27, 11 (1907) für pulsier. Vacuoleu ; Ztsch. Eloktrochein (1905), Nr 4^, lur Kohlensäureassimilation; Ebenda (1907). p. 707; Ztsch. pl^y«''^'- Che"i.. 7«. H. P, ly« (1909). - 4) R. O. Herzog, Ztsch. physioi. Cham., 37, 149 (1903); Zt«ch. Elekt o- chem., n, 820 (1905). R. Abegg, Ebenda, p. 823. O. Prochnow, l^'«««[,t- (B*;^''" 1908). K. Peter, Arch. Entwickl.mech., 20, 130 (1905). L. Wo^o^f ^^/•,?„^^^flY;' Amer. Journ. Physioi., 29, 147 (1911). Ch. D. Snyder, Ebenda, 2S, 1(.7 (Kill). Demoli. u. Strohl, Biolog. Zentr., 29, 427 (1909). Czapek, Biochemio der Pflanzen. S. Auü. 82 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. VAN 't Hoff bemerkt selbst, daß in der großen Mehrheit der bisher beobachteten Fälle das Geschwindigkeitsverhältnis für 10 <> mit steigender Temperatur abnimmt. Ähnliches beobachtete man auch bei physiologischen Vorgängen bereits innerhalb der unschädlichen Tempe- raturen in der Regel sehr deutlich, was, wie Cohen-Stuart d) mit Recht hervorhebt, meist absichtlich oder unabsichtlich unbeachtet ge- lassen wird, und durchaus keine Abweichung von der RGT.-Regel dar- stellt. Nach Cohen-Stuart wäre es vorzuziehen nicht die Q^o-Werte direkt zu vergleichen, sondern die Kurven, die sich aus der Veränder- lichkeit derselben mit steigender Temperatur ergeben. Dabei zeigen die Lebensvorgänge sehr häufig ein Verhalten, welches an- scheinend der Temperatur-Proportionalitätsregel widerspricht. Es nimmt nämhch die Reaktionsgeschwindigkeit nur bis etwa 33— Sö^C mit der Temperatur zu, erreicht da ihr Maximum und sinkt sodann herab, um mit Eintritt des Hitzetodes bei 41— 45«C den Nullpunkt zu erreichen. Dieses sogenannte „Temperaturoptimum ist zuerst durch Blackman(2) mit seinen Mitarbeitern Miss Matthaei und Smith in seinem Zustande- kommen aufgeklärt worden. Außerdem fördernden Einfluß auf die Geschwindig- keit der Reaktionen in der lebenden Zelle werden seitens der steigenden Temperatur immer auch Prozesse be- schleunigt, welche mit einer Herab- setzung der Funktionen verbunden sind, mit Stoff zerfall ohne ausreichenden Er- satz. Mit diesen Einflüssen muß sich die RGT.-Regel kreuzen. Je schneller z. B. der Vorrat an den zur Atmung nötigen Stoffen bei höherer Tempera- „. „ tur sich vermindert, desto weniger ^^' ' kann sich die Reaktionsbeschleuni- gung des Oxydationsprozesses selbst bemerklich machen. Drücken wir die Quantität der zur Atmung nötigen Stoffe in ihrer Abnahme mit steigender Temperatur durch die Kurve AB aus, die RGT.-Regel der Atmung durch die Kurve OP, so sehen wir ohne weiteres, wie durch Superposition beider Kurven in C ein Temperaturoptimum entstehen muß, obwohl die Atmung der RGT-Regel folgt. Ein wirkliches Optimum existiert somit nicht. Die von Amstel und Iterson(3) gegen Blackmans Auffassungen erhobenen Bedenken sind wohl grundlos und wurden hinreichend durch die Untersuchungen von Kuyper (4) entkräftet. Cohen-Stuart und Kanitz ist jedoch vollkommen zuzustimmen in der Meinung, daß eine exakte Prüfung der BLACKMANSchen Theorie derzeit unmöglich ist, weil die Abhängigkeit der Einzelprozesse von der Temperatur physiologisch unentwirrbare Komplexe darstellt. 1) C. P. Cohen-Stuart, Kgl. Akad. Amsterdam (1912), p. 1159 (26. April). — 2) F. F. Blackman, Ann. of Botan., ig, 281 (1905). Miss G. Matthaei, Phil. Trans. Lond., B, ig?, 47 (1904). A. M. Smith, Ann. Roy. Botan. Gardens Pera- deniya, 3, II, 305 (1906). — 3) J. van Amstel u. G. van Iterson jun., Akad. Amsterdam, ig, 106 (1910); Botan. Zentr., 116, 279 (1911). G. van Iterson, Act. 3. CoDgr. internat. Botan., //, 1 (1912). — 4) J. Kuyper, Rec. Trav. botan. N^erlaud, 7 (1910); Ann. Jard. Botan. Buitenzorg, (2) 9, 45 (1911). Über „Optimum" L. Errera, Recueil d'Oeuvres, 4, 338 (1910), eine bis zum Jahre 1896 reichende Literaturüber- eicht liefernd. § 3. Reaktionsgeschwindigkeit. 33 Nach H. V. Halban(I) sind die unimolekularen Reaktionen viel unabhängiger von der Temperatur als die Reaktionen höherer Ordnung. Während mit der Erhöhung der Temperatur sich wohl die Ge- schwindigkeit der Reaktion ändert, nicht aber das Reaktionsgleichgewicht, finden wir bei der Einwirkung anderer Faktoren auf biochemische Reaktionen die Gleichgewichtskonstante durchaus nicht immer unverändert. Nur bei der im nächsten Paragraph ausführhch zu behandebden kataly tischen Re- aktionsbeeinflussung handelt es sich um eine reine Geschwindigkeitsänderung des Reaktionsverlaufes. Zusatz von Neutralsalzen beschleunigt und verzögert den Verlauf vieler Reaktionen. Ostwald (2) fand die Einwirkung von Mineralsäuren auf Ca- und Zn-Oxalat durch Zusatz von Alkahsalzen be- schleunigt. Nach Arrhenius (3) ^erniedrigen andererseits die Neutralaalze die Verseifungsgeschwindigkeit von Basen. Die Rohrzuckerinversion wird durch Neutralsalze gefördert [Spohr(4), Arrhenius (5)]. Die Natur des Lösungsmittels ändert ebensowohl die Reaktionsgeschwindigkeit als das Reaktionsgleichgewicht (6). Hier kommt die ionisierende Wirkimg des Lösungsmittels, ferner der Einfluß des Lösungsmittels auf die Bildung von Molekularkomplexen, wie Doppelmolekülen, sehr in Betracht (7). Erhöhter Druck hat nur relativ sehr geringe Änderungen der Reak- tionsgeschwindigkeit zur Folge (8), sobald es sich um Flüssigkeiten handelt. Bei Gasen steigert der Druck die Konzentration (Dichte) und erhöht da- durch die Reaktionsgeschwindigkeit. In der Zelle pflegen sich die Reaktionen nicht in homogenen Systemen, sondern in heterogenen Gebilden abzuspielen, welche aus kolloidalen Mem- branen verschiedener Durchlässigkeit, Hydrosolen, Salzlösungen usw. be- stehen. Deswegen kommt für die Reaktionsgeschwindigkeiten noch der Einfluß der Begrenzungsoberflächen in Betracht. Schon C. F. Wenzel, der erste Chemiker, welcher sich um die Erforschung der chemischen Kinetik bemühte, fand 1777, daß die lösende Wirkung von Säuren auf Metalle unter sonst gleichen Bedingungen der Berührungsfläche proportional ist. Im Protoplasma, mit seinen kolloiden Strukturen, gehen nun alle Reaktionen an einer relativ enorm großen Oberfläche vor sich, und dieser reaktions- beschleunigende Faktor ist gewiß von höchster Bedeutung für den Ablauf der chemischen Reaktionen in der Zelle. Dazu kommt noch, daß wir den Hydrosolen selbst, wie die Untersuchungen Bredigs an kolloidalen Motall- lösungen gelehrt haben, Oberflächenwirkungen in analogem Sinne zuzu- schreiben haben. In heterogenen Systemen ist, wie Nernst(9) näher ausgeführt hat, 1) H. V. Halban, Ztsch. Physik. Chem.. 67, 129 (1909). - 2.) Ostwald. Journ. prakt. Chem., 23, 209. — 3) Sv. Arrhenius, Ztsch. phyaik. Chem.. /, 110. G. POMA, Gaz. chim. ital., 4U I, 353 (1911). - 4) Spohr. ZtBch. phys.k. Chem., .', 194. — 5) Sv. Arrhenius, Ztsch. physik. Chem., 4, 226. — 6t Hierzu noch: G. Genarri, Zt8ch. physik. Chem., /p, 436 (1896). N. Menschutkin, Lbenda. 34, 157 (1900). E. Cohen, Ebenda, 28, 145 (1899), f. Rohrzuokennvers.on m Alkoholwasser. G. Buchböck, Ebenda, 34, 229 (1900). H. Eui.er u. B. af l wglas. Arkiv f. Kemi, j, 1 (1909). - 7) Hierzu: H. v. Halban u. A. Kirsch. Ber Chem Ges., 45, 2418 (1912). G. PoMA u. B. Tanzi, Gazz chim. 'tal- ^-^ I, 42o (191.)^ — 8) Hierzu: A. Bogojawlensky u. G. Tammann, Ztsch. phvsik Chem.. .^j, IS (1897), und bes. V. Rothmünd, Ebenda, 20, 168 (1896). - 9) ,^J_ ,^ '^''^^^'r,- ^,,^J^^.^'- Chem., 6. Aufl. (1909), p. 579; Ztsch. physik. Chem. ,7. 52 (90 U f-^^^^l'^^ Ebenda, p. 56. F. Haber, Ztsch. Elektrochem., w, 1d6 (1904) H. CrOLDbCHMiDT u. Messerschmidt, Ztsch. Physik. Chem. 3U 235 (1899). H. ( oldschmidt. /t.ch. Elektrochem.. //, 430 (1905). H. J. S. Sand. Proceed^oy. Soc^ Lond 7^ .356 ' 1904). M. WiLDERMAl^N, Ztsch. physik. Chem.. 66, 44o (1^) J. BosEi 1 1 CompU rend.. 152, 256 (1911); Journ. de Chim. physique, 9, 689 (1912); /o. 3 (1912). 84 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. für die nicht an der Grenzfläche der reagierenden Substanzen befindüchen Anteile die Diffusionsgeschwindigkeit der Stoffe der wichtigste regelnde Faktor. Deshalb lassen sich die van 't HoFFschen Grundsätze von der Reaktionsordnung nicht ohne weiteres auf heterogene Systeme übertragen. § 4. Katalyse. Der bereits erwähnte beschleunigende Einfluß, welchen die Gegen- wart bestimmter Stoffe auf die Ablaufsgeschwindigkeit von chemischen Reaktionen häufig ausübt, ist gegenüber dem Reaktionsablauf ohne diese Einwirkung nicht selten so bedeutend, daß es den Anschein ge- winnt, als ob diese Stoffe überhaupt erst durch ihre Gegenwart die be- treffende Reaktion hervorrufen würden. So begünstigt fein verteiltes Platin den Verlauf vieler Reaktionen so auffallend, daß man erst durch besondere Untersuchungen feststellen mußte, daß diese Reaktionen auch ohne Gegenwart von Platinschwarz in wässeriger Lösung vor sich gehen. Ähnliches gilt von der spaltenden Wirkung von Säuren auf zusammen- gesetzte Zucker und Ester. In anderen Fällen beobachtet man wiederum als Gegenstück dieser Vorgänge Verzögerung des Ablaufes von gewissen chemischen Reaktionen, sobald bestimmte Stoffe in Lösung gegenwärtig sind. Nach Ostwalds Vorgang fassen wir alle diese Einflüsse, ohne vorderhand einen Erklärungsversuch zu unternehmen, als Katalysen von Reaktionen zusammen. Die Katalysen sind für die Biochemie von höchster Bedeutung. Ostwald (1) präzisiert den Begriff einer katalytisch wirkenden Substanz oder eines Katalysators durch folgende Merk- male: 1. Katalysatoren verursachen nie den Eintritt der Reaktion, sondern ändern nur die Reaktionsgeschwindigkeit. 2. Falls der Katalysator un- verändert bleibt, wird das Reaktionsgleichgewicht durch die katalytische Beeinflussung nicht geändert. 3. Sie wirken bereits in sehr kleinen Mengen in sehr energischer Weise. 4. Sie erscheinen niemals in den Endprodukten der Reaktion; letztere sind vielmehr dieselben wie in der nicht katalysierten gleichen Reaktion. Es wird nicht überraschen, wenn die Forschungen der neueren Zeit ergeben haben, daß diese Merkmale nicht auf alle Katalysen scharf passen, sondern daß es viele Fälle gibt, welche von diesem Schema ab- weichen. Im wesentlichen läßt sich aber noch heute die Ostwald sehe Begriffsbestimmung aufrecht erhalten. Beispiele von Katalysen kennt man schon lange; 1811 entdeckte KoNST. Kirchhoff die Katalyse der Stärkespaltung durch Säuren. Schra- der (2) verghch schon damals diese Säurewirkung sehr richtig mit der Rolle der Schwefelsäure bei der Ätherbildung. Davy konstatierte gleichfalls, daß die Säure hierbei nicht zersetzt wird. 1815 fand Kirchhoff (3) die gleiche Wirkung auf Stärke beim Stehenlassen mit Weizenkleber ohne Säurezusatz. 1) Ostwald, Ztsch. physik. Chem., 2, 139 (1888); 15, 706 (1894); 19, 160 (1896); 29, 190 (1899). Grundriß d. allgem. Chem., 3. Aufl., p. 514 (1899). Lehrb. d. allgem. Chem., 2. Aufl., 2 (2). 262 (1897). Verhandl. Ges. dtsch. Naturf. u. Ärzte, 73. Vers. z. Hamburg (1902), p. 185. Ann. d. Naturphilos., 9, I (1910). G. Bredig, Anorg. Fermente (Leipzig 1901). Ergebn. d. Physiol., 1. Jahrg., /, 134 (1902); Biocheto. Ztsch., 6, 283 (1907). L. S. Simon, Bull. Soc. Chim.. 29 u. 30, 1 (1903). G. WOKER, Die Katalyse (Stuttgart 1910). — 2) J. C. Schrader, Schweigg. Journ. Chem., 4, 108 (1812). Nasse, Ebenda, p. 111. Davy, Element, d. Agrikulturchem., p. 146 (1814).'— 3) CoNST. Kirchhoff, Schweigg. Journ., 14, 389 (1815). § 4. Katalyse. g5 Mitscherlich(I) nannte die Wirkung der Schwefelsäure bei der Äther- bildung „Kontaktwirkung" (1834); er erkannte auch bereits klar die Wirkung der großen Oberfläche der „Kontaktsubstanzen" (1842). Von der- artigen Stoffen war durch Döbereiner und Davy schon das feinverteilte Platin in seiner Wirkung auf Knallgas studiert worden. 1836 schlug Ber- ZELius(2) vor, alle derartigen Wirkungen als „Katalyse" zu bezeichnen (im Gegensatz zu „Analyse") und als Ursache eine hypothetische kataly- tische Kraft anzunehmen. Eine Erklärung der Erscheinungen wollte Ber- ZELiüS damit nicht hefern. Später machte besonders Schoenbein eine große Zahl von katalytischen Vorgängen bekannt. Reiset und Millon (3) lenkten die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, daß organische Stoffe in Gegenwart von Platinmohr schon bei auffallend niederer Temperatur voll- ständig verbrennen. Die spätere Chemie hat außerordentüch viele ein- schlägige Fakta auf inorganischem wie organischem Gebiete kennen gelehrt, und wie wir sehen werden, sind die Enzyme der Tiere und Pflanzen eben- falls nichts anderes als Katalysatoren. Während es bisher keine Schwierigkeiten macht, die Katalysen oder Reaktionsbeschleunigungen durch chemische Mittel von den Reaktions- beschleunigungen durch Temperaturerhöhung auseinanderzuhalten, kann man photochemische Reaktionsbeschleunigungen kaum in allen Fällen scharf von den eigentüchen Katalysen trennen, zumal sich bei den photochemischen Reaktionsbeschleunigungen unter dem Einflüsse von Uransalzen (Neu- berg (4) und photodynamisch wirksamen fluorescierenden Farbstoffen sicher echte (Oxydations)katalysen der Lichtkatalyse beigesellen. Die Katalyse ist nicht zu verwechseln mit Auslösungserscheinungen. Die letzteren veranlassen den Eintritt einer Reaktion, welche ohne Zwischentreten des auslösenden Agens nicht erfolgt wäre; ferner steht die Quantität des auslösenden Agens oder der Arbeitsleistung im aus- lösenden Vorgange in keinem bestimmbaren Zusammenhange mit der Größe der Wirkung. So kann ein Fingerdruck auf einen elektrischen Taster die Arretierung einer Dampfmaschine außer Tätigkeit setzen, wodurch viele Pferdekräfte Arbeit verfügbar werden. Ein Katalysator beschleunigt immer nur, wie bereits vielfach experimentell sichergestellt wurde (5), eine Reaktion, welche auch sonst (wenn auch sehr langsam) ohne Ka- talysatorzusatz abläuft (6). Es hängt ferner die erzielte Reaktions- geschwindigkeit sehr deutlich von der Menge des augewendeten Kataly- sators ab. Man kann also einen (beschleunigenden) Katalysator mit 1) E. MiTSCHERUCH, Pogg. Ann., 3', 273 (1834); Ann. de Chim. et Phys. (2). 56, 433 (1834); Pogg. Ann., 55, 209 (1842). - 2) J. Berzelius. Einige Ideen über eine bei der Bildung organischer Verbindungen in der lebendigen Natur wirksame aber bisher nicht benieriite Kraft. Berzelius' Jahresber. phys. Wiss. /5, ^3. (IWb). Auch Pogg. Ann., 37, 66 (183(3); Ann. de Chim. et Phys. (2) ö/ Mb (183<.) - 3) J. Reiset u E. Millon, Ann. de Chim et Phys. (3), 8 280 (1843). - 4) \ gL C. Neüberg, Biochem. Ztsch. /j, 305 (1908) Ferner a Dreyer u. O. Hanssen. Compt. rend., 145, 564 (1907) B. L Vanzetti Atti Acc^ Lmc Roma (5) .1. 285 (1908). - 5) Z. B. Wys, Ztsch. physik. Chem. //. 492 (1893) /^ 514 893 . V. Meyer u. RaL, Ber. Cham. Ges.. 28 2804 (1895). »«^^ ^Vfif Cnte diu p. 138. - 6) Schon J. Munk, Ztsch. physiol. Chem /, 3o7 (1878). betonte. daU Wasser bei hoher Temperatur dieselben Vorgänge vol zieht wie die kennen tat. vei Spaltungen, hatte ,also richtigen Blick für die l^^ntalytische Natur der Ferrneri^^^^^^^ E^ktion«besChleuniger. Berthelot. Ber. Cheni. (xes., -^ -^^'^ (l^!*^^' 'j '^^V^Jt^^^^ die Rolle der Säurel bei der Ätherifikation -^1« Bf ^^»•^""•^""^«ir durch W^Ber langsam vor sich gehenden Prozesses« an. Rohrzucken nvers.on durch Wasser. Rayman u. Sulc, Chem. Zentr. (1897), //, 4<6. 86 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. Ostwald und Bredig eher einem Schmiermittel der Dampfmaschine im obigen Bilde vergleichen, welches die Reibungswiderstände stark ver- mindert. Es ist sehr nützlich, derartige Vorstellungen festzuhalten gegen- über der aus älterer Zeit stammenden, zuerst von Liebig C ) ausgesprochenen Anschauung, daß sich bei gärungserregenden Stoffen die Bewegung, in welcher sich deren Atome befinden, den Atomen der spaltbaren Substanz mitteile, wodurch die Spaltungen eingeleitet würden. Besonders war es auch NÄGELi(2), welcher derartige Vorstellungen über Fermentwirkung vertrat und den „Schwingungen von Atomgruppen" eine ausschlaggebende Wirkung zusprach. Auch bei neueren Biologen stößt man vielfach auf diese Anschauungsweise. Abgesehen davon, daß diese Theorie von un- bewiesenen Voraussetzungen ausgeht und sich überdies, wie Ostwald mit Recht hervorgehoben hat, gänzlich unfruchtbar gezeigt hat, verstößt sie gegen die Grundgesetze der Energetik, weil sie darauf hinausläuft, daß der Katalysator ohne Energiezufuhr freie Energie liefert, d. h. ein perpetuum mobile herbeiführen müßte. Die Katalyse kann die Reaktionsgeschwindigkeit vermehren oder vermindern, also den Reaktionsablauf beschleunigen oder verzögern. Bis in die neueste Zeit waren nur die in der Regel viel auffälligeren Reak- tionsbeschleunigungen bekannt: „positive" Katalysen. Wir kennen aber jetzt bereits eine ganze Reihe von Fällen sehr ausgeprägter katalytischer Reaktionsverzögerungen, „negativer" Katalysen, von denen besonders die sehr merkwürdige Herabsetzung der Oxydationsgeschwindigkeit von Na- triumsulfit durch Spuren von Mannit, Benzolderivaten, Glycerin usw. [BiGELOw(3)] und die Verlangsamung der Oxydation von Zinnchlorür durch Alkaloide [Young(4)] namhaft gemacht werden sollen. Verzögernde Wirkungen haben insbesondere Bredig und seine Mitarbeiter hinsichtlich der Katalysen durch Metallsole bekannt gemacht. Spuren von Blausäure, Jod, Schwefelwasserstoff vermögen die Wirksam- keit von Platinsol auf die Wasserstoffsuperoxydspaltung stark herabzu- setzen. Man kann diese „Giftstoffe" als „Antikatalysatoren" oder „Para- lysatoren" bezeichnen. Nach den Untersuchungen von Titoff (5) über die negative Katalyse der Oxydation von Natriumsulfit beruht die Wirkung von Mannit usw. darauf, daß die im destillierten Wasser vorhandenen, enorm stark katalytisch beschleunigend wirkenden Cu-Spuren durch den negativen Katalysator gebunden werden. Es ist selbst nicht ausgeschlossen, daß ein und derselbe Stoff bei manchen Katalysen als Aktivator fungiert, während er andere Katalysen hemmt. So weiß man wohl, daß Gegenwart von Wasser Reaktionen wie die Vereinigung von COg und Ätzkalk oder die Verseifung von Estern stark beschleunigt (6). Hingegen wird die Katalyse der Esterbildung durch starke Säuren nach H. Goldschmidt und Sunde (7), sowie der Zerfall von Oxalsäure in COg + CO 4- HgO in konzentrierter Schwefel- säure nach Bredig (8) durch sehr kleine Spuren von Wasser stark ver- zögert. 1) J. Liebig, Pogg. Ann., 48, 106 (1839). — 2) C. v. Nägeli, Theorie der Gärung, p. 29 (1879). — 3) S. L. Bigelow, Ztsch. physik. Chem., 26, 493 (1898). — 4) S. W. YOUNG, Journ. Amer. Chem. Soc, 23, 119 (1901); 24, 297 (1902). Auch Bredig, Ergeb. (1902), p. 142, wo weitere Fälle zitiert sind. — 5) A. Titoff, Ztsch. physik. Chem., 45, 641 (1903). — 6) Rohland, Chem.-Ztg., jo, 808 (1906). R. Kremann, Verh. Nat. Ges. (1905), //, (1), 83. — 7) H. Goldschmidt u. Ein. Sunde, Ber. Chem. Ges., ,?9, 711 (1906). — 8) G. Bredig u. W. Fraenkel, Ebenda, p. 1756 (1906)-, Biochem. Ztsch., 6, 306 (1907). § 4. Katalyse. 37 Die Messung der durch Katalysatoren bedingten Änderungen der Geschwindigkeit des Reaktion s verlauf es geschieht nach dem von Ostwald angebahnten Verfahren, daß man die Zeiten gleichen Umsatzes im Reak- tionsgemisch mit und ohne Katalysator vergleicht. Diese Zeiten verhalten sich umgekehrt wie die Geschwindigkeitskonstanten der katalysierten und nichtkatalysierten Reaktion (1 ). Ostwald teilt die gegenwärtig bekannten Kontaktwirkungen in vier Gruppen ein: 1. Erstarrungserscheinungen bei übersättigten Lösungen durch Spuren fester Substanz, wie sie z. B. aus- gezeichnet an übersättigten Salol- oder Natriumsulfatlösungen beobachtet werden können (2); 2. Katalysen in homogenen Systemen; 3. Katalysen in heterogenen Systemen ; 4. Enzym Wirkungen. Letztere sollen im nächsten Paragraphen selbständige Besprechung erfahren. In allen Fällen wirkt der Katalysator noch in minimalen Mengen. So wirkt die Schwefelsäure bei der Ätherbildung auf praktisch nicht begrenzte Mengen Alkohol ein. Bei der Rohrzuckerinversion ist nach Smith (3) noch eine katalytische Wirkung von 0,00000008 g Wasserstoffionen pro Kubik- zentimeter bei der Anwendung saurer Salze erkennbar. Nach Mayer (4) vermag noch 0,0000001 g Eisensulfat die Oxydation von Jodkahum (mit Stärkelösung als Indicator für Jod) zu katalysieren. Nach Bredig wirkt noch bis ^/gooooo na? kolloidales Platin auf die mehr als milhonenfache Menge H2O2 nachweisbar ein. Ostwald stellte fest, daß noch ein Hunderttausend- millionstel Gramm schweres Krystallstäubchen von Natriumthiosulfat ge- nügt, um eine übersättigte Lösung dieses Salzes zum Erstarren zu bringen. Nach Titoff vermag Kupfersulfat sogar noch in der Konzentration von ein Milhardstel Mol im Liter die Oxydation von Natriumsulfit erheblich zu be- schleunigen. Interessant ist der Nachweis von Bredig und Weinmayr, daß eine eben noch katalytisch wirksame Quecksilberhaut nur 1,5x10-^ cm dick zu sein braucht. Diese Schichtdicke entspricht der Größenordnung der Molekular durchmesser. Die Antikatalysatoren wirken nach den Erfah- rungen von BiGELOW und Bredig ebenfalls noch in verschwindend kleinen Mengen auf die von ihnen beeinflußten Reaktionen ein. Bei variierender Menge des zugesetzten Katalysators hat sich häufig herausgestellt, daß die Beschleunigung der Reaktion der Konzentration des Katalysators proportional läuft. So ist bei den Säuren die kata- lytische Wirksamkeit mit großer Annäherung proportional der Konzen- tration der Wasserstoffionen (5). Man hat daher in der Messung der katalytischen Wirksamkeit ein gutes Mittel, um die Menge einer freien Säure in biologischen Versuchen zu bestimmen. Nach den Feststellungen von Bredig (6) ist besonders der Zerfall des Diazoessigsäureäthylesters mit Wasser eine gegen Wasserstoffionen äußerst empfindliche Reaktion. In seltenen Fällen (Umlagerung von Cinchonin zu Cinchotoxin) wirken allerdings schwächer dissoziierte Säuren stärker katalytisch als stärker dissozüerte(7). Auch die katalytische Wirkung von Basen ist sehr an- genähert proportional dem Gehalte der Lösung an freien Hydroxylionen. 1) Näheres hierüber bei BKEmG, J>?ebr. (1902), p..l^>8 "- 2) /^P^^^O™ ^• Ztsch. Physik, ehem., 22, 289 (1897). Verh Ges. dtsch. ^ a*"^^- " g^fg"*!: ^'J'^- z. Hamburg (1901), p. 185. G. Jaffe. Ztscti^ P^^ysik-Chein. «, 565 (^^^^^^ 2927 (1912). H. C Biddle, Ebenda, p. 2832. 88 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. Der Katalysatorkonzentration ist aber auch noch in anderen Fällen die katalytische Wirkung proportional gefunden worden. Doch fehlt es nicht an zahlreichen Abweichungen. Ernst (1) fand die katalytische Wirkung von Platinsol auf Knallgas der absoluten Menge des verwendeten Platins proportional. Wichtig ist die von Arrhenius(2) besonders studierte beträchtliche Steigerung der katalytischen Wirkung von Säuren durch gleichzeitig anwesende Neutralsalze. So steigert 0,4 normal NaCl die Geschwindigkeit der Saccharoseinversion durch Säuren um 26%. Sind mehrere Katalysatoren gleichzeitig anwesend, so können sich ihre Wirkungen einfach addieren, oder es tritt eine Wirkung ein, welche auffallend größer oder kleiner ist als die Summe der Einzelwirkungen (3). Dabei ist es möglich, daß die beiden Katalysatoren sich zu einem ein- zigen Katalysator vereinigen, welcher viel stärker oder schwächer wirkt als jede der beiden Komponenten (4). Wenn man denselben Katalysator erst bei zwei Einzelprozessen, dann in der Mischung beider Prozesse beobachtet, so findet nach Henri und Largüier(5) in letzterem Falle bei reinen Katalysen einfache Addition der Reaktionsgeschwindigkeiten statt. Es kommt auch vor, daß während des Ganges einer Reaktion eine Substanz, welche die Reaktion katalysiert, durch diese Reaktion selbst entsteht. Daher nimmt die Geschwindigkeit dieser Reaktion fort- während mehr und mehr zu. So löst Salpetersäure, welche schon etwas Kupfer gelöst hat, vermöge der hierbei entstandenen kleinen Menge von HNOg, das Metall viel rascher als reine Salpetersäure. Ostwald (6) hat derartige Erscheinungen als „Autokatalyse" bezeichnet. Sie werden gewiß auch im lebenden Organismus eine wichtige Rolle spielen. Hierher gehört vielleicht auch die Beobachtung von Trillat(7), daß metallisches Kupfer nach längerem Gebrauche für katalytische Reaktionen besser ge- eignet ist als anfangs. Wir kennen Katalysatoren, welche sehr allgemein auf Reaktionen verschiedener Art einwirken, und solche, deren Wirkungssphäre be- schränkt ist Wasserstoffionen, auch Aluminiumchlorid (8) zeigen eine sehr ausgedehnte Befähigung, auf differente Reaktionen beschleunigend einzuwirken. Auch Platinschwarz hat, wie 0. Loew(9) gezeigt hat, einen ausgebreiteten Wirkungskreis als Katalysator. Katalysatoren, welche einen enger begrenzten Wirkungskreis haben, wie die auf Oxydationen und Reduktionen wirkenden Schwermetallkationen, wirken häufig auf 1) Ernst, Ztsch. phys. Chem., J7, 464 (1901); ferner M. Bodenstein, Ebenda, 46, 725 (1904). Für die Katalyse von O^ + NO durch Feuchtigkeit: J. Meynier, Compt. rend., 148, 1516 (1909). — 2) Arrhenius, Ztsch. physik. Chem., 4, 237 (1889). Nach V. Henri, Joum. de Physiol., 2, 933 (1900) kann Saccharose-Säure- inversion auch in konzentrierter Glycerinlösung schneller verlaufen als in wässeriger Lösung. — 3) Hierüber bes. Brode, Ztsch. physikal. Chem., 37, 257 Ü901). H. Schade, Ztsch. exp. Pathol. u. Ther., /, 603 (1905). — 4) Wl. Ipateew, Ber. Chem. Ges., 45, 3205 (1912). — 5) Henri u. Larguier des Bancels, C r. Soc. Biol., 55, 864 (1903). — 6) Über Autokatalyse: Ostwald, Ber. sächs. Ges. Wiss. (1890), p. 189. Lehrb. allgem. Chem., //, (2), 275 (1897). Verhandl. Ges. dtsch. Naturf. u. Ärzte, 73. Vers. z. Hamburg (1901), p. 196; an letzterem Orte ist eine geistvolle Parallele zur physiologischen Erscheinung der Gewöhnung gezogen. M. Bodenstein, Ztsch. physik. Chem., 49, 41 (1904). A. Qüartaroli, Gaz. chim. ital., 41, II, 64 (1911). — 7) Trillat, Bull. Soc. Chim. (3), 29, 939 (1903). Der Vergleich, den A. L. Haqedoorn, Autocatalyt. Substances the determinants for the inheritable characters, Roux, Vorträge üb. Entw.mechan., XII (Leipzig 1911), mit Vererbungserscheinungen zieht, trifft nur einige äußerliche Analogien. — 8) Bezüglich der interessanten Kata- lysen mit Hilfe von organischen AlClj-Verbindungen vgl. Gustavson, Compt. rend., 136, 1065 (1903). — 9) O. Loew u. K. Aso, Bull. Coli. Agr. Tokyo, 7, 1 (1906). Holzkohle: G. Lemoine, Compt. rend., 144, 357 (1907). § 4. Katalyse. g9 verschiedene Stoffe verschieden intensiv ein. So katalysieren Ferrosalze und Chromate die Oxydation von Jodwasserstoff durch Chlorsäure oder Bromsäure stark, nicht jedoch die entsprechende Oxydation durch Jod- säure [SCHIL0W(1)]. H2O2 und Thiosulfat liefern bei (iegenwart von Jodionen Tetrathionat, wenn Molybdat zugegen aber auch Sulfat (2). Pal- ladiumschwarz katalysiert Hexameihylen zu Benzol und Wasseistoff, wirkt aber auf Pentamethylen, Hexan nicht ein [Zelinsky(3)]. Man hat daher in jedem Falle den passenden Katalysator empirisch ausfindig zu machen. Die interessanten Untersuchungen von Bredig und Brown (4) über die chemische Kinetik der bekannten Kjeldahl-Analyse zeigen, wie wichtig solche Versuche für die analytische Praxis sind. Nach Walker (5) scheint es auch eine katalytische Spaltung race- mischer Verbindungen zu geben, wie für die Einwirkung von kleinen Mengen Alkali auf Amygdalin wahrscheinlich gemacht wurde. \'oii großem biologischen Interesse ist die Beobachtung von Bredig und Fajans(6), daß optisch aktive Basen wie Nicotin, Chinin, die Spaltung der d- und 1-Camphocarbonsäure in COg und Kampfer sehr verschieden stark katalysieren. Hier ist in ähnlicher Weise, wie im nächsten Paia- graph hinsichtlich der Enzyme zu berichten sein wird, die stereochemische Spezifität der Katalysatoren deutlich ausgesprochen. Nach Bredig und FiSKE (7) gelingt es ferner, sowie mit Emulsin, auch mit Chinin oder Chinidin als Katalysator aus Benzaldehyd und Blausäure optisch aktive Mandelsäurenitrile und Mandelsäure zu synthetisieren. Wenn der Katalysator sich während der Reaktion nicht ändert und nicht etwa in so großer Menge zugegen ist, daß seine Bedeutung als Lösungsmittel nicht mehr zu vernachlässigen ist, so darf man es als nachgewiesen betrachten, daß die Gleichgewichtskonstante der Reaktion nicht geändert wird. Die nähere Durchforschung des Gebietes der Katalysen scheint immer mehr zu zeigen, daß die ideale Forderung, daß der Kataly.sator seine Konzentration während der Reaktion nicht ändert, häufig unerfüllt bleibt; er reagiert vielmehr mit einem oder mit mehreren der Stoffe im Reaktionsgemische (8). Wenn die stark basischen Iminoäther in ihrer Spaltung durch Säuren katalysiert werden, so nimmt die Säure an dem Gleichgewichte in einem bestimmten Grade teil (9). Daß hingegen in anderen Fällen das dynamische Reaktionsgesetz durch den Katalysator nicht geändert wird, haben namentlich die kriti- schen Studien von Koelichen(IO) über die chemische Dynamik der Acetonkondensation durch Basen und von Turbaba(II) über das Gleich- 1) N. SCHILOW, Ztsch. Physik. Chera., 27, 513 (1898). - 2) A. L. Abel Zt8c-h. Elektrochem., 18, 705 (1912 - 3) N. Zelinsky, Ber. Chem Ges 44, 3121 (1|^1J: -^5. 3678 (1912). — 4) Beedig u. J. W. Brown, Ztsch. physik. Chem.. 46, 50- (19<.W). - 5) J W. Walker, Proceed. Chem. Soc, /*, 198 (1902). Katalyt. Racenusierung: Chr. WmTHEK, Ztsch. physik. Chem., 5Ö. 465 (1906). - 6) G. Bredig u k Fajans, Ber. Chem. Ges , 4U 752 (1908). K. Fajans Zt^ch. phys.k. C hera.. 7J. 2.. (1910). Frühere Forschungen nach dieser Richtung be. G- Bredig Ztsch. angewaud . Chem., 20. 308 (1907). Bredig u. R. W. Balcom ^^l\S^^'^-^;'^'4Vc^J^T] — t/g Bredig u. Fiske, Biochem. Ztsch., 46, 5 (1912). - 8) ^. F. AtRfcE u. j. M. yoHNSonmer. Chem. Journ., 38, 258 (1907). - 9) {^.S|;.'^^;';";j- ^ \^^^ Journ., 39, 29 u. 402 (1908). Zu diesem Thema vgl. auch \N . I^•^•"^^^^^• * »^?J|- (j^"^ ; (1908) 7/ 480. Übei die' Besonderheiten der Katalyse von HBrO. -fJH d^.rch Chromsäu^e: R. H. Clark, Journ. Ph/« ic- Chem.. \fJ>J<^^;]--r^^l\^,^^ LICHEN, Ztsch. physik. Chem.. 33, 129 (1900). - 11) Turbaba. /isch. phjsik. Chen., 38, 505 (1901). 90 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. gewicht von Aldehyd und Paraldehyd bewiesen. Das Gleichgewicht darf bei konstanter Temperatur in verdünnten Lösungen als von der Kata- lysatormenge unabhängig angesehen werden. Damit ist nicht ausgeschlossen, daß das Gesetz des zeitlichen Ab- laufes einer Reaktion durch den Katalysator geändert werden kann und z. B. eine Reaktion, welche ohne Katalysator nach dem Geschwindigkeits- gesetze unimolekularer Reaktionen abläuft, in der Katalyse einem anderen Zeitgesetze gehorcht. Brode hat tatsächlich einen solchen Fall bei der Katalyse der Reaktion zwischen Hydroperoxyd und Jodwasser- stoff durch Molybdänsäure aufgefunden und es wahrscheinlich gemacht, daß Zwischenreaktionen hierbei beteiligt sind. Analoge Erscheinungen sind die von Wagner (1) als „Pseudokatalysen" benannte Reaktionsbeschleu- nigungen durch Vermittlung schneller verlaufender Zwischenreaktionen. Henri und Larguier des Bancels(2) meinen, „reine Katalysen" von „mittelbaren Katalysen" durch das Merkmal trennen zu können, daß nur die letzteren durch Zwischenstufen zum Endprodukt führen. Eine ganz allgemein geltende Erklärung (3) der kataiytischen Wir- kungen ist wohl kaum zu erwarten. Von den bis heute aufgestellten Er- klärungsversuchen hat die ,, Theorie der Zwischenprodukte" (4) die weit- gehendste Anwendbarkeit; weniger gilt dies von der lonenhypothese Eulers. Für heterogene Systeme sind die Adsorptionswirkungen gewiß von Be- deutung. Daß die alte LiEBiGsche Atomschwingungstheorie heute unhalt- bar geworden ist, wurde oben bereits bemerkt. Schon 1806 haben Cli^ment und DfesORMES die katalytische Beschleunigung der Schwefelsäurebildung im Bleikammerprozeß durch intermediäre Oxydation und Reduktion des Stickoxyds zu erklären versucht. Später haben Traube und Schönbein in analoger Weise die physiologische Oxydation durch Vermittlung von Wasserstoffperoxyd resp. Ozon erklären wollen. In neuerer Zeit hat speziell für die Oxydationen und deren katalytische Beschleunigung im Organis- mus Bach (5) die Entstehung von Peroxyden als Zwischenprodukten ange- nommen und dieselbe mit Hilfe einiger quahtativer Reaktionen nicht nur bei physiologischen Verbrennungen, sondern auch bei sehr vielen inorga- nischen und organischen Oxydationen nachgewiesen. ÄhnUche Anschauungen sind von Engler und seinen Mitarbeitern (6) aufgestellt worden. Es ist übrigens auch gezeigt worden [van 't Hoff, Jorissen (7)], daß bei Oxy- dationen so viel Sauerstoff ,, aktiviert" wird, als von der oxydablen Sub- stanz aufgenommen wird. Nach Abel (8) ist die Katalyse der Reaktion zwischen Thiosulfat und HgOg durch Jodionen ein gutes Beispiel für eine „Zwischenreaktionskatalyse". Die Reaktion H202+2S203"+ 2H* = 2H2O 1) J. Wagner, Ztsch. physik. Chera., 28, 33 (1899). Auch C. Engler u. L. WÖHLER, Ztsch anorgan. Chem., 2g, 1 (1902). — 2) Henri u. Larguier des Bancels, C. r. Soc. Biol., $5, 864 (1903). Die „Semikatalysen" von A. Colson, Compt. rend., 146, 817 (1908), umfassen Prozesse, welche den echten Katalysen nur äußerlich ähnlich sind und ohne die wirksame Substanz überhaupt nicht vor sich gehen. — 3) Hierzu die Zusammenstellungen von Bredig, Ergebn. (1902), p. 177. M. Bobenstein, Chem.-Ztg., 26, 107.5 (1902). Vorlesungeversuche: A. A. NoYES u. G. V. Sammet, Zisch, physik. Chem., 41, 11 (1902). — 4) Die von Eiedel, Ztsch. angewandt. Chem., 16, 492 (1903), gegen diese Theorie erhobenen Einwände haben Bredig u. Haber, Ebenda, p. 557, widerlegt. — 5) A. Bach, Compt. rend., 124, 951 (1897). ^ 6) C. Engler u. M. Wild, Ber. Chem. Ges., jo, 1669 (1897). Engler u. J. Weissberg, Ber., j/, 3046 (1898). Auch S. Tanatar, Ztsch. physik. Chem., 40, 475 (1902). — 7) J. H. van 't Hoff, Ztsch. physik. Chem., 16, 411 (1895). W. P. Jorissen, Ebenda. 22, 34 (1897); 23, 667 (1897). — 8) E. Abel, Ztsch. Elektrochem., 13, 555 (1907). § 4. Katalyse. nj + S4O6" verläuft dann in zwei Stufen: 1. H2O2 + J' = HgO + JO' (mit meß- barer Geschwindigkeit) und 2. J0'+ 2 SjOg + 2 H' = HgO + J' + S^Og (sehr rasch). Bei derartigen Vorgängen muß der Katalysator natürlich nicht die Geschwindigkeit sämtlicher Teilvorgänge im gleichen Maße erhöhen. Selbst- verständhch ist mit dem quahtativen Nachweise der Zwischenprodukte für die Begründung einer Theorie des katalytischen Vorganges noch nicht viel geschehen. Man hat vielmehr den ganzen Prozeß in seinen Teilvorgängen nach den Regeln der chemischen Kinetik zu untersuchen und den Nach- weis zu erbringen, daß wirkhch der Weg über die Zwischenprodukte mit dem Katalysator eine größere Reaktionsgeschwindigkeit zustande bringt, als die nicht katalysierte Reaktion sie besitzt. Dazu werden sich besonders langsamer verlaufende Reaktionen eignen, und es hat Federlin(I) eine derartige Untersuchung bereits unternommen. Die für die Biochemie sehr wichtige ausführliche Bearbeitung dieses Gebietes steht noch aus. Ob die „Theorie der Zwischenprodukte" sich auf negative Katalysen anwenden läßt, ist mindestens noch fragUch. Für manche Fälle ist diese Theorie direkt unwahrscheinüch (2), wenn man auch J. Boeseken (3) darin nicht beistimmen kann, daß die Wirkung der Katalysatoren durch die Wirkung von Zwischenreaktionen nie erklärt werden könne. An die Zwischen- produkttheorie schheßen sich auch die Ausführungen von Wegscheider (4) über die katalytischen Umlagerungen des Cinchonins an. Euler (5) geht, um die katalytischen Wirkungen zu erklären, von der Annahme aus, daß alle chemischen Verbindungen als Elektrol3rte an- gesehen werden können, und auch Nichtleiter nie absolut undissoziiert in Lösung gehen. Katalysatoren sollen nun die lonenkonzentrationen steigern und hierdurch die Reaktionsgeschwindigkeit vermehren. Mit Ostwald kann man eine Schwierigkeit für diese Anschauung in der Tat- sache finden, daß zwei gleichzeitig wirkende Katalysatoren eine viel größere Beschleunigung der Reaktion erzielen können, als die Summe der Einzel- wirkungen beträgt. Zur Erklärung der katalytischen Wirkung der H'- und OH'-Ionen, insbesondere der Säuren, wären auch die Arbeiten von Rohland (6) und von KoNOWALOw(7) zu vergleichen. Die Katalysen in heterogenen Systemen sind viel weniger genau bekannt, als die katalytischen Vorgänge in homogenen Gemischen, ob- zwar die katalytische Wirkung fein verteilten Platins auf Knallgas be- reits 1820 durch Döbereiner (8) entdeckt worden war. Die Zerlegung von H2O2 durch fein verteilte Edelmetalle hatte Th^nard (9) 1818 entdeckt. Döbereiner fand auch die Oxydation von Alkohol zu Essigsäure durch Platinmohr. Später fügte Schoenbein hnizu. daß ancli andere Oxydationen (Pyrogallol) durch Platinmohr katalysiert werden; ,6mo^iationiataly.e•• von O. EuFF Ber. Chem '^pt;:nf ^^J 119 S^ - 7)T>. wandte Idee. ^6) P. Rj.h,.a.i, Z«ch. physjL (^?^^J^;,^^ ^^1,,,^ J,>,g3 M^m. Ac. Scienc, 3, 385 (1818). 92 Zweites Kapitel; Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. Traube konstatierte es für Zucker, Loew für Ammoniumnitritbildung aus Ammoniak (1). Bemerkenswert ist unter den vielen anderen An- gaben der Befund von Gladstone und Tribe (2), daß die Nitratreduktion durch Wasserstoff von fein verteiltem Platin katalysiert wird, und die Erfahrung, daß Platinmohr auch die Saccharoseinversion katalysiert [Rayman und Sulc(3)]. Über weitere katalytische Wirkungen von Platinschwarz haben 0. Loew und Aso(4) berichtet. Es ist bekannt, daß die übrigen Me- talle der Platingruppe (Pd, Ir, Ru, Os, Rh) gleichfalls kräftige Kata- lysatoren sind, welchen sich von anderen Metallen besonders das Au, Ag, Cu, Pb, Hg, Fe und Mn an die Seite stellen. Palladiumkolloid wird in- jüngster Zeit als kräftiger Katalysator der Wasserstoff anlagerung und Wasserstoffentziehung bei hydrierten Kohlenstoffverbindungen verwendetes). Schade (6) teilt die interessante Tatsache mit, daß katalytische Oxydationen durch ein Gemisch zweier Metalle kräftiger sein können, als mit jedem Metall für sich. Über die kataly tischen Wirkungen der Cerisalze, welche von den Stoffen ihrer Gruppe allein Katalyseneffekte äußern, haben Barbieri und Volpino (7) berichtet. Die Peroxyd- zersetzung und die Oxydation von Guajaconsäure werden übrigens durch verschiedene inorganische Pulver (Glas, Mehl, Talk, Kohle) katalysiert (8). Mit Bredig (9) kann man das Gebiet der heterogenen Katalysen in jenes der makroheterogenen Systeme und jenes der mikroheterogenen Systeme einteilen. Letzteres umfaßt dann die Katalysen durch Metallsole. Durch die Arbeiten von Nernst und Brunner (10) ist gezeigt worden, daß in jenen Fällen, in welchen der chemische Vorgang an den Grenz- flächen, im Vergleiche zur Diffusion, durch die der gelöste Stoff zur Grenzfläche gebracht wird, sehr rasch erfolgt, eine energische Durch- rührung auch solche Reaktionen dem Geschwindigkeitsgesetze unimole- kularer Reaktionen sehr annähern kann. In der Tat haben Versuche von Bredig (11) mit platinierten Platinblechen und Quecksilberoberflächen derartige Ergebnisse zur Folge gehabt. Dies ist biochemisch sehr wichtig, da viele Reaktionskatalysen in der Zelle sich an Grenzflächen abspielen. 1) ScHOENBEiN, Journ. prakt. Cham., 8g, Hl Bleichung von Indigosuifosäure durch H,02 und Bläuung von Guajac durch HjO.^ werden mittels Pt katalysiert: Journ. pfakt. Cham., 75, 79; 78, 90. M. Traube, Ber. Chem. Ges., 7, 115 (1874). 0. Loew, Ber. Chem. Ges., 23, 1447, 3018 (1890). Zerfall von Calciuraforniiat: Deville u. Debray, Compt. rend., 78, 1782 (1874). Hoppe-Seyler, Ztsch. physiol. Chem., 5, 395; //, 566. Pflüg. Arch., 22, 1. Oxydation von Oxalsäure: O. StlLC, Ztsch. physik. Cham., 28, 719 (1899). — 2) Gladstone u. Tribe, Ber. Chem Ges., 12, 390 (1879). — 3) B. Rayman u. O. Sulc, Ztsch. physik. Chem., 21, 481 (1896). Fr Plzak u. Husek, Ebenda, 47- 733 (19Q4). R. Vonpracek, Ebenda, 50, 560 (1905). — 4) O. Loew u. K. Aso, Bull. Coli. Agric. Tokyo, 7. 1 (1906). — 5) Kelber u. Schwarz, Bar. Chem. Ges., 45, 1946 (1912). Skita, Ebenda, p. 3312, 3579. Zelinsky, Ebenda, p. 3677. Nickel: Senderens u. Aboulenc, Bull. Soc. Chim., (4), //, 641 (1912). — 6) H. Schade, Ztsch. exp. Pathol. u. Ther., /, 603 (1905). — 7) G. A. Barbieri u. A. Volpino, Atti Accad. d. Line. Roma, (5), 16, 1, 399 (1907). — 8) Hierzu Ed. Filippi, Arch. Farmacol. sperim., 6, 363 (1907). M. Bodenstein u. F. Ohlmer, Ztsch. physik. Chem., 53, 166 (1905). Kohle: G. Lemoine, Compt rend., 144, 357 (1907). — 9) G. Bredig, Ztsch. Elektrochem., 12, 581 (1906). — 10) E. Brunner, Ztsch. physik. Chem., 47, 52 (1904); s', 494 (1905); 58, 39 (1907). — 11) G. Bredig, Ztsch. Elektrochem., 12, 581 (1906). Bredig u. J. Weinmayr, Ztsch. physik. Chem., 42, 601 (1903). J. Teletow, Chem. Zentr. (1908), /, 793. Die Kinetik der Kontaktschwefelaäureerzeugung behandeln M. Boden- stein u? C. G. Fink, Ztsch. physik. Chem., 60, 1, 46 (1907). § 4. Katalyse. 93 Nach den Untersuchungen von Bredig (1) und seinen Schülern eignet sich die makroheterogene Katalyse von Hydroperoxyd an einer Qnecksilberoberfläche auch sehr gut dazu, um die interessante Erschei- nung rhythmischer oder „pulsierender" Katalysen vor Augen zu führen. Wenn man auf gut gereinigtes Quecksilber eine 10%ige HoOg-Lösung (1 Vol. Perhydrol Merck J- 2 Vol. W.) schichtet, so tritt in 'der Regel bei Zimmertemperatur ein rhythmisches Stärker- und Schwächerwerrien der Gasentwicklung ein. Die „Pulsfrequenz" wird durch Temi)eratur- steigerung vermehrt, durch geringe Salzmengen (Citrat) stark herab- gesetzt, und besonders Spuren von Säuren oder Alkalien beeinflussen das Pulsationsphänomen sehr stark. Mit Hilfe eines GADSchen Mano- meterschreibers kann man die Kurven leicht längere Zeit hindurch graphisch registrieren. Reizt man das System durch einen Wechselstrom, so steigt die Reizstromstärke für die katalytische Pulsation auf das Doppelte, wenn die Wechselzahl des Reizstromes viermal größer wird. Dies stimmt mit dem von Nernst(2) für die Nervenreizung durch Wechselströme entwickelten Gesetze i/y- = k überein, worin i die Schwelle der wirksamen Stromstärke und n die Stromfrequenz bedeutet. Bezüglich des Mechanismus der makroheterogenen Katalysen sind verschiedene Vermutungen geäußert worden. Mond, Ramsay und Shields(3) nehmen an, daß bei Oxydationskatalysen eine oberflächliche Oxydation des fein verteilten Metalles erfolge, aber keine physikalische Kondensation oder Verflüssigung in den Poren, und daß das entstehende Platinoxydulhydrat bei der Katalyse beteiligt sei. Duclaux(4) ist der Ansicht, daß die höhere Temperatur und der höhere Gasdruck an der Oberfläche der porösen Körper die Reaktionsbeschleunigung veranlasse. Mit Denham(5) kann man zugunsten der Oberflächenverdichtungs- oder Adsorptionstheorie den Umstand geltend machen, daß bei der Katalyse durch Platinblech (eigene Versuche und jene von Bodenstein und Ohlmer) der Temperaturkoeffizient auf 1,4 bemessen werden konnte. Da es bekannt ist, daß die chemischen Reaktionen (auch jene, welche durch Enzyme katalysiert werden) einen Temperaturkoeffizienten von 2 für je 10 »C Intervall besitzen, während bei Adsorptionsvorgängen Werte von ungefähr 1,3 vorkommen, so spricht dieses Moment für die Adsorptionstheorie der makroheterogenen Katalyse. Gewiß wird die Konzen- trationserhöhung des katalysierten Stoffes an der enormen Katalysatorober- fläche an und für sich einen Umstand der Reaktionsbeschleunigung darstellen. Die mikroheterogenen Katalysen sind zunächst bekannt geworden durch das von Bredig und seinen Schülern (6) angebahnte Studium der Bredig 1^ O Bredig u J Weinmayr, Ztsch. physik. Chem.. ^2, ÜOI (190:5). Brkdig'I. E. m^KK? Verband! Nat.-Med Ver. «eiW .. 105 (1905), B.oche.n. Ztsch., //, 67 (1908). Bredig, Biochem. Ztsch.. 6, 322 1907 . G. ^J^^^^^ "^ *i-^;;,- Kerb, Verhandl. Nat.-Med. Ver. Heidelberg. 10 23 (1909). A. \- ANTROPOFt Ztsch Physik, ehem., 62, 513 (1908). - 2) W. ^^^^^st ^'fiug. Arcb. /^^. -- (1908). - 3) L. Mond, W. Ramsay ». J. Shields, Zt^ch. phys.k. C hem ;9^-4 (18965- .5. 65^ (1898). Vgl. weiter N. f//-^,^.«-'- 5) L G^) nham^ S:.^: u. R. MÜLLER V. Berneck, Ztsch. physik. Chem., «?'• -^-<\ '^ J^«!^^^.'» 'y^,^/ IKEDA, Ebenda, 37, 1 (1901). Bredig u. W. Reinders. Ebenda 37, .^--^ (l^M) Bredig, Anorgan. Fermente (1901), Mac Intosh, ^'^J^^^''-^^"^-'^^ (1901); 'vgl. a.^h Loewenhart u. Kastle ^J^^^^f''';^'''''^^^^^^ H. Neilson u. Brown, Amer. Journ. Physiol., '°i^-^ }.}^^^> mq 1904V Tflüe Pasteur, 14, 571 (1900). S. Liebermann, Ber. ^^e"." G««;^-^7, 1519 (1904) mg Arch. o^t 119 (1904). C. Baal u. C. Amberger, Ber. Chem. Ges.. 40, ^^ui (i-fug 94 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. Katalyse durch Metallsole, welche durch elektrische Zerstäubung von Metalldrähten unter reinem Wasser erhalten wurden. Solche Kolloid- lösungen haben recht beständige Wirksamkeit. Das Platinsol, welches höchstens 1 Grammatom Platin auf 1000 Liter Wasser enthält, zerlegt HgO, kräftig, bläut Guajac-Harzemulsion auch ohne HgOj-Zusatz und be- schleunigt deutlich die Nitritreduktiou zu NHg durch Wasserstoff. Diese Katalysatoren sind ebenso leicht dosierbar wie lösliche Stoffe, und es hat Bredig näher ausgeführt, wie interessante Vergleichspunkte sich zwischen diesen Kolloiden und den Enzymen eröffnen, welche wir ja heute am besten ebenfalls als kolloide Katalysatoren von spezifischer Wirkungssphäre auffassen. Besonders die HgOg-Katalyse durch Platinsol ist durch Bredig eingehend untersucht worden. Die Wirkung ist noch nachweisbar in einer Verdünnung von 1 Grammatom Platin auf 70 Millionen Liter Wasser auf die mehr als millionenfache Menge HgOg. In nahezu neutraler oder schwach saurer Lösung verlaufend, stellt die Platinkatalyse des H2O2 eine Reaktion erster Ordnung dar; sie ist praktisch vollständig zu Ende zu führen. Hydroxylionen steigern die Platinwirkung erheblich, doch nur bis zu einer gewissen Konzentration (z. B. Y64 normal NaOH); konzentriertere Laugen verzögern die Reaktion. Vermindert man die Konzentration des Platinsol in geometrischer Progression, so sinkt auch die Geschwindigkeitskonstante der Peroxydkatalyse in geometrischer Pro- gression. Höhere Temperatur fördert die Reaktion stark, ohne daß sich ein Optimum ergeben würde. Gegen Erhitzen sind diese Katalysatoren wenig empfindlich. Die Katalyse des HgOg durch kolloidales Palladium- sol folgt nach Bredig undl Fortner (1 ) denselben Gesetzen mit geringen Modifikationen. Die katalytische Beeinflussung der Autolyse durch Metallsole ist sehr deutlich (2). Auch die Iridium- Hg Oj- Katalyse gehorcht dem Zeitgesetze uniraole- kularer Reaktionen [Brossa(3)]; der Temperaturkoeffizient wurde hier mit 1,6 bestimmt. Platin wie Iridiumsol wirken nach Bredig und Sommer (4) stark auf die Reduktion von Methylenblau durch Formal- dehyd; die reduzierende Wirkung der Ameisensäure auf Methylenblau wird durch Platinsol gleichfalls katalysiert. Über die Messungsmethodik bei Metall solkatalysen wolle man die Darlegungen von V. Henri (5) vergleichen. Wichtig sind ferner die Erfahrungen Bredig s über die Hemmung der Metallsolkatalysen durch Spuren von SHg (noch 0,000003 Mol im Liter wirkt stark verzögernd), Blausäure, Jod, Phosphor, Sublimat und einigen anderen Stoffen. Auf Iridiumsol ist nach Brossa Jod wirkungs- los, und Alkalien fördern die Wirkung nicht wie bei Platinsol. Diese hemmenden Wirkungen erklärt man mit Bredig am besten durch die Annahme, daß der hemmende Stoff die wirksame Oberfläche des Platins chemisch verändert, z. B. durch Bildung von Sulfit oder Cyanür. Nach längerer Zeit „erholt" sich das Platin von der „Vergiftung" und wird neuerlich wirksam, indem sich durch Verbrennung der Blausäure die wirksame Oberfläche wieder herstellt. Blausäure „vergiftet" übrigens nur Platinsol, nicht aber auch Platinmohr. Da wir in den Enzymen relativ sehr empfindliche und leicht veränderliche Katalysatoren kennen, 1) Bredig u. M. Fortner, Ber. Chem. Ges., J7, 798 (1904). — 2) Ascoli u. IzER, Berlin, klin. Woch.schr., 4, 96 (1907). — 3) G. A. Brossa, Ztsch. physik. ehem., 66, 162 (1909). — 4) G. Bredig u. F. Sommer, Ztsch. physik. Chem., 70, JI, 34 (1910). — 5) V. Henri, C r. See. ßiol., 60, 1041 (1906). § 5. Allgemeine Chemie der Enzyme. 95 SO sind die Hemmungserscheinungen an den „anorganischen Fermenten" eine bemerkenswerte Parallele. Allerdings wissen wir heute noch nicht, wie weit die tatsächliche Analogie geht. Jedenfalls sind die Platin- hemmungsstoffe „Antikatalysatoren" im Sinne Bredigs und beeinflussen den Reaktionseffekt durch eine Wirkung auf den Katalysator (1 ). Bei dem häufig zu beobachtenden Einfluß von Alkaloiden und deren Salzen auf die Katalyse hat man, wie Brown und Neilson(2) ausgeführt haben, zu beachten, daß es bei den letzteren sehr auf die Art des Säureanions im Alkaloidsalz ankommt. So erwiesen sich die Alkaloidsalze von HCl, HBr, HNO3, aber auch die Metallsalze dieser Säuren als unwirksam, während die Salze von Essigsäure, Valeriansäure und Citronensäure beschleunigend wirkten. Zweifellos hat man es hier mit Adsorptionserscheinungen zu tun. Eine Theorie der Metallsolkatalysen läßt sich zurzeit ebensowenig aufstellen wie auf den anderen Gebieten der Katalyse. Doch neigt man sich auch hier den oben auseinander gesetzten Anschauungen zu, daß Zwischenprodukte hierbei eine maßgebende Rolle spielen und es sich um Stufenreaktionen handle. Bredig selbst (1901) hält die HABERsche An- schauung, daß die Platinkatalyse des Hydroperoxyds in einer stufenweisen Reduktion und Oxydation besteht, nach den Gleichungen: y H2O2 -f nPt = PtnO + y KjO PtnOy -f y H2O2 = n Pt -[- y H2O + y O2 für die einwandfreieste Darstellung des Vorganges. Über die anderen bisher aufgestellten Theorien findet man bei Bredig 1. c. nähere Dar- legungen. Die Knallgaskatalyse durch Platin ist durch Ernst, sowie durch A. V. Hemptinne (3) studiert worden. Ersterer arbeitete mit BREDiGschem Platinsol, letzterer mit Platinmohr. § 5- Allgemeine Chemie der Enzyme (4). Berzelius (5), der scharfsinnige Beurteiler der katalytischen Wir- kungen, erkannte bereits klar, daß es sich bei den sogenannten Ferment- wirkungen im Wesen nur um Kontaktwirkungen handle, und er stand nicht an, in richtiger Vorahnung zu schreiben, daß vielleicht Tausende 1) Die gegenteilige Ansicht von R. Raudnitz, Ztsch. physik. Chem., J7. 551 (1901), ist durch Bredig widerlegt worden, ebenda, jÄ. 122 ri901). — 2) Ü. H. Brown u. C. H. Neilson, Anier. Journ. Physiol., 13, 427 (1905). — 3) Ern8T, Ztsch. Physik, ehem., j/, 266 (1899); 37, 448 (1901). A. v. Hemptinne Ebenda, 27, 429 (1898); Bull. Acad. Roy. Belg., (3), 36, 155 (1898). - 4) Außer den {.. 84. Anm. 1 zitierten Schriften von Ostwald und Bredig, welche «"ch die hnzym- wirkungen berücksichtigen, seien folgende Werke namhaft gemacht: E^ Duclaux. Traite de Microbiologie, 2 (Paris 1899). J. Effront, Die Diasta.^en, deutsch von Bücheler (Leipzig 1900). G. v. Bunge, Lehrb. d. pliysiol. u. patho . Lhein. 4. Aufl. (1898). J. R. Green, Die Enzyme, deutsch von Windisch (Berlin 1901). Emmerling, Die Enzvme in Roscoe-Schorlemmer, Ausfiihrl Lelirb. <1. ^ hem., 9, 332 (1901). F. Hofmeister, Die chem Organisat. d. Zelle (1901). K Höber Phy..ii. Chem. der Zelle, 3. Aufl. (1911). E. ZuNZ, Die Fermente in Abderhaldens ßiochom. Handlexikon, 5, 538 (1911). W. M. Bayliss. The Nature Enzynie Act-on (London 1908). H. EüLER, Allgem. Chem. d. Enzyme Wiesbaden 1910) C Opi'knheimkr, Die Fermente und ihre Wirkungen. 3. Aufl. (Leipzig 1910). V. H^^f «'• ,^;"";.^ Chimie physique (Paris 1906). F. BoTAZZi, P"°cip. di F.s.o ogia I (M.lano l^b). R. O. Herzog, Chem. Geschehen im Organismus (Heidelberg 1905). - 5) J. kkr- ZELIUS, Lehrb.. 3. Aufl., 6, 22. 96 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus von katalytischen Vorgängen sich im lebenden Organismus abspielen. Von den Physiologen war es wohl zuerst C. Ludwig (1), welcher die hohe Bedeutung der Katalysen im Organismus würdigte. Sein Aus- spruch, daß es leicht dahin kommen dürfte, daß die physiologische Che- mie ein Teil der katalytischen würde, wird treffend illustriert, wenn wir einen der hervorragendsten zeitgenössischen Biochemiker, F.Hofmeister(2), in folgenden Worten vernehmen: „So gelangen wir zur Vorstellung, daß die Träger der chemischen Umsetzung in der Zelle Katalysatoren von kolloider Beschaffenheit sind, einer V^orstellung, die mit anderweitig direkt ermittelten Tatsachen in bester Übereinstimmung steht. Denn was sind die Fermente des Biochemikers anderes als Katalysatoren von kolloider Natur? Daß man den Fermenten noch bestimmte Eigenschaften zu- schreibt, wie Zerstörbarkeit durch Hitze, Fällbarkeit durch Alkohol u. dgl., erklärt sich zum Teil aus der kolloiden Natur derselben und betrifft zum Teil akzidentelle Eigenschaften, welche mit ihrer chemischen Leistung nichts zu tun haben." In der Tat läßt die OsxwALDsche Charakterisierung der Katalysatoren als Stoffe, welche in minimalen Mengen bereits wirksam die Geschwindig- keit von Reaktionen ändern und in den Endprodukten der Reaktion nicht auftreten, klar erkennen, daß gerade diese Merkmale auch das bilden, was uns an den Fermenten der lebenden Zelle am meisten auf- fallen muß. Alle anderen Merkmale, welche für die Enzyme als charak- teristisch gelten: die beschränkte, oft ganz spezifisch eingeengte Wirkungs- sphäre, die Hemmung durch Gifte, die Unbeständigkeit bei höherer Temperatur usw. hat man bereits mehr oder weniger ausgeprägt bei inorganischen Katalysatoren ebenso gefunden, und sie bilden keinen Unterscheidungspunkt zwischen letzteren und den Enzymen, wenn sie auch bei den „Katalysatoren der Zelle" besonders ausgeprägt aufzutreten pflegen. Eine physiologisch-chemische Besonderheit, die wir bei anderen Ka- talysatoren vermissen, kommt den Enzymen fast allgemein zu. Dies ist die Eigentümhehkeit, nach Injektion in das Kreislaufsystem von Tieren Antikörper zu erzeugen, welche imstande sind, ganz spezifisch die Wirksam- keit der injizierten Enzymart zu hemmen. Von diesen Antifermenten oder Antienzymen wird noch weiter unten die Rede sein. Da bisher nur Antikörper von Eiweißstoffen bekannt geworden sind, so kann diese Reaktion als ein Indizienbeweis für die Eiweißnatur der Enzyme angesehen werden. Bisher ist es nur von der Katalase noch nicht gelungen, in der Blutbahn von Tieren Antistoffbildung zu erzeugen (3), und dann hat Bergell (4) behauptet, daß das tryptische Ferment, welches aus Peptonen und Pep- tiden Tyrosin abspaltet, kein Antiferment zu erzeugen vermag. Da je- doch für den letzteren Fall außerdem berichtet wird, daß dieses Enzym durch manche Fermentgifte, wie Sublimat, nicht beeinflußt wird, halte ich diese Angaben noch nicht für gesichert. Die so auffälhgen Wirkungen der Enzyme waren auch viel früher bekannt als die stoffhchen Eigenschaften dieser Substanzen. Von der Alkoholgärung abgesehen, wurden zunächst bekannt die eiweißlösende Wirkung des Magensaftes durch Spallanzani (5) die Stärke verzuckernde 1) C. Ludwig, Journ. prakt. Chera. (2), lo, 15 j; Lehrb. d. Phyaiol., 2. Aufl., /, 50. — 2) Hofmeister, Organisation d. Zelle p. 14 (1901). — 3) H. de Waele u. Vandevelde, ßiochera. Ztsch., 9, 264 (1908). — 4) P. Bergell, Ztsch. klin. Med., 57, 381 (1905). — 5) Lazz. Spallanzani, Versuche üb. d. Verdauungsgeschäft (Leipzig 1785). § 5. Allgemeine Chemie der Enzyme. q-t Wirkung (diastasehaltigen) frischen Klebers durch Kirchhoff und Du- BRUNFAUT (1) und die Rohrzuckerinversion durch Hefeflüssigkeit durch MiTSCHERLiCH. Das Verdienst, ein pflanzHches Enzym so weit als mögüch rein dargestellt und seme wesentlichen Eigenschaften studiert zu haben erwarben sich zuerst Payen und Persoz bezüghch der Malzdiastase (2)' Wenig später war hmsichthch des Magenpepsins Eberle und Th. Schwann (3) ein ähnhcher Erfolg beschieden, und fast gleichzeitig entdeckten Liebig und Wöhler(4) das Amygdalin spaltende Enzym der bitteren Mandeln welches von ihnen als „Emulsin", von Robiquet (5) als „Synaptase"' benannt wurde. 1840 entdeckte BussY das „Myrosin". In die 50er Jahre fällt die Entdeckung der Oxydasen durch Schoenbein, sowie des Ery- throzyra durch Schunck; Hefeinvertin wurde erst 1860 von Berthelot als Rohpräparat dargestellt, alle übrigen Enzyme sind in den letzten De- zennien des 19. Jahrhunderts entdeckt, worden. Diese Erfolge brachten es mit sich, daß man die abtrennbaren Enzyme als „ungeformte Fer- mente" von den fermenthältigen Hefen und Bacterien, aus denen Enzyme nicht abgetrennt werden konnten, als „geformten Fermenten" unter- schied. Die heutige Benennung „Enzyme" rührt von Kühne (6) her und wird nach dem Vorschlage Hansens (7) auf die „ungeformten" Fer- mente beschränkt. Die auch in neuerer Zeit wiederholten Versuche, die Fermentreaktionen als von den übrigen katalytischen Vorgängen verschieden anzusehen, müssen als erfolglos hingestellt werden (8). Näheres hierüber bringt der Abschnitt über die Kinetik der Enzymreaktionen. Von einer näheren Kenntnis der stofflichen Eigenschaften der Enzyme kann heute nicht gesprochen werden, weil alle unsere Erfahrungen an kolloiden Stoffgemischen, welche die charakteristische Enzymwirkung in möglichst hohem Grade zeigten, gewonnen worden sind. Bei den Be- mühungen, Enzyme zu isolieren, kann es sich bei dem heutigen Stande der Methodik nur darum handeln, Präparate zu gewinnen, welche die ins Auge gefaßte Enzymwirkung allein ohne Begleitwirkungen aufweisen. Die gewöhnlich angewendeten Fällungsmethoden mit Alkohol und Äther lassen die Wirksamkeit der Enzyme nicht ungeschwächt; am besten hat sich die Methode des Aussalzens mit Ammonsulfat bewährt (9). In wässeriger Lösung sind Enzyme meist wenig haltbar. Unter diesen Verhältnissen ist es begreiflich, wenn die Ansichten der Forscher selbst in so fundamentalen Fragen, wie bezüglich der Zugehörigkeit der Enzyme zu den Proteiden, weit auseinandergehen. So kommen Wroblewski(IO) wie Osborne(11) bezüglich der Malzdiastase zu dem Ergebnis, daß es 1) C. Kirchhoff, Scbweigg. Journ., 14, 389 (1815). Dubrunfadt, M^m. 8ur la saccharification, Soc. Agrictilt. (Paris 1823). — 2) Payen et Persoz. Add. de Chim et Phys. (2), 53, 73 (1833); 60, 441 (1835). — 3) Eberlf^ Physiol. d. Ver- dauung (1834). Th. Schwann, Müllers Arch. (1836), p. 90. - 4) F. Wöht.lr u. Liebig. Pogg. Ann., 41, 345 (1837) — 5) Robiquet, ßerzelius' Jahreeber.. '9. jn (1840). — 6) W. KÜHNE, Untersuch, a. d. physiol. Inst. Heidelberg, /, 291 (18.8). — 7) A. Hansen, Arbeiten d. botan. Inst, in Würzburg, j, 253 (1885). Bietet eine anziehende historische Skizze über Enzymlehre. — 8) Vgl. die Polemik z^'Jf ßf" t.- Bredig, Chem.-Ztg., j/, 184 (1907), Th. Bokorny, Zentr. Bakter. II. -v. 193 (1908). O. LoEW, Ebenda, p. 198; Biochem. Ztsch., j/, 159 (1911); Pflüg. Arch., lo.-, 9.t (1904). - 9) Vgl. die Angaben über Diastasedart^teUung bei W -^C"NEI0EWIN1.. Landw. Jahrb., 35, 911 (1907). F. Munter, Ebenda. 39, Erg.-Bd. HI. 29S (1910). - 10) Wroblewski, Ztsch. physiol. Chem., 24, 173. Auch LoEW, Pflug. Arch.. 27, 203 (1882) hält die Enzyme für peptonartige Stoffe. — 11) U8B0RNE u. Camp- bell,. Journ. Amer. Chem. Soc, 18 (1896). Czapek, BiocUeiifle der Pflanzen. 3. Aufl. 98 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. sich um einen proteosenartigen Stoff handeln dürfte, während Hirsch- feld und Landwehr (1), sowie Fränkel und Hamburg (2) die Eiweiß- natur der Diastase in Abrede stellen. Ähnlich steht es bezüglich des Hefeinvertios. Der Bericht vor Cl. Permi (3) über stickstoffreie En- zyme ist vorerst wohl mit Reserve aufzunehmen. Dem Magenpepsin gaben Pekelharing (4) und Nencki(5) die hochkomplizierte Zusammen- setzung eines Nucleoproteids, und Friedenthal (6) hat sogar alle En- zyme als Nucleoproteide angesehen. Angesichts dieser schwerwiegenden Differenzen hat es auch keinen Zweck, auf die vorhandenen Elementar- analysen (7) näher einzugehen. Nach Panzer (8) binden Enzyme (Diastase, Invertin) sehr viel Chlorwasserstoffgas und verlieren ihre Wirksamkeit; die (übrigens nicht näher bekannte) HCl-Bindung kann nur sehr locker sein, da im Vakuum HCl wieder abgegeben wird und Diastase sogar wieder wirksam wird. Die kolloiden Eigenschaften wässeriger Enzymlösungen sind in letzter Zeit mit einigem Erfolg studiert worden. So steht es durch die Feststellungen von Zunz(9) außer Zweifel, daß bestimmte Enzymlösungen oberflächenaktiv sind, und daß es sich hier um lyophile Sole handelt. In anderen Fällen wird wohl die Lösung weniger hoch dispers sein und man wird es nur mit suspensionsartigen Solen zu tun haben. Die Adsorptionseigenschaften äußern sich naturgemäß bei den Enzymen, deren Wirkungen bereits durch minimale Stoffmengen ausgeübt werden, in hohem Maße. Die Adsorption durch festes Eiweiß oder Bleiphosphat ließ sich vielfach als Mittel zur Anreicherung an Enzym benützen (10) und man kann diese Adsorptionsverbindung nach Jacoby(II) bei Fibrin- flocken, welche peptisches oder tryptisches Enzym gespeichert halten, durch Zusatz von Säure oder Alkalien wieder lösen. Die verschieden starke Adsorption von differenten Enzymen an Filtrierpapier hat Grüss(12) dazu benützt, um manche Enzyme aus Pflanzenextrakten von begleitenden Enzymen zu trennen („Capillarisation" von Grüss). Nach Hamburger (13) kann man Agarplatten, welche auf Enzym produzierende Flächen aufgelegt werden, dazu benützen, um Enzyme, selbst in ihrer Lokalisation, nachzuweisen. Aus den eingehenden Untersuchungen von Dauwe(14), Hedin (15), Michae- lis (16) sei besonders auf die Versuche des letztgenannten Forschers hin- gewiesen, welche gezeigt haben, daß das elektrische Verhalten des Adsorbens für Aufnahme und Nichtaufnahme bestimmter Enzyme entscheidend ist. Kaolin, welches nur basische Farbstoffe adsorbiert, also sich sauer ver- hält, adsorbiert Invertin nicht. Hingegen wird dieses Enzym ausgesprochen 1) Hirschfeld u. Landwehr, Pflüg. Arch., jp, 499. — 2) S. Fränkel u. Hamburg, Hofmeisters Beitr., 8, 389 (1906). — 3) Cl. Fermi, Lo sperimentale (1896), p. 245. — 4) C. A. Pekelharing, Ztsch. physiol. Chem., 35, 8 (1902). — 5) M. Nencki u. N. Sieber, Ztsch. physiol. Chem., 32, 291 (1901); Arch. sc. biol. P^tersbourg, 9, 47 (1902). — 6) H. Friedenthal, Arch. Anat. Phvsiol. (1900), p. 181. P. A. Levene, Journ. Amer. Chem. Soc, 23, 505 (1901). — 7) Vgl. Ddclaux, 1. c. p. 109 und Effront, 1. c. p. 23. — 8) Th. Panzer, Ztsch. physiol. Chem., 82, 276 (1912). — 9) E. ZuNZ, Archiv, di Fisiol. (1910), 7, 137. — 10) Vgl. A. W. Peters, Journ. Biol. Chem., 5, 367 (1908). R. Neumeister, Ztsch. f. Biol., jo, 453 (1894). A. WuRTZ, Compt. rend., 93, 1104 (1881). — 11) M. Jacoby, Biochem. Ztsch., 2, 144, 247 (1906); 4, 21 (1907). — 12) J. Grüss, Ber. Botan. Ges., 2öa, 620 (1908); 27, 313 (1909). Verhandl. Naturf. Ges. (1910) J2), /, 72. Biologie u. Ca- {Hllaranalyse der Enzyme (Berlin 1912). — 13) H. J. Hamburger, Archiv. N^er- and. ßc. exact. (2), 7j, 428 (1908). — 14) F. Dauwe, Hofmeisters Beitr., 6, 426 (1905). — 15) S. G. Hedin, Biochem. Journ., 2, 81, 112 (1907). Ergebn. d. Physiol., P, 433 (1910). — 16) L. Michaelis u. M. Ehrenreich, Biochem. .Ztsch., lo, 283 (1908); 12, 26 (1908). § 5. Allgemeine Chemie der Enzyme. 99 von Tonerde adsorbiert, welche nur saure Farbstoffe aufnimmt und sich als basisches Kolloid darstellt. Während also Invertin Säurecharakter zeigt, wird Malzdiastase nur bei saurer Reaktion von Kaolin adsorbiert und verhält sich sonst so wie Trypsin, Pepsin, Ptyalin annähernd amphoter. Diese Erfahrungen fanden auch in den Versuchen von Michaelis (l) Henri (2), IscovescoO) und Lebedew (4) über die Kataphorese von Enzymen eine weitere Stütze. Mit Wasser lassen sich die an Kohle adsorbierten Enzyme nicht auswaschen, doch kann man sie. wie Hedin und Jahns()N-Blohm(5) fanden, durch andere Kolloide aus der Kohle entfernen, eventuell bei gleichzeitigem Zufügen von Kolloid und Enzym die Enzymadsorption hintanhalten. Da Hedin eine besonders starke Wirkung von den ober- flächenaktiven Solen von Saponin und Cholesterin sah, so wäre zu ver- muten, daß die Capillaraktivität der verwendeten Kolloide entscheidend wirkt. Über die Beeinflussung der Wirkung der an Kohle oder andere Materialien adsorbierten Enzyme geht aus Hedin s Erfahrungen für Lab und Trypsin hervor, daß die Wirkung geschwächt, aber nicht aufgehoben erscheint; ähnliches gilt nach unveröffentlichten Versuchen im hiesigen Institute auch für Malzdiastase. Das elektrische Verhalten von Adsorbens und Ferment spielt auch bei der Filtration von Enzymen, außer der Poren weite des Filters eine Rolle; wenigstens fand Holderer (6) eine ausgesprochene Begünstigung des Passierens von Enzymlösungen durch Porzellanfilter durch zugefügtes Alkali. Durch Sättigen der Filterkerze mit Eiweiß läßt sich auch hier die Adsorption am Filter vermeiden. Ferner ist der Adsorption von Elektrolyten durch Enzyme zu gedenken. Da viele Membranen das Enzym energisch adsorbieren, so stößt das Ausdialysieren von Enzyni- lösungen oft auf große Schwierigkeiten (7). Das Verhalten von Enzymen zu kolloidalen Lösungen ist im ganzen noch wenig bekannt. Interessant ist die Angabe von Reiss(8), wonach Lab und Trypsin beim Schütteln der Fermentlösung mit Lecithin-Chloroformlösung in die letztere über- gehen. Die (wenig ausgesprochene) Wirkung inorganischer Kolloide auf Pepsin wurde von Pincussohn (9) studiert. Zu bemerken ist, daß mehr- fache Angaben vorliegen, wonach stark viscöse Medien die Enzym- wirkungen vermindern (10). Daß die Schutzkolloide bei den Enzymen eine bedeutsame Rolle spielen, ist zu erwarten, und wurde durch eine große Zahl von Er- fahrungen bestätigt. Selbst bei Reaktionen auf spezielle Enzyme hat man vielfach nicht auf das Enzym selbst, sondern auf Schutzkolloide reagiert (11). So ist zweifelsohne die von Guignard(12) zum Myro.sin- 1) L. Michaelis, Biochem. Ztsch., 16, 81, 475; /;, 231 (1909); 19, 181 (19(X))^ - 2) V. Henri, Ebenda, 16, 473 (1909). - 3) H. Iscovesco Kbenda. 24, b^ (1909). - 4) A. V. Lebedew, Ebenda, 26, 221 (1910). - 5) 8. G. Hedin, 1. c. (1910); Ztsch. physiol. ehem., 82, 175 (1912). G. Jahnson-Blohm. Ebenda, p. 1<8. - 6) M. Holderer, Compt. rend., 149, 1153 (1909); 150, 285. VJO (19V>); '5-''- 318 (1912); Thfese Paris (1911). D. J. Levy, Journ. Infect. Diseas.. j, 1 (1905). ^. f. SWART, Biochem. Ztsch., 6, 358 (1907). - 7) Vgl A. Slosse ir H. Limbosth Arch. Internat, de Physiol.. 8, All (1909); Bull. Soc Roy. Sc. med^ Brnxclles (19«t). p. 132. A. J. VANDEVELDE. Biochem. Ztsch., /. 408 (1906). A . K ^^^^«y^-«' -^^^ ^• Phvsiol (1911) p. 207. — 8) E. Reiss, Hofmeisters Beitr., 7, l'l (1905). - ö) i.. pSsohn Bifchem. ZtBch. 8, 387 (1908). - 10) V^rl. Acmai me u. Bresson. Compt. rend., 152, 1328. 1621 (lö'l)- Für Invertin und ^'"■"J" 7»^7'"^i:„;,^V TANELLi, Rend. Accad. Line "Rom 5, 15, I, 37. (1906). - 11) ^-^''^f^^^^^'^A Biochem! Ztsch., 26, 9 (1910). - 12) L. Gtignabd, Compt. rend., ///, 249, 920 (1890). 100 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. nachweis verwendete MiLLONsche Reaktion der Myrosinschlauchzellen bei erneueren keine Myrosinreaktion, sondern durch begleitende Kolloidstoffe veranlaßt, ebenso ist die von Wiesner (1) angewendete Reaktion des Gummifermentes mit Orcin ( HCl, oder die von Winkel (2) angegebene Reaktion von Enzymen mit Vanillin -p HCl auf eiweißartige Schutz- kolloide zu beziehen. Qualitative Reaktionen auf Enzyme selbst sind bisher nicht bekannt. Die kolloiden Eigenschaften von Enzymen bedingen öfters, daß länger dauerndes Schütteln der Lösungen Inaktivierung herbeiführt. Be- sonders bei proteolytischen Enzymen und Lab sind diese Erscheinungen beobachtet worden (3). Im Anschluß an die Kolloidchemie der Enzyme sei noch erwähnt, daß man wiederholt erfolgreich versucht hat, den Fortgang von p]nzym- reaktionen ultramikroskopisch zu verfolgen [Aggazzotti (4), Kreidl und Neumann (5)J. In einer Reihe von Fällen läßt sich ohne Schwierigkeiten ein fermentreiches Extrakt aus Pflanzenmaterialien gewinnen, welches selbst die bereits von den ersten Forschern auf diesem Gebiete (Payen und Persoz, Berthelot u. a.) verwendete Umfällung durch Alkohol ohne empfindliche Einbuße an Wirksamkeit aushält. Wittich (6) führte die seither so viel verwendete Methode ein, die erhaltene enzymreiche Alkoholfällung in konzentriertem Glycerin zu lösen, wodurch man recht haltbare Fermentlösungen gewinnt. Ist in dem zuerst gewonnenen Ex- trakt nicht so viel Enzym vorhanden, daß die Wirkungen mit der ge- wünschten Schnelligkeit eintreten, so kann man das Mitreißen der En- zyme durch Niederschläge nach Brücke (7), Loew(8), zur Gewinnung wirksamer Fraktionen benützen, oder man verwendet die adsorptive An- reicherring, wie sie bei proteolytischen Enzymen durch eingebrachte Fibrinflocken leicht erreicht wird [Wurtz, Neumeister (9)]. Aussalzen durch Ammoniumsulfat leistet bei nicht zu enzymarmen Lösungen oft sehr gute Dienste bei der Isolierung (10). Näheres über die Metlioden zur Enzymdarstellung wolle in den Sammelwerken über Enzymo- logie nachgesehen werden: die neueste Zusammenstellung rührt von Michaelis (11) her. Es wurde bereits erwähnt, daß alle Bemühungen, die chemische Zugehörigkeit der Enzyme aufzuklären, bisher erfolglos geblieben sind. Auch Schneidewind (12) mußte vor nicht langer Zeit bei seiner Be- arbeitung des Diastaseproblems bekennen, daß man unmöglich Beziehungen zwischen Stickstoffgehalt und Wirksamkeit der einzelnen Fraktionen er- kennen könne. Auch heute gilt noch der Satz, daß wir von den En- 1) J. Wiesner, Sitz.ber. Wien. Ak., 92, 40 (1885). — 2) M. Winckel, Naturf. Ges. (1904). 2, 1, 209. — 3) S. u. S. Schmidt-Nlelsen, Ztsch. physik. Chem., 6g, 547 (1909). A. O. Shaklee u. S. J. Meitzer, Amer. Journ. Physiol., 25, 81 (1909). M. Harlow u. P. Stiles, Journ. Biol. Chem., 6, 359 (1909). — 4) A. Aggazzotti, Ztsch. allgeni. Physiol., 7, 62 (1907). — 5) A. Kreidl u. A. Neumann, Zentr. Physiol. (1908), p. 133. — 6) v. Wittich, Pflüg. Arch., 2, 193 (1869); 3, 339 (1870). — 7) Brücke, Sitz.ber. Wien. Ak., 43, 601 (I86I). Cohnheim, Virch. Arch., 28, 242 (1863). Danilewski, Ebenda, 25, 279 (1862). — 8) O. Loew, Pflüg. Arch., 27, 203. — 9) A. Wurtz, Compt. rend., 93, 1104 (1881). R. Neumeister, Ztsch. Biolog., 30, 453 (1894). — 10) Vgl. Osborne u. Campbell, Ber. Chem. Ges., 2g, 1156 (1896). N. Krawkow, Journ. russ. phys. chem. Ges. (1887), /, 272. — 11) L. Michaelis, Abderhaldens Handb. d. biochem. Arb.meth., ///, 1, 1 (1910). — 12) W. ScHNEiDEWiND, Naturforsch. Ges. (1906), 2, 1, 173. § 5. Allgemeine Chemie der Enzyme. 101 zymen kaum mehr als ihre Wirkung kennen; wie Bunge (1) mit Recht bemerkt, „hat die Fermente wahrscheinlich noch niemand gesehen". Eine weitere Schwierigkeit der Enzymforschung liegt darin, daß es häufig nicht gelingt, die Enzyme, etwa so wie Diastase, Invertin, Pepsin massenhaft aus dem Material in Lösung zu bringen. Solche Fälle haben zu der Vorstellung geführt, daß es „Enzj-mwirkungen des Plasmas" gibt, welche sich vom lebenden Protoplasma nicht abtrennen lassen. Wie sehr eine unvollkommene Methodik derartige Vorstellungen erzeugt, hat das Beispiel der Alkoholgärung drastisch vor Augen geführt. Nur eine möglichst vollkommene Zertrümmerung der Zellen und ein energisches Auspressen des Zellsaftes war, wie Buchners erfolgreiche Arbeiten er- wiesen haben, nötig, um die Existenz eines Alkoholgärungsenzyms zu erweisen. Seither sind auch Ansichten, wie jene die Enzyme als ,,lebend", als „Protoplasmasplitter" zu bezeichnen, als unhaltbare und unfrucht- bare Theorien aus dem Kreise der Forschung verschwunden. Hält man auch in jenen Fällen, in denen die fermentativen Vor- gänge in der Zelle sich vom Protoplasma experimentell chemisch nicht scheiden lassen, die exakt wissenschaftliche Ansicht fest, daß wir es hier mit unlöslichen, oder energisch adsorbierten katalytisch wirksamen Zell- kolloiden zu tun haben, so folgt daraus ohne weiteres, daß der Orga- nismus nicht nur leicht abzusondernde, oft auch aus lebenden Zellen reichlich herausdiffundierende Enzyme produziert, wie sie z. B. Pepsin, Trypsin, Invertin, Diastase darstellen, sondern auch Enzyme, welche dem Zellplasma fest anhaften und ihre W^irkung nur intracellulär entfalten können. Die ersteren Enzyme nennt man passend Sekretionsenzyme, die letzteren Endoenzyme oder intracelluläre Fermente. Schon Nasse(2) hatte die Verbreitung und die hohe Bedeutung der fermentativen Vor- gänge in der Zelle, sowie die Schwierigkeit, die hierbei in Betracht kommenden Fermente vom Plasma gesondert zu gewinnen, richtig er- kannt. In der modernen Biologie spielen, wie ein Blick auf die Dar- stellung der einschlägigen Verhältnisse von Vernon(3) zeigt, die Endo- enzyme eine außerordentlich wichtige Rolle. Beim Studium der Wir- kungen der Endoenzyme hat die Ausbildung der aseptischen Autolyse die größte methodische Bedeutung gewonnen. Man verzichtet auf die Abtrennung der Enzyme und hält den fein verteilten Organbrei oder Preßsaft bei strenger Abhaltung von Mikroben (4) und bei konstanter günstiger Temperatuj' mit den zu spaltenden Substanzen längere Zeit hindurch in Berührung. Allerdings hat diese Methodik den Nachteil, daß wir weder über die stoffliche Natur der Enzyme noch über deren Wirkungssphäre etwas Bestimmtes erfahren. Selbst für diese Enzyme bestehen keine zwingenden theoretischen Gründe, sie sämtlich als Ei- weißstoffe anzusehen, wenn es auch wahrscheinHch ist, daß die Zelle in 1) Bunge, Lehrb. d. physiol. Chem., 4. Aufl., p. 171 (1898). M. Arthus, Zentr. Physiol., w, 225 (1896), ging so weit, zu sagen, daß die Enzyme überhaupt keine Stoffe, sondern Eigenschaften seien. — 2) O. Nasse, Chem. Zentr. (1889). /, 440. — 3) H. M. Vernon, Ergebn. d. Physiol., 9, 138 (1910); Intracellulär En- zymes (London 1908). M. Jacoby, Ergebn. d. Physiol., /, 1, 21.3 (1902); Hof- meisters Beitr., 3, 446 (1903). A. Oswald. Biochem. Zentr., j, Nr. 12—13 (1905). Beteiligung von Endoenzymen am Energieverbrauch der Zelle: M. Rubner, Berlin. Akad (1912), p. 124. — 4) Dies geschieht seit den Arbeiten von A. Muntz, Ber. Chem. Ges., 8, 776 (1875). Boussingault, Agronomie, 6, 137 (1878), durch Chloro- formzusatz. E. Fischer schlug vor, To'iol anzuwenden. Koning, Chem. Zentr. (1900), //, 1279 und Beijerinck nennen das Absterben lebender Zellen unter Ver- nichtung des Plasmas und Erhaltenbleiben der Enzyme „Necrobiose". 102 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. ihrem reichen Proteidvorrat manche Katalysatoren enthält. Es ist aber ebenso möglich, daß es geradeso „Katalysatoren der lebenden Zelle" aus den verschiedensten Stoffklassen gibt, so wie auch inorganische Katalysatoren sehr heterogener Natur sind. Mit Baer(1) kann man die Wirkungen der Endoenzyme auf fremde zugesetzte Stoffe als Heterolyse von der Autolyse oder der Wirkung auf die eigenen Zellstoffe trennen. Wich- tige methodische Angaben über Preßsaftgewinnung, Nachweis von proteo- lytischen Endoenzymen bringen neuere Arbeiten von Buchner (2) und von Abderhalden (3). Angesichts der vielgestaltigen katalytiscben Wirkungen, welche be- sonders die Arbeiten der Schule Hofmeisters für den Haushalt der Zelle entrollt haben, dürfen wir mit großer Wahrscheinlichkeit an- nehmen, daß in der lebenden Zelle ein ganzes Arsenal von differenten Enzymen in Verwendung steht. Für die Leberzellen gelang es bis jetzt bereits die Koexistenz von 10—12 verschiedenen Endoenzymen sicher- zustellen. Für die Pflanzenzellen scheinen, wie die eigenen Erfahrungen des Verfassers über die Enzyme der Wurzelspitze lehren, analoge Ver- hältnisse zu erwarten zu sein. In reifen Bananen fand Bailey(4) sechs Enzyme; ebensoviele kommen nach Kammann (5) im Roggenpollen vor. Dox(6) fand in Penicillium Camemberti 11 Endoenzyme, in anderen Schimmelpilzen mindestens 14. Ein regulatorisch abgestuftes gleich- zeitiges Wirken aller dieser Enzyme liegt, wie schon Hofmeister aus- geführt hat, durchaus im Bereiche der Möglichkeit, und man braucht wohl kaum mit Schmidt-Nielsen (7) anzunehmen, daß diese Enzyin- wirkungen sich nur in zeitlichem Nacheinander abspielen können. Die Enzyme können, wie die autolytischen Versuche zeigen, das Leben der Zellen lange überdauern. White (8) hat gezeigt, daß sich die Fermente im ruhenden Samen mehrere Dezennien, viel länger als die Keimkraft, wirkungsfähig erhalten. Nach Sehrt (9) übt Mumienmuskel im Verein mit Pankreas auf Traubenzucker noch eine sehr bedeutende glucolytische Wir- kung aus. Ausblicke auf die stofflichen Eigenschaften der Enzyme eröffnet schließlich auch das Studium ihrer spezifischen Wirksamkeit. Es ist nicht immer leicht, angesichts der Vielgestaltigkeit gleichzeitig vor- handener Enzymwirkungen an lebendem oder Autolysenmaterial eine Entscheidung darüber zu treffen, ob mehrere und wie viele Einzel- wirkungen von einem einzigen Enzym ausgeübt werden. Infolge dieser Schwierigkeiten wissen wir z. B. heute noch nicht einmal, ob dasjenige, was wir „Diastase" oder „Tyrosinase" nennen, ein Einzelferment oder eine derzeit noch nicht getrennte Fermentkombination darstellt. Wo man, wie es Jacobson (10) bezüglich der Guajac-Reaktion von Diastase- präparaten gelang, direkt zeigen kann, daß das Präparat durch bestimmte 1) J. BaEr, München, med. Wochschr. (1906), Nr. 44. — 2) E. Buchner, Arch. f. Anat. u. Physiol. (1906), p. 548. — 3) E. Abderhalden u. H. Prings- HEIM, Ztech. physiol. Chem., 6s, 180 (1910). — 4) E. M. Bailey, Proceed. Amer. Sog. Biol. Chem. (1911), p. 43. — 5) O. Kammann, Biochera. Ztsch., 46, 160 (1912). — 6) A. W. Dox, Jourii. Biol. Chem.. ö, 461 (1909); U. S. Dept. Agric. (Washington 1910); The Plant World, 15, 40 (1912). — 7) S. Schmidt-Nielsen, Biochein. Zentr. (1903), Ref. Nr. 73. Enzymer og enzym virkninger (Stockholm 1905). — 8) J. White, Proceed. Roy. Soc. Lond. B, 81, 417 (1909). — 9) E. Sehrt, Berlin, klin. Woch.schr. (1904), Nr. 19. — 10) J. Jacobson, Ztsch. physiol. Chem.. 16, 340 (1892). Einen gegenteiligen Standpunkt vertritt J. Grüss, Biologie u. Capillaranaiyse d. Enzyme (Berlin 1912). § 5. Allgemeine Chemie der Enzyme. 103 Eingriffe die Fähigkeit verliert. Guajac-Emulsion zu bläuen, ohne daß seine stärkeverzuckernde Wirksamkeit gelitten hat, liegt es natürlich nahe, in dem ursprünglichen Präparate zwei koexistente Enzyme anzu- nehmen. Ebenso ergibt sich dieser Schluß, wenn (wie es gleichfalls bei der guajaebläuenden Wirkung und der diastatischen Wirkung beobachtet wird) von Präparaten aus einer Pflanzenart beiderlei Enzymeffekte ver- ursacht werden, während anderes Material die eine Wirkung (Guajac- bläuung) vermissen läßt und nur stark diastatisch wirkt. Armstrong (1) konnte die komplexe Natur des Mandelenzyms aus dem Nachweise erschließen, daß ein auf Mandelsäurenitrüglucosid (Pru- nasin) wirksames Enzym (Prunase) anderweitig verbreitet ist, welches auf das Amygdalin nicht wirkt. Letzteres wird durch die Amygdalase (die im Mandeleraulsiu neben Prunase enthalten sein muß) nur in Pru- nasin und Glucose gespalten, worauf das Prunasin durch das Prunase genannte Enzym weiter in CHN, Benzaldehyd und Glucose zerfällt. Unsere Anschauungen über die spezifische Wirksamkeit der Enzyme fußen jedoch vor allem auf den durch E. Fischer (2) sichergestellten Tatsachen hinsichtlich der strengen Spezialisation der Wirkungen bei Zuckerenzymen. Hier war es relativ leicht, Klarheit zu gewinnen, indem solche spezifische Enzyme bei Gärungspilzen oft ganz isoliert vorkommen und für manche Hefearten charakteristisch sein können. Nachdem in solchen Fällen die spaltbaren Zucker wie Saccharose, Maltose, Lactose nur stereochemische Verschiedenheiten aufweisen, liegt es nahe, an- gesichts der ausgeprägten Spezifikation der spaltenden Enzyme Invertin, Maltase, Lactase an Differenzen in der sterischen Konfiguration der Katalysatoren zu denken. Diesen Schluß hat E. Fischer durch das bekannt gewordene Bild illustriert, daß das Enzym ebenso zur spaltbaren Substanz passen müsse, wie ein Schlüssel zu einem Schlosse. Auf diesem Gebiete haben sodann Armstrong (3) und seine Mitarbeiter weitere Erfolge erzielt, indem sie nachwiesen, daß Fermente verschiedener Pro- venienz, die auf eine bestimmte Zuckerart gleich wirken, wie Mandel- lactase und Kefirlactase durchaus nicht identisch sein müssen. Da man die Wirkung der ersteren durch einen Zusatz von Glucose, die Wirkung der Kefirlactase aber nur durch Galactosezusatz verzögern kann, sind hier offenbar gleichfalls sterische Differenzen im Spiele, und man hat außer Lactasen vom Emulsintypus oder „Gluco-Lactasen" noch Lactasen vom Kefirtypus oder „Galacto-Lactasen" zu unterseheiden. Andererseits hat es sich herausgestellt, daß das Hefeinvertin und die Hefemaltase von dem in den Mandeln enthaltenen Enzym, welches das Amygdalin in Glucose und Amygdonitrilglucosid spaltet, verschieden ist. Auch dieses Mandelenzym (Amygdalase) muß daher sterische Eigentümlichkeiten zeigen, W^enn auch solche Feststellungen sehr dazu verleiten, jede Zucker- spaltung einem besonderen Enzym zuzuteilen, wie es tatsächlich derzeit meist geschieht, so halten manche Forscher wie Marino und Sericano (4) 1) H. E. Armstrong, E. F. Armstrong u. Horton, Proceed. Roy. Soc. B.. Ss, 359, 363, 370 (1912). — 2) E. Fischer, Ztsch. physiol. Chem., 26, 60 (1898); Ber, Chem. Ges., 27, 2985 (1894); 28, 1429 (1895). — 3) H. E. Arm^ trong u. E. F. Armstrong, Proceed. Roy. Soc. Lond. B., 79. 360 (1907). H. E. Armstrong u. W. H. Glover, Ebenda, B., 80, 312 (1908). Armstrong u. E. Horton, Ebenda, p. 321. E. f. Armstrong, Transact. Chem. Soc, 88, 1305 (1903); Proceed. Roy. Soc., 73, 516 (1904). R. J. Caldwell u. S. L. Courtauld, Ebenda. B., 79, 350 (1907). H. E. Armstrong u. Horton, Ebenda, 82, 349 (1910). — 4) L. Marino u. G. Sericano, Gaz. chim. ital., JT l, 45 (1907). 104 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. noch immer die Möglichkeit offen, daß es Enzyme von weiterem Wirkungs- kreis gibt. In der Tat begegnen wir auf dem Gebiete der proteolytischen Enzyme, wo, wie E. Fischers und Abderhaldens Untersuchungen ge- zeigt haben, die Komplexe der spaltbaren Polypeptide eine reichg Fülle von optisch aktiven stereoisomeren Komponenten enthalten, eigentlich nur Fermente von sehr weitem Wirkungsgebiete. Über die auf diesem Gebiete sehr wichtige polarimetrische Methodik wären Arbeiten von Abderhalden (1) und E. Fischer (2) zu vergleichen. Bourquelot(3) hat in zielbewußter Weise die spezifische Wirksamkeit bestimmter En- zyme zum Auffinden spaltbarer Stoffe in Pflanzen benützt. Weitergehende Spekulationen über die chemische Struktur der Enzym- molekel sind an der Hand der Erfahrungen über spezifische Wirksamkeit mehrfach angeknüpft worden, besonders seit die im nächsten Paragraph zu erwähnende EHRLiCHsche ,, Seitenkettentheorie" der Immunkörper und Toxine ein Muster für solche Betrachtungen abgab. So hat z. B. Walker (4) die komplexe Natur der Enzyme erörtert, und im Enzymmolekül einen spezifischen „Amboceptor" und ein nicht spezifisches „Komplement" an- genommen. Da wir aber spezifischer Wirkungsweise auch bei inorganischen Katalysatoren verschiedenfach begegnen und die Anpassung an ein be- stimmtes Substrat eigentUch nichts ist, was die Enzyme besonders auszeichnet, so müssen wir immerhin von vornherein die Wahrscheinlichkeit festhalten, daß die SpeziaUsierung auf sehr verschiedenen Momenten beruhen kann, und nicht durch eine einzige Theorie erklärt werden muß. AcHALME und Bresson (5) haben eine Methode angegeben, welche bei der Feststellung, ob einige gleichzeitig vorkommende Enzymreaktionen in einem Substrate von einem oder von mehreren Enzymen bewirkt werden, gute Dienste leisten kann. Man bringt eine nicht zu geringe Menge des enzymhaltigen Materials einmal mit jeder der spaltbaren Substanzen zu- sammen, sodann aber mit einem Gemenge dieser Substanz bei gleicher Temperatur, Acidität und Konzentration. Ist die Wirkung im zweiten Falle ungefähr die Summe der in dem ersten Versuch beobachtenden Einzel- wirkungen, so darf man mehrere koexistierende Fermente annehmen. Zur vorläufigen Orientierung über die SystemaCik der bisher bekannten Enzymwirkungen sei eine kurze Übersicht über dieselben hier angeschlossen, ohne eine vollständige Benennung aller bisher be- kannten Enzyme anzustreben. Hinsichtlich der Nomenklatur ist es wohl das rationellste mit Duclaux zur Benennung eines Enzyms den Wort- stamm der katalysierten Substanz mit der Endung ,,-ase" zu bilden. Jedoch ist es wohl kaum unbedingt geboten, altüberlieferte Namen, wie Invertin oder Pepsin, durch die Endung „-ase" auszuzeichnen. Lipp- mann (6) schlug vor, Doppelworte zu bilden aus dem katalysierten Stoff und dem Spaltungsprodukt, mit der Endung -ase darnach würde die Maltase z. B. eigentlich als „Malto-Glucase" zu bezeichnen sein usf. Für die wohl noch fragUchen synthetisch wirkenden Enzyme hat Euler (7) die Endung „-ese" vorgeschlagen, so daß sie sich durch den Namen von den spaltenden „-äsen" leicht unterscheiden. 1) E. Abderhalden u. L. Pincüssohn, Ztsch. physiol. Chem., 64, 100 (1910). — 2) E. Fischer, ßer. Chem. Ges., 44, 129 (1911). — 3) E. Bodrqüelot, Journ. Pharm. Chim., 15, I, 16; II, 378 (1907). — 4) E. W. Walker.. Journ. of Physiol.. jj, No. 6 (1906). — 5) P. AcHALME u. Bresson, Compt. rend., 151, 1369 (1910). — 6) Lippmann, Ber. Chem. Ges., 36, 331 (1903). — 7) H. Euler, Ztsch. physiol. Chem., 74, 13 (1911). § 5. Allgemeine Chemie der Enzyme. 105 Eine besondere Gruppe müssen jedenfalls alle jene Enzyme bilden, deren Wirkung nur in einer Hydrolyse unter Wasseraufnahme besteht. Oppenheimer hat für sie alle die Bezeichnung Hydrolasen geprägt. Man unterscheidet hier einfach Untergruppen nach dem Spaltungsmaterial. So gibt es zahh-eiche Enzyme, welche auf Kohlenhydrate einwirken (Carbo- hydrasen). Hierher zählen: Invertin oder Saccharase (Rohrzucker), Maltase (Maltose), Trehalase (Trehalose), Lactase (Milchzucker), Melibiase (Melibiose), Raffinase? (Raffinose), Melizitase (Melizitose), Ferner die Inulase (Inulin), Glykogenase (Glykogen), Amylase oder Diastase (Stärke zu Dextrin abbauend), Dextrinase (Dextrin in Mal- tose spaltend), Cytase oder Seminase (Reservecellulosen), Cellase (Cellulose), Pectase, Pectinase und Pectosinase (Pectiftstoffe). Viel- leicht gibt es Enzyme, welche bei Kohlenhydraten das Gegenteil der Hydro- lyse, eine Anhydrierung, bewirken, und in Lösungen Koagula von höheren Anhydriden erzeugen. Dies wäre Amylokoagulase, die auf löshche Stärke wirkt, und die noch fraghche Cytokoagulase, das Gegenstück der Cytase. Eventuell wären solche Koagulasen als eigene Gruppe den Hydrolasen gegenüber zu stellen. — Zu den hydrolysierenden Enzymen gehören sodann jene, welche auf verschiedene Glucoside einwirken, wie Emulsin (Amygda- hn), Prunase (Prunasin), Amygdalase (Amygdalin), Salicase (Sahein), Myrosin (Myronsäure), Rhamnase (Xanthorrhamnin), Erythrozym (Rubierythrinsäure), Gaultherase (Gaultheriaglucosid), Tannase (Gerb- stoffglucoside), Indoxylase oder Isatase (Indoxylglucosid), Hadroraase (Ester in verholzten Zellmembranen). — Die Chlorophyllase spaltet AJkylester des Chlorophyllids (Willstätter). Eine weitere besondere biologische Gruppe bilden die Enzyme, welche Neutralfette und Phos- phatide (Lecithin) spalten (Lipasen). Phytase spaltet Inosit-Phosphor- säureester oder Phytin. — Die letzte Gruppe endhch wird durch die Amidasen oder Desamidasen dargestellt, welche auf amid- oder imidartige Körper unter Wasseraufnahme, eventuell Ammoniakabspaltung einwirken. Hierher rechnen wir vor allem die eiweißspaltenden Enzyme oder Proteasen, welche die Eigenschaft haben, die imidartige Verkettung der Aminosäurereste in Polypeptiden, Peptonen, Proteosen und Eiweißkörpern unter Wasser- aufnahme unter Bildung freier komplexer oder einfacher Aminosäuren zu lösen; z. B. bei dem aus zwei Glykokollresten bestehenden Glycylglycin : CH2NH2 . CO . NHCH, . COOK +U^0=2 (CH2NH2 • COOH) Die pepsinartigen Eiweißfermente spalten Proteide rasch bis zu Pep- tonen und hefern höchstens geringe Mengen freier Aminosäuren ; die Erep- sin artigen Fermente oder Peptasen wirken nur auf Proteosen (Albumosen) und Polypeptide ein; die Trypsine spalten sehr verschiedene Proteide rasch unter reichlicher Bildung einfacher Aminosäuren auf; Chymosin oder Lab wirkt schwach hydrolytisch auf Milchcasein unter Bildung von Koagula einer unlöshchen Kalkprotein Verbindung; die Nucleasen spalten Nucleine und Nucleinsäuren. Weitere Amidasen wirken auf Säureamide ein und spalten freies Ammoniak ab. Hierher gehört auch die auf Harn- stoff wirkende Urease, und die Arginin spaltende Arginase. Eine zweite Hauptgruppe von Enzymen formieren wir aus allen jenen, welche Kohlensäure ohne Oxydationsvorgänge aus verschiedenen Säuren, Zuckern, Phenolen abspalten. Carboxylasen wirken auf die Carboxylgruppe von Säuren, z. B. auf Brenztraubensäure und Oxymaleinsäure ein [Neu- berg (1)J. Hierher gehören vielleicht auch die „Carbonasen" von Palla- 1) C. Neuberg u. L. Karczag, Biochem. Ztech., 36, 68, 76 (1911). 106 Zweites Kapitel: Die cheraisohen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. DIN (1). Lactacidase spaltet Milchsäure in Äthylalkohol (oder Acet- aldehyd ?) und COj. — Auch die Zymase der Alkoholgärung läßt sich wohl in diese Gruppe einreihen, ferner das von Hahn in Arumkolben entdeckte COg abspaltende Enzym; endHch wohl auch die auf Tyrosin einwirkenden Tyrosinasen, welche überdies Ammoniak abzuspalten scheinen. Eine noch wenig geklärte Enzymgruppe formiert aus Zucker ver- schiedene Säuren ohne COj-Abspaltung. Hierher rechne ich die Lac- tolase oder das Enzym der Miichsäuregärung, das von Kobert (2) an- gegebene Formizyra, welches aus Zucker Ameisensäure abspaltet, die Glucacetase, welche Zucker unter Bildung von Essigsäure zerlegt. Sodann vereinigen wir die Oxydationsenzyme oder Oxydasen zu einer Gruppe. Sie umfassen außerordentlich mannigfaltige Erscheinungen. Alkoholasen oxydieren Alkohole zu Aldehyden oder zu Säuren, wie das Enzym der Essigbakterien; Aldehydasen büden Säuren aus Al- dehyden; die Purinoxydasen oxydieren Purinbasen wie Adenin, Guanin, Xanthin, Hypoxanthin und Harnsäure; Phenolasen wirken auf mehr- wertige Phenole. Auch die Oxydation inorganischer Verbindungen, wie Wasserstoff, Ammoniak, Nitrite, Schwefel, Ferrosalze wird in den Zellen von Pflanzen katalysiert. Schließlich ist die Gruppe der Peroxydasen hier zu erwähnen. Die Umlagerung von Aldehyden nach Cannizzaro wird von Mutase katalysiert. Endlich werden wir reduzierende Enzyme oder Hydrogenasen zu unterscheiden haben, deren Wirkung wesentlich in Anlagerung von Wasserstoff besteht. Das noch fragliche „Philothion" bildet aus Schwefel Schwefelwasserstoff. — Anschließend kann man die auf Peroxyde wirk- samen Enzyme behandeln, wozu die weitverbreitete Katalase gehört, welche die Reaktion HjOj = HgO n- ^ (Og) katalysiert. Temperatureinflüsse. Wie so viele andere Kolloide, so sind auch die Enzyme gegen längere Zeit hindurch einwirkende höhere Temperaturen in wässeriger Lösung sehr empfindlich. Die Hefezymase geht sogar bei Zimmertemperatur ziemlich rasch, noch schneller bei Brutofentemperatur zugrunde. Oberhalb 60 '^ C verlieren die meisten Enzyme mehr oder weniger rasch an Wirksamkeit. Temperaturen nahe an 100° vernichten die Enzyme gewöhnlich sehr sehnell; konzentrierte Lösungen sind viel beständiger. In exsiccator-trockenem Zustande ver- tragen Enzyme, wie Hüfner und Hueppe(3) fanden, viel höhere Tem- peraturen als 100 ^ doch zeigen sie eine deutliche Schwächung ihrer Wirksamkeit, wenn man sie nachher in Lösung bringt (Hysteresis). Es ist wohl nicht nötig, besondere EigentümUchkeiten des chemischen Aufbaues, labile Strukturen usw. anzunehmen, wie es manche Forscher <0. LoEW, Euler) zur Erklärung der thermolabilen Eigenschaften der En- zyme tun. Die kolloiden Eigenschaften machen die beobachteten Tatsachen bisher völÜg verständÜch. Sehr deuthch tritt der Einfluß von Schutz- 1) Palladin, Ber. Botan. Ges. (1905), p. 240; (1906), p. 97; Ztsch. physiol. ehem., 47, 407 ("1906). — 2) R. Kobert, Pflüg. Ärch., 99, ]16 (1903). — 3) Hüf- ner, Journ. prakt. Chem., 17; Pflüg. Arch., 40. F. Hdeppe, Chem. Zentr. (1881), p. 745; auch^E. Salkowski, Virch. Arch., 70, 7^ */, p. 552; Ber. Chem Ges., 14, 114 (1881). Über Sehwächung von Enzymwirkungeu durch höhere Temperaturen ist noch zu vergleichen E. Bourquelot, Ann. Inst. Pasteur, /, 337 (1887) (Diastaae). Cl. Fermi u.. L. Pernossi, Zentr. f. Bakt., 15, 2?9 (1894). M. Beuerinck, Ztsch. physik. Chem.. 36, 508 (1901), f. Indigoferment. § 5. Allgemeine Chemie der Enzyme. 107 kolloiden beim Erhitzen von Enzymlösungen hervor. So wird Diastase erheblich abgeschwächt, wenn sie in reinem Wasser gelöst, auf 63*^ C erwärmt wird, nicht aber bei Gegenwart von Stärkekleister (1 ). Dasselbe gilt für In- vertin, welches sich nach O'Sullivan und Thompson (2) verschieden resistent zeigt, wenn man es mit Zucker oder ohne Zucker höheren Tempe- raturen aussetzt. Setzt man die Enzymwirkung bei 15" gleich 100, so erhält man (nach Duclaux Umrechnung) die Werte: ohne Zucker .... 100 91,7 76,5 30,0 20,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 mit Zucker 100 100 100 100 100 100 100 88 34 0,0 Temperatur 15« 35» 40« 45« 50« 55« 60« 65» 70« 75« Je reiner die Enzympräparate sind, desto stärker äußert sich ihre Thermolabilität. Daß absichthcher Zusatz von Kolloiden die Temperatur- schädigung vermindert, erfuhr auch E. W. Schmidt (3) am Trypsin. Merk- würdig ist es, daß man das Trypsin in konzentriertem Glycerin gelöst bis auf 292« C erhitzen kann, ohne daß es zerstört wird. Jodlbauer (4) stellte durch besondere Versuche fest, daß Sauerstoffwirkungen bei der Thermo- labiUtät von Enzymen nicht als ursächUches Moment in Betracht kommen. Von Interesse ist die Beobachtung von W. Gramer und Bearn (5), daß das bei 50—60« C inaktivierte Pepsin die Fähigkeit hat, eine wirksame nicht erhitzt gewesene Pepsinlösung stark zu hemmen. Pepsin, welches auf 100« C erhitzt war, besaß die gleiche Wirkung nicht. Aufzuklären bleibt die Angabe von Gramenitzki (6), wonach Takadiastase bei Temperaturen unter 100« C ver- nichtet wird, hingegen bei 100« C ihre Fermenteigenschaften regeneriert und so resistent wird. Den Einfluß der Vorwärmung auf die Wirkung der Urease illustriert Miquel(7) durch folgende Zahlen; die Vorwärmung auf x« dauerte je 21/2 Stunden, worauf bei 49« die binnen 2 Stunden auf 4 % Harnstofflösung entfaltete Wirkung festgestellt wurde. Temperatur der Vorwärmung . . 14« 40« 46,5« 51,5« Umgesetzter Harnstoff in g. . . 13,9 13,3 12,7 6,4 Bei 10 Minuten Vorwärmung auf 64« 66^^ 70« 75« wurde umgesetzt an Harnstoff in g . . . • 13,6 6,1 3,6 0,0 Selmi(8) hat gezeigt, daß schon unter dem Eispunkt eine Wirkung von Emulsin auf Amygdahn nach 1-2 Stunden nachgewiesen werden kann. Auch Müller-Thurgaü (9) fand noch bei 0« deutüche Diastase- wirkung. Bis 20« stieg die Wirkung auf das 5 fache, von da bis 40« aber auf das 20 fache. Hefeinvertin bildete in 1 Stunde in 20 %iger Rohrzucker - iösung folgende Mengen Invertzucker bei steigender Temperatur (10): 1) Hierzu E. K. Morris u. T. A. Glendinnino, Journ. Chera Soc. (1892), / 689 Die Angabe, daß die Wirksamkeit von Invertin auf Reürzuckerlosung durch Vorwärmen auf 40-43° gesteigert wird (Henri u. Pozerski), hat S. P. Beere Amer. Journ. Physiol., 7. 295 (1902) nicht bestätigen köiinen. - 2) ^ SüU.iVAN "•Thomp- son (vgl. Duclaux, 1. c. p. 186), Journ. Chem. Soc. (1890), p. 8S4. - 3) E W. ScHÜik Ztsch. physiol. ehem., 67, 314 (1910). - 4) A. Jodlbauer Biochem. Ztfich., 3, 483 (1907). - 5) W. Gramer u A.R. Bearn. Proceed Physiol See. (1906), p. 36; Journ. of Physiol., 34 (1906 5 Biochem. Journ., 2. 174 (190.). — 6)T' J^ Gramenitzki, Ztsch. physioLGhem.,ö, 286 (1910). -7^^^ Micrograph., 7, 895. - 8) F. Selmi, Mon.t. sc.ent.f. (3), //, 54 (1881)^ Nach dAr- soNvS, C. r Soc. Bio!., 44, 808 (1892) w rd Invertm erst bei -100» C unwirk- sam; -50« C schädigen noch nicht - 9) H. Muller-ThüRGAU, Landw. Jahrb., 14,195 (1885). — 10) Effront, Diastasen, p. 62. 108 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganifimus. 00 50 100 150 20» 30» 40" bO^ 60« Invertzucker in g . . - 0,05 0,11 0,18 0,35 0,40 1,65 2,20 2,21 Kjeldahl (1 ) fand bei 15 Minuten langer Einwirkung von Malz- diastase auf Stärkekleister folgende Werte für die Reduktionskraft: Temperatur 18,5« 35« 54« 63« 66,5« 68« 70« Reduktionskraft .... 17,5 40,5 41,5 42 34 29 18 Als Einfluß der Vorwärmung fanden Kjeldahl und Bourquelot bei Diastase, daß die Dextrinbildung gesteigert, aber die Maltosebildung herabgesetzt wird. Erhitzte man Malzaufguß 10 Minuten lang auf 63« I ( Maltose 63 % Dextrin 37 % 68« \ so erhielt man ] „ 65 % „ 65 % 70« J l „ 17,4 % „ 82,6 % Diese Erfahrung spricht zu gunsten der Ansicht, daß die Diastase kein einheitliches Enzym ist. Die Enzymwirkungen zeigen ein ausgesprochenes ..Tempeiatnr- optimum", welches zwischen 40—60'' C zu liegen pflegt. Eine Zu- sammenstellung einer Reihe diesbezüglicher Resultate ist bei Duclaux (2) zu finden. Das Optimum schwankt übrigens selbst bei Enzymen der- selben Species (Invertin aus Ober- und Unterhefe; Pepsin von Warm- und Kaltblütern) bezüglich der Höhenlage. Das Vorhandensein eines Temperaturoptimums ist nichts Charakteristisches für die Enzym- wirkungen; Ernst (3) hat auch für die Knallgaskatalyse des Platinsol ein Temperaturoptimum konstatieren können. Das Temperatviroptimum der Enzymwirkungen bildet sich offenbar durch Superposition zweiei- Vor- gänge, der Steigerung des Enzymzerfalls (Enzymverminderung) und der Geschwindigkeitszunahme der Enzymreaktion mit zunehmender Tempe- ratur heraus. Sobald der Effekt der Enzymzerstörung so bedeutend ist, daß er durch den Effekt der Reaktionsgeschwindigkeitszunahme nicht mehr gedeckt werden kann, tritt der Wendepunkt der Kurve ein und das Optimum der Enzymwirkung ist überschritten (4). Eine experi- mentelle Stütze finden wir hierbei auch in den Feststellungen Tam- MANNs(5) über die Abhängigkeit des Endpunktes der Emulsin - Amyg- dalinkatalyse von der Temperatur. Die Reaktion ist bei keiner Tempe- ratur vollständig. Bei niederen Temperaturen dauert es länger, ehe der Endzustand erreicht ist, es wird bei kleiner Anfangsgeschwindigkeit begonnen und die Wirkung längere Zeit fortgesetzt. Bei höheren Tempe- raturen ist die Anfangsgeschwindigkeit größer, das Geschwindigkeits- maximum wird bald erreicht und es erfolgt rasch ein Abfall. Man kommt praktisch mit der Enzymwirkung am weitesten, wenn man bei niederer Temperatur und mit größeren Enzymmengen arbeitet. Will man in kurzer Zeit möglichst hohen Umsatz erzielen, so ist die Anwendung höherer Temperatur zu empfehlen. Durch den Einfluß der Vorwärmung ist es übrigens leicht ver- ständlich, daß bei Angaben über die Lage des Temperaturoptimums die Zeitdauer des Versuches beigefügt werden muß, da für kürzere Zeiten ein höheres Optimum herauskommen muß. In der Tat fanden Bertrand 1) Zit. nach Effeont, 1. c. p. 118. — 2) Duclaux, 1. c. p. 180. — 3) Ernst, Ztßch. physik. Chem., 37, 476 (1901). — 4) Vgl. die graphische Darstellung bei Duclaux, 1. c. p. 194. — 5) Tammann, Ztsch. physik. Chem., j8, 426 (1895). § 5. Allgemeine Chemie der Ertzyme. 109 und Compton(I), daß die Optima für Emulsin und Cellase für 15 Stunden bei 40*^ resp. 46 '^ liegen, während für eine Versuchsdauer von 2 Stunden öS*' und 56 ^ als Optima bestimmt wurden. Bei 100 ** spaltet Trypsin momentan Gelatine (Schmidt 1. c). Daß sich gewisse Unterschiede hinsichtlich der Temperaturwirkung zwischen inorganischen Katalysen und Enzymreaktionen finden können, wie sie Henri (2) hinsichtlich der Rohrzucker-Säurespaltung und der In- vertinwirkung beobachtet hat, kann kaum überraschen. Lichtwirkungen auf Enzyme. Während zerstreutes Tageslicht Enzymlösungen meist nur unbedeutend in ihrer Wirksamkeit herabsetzt, kann man durch intensive Sonnenstrahlen oder dur^h konzentriertes elektrisches Licht stets schon in kurzer Zeit die Enzyme stark inakti- vieren. Lab verliert von konzentriertem elektrischen Licht bestrahlt binnen 15 Minuten 95 7o seiner Wirksamkeit [Schmidt-Nielsen (3)], nach DucLAUX soll Invertin sogar noch im Dunkeln geschädigt werden, wenn man das Ferment in einer vorher belichteten Flüssigkeit auflöst. Über- einstimmend haben zahlreiche Untersuchungen(4) ergeben, daß der Haupt- anteil dieser Inaktivierung auf Rechnung der ultravioletten Strahlen zu setzen ist. Nach Schmidt-Nielsen (5) bringen die sichtbaren Strahlen nur 0,3 % des Inaktivierungseffektes bei Lab hervor, und 96 7o der Wirkung werden durch Strahlen von 220—250 fifx Wellenlänge aus- geübt. Übrigens werden die einzelnen Enzyme vielleicht in ungleichem Maße inaktiviert, da Chauchard und Mazoue(6) fanden, daß ultra- violettes Licht auf Diastase stärker wirkt als auf Invertin. Die schönen Untersuchungen von Jodlbaüer und H. v. Tappeiner (7) haben mit Bestimmtheit eine Differenz in der Wirkung des ultraviolettfreien Lichtes und der ultravioletten Strahlen herausgefunden. Ultraviolett- freies Licht ist nämlich nicht imstande ohne Sauerstoffzutritt zu inakti- vieren, so daß hier gewiß Oxydationsprozesse anzunehmen sind. Fluores- cierende Farbstoffe wie Methylenblau oder Eosin verstäjken die Wirkung ultraviolettfreien Lichtes außerordentlich, aber nur bei Gegenwart von Sauerstoff. Invertin in V2000 Mol Eosin gelöst verliert in Sonnenlicht binnen 10 Minuten 80% seiner Wirkung, nach 40 Minuten sind 97% inaktiviert. Im Ultraviolett fehlen beide Eigentümlichkeiten der Wir- kung: sowohl die Mitwirkung des Sauerstoffes bei der Inaktivierung als auch die photodynamische Wirkung fluorescierender Farbstoffe. Inter- essant ist es, daß bei Peroxydase und Katalase, wßlche schon durch zerstreutes Tageslicht relativ energisch inaktiviert werden, die Wirkung fluorescierender Stoffe nicht sehr ausgesprochen auftritt. Nach Schmidt-Nielsen folgt die Inaktivierung von Lab durch Licht dem Gesetze der unimolekularen Reaktionen. 1) G. Bertrand u. A. Compton, Compt. rend., 152, 1518 (1911). — 2) V. Henri, C. r. Soc. Biol., 70, 926 (1911). - 3) S. Schmidt-Nielsen, Hofmeisters Beitr.. 8, 481 (1906). - 4) Duclaux, Trait^, 2, 221 (1899). JR. Green Phil. Trans., 188, 167 (1897). E. Hertel, Ztsch. allgem. Phy.siol., 4, ^28 (1904). 1^. A. Went, Rec. trav. bot. N^erland, /, 106 (1904). H. Agulhon, Compt rend. 152, 398 (1911). L. Marino u. G. Sericano, Gaz. chim. ital., 35, H, 407 (lyob). — 5) S. Schmidt-Nielsen, Ztsch. physiol. Chem., 58, 233 (1908). - 6) A. Chauchard u. Mazoue. Compt. read., 152, 1709 (1911). C. Delezenne u. KLis^bonne Ebenda, ISS 788 (1912) — 7) H. v. TAppetner, Ber. Chem. Ges., jö, 3035 (1903). A. Jodl- BAÜER u^ H. V. Tappeiner, Arch. klin. Med., 85, 386 (1905); *;. 373 (1906) Tap- peiner, Naturforsch. Ges. (1906). 2, 2, 412. ErgebD. d. Physiol.. 8, 698 (1909). E. W. Schmidt, Ztsch. phystol. Chem.. 67, 321 (1910). H. Agulhon, Compt. rend., 153, 979 (1911). 110 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. Der Einfluß von Radium-Emanation auf Enzymwirkungen ist in einer Reihe von Arbeiten (1) studiert worden, ohne daß sich prägnante Resultate ergeben hätten. Schwache Hemmung der Fermentreaktionen wird von den meisten Autoren angegeben, doch soll nach Loewenthal und Wohlge- mute (2) diese Hemmung nur vorübörgehend sein und sich innerhalb 24 Stun- den allmählich ausgleichen. Röntgenstrahlen scheinen ohne jeden Einfluß auf Enzyme zu sein (3). Hinsichthch des Einflusses von Elektrizität auf Enzyme be- richtet IscovESCO (4), daß ein konstanter Strom von 0,3—0,9 Volt und 1 — 14 Milh- Ampere Katalase bereits zerstört. Nach KuDO (5) liegt die Grenze bei 4 Milli- Ampere. Wechselstrom und Teslästrom waren ohne Effekt. Chemische Hemmungen der Enzymwirkungen: Paralysa- toren, Enzymgifte, Antikatalysatoren. Man hat hier zweierlei Wirkungen zu unterscheiden. Einmal kann eine Substanz ihre hindernde Wirkung ^dadurch entfalten, daß sie die Löslichkeit des Enzyms beein- flußt und außerdem das Enzym langsam in seinem kolloiden Zustand ändert (denaturiert). Da Enzymlösungen sich wie lyophile Kolloide ver- halten, werden solche Wirkungen erst durch größere Mengen der be- treffenden Stoffe (Neutralsalze, Alkohol) zu erzielen sein. Andere Sub- stanzen hingegen hemmen aber schon in ganz minimalen Konzentrationen sehr stark oder heben die Enzymwirkung selbst ganz auf. In bezug auf Alkoholzusatz verhalten sich Enzymlösungen recht verschieden. Diastase soll noch in 20 7oigem Alkohol wirken. Nach Dastre (6) ist eine Reihe von Enzymen noch in 50— 60 böigem Alkohol löslich, jedoch dürfte hier die Wirkung stets stark herabgesetzt sein. Auffallend resistent gegen Alkohol ist die Chlorophyllase, welche nach den Angaben Willstätters (7) noch in 80 ^oigeoi Alkohol stark auf das natürliche Chlorophyll ein- wirkt, bei 92 "/o jedoch schon intensiv gehemmt wird. Unter den als „Enzymgiften" bekannten Substanzen, wie Queck- silberchlorid, SHg, Blausäure, Hydroxylamin, Formaldehyd, Phenol sind interessanter Weise nicht wenige, welche auch auf inorganische Katalysa- toren, besonders auf das BREDiGsche Platinsol, intensiv einwirken. Man kann daher z. B. die Abschwächung der Enzymwirkungen durch Blau- säure heute nicht mehr als charakteristisches Merkmal der Fermente auffasseh, wie es Schaer(8) einst getan hatte. Die Wasserstoffsuper- oxydkatalyse ist gegen Blausäure besonders empfindlich. Daß die Eiweiß fällenden Stoffe wie Seh wer metallsalze, stärkere Säuren und Basen leicht zu Störungen der Enzymwirkungen führen, ist 1) V. Henri u. A. Mayer, C. r. See. Biol., 50, 230 (1904). S. Schmidt- NrELSEN, Hofmeisters Beitr., 6, 175 (1904). E. G. Willcock, Journ. of Physiol., 34, 207 (1906). K. V. KöRÖSY, Püüg. Arch., 137, 123 (1910). — 2) S. Loewen- thal u. J. WoHLGEMUTH, Biochem. Ztsch., 21, 476 (1909). — 3) P. F. Richter u. H. Gerhartz, Berlin, klin. Woch.schr. a908), p. 13. H. Gtjnther, Sitz.ber. natur- hist. Ver. Rheinlande 1910, /, 11 (1911). H. Meyer u. Fr. Bering, Fortsehr. Röntg.-Strahl., /;, 33 (1911). — 4) IscovESCO, C. r. See. Biol., 67, 197, 292 (1909). Ältere Literatur bei Duclaux, 1. c. p. 216. — 5) T. KuDO, Biochem. Ztsch., /ö, 233 (1909). — 6) A. Dastre, Compt. rend., 121, 899 (1895). Th. Bokorny, Zentr. Bakt. II (1901), p. 851. W. Schneidewind, Meyer u. Munter, Landw. Jahrb., 35, 911 (1907). B. ScHÖNDORFF u. C. VicTOROW, Pflüg. Arch., 116, 495 (1907). — 7) R. WiLLSTÄTTER, Licbigs Ann., 378, 18 (1910). — 8) E. Schaer, Chem. Zentr. (1891), /, 671. Vgl. auch Fiechter, Diss. (Basel 1875). Jacobson, Ztsch. physiol. Chem., 16, 367 (1892). R. Raudnitz, Ztsch. f. Biol., 42, 100 (1901). § 5. Allgemeine Chemie der Enzyme. 111 verständlich. Wie H ata (1 )gezeigt hat, braucht aber die Fällung durch Schwer- metallsalze nicht das Enzym direkt zu betreffen, sondern es kann unverän- dertes Enzym durch Subhmatniederschläge in dem eiweißhaltigen Miüeu mit niedergerissen werden, ohne selbst verändert zu werden. Dadurch erklärt es sich, daß zur Inaktivierung von Pepsin, Trypsin und Lab viel mehr SubU- mat nötig ist als bei Diastase oder Katalase, welche bereits durch sehr kleine HgClg- Konzentrationen geschädigt werden. Auch kann man durch Zusatz von Kaliumcyanid die Fermente nach der Subhmatfällung innerhalb ge- wisser Grenzen reaktivieren, bei eiweißarmen Medien auch durch Kalium- sulfid. Metallkolloide, die Eiweiß als Schutzmittel enthalten, wirken nach PiNCUSSOHN (2) auf Trypsin und Pepsin hemmend, während man durch Sole, die durch elektrische Zerstäubung hergestellt wurden, immer nur stimulierenden Einfluß beobachtet. Die Säurekonzentration, welche die Enzymtätigkeit bei Hefe hindert, hegt nach Drabble und Scott (3) bei etwa Vio Mol pro Liter für die starken Mineralsäuren. Borsäure wird über- einstimmend als wirkungslos bezeichnet (4). Daten über Hemmung durch Alkahen bei Diastase lieferte Quinan (5). Jod wirkt ausgesprochen hemmend. Während Hydroperoxyd nicht allgemein als Enzymparalysator gelten kann(6), wirkt Ozon auf verschiedene Enzyme kräftig hemmend ein (7). Arsenite haben nach Buchner (8) eine inkonstante Hemmungswirkung auf Zymase. Angaben über die hemmende Wirkung von Neutralsalzen auf Enzyme finden sich bei Cole (9) und bezügUch Katalase bei Santesson (1 0) ; die Grenze Hegt bei Katalase bei "/k, Salzlösung. Kalksalze hemmen öfters ausgesprochen (11). Größere Mengen von Chloroform haben entschieden hemmenden Einfluß auf Enzyme (12), und Vandevelde(13) empfiehlt des- wegen als ein Mittel, welches wohl die Flüssigkeit steril hält, jedoch die Enzyme nicht schädigt, eine Lösung von Jodoform in Aceton als Zusatz. Formaldehyd hemmt Enzyme schon in Spuren; von Acetaldehyd muß man nach Bourquelot und Danjou(14) aber bereits 10% zusetzen, um Emulsinwirkung zu hemmen, während 10 % Chloralhydrat noch so gut wie gar nicht wirkt. Auch andere Hypnotica (Hedonal, Veronal), sowie Anti- pyrin und Pyramidon scheinen Enzymreaktionen sehr wenig zu beein- flussen (1 5). Hemmung durch Alkaloide [Nicotin (1 6), Chinin (1 7)] ist mehrfach bekannt geworden, ebenso hemmen auch manche Anilinfarbstoffe (18). Doch bedarf dieses ganze empirische Material dringend einer umfassenden Neu- bearbeitung vom Standpunkte der modernen Kolloidchemie. Eine der besten Arbeiten, die bisher vor hegen, hat Senter(19) über die Beeinflussung 1) S. Hata, Biochem. Ztsch., /;, 156 (1909). — 2) L. Pincussohn, Biochem. Ztsch., 40, 307 (1912). — 3) E. Drabble u. D. G. Scott, Biochem. Journ., 2, 340 (1907). — 4) Vgl. R. A. Gripps, Chem. Zentr. (1897), //, 500. H. Agüi-hon, Compt. rend., 148, 1340 (1909); Ann. Inst. Pasteur, 24, 495 (1909). — 5) C. Quinan, Journ. Biol. Chem. 6, 53 (1909). — 6) Vgl. A, J. Vandevelde, Hofmeisters Beitr., 5, 558 (1904). L. E. Walbum, Berlin, klin. Woch.schr. (1911), Nr. 43. — 7) W. Sigmund, Zentr. f. Bakt. II, 14, 400 (1905). — 8) E. Buchner u. R. Rapp, Ber. Chem. Ges., 31, 209 (1898). — 9) S. W. Cole, Journ. of Physiol., 30, 202; 281 (1903). — 10) C. G. Santesson, Skand. Arch. Physiol., 23, 99 (1909). — 11) W. V. Moraczewski, Pflüg. Arch., 6$, 32 (1897). Bourquelot u. Herissey, C. r. Soc. Biol., S5, 176 (1903). — 12) Fokker, Zentr. f. med. Wiss. (1891),- p. 454 Dübs, Vircli. Arch., 134, 519 (1893). — 13) A. J. Vandevelde, Biochem. Ztsch., j, 315 (1907); 40, 1 (1912). — 14) E. Bourquelot u. E. Danjou, C r. Soc. Biol., (23. Nov. 1906). — 15) J. Tysebaert, Ann. et Bull. Soc. Roy. Sei. m4d, et natur. (Bruxelles 1911), p. 189. — 16) P. Morat, C r. Soc. Biol. (1893), p. 116, für In- vertin und Emulsin. — 17) E. Laqueür, Arch.-exp. Pathol., 55, 240 (1906). M. GoNNERMANN, Pflüg. Aich., 103, 225 (1904). Brown u. Neilsün, Zentr. Physiol. (1905), p. 468. — 18) S. Mereshowsky, Zentr. Bakt. II, //, 33 (1903). — 19) G. Senter, Proceed. Roy. Soc. Lond., 74, 201 (1904). 112 Zweites Kapitel: Die cheraischeu Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. der Katalasewirkung (Blutkatalase oder Hämase) geliefert. Wie eine etwa vorkommende Reaktivierung oder „Erholung" eines Enzyms nach der „Ver- giftung" aufzufassen ist, lehren die erwähnten Feststellungen Hatas über Sublimatwii-kung. Daß solche Reaktivierungen nach Applikation geringer Giftmengen besonders leicht durch Zerstörung des Paralysators geschehen können, braucht keine besondere Darlegung zu erfahren. Alle erwähnten Enzymparalysatoren sind nicht spezifisch und nur selten gegen hohe Temperaturen empfindlich. Die biologischen Er- fahrungen haben uns jedoch zahlreiche von der lebenden Zelle erzeugte Paralysatoren kennen gelehrt, welche streng spezifisch ein bestimmtes Enzym inaktivieren, ebenso wie die Enzyme selbst in minimalen Mengen wirksam sind, und ausgeprägt thermolabilen Charakter haben. Hildb- brandt(I) hat zuerst beobachtet, daß nach intravenöser Injektion von Mandelemulsinlösung nach einiger Zeit das Blutserum des betreffenden Versuchstieres die Fähigkeit ge\vann, im Reagensglase die Emulsin- wirkung energisch zu hemmen. Morgenroth (2) stellte dasselbe Ver- halten für das Serum nach Injektion von Labferment fest. Seit dieser Zeit haben außerordentlich zahlreiche Untersuchungen ergeben, daß fast alle tierischen und pflanzlichen Enzyme die Eigenschaft haben, die Bil- dung eines Anti-Enzyms, wie man diese Stoffe seither nennt, zu er- regen. Nur für die Katalase ist es bisher nicht gelungen, die Antigen- Reaktionen im Tierkörper zu erhalten (3). Dasjenige was Battelli und Stern (4) als „Antikatalase" beschrieben haben, sollte nach diesen Autoren selb&t nur einen in verschiedenen tierischen Geweben vorkommenden Hemmungskörper bezeichnen, nicht aber das Antiferment der Katalase. Doch wird es sich empfehlen den Namen von „Antienzymen" für die wirk- lichen AntiStoffe von Fermenten zu reservieren, wie sie nach Einverleibung von Enzymen in die Blutbahn entstehen und alle anderen Hemmungs- vorgänge davon zu trennen. So möchte ich weder die erwähnte „Anti- katalase" als Antienzym gelten lassen, noch die von Porter (5) ent- deckten Hemmungskörper, welche in Gegenwart von Kollodiummembranen aus Enzymen entstehen und letztere inaktivieren, noch die beim Er- hitzen von Pepsinlösungen entstehenden inaktivierenden Substanzen (6), noch endlich auch die von Buchner (7) studierte „Antiprotease" aus Hefepreßsaft, welche die Zymase gegen das gleichzeitig anwesende tryp- tische Enzym schützt. Alles dies sind keine typischen Antienzyme. Hingegen kommen zweifellos typische Antikörper für Enzyme oder An ti- fermente auch im normalen Stoffwechsel von Tieren und Pflanzen vor, wo sie wichtige regulatorische Funktionen im Stoffwechsel zu erfüllen haben. Das zuerst aufgefundene Antiferment im normalen Stoffwechsel war das von mir (8) im Gewebssafte geotropisch gereizter Wurzelspitzen eruierte Antienzym, welches die fermentative Oxydation der aus dem Tyrosin 1) H. Hildebrandt, Virch. Arch., /j/, 5 (1893). — 2) J. Morgenroth, Zentr. f. Bakt. I, 26, 349 (1899); «7, 721 (1900). Autilab: Hedin, Ztsch. physiol. ehem., ^^, 229 (1912). — 3) H. de Waele u. Vandevelde, Biochem. Ztsch., p, 264 (1908). — 4) F. Battelli u. L. Stern, Ebenda, /o, 27.5 (1908). — 5) A. E. Porter, Quart. Journ. exp. Physiol., j, 375 (1910); Biochem Ztsch., 25, 301 (1910). — 6) Vgl. O. Mohr, Woch.schr. f. Brauerei, 22, 501 (1905). S. G. Hedin, Ztsch. physiol. Chera., 76, 355 (1912), erhielt einen das arteigene Lab spezifisch hemmenden Stoff durch Behandlung des Magenschleimhautextraktes mit schwachem Ammoniak. — 7) E. Buchner u. H. Hahn. Biochem. Ztsch , 26, 171 (1910). — 8) F. Czapek, Ber. Bot. Ges., 20, 464 (1902); 2/, IV (1903). 5. Allgemeine Chemie der Enzyme. 113 hervorgehenden silberreduzierenden Substanzen hemmt. Diese Antioxydasen sind spezifisch wirksam und wirken nur bei systematisch nahestehenden Pflanzenarten wechselseitig auf die Oxydasen ein; Mais-Antioxydase wirkt jedoch z. B. auf Lupinus-Oxydase nicht ein. Bei 62** C wird wohl die Anti- oxydase unwirksam, jedoch nicht die Oxydase. Es läßt sich daher die Anti- enzymwirkung in Gemischen durch Erwärmen auf 62® aufheben. Wein- land (1) hat hierauf ein Antitrypsin in den darmbewohnenden Spul- würmern aufgefunden, und im Blutserum kommt, wie man nun weiß, gleichfalls normal ein Antiferment des Trypsins vor. Schon der Umstand, daß beim Erhitzen eines inaktiven Enzym- Anti- enzymgemisches die Enzymwirkung wieder regeneriert werden kann, be- weist uns, daß die Enzyme in der Antifermentreaktion nicht zerstört werden. Hedin (2) hat weiter die interessante Tatsache festgestellt, daß man wohl Antitrypsin durch eine hinreichende Menge von Trypsin vollständig ab- sättigen kann, daß es jedoch unmöglich ist, Trypsin, selbst mit dem größten Überschuß von Antitrypsin vollkommen unwirksam zu machen. Eine Proportionahtät der Quantität und der Wirkung des Antitrypsins besteht nicht; kleine Mengen des Antifermentes machen relativ mehr Trypsin in- aktiv als große Mengen. Daß gewisse Analogien mit Adsorptionsprozessen bei den Antifermentreaktionen anzunehmen sind, läßt sich nicht leugnen. Ähnhch wie das Antienzym durch Erhitzen früher zerstört wird als das ge- bundente Enzym, wirken nach Hedin und nach Jacoby(3) auch Säuren stärker auf das Antienzym ein, und man kann das Enzym auch auf diese Weise reakti- vieren. Nach Min AMI (4) kann man sowohl durch Schütteln als durch Er- wärmen Enzyme so verändern, daß die Enzymfunktion weniger leidet als das Bindungsvermögen für Serum. Daß Antienzyme synthetische Wirkungen haben, wie Beitzke und Neuberg (5) vom Antiemulsin angaben, hat sich nicht bestätigt, und ist im Sinne unserer Auffassung der Antienzyme auch nicht anzunehmen. Chemische Stoffe als Förderer von Enzymwirkungen: Zynioexcitatoren, Hilfstoffe. — Es ist eine alte Erfahrung der Enzymologie, daß viele Enzymwirkungen durch nicht zu große Mengen zugesetzter Säure lebhaft gefördert werden. Für Diastase wurde dies schon 1882 durch Detmer(6) dargetan, für Invertin durch Kjeldahl, O'SuLLiVAN und Thompson. Daß bei der Pepsinverdauung die freie Säure wesentlich mitspielt, ist altbekannt und neuere Untersuchungen von Berg und Gies(7) haben erwiesen, daß das Wasserstoffion hierbei die Hauptrolle spielt, während die Säureanionen nur wenig in Betracht kommen. Die verschiedenen Säuren entsprechen in ihrer Wirksamkeit voll- ständig ihrer Affinitätskonstante. So kommt es, daß auch Kohlensäure unter höherem Drucke wie Müller-Thurgau fand, die Diastasewirkung erheb- lich zu fördern vermag (8). Da die Messung der Wasserstoffionenkonzen- 1) Weinland, Ztsch. Biol., 44, 1. 45 (1902); 45, 119 (1903). J. M. Hamill, Jonrn. of Physiol., 33, 479 (1906). — 2) S. G. Hedin, ßiochem. Journ., /, 474, 483 (1906). — 3) M. Jacoby, Biochem. Ztsch., 34, 485 (1911). — 4) D. Minami, Ebenda, 39 75 (1912) — 5) H. Beitzke u. C. Neuberg, Virch. Arch., 183, 169 (1906); Ztsch. Immun.-Forscbg., 1,2, 645(1909). A. F. Coca, Ebenda,!, 2, 1 (1909). W. M. Bayliss, Journ. Physiol., 43, 455 (1912). — 6) W. Detmer, Ztsch. physiol. Chem., 7, 1 (1882). Pflanzen physiol. Untersuch, üb. Fermentbildung (Jena 1884). — 7) W. N. Berg n. W. J. GiES, Zentr. Physiol. (1906), p. 615. G. Bertrand u. Rosen- BLATT, Compt. rend., 153, 1515 (1911). — 8) Vgl. auch M. Baswitz, Ber. Chem. Ges., //, 1443 (1878). Czapek, Biochemie der Pflanzen. 3. Aufl. o 114 Zweites Kapitel: Die ciiemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismua. tration bei enzymatischen Prozessen demnach von großer Bedeutung ist, so ist es wichtig, daß wir durch die planmäßigen und genauen Versuche Sören- SENS(1) über die Mögüchkeit der Anwendung bestimmter Farbstoffindi- catoren zu diesem Zwecke genauen Aufschluß über diesen Faktor erhalten haben. Die Empfindhchkeit der Enzyme gegen die oberen Grenzkonzen- trationen der Säuren ist verschieden. In anderen Fällen wirkt ein geringer Gehalt der Lösung an Hydroxyüonen günstig auf die Enzymwirkung, wie bei Trypsinen aus dem Pflanzen- und Tierreiche. Jacobson erhielt für die H202-Kataly8e durch Mandelenzym folgende Wirkungen bei Zusatz ver- schieden starker Kahlösung: Kaümenge 1 1 1111 5? 130 7Ö 4Ö 3Ö 25 ''°™''' "^"Ö Zur Entwicklung von 170 ccm Sauerstoff erforderhche Zeit 30' 3' 6' 15' 30' viel mehr als 30 Minuten. Es sei daran erinnert, daß sich ganz ähnüche Resultate bezügüch der fördernden Wirkung von schwach alkahscher Reaktion für die Superoxyd- katalyse durch Platinsol (Bredig) ergeben haben. Auch Salze sind als „Zymoexcitatoren" bekannt Nach Herissey(2) fördert 1,5 % NaFl die Hydrolyse der Reservekohlenhydrate durch die Cytase der Leguminosensamen. Manche Fermente, wie die Leberdiastase (3), scheinen ohne Neutralsalzgegenwart überhaupt unwirksam zu sein. Man kann dieses Enzym, sowie Pankreasferment durch Dialyse unwirksam machen und durch Zusatz von Chloriden wieder aktivieren. Nach Bierry(4) wirken aber Pflanzenamylase, tierische Lactase und Emulsin, sowie Hefe-Invertin auch im ausdialysierten Zustande ohne Gegenwart von Chloriden. Nach Starkenstein (5) besteht ein Proportionalitätsverhältnis zwischen der zur Aktivierung nötigen Salzmenge und der vorhandenen Enzymmenge, so daß man aus der ersteren Rückschlüsse auf den Enzym- gehalt ziehen kann. Über die Aktivierung des Pankreassaftes durch Salze, besonders Kalksalze, existiert eine reiche Literatur (6). Sowie für die inorganischen Oxydationskatalysen vielfach Förderung durch Schwer- metallsalze beobachtet worden ist, so ist auch für Enzymkatalysen eine Reihe derartiger Angaben vorhanden, insbesonders die Förderung durch Mangansalze bei den Oxydasen [Bertrand (7)J. Manche hierher ge- hörige Angabisn, wie insbesonders jene Sacharoffs(8) über die Rolle des Eisens bei Enzymreaktionen, sind durchaus problematischer Natur. Armstrong (9) beobachtete eine Förderung der enzymatischen Glucosid- spaltung (Blausäurebildung) in Prünusblättern unter dem Einflüsse von Narkoticis. Nach Centanni(IO) haben Lipoide einen befördernden Ein- 1) S. P. L. SöRENSEN, Biochem. Ztsch., si, 131, 201; 22, 352 (1909); Compt. rend. Lab. Carlsberg, 8, 1, 396 (1909). — 2) Herissey, Compt. rend., 143, 49 (1901). — 3) E. Stabkenstein, Biochem. Ztsch., 24, 210 Ü910). — 4) H. Bierry, Biochem. Ztsch., 40, 357 (1912). — 5) E. Starkenstein, Ebenda, 47, 300 (1912). — 6) Vgl. Larguier des Bancels, Compt. rend., 141, 144 (1905). C. Delezenne, Ebenda, p. 781 (1905). E. ZuNZ, Biochem. Zentr., 5, 69, 225 (1906). —7) Bertrand, Compt rend., 124, 1032, 1355 (1897). — 8) N. Sacharoff, Das Eisen als das tätige Prinzip der Enzyme (Jena 1902). — 9) H. E. Armstrong u. E. Fr. Armstrong, Proceed. Roy. Soc. Lond. B., 82, 588 (1910). — 10) E. Centanni, Biochem. Ztsch., 2g, 389 (1910). G. Satta u. Fasiani, Giorn: Accad. Med. Torino, 73, 285 (1912). § 6. Kinetik der Enzymreaktionen. 115 fluß auf die Wirkung der Leberdiastase. In manchen Fällen ist man noch durchaus im Unklaren, worauf man beobachtete fördernde Wir- kungen zurückführen soll. So wird nach Pavy und Bywaters(I) die Invertinwirkung durch Zusatz von Hefeabkochung gefordert, und Büch- ner (2) sah die Zymase der Hefe durch gekochten Hefepreßsaft aktiviert werden. In dem letzteren Falle handelt es sich vielleicht um organische Phosphorverbindungen. Die Aktivierung von Enzymen kann aber auch durch thermolabile Antiferment erzeugende Stoffe von völligem Enzymcharakter bedingt werden. Man nennt diese merkwürdigen biologischen Aktivatoren Kinasen oder Kofermente. Pawlov^ hat zuerst gezeigt, daß frischer reiner Pan- kreassaft nicht tryptisch wirkt, sondern erst durch ein in der Duodenal- schleimhaut enthaltenes Enzym aktiviert wird, welches den Namen „Enterokinase" erhalten hat Hingegen ist der durch Bayliss und Starling(3) aufgefundene, die Pankreassekretion anregende Stoff, das Sekretin, keine enzymartige Substanz und von der Enterokinase durch- aus verschieden. Für solche thermostabile, oft krystalloide Stoffe, welche Enzym Wirkungen fördern und häufig für die chemischen Regulationen im Organismus große Bedeutung haben, hat man die Bezeichnung Hor- mone gewählt. Kinasen sind auch bereits im Pflanzenreiche nachgewiesen. Dele- ZENNE und Mouton(4) fanden, daß Extrakte aus Amanita inaktiven Pankreassaft kräftig aktivieren. Nach Malfitano(5) besteht auch das proteolytische Enzym der Milzbrandbacillen aus inaktivem Trypsin und Kinase. Die aus früherer Zeit stammenden Angaben über „künstliche Darstel- lung" von Enzymen aus anderen Eiweißstoffen sind wohl sämtlich teils aus der Beimengung kleiner Enzymmengen, die au andere Kolloide adsorbiert waren, teils durch Bacterienwirkung zu erklären. Hierzu zählt die „künst- liche Diastase" von Reychler und Selmi (6), die Bildung von glucolytischem Enzym aus Diastase [(Li:PiNE (7),] und auch die beim Schüttehi von Eiweiß auftretenden tryptischen Wirkungen, die Chalf^jeff (8) angab. Die künst- liche Herstellung wahrer Enzyme ist bisher noch nicht gelungen. § 6. Enzyme, Fortsetzung: Kinetik der Enzymreaktionen. Die moderne Enzymforschung geht von der heute wahrschein- lichsten Anschauung aus, daß die Enzymreaktionei in ihren wesentlichen Merkmalen mit katalytischen Reaktionen übereinstimmen, und sucht von diesem Standpunkte alle Probleme der Enzymkinetik zu erklären, Ver- gleichen wir inorganische Katalysen mit Enzymreaktionen, so haben wir uns zunächst zu fragen, ob die Hauptmerkmale katalytischer Vorgänge hier wiedergefunden werden: 1. Die energische Wirkung kleiner Mengen des Katalysators, dessen Quantität gleichbleibt, wenn nicht nebenher 1) F. W. Pavy u. H. W. Bywaters, Journ. of Physiol., 41, 168 (1910). — 2) E. Buchner u. H. Haehn, Biochem. Ztsch., 19, 191 (1909). — 3) Bayliss u. Starling, Journ. of Physiol., 28, Nr. 5 (1902); 29, Nr. 2 (1903); 30, Nr. l (1904). Vgl. auch W. H. HowELL, Science, 31, 93 (1910). — 4) Delezenne u. Mouton, C. r. Soc. Biol., S5, 27 (1903); 56, 166 (1904); Compt. rend., 136, 167 (1903). — 5) Malfitano, Compt. rend., 136, 964 (1903). — 6) Selmi, Ber. Chem. Ges., 15, 386 (1882). — 7) Lepine widerlegt durch O. Nasse u. F. Framm, Pflüg. Arch., 63, 203 (1896). — 8) Chalfejeff, Zent*. f. Phvsiol. (1901), p. 200. 116 Zweites Kapitel: Die chemiechen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. verlaufende Reaktionen einen Teil der Substanz zerstören. 2. Die Tat- sache, daß der Katalysator die Reaktion nur beschleunigt und nicht ur- sächlich bedingt 3. Die Giltigkeit des Massenwirkungsgesetzes in der Reaktion und im endlich erreichten Gleichgewichte, wozu auch die Er- füllung der theoretischen Forderung gehört, daß der Katalysator die von ihm beherrschte Reaktion nach beiden Richtungen beschleunigen kann. Schon bei dem Studium des ersten isolierten Enzyms, der Malzdiastase, nahmen Payen und Persoz wahr, daß ein Teil ihres Diastasepräparates 2000 Teile Stärke umzuwandeln vermochte. Später dargestellte Enzym- präparate waren noch bedeutend wirksam. O'Sullivans Invertin wirkt noch im Verhältnis 1 : 200 000; Hammarstens Labpräparat 1 : 800 000; Tammanns Mandelemulsin im Verhältnis 1 : 25 000. Es wirken demnach auch noch ganz minimale Mengen in nachweis- barem Grade. Brücke hat zuerst für die Fibrinproteolyse durch Magen- pepsin festgestellt, daß die Reaktion durch Verwendung größerer Enzym- mengen namhaft beschleunigt wird. Alle folgenden Experimentalunter- suchungen haben dies für die verschiedensten Enzyme bestätigt. Kjeldahl hat gezeigt, daß es nicht auf die absolute Menge des vorhandenen Enzyms ankommt, sondern auf die Enzymkonzentration. Dieselbe Enzymmenge wirkt in verdünnter Lösung langsamer als in konzentrierterer Lösung (bis 12 %) auf die gleiche Menge Maltose ein. Bei der Fermentdosierung wäre es natürhch fehlerhaft, gewogene Mengen fester Präparate zu vergleichen, nach- dem der aktive Stoff in keinem bestimmten Verhältnisse zur Menge des Rohpräparates zu stehen braucht (1). Beim Vergleiche der Wirkung verschiedener Enzymkonzentrationen hat man sich an den Grundsatz zu halten, die zu gleichem Umsätze in verschiedenen Versuchen erforderlichen Zeiträume zu messen, was leider in vielen vorhandenen Untersuchungen nicht beachtet worden ist. Für zahlreiche Fälle ist behauptet worden, daß Enzymkonzentration und Wirkung miteinander in proportionalem Verhältnisse stehen. Durch neuere Untersuchungen weiß man jedoch, daß diese Beziehung angenähert ntu* für geringe Enzymkonzentrationen gilt. Nach Duclaux (2) existiert für das Labenzym ein derartiges Wirkungsgesetz, und es gilt auch für das Invertin, wie früher bereits Kjeldahl, Ad. Mayer (3), sowie O'Sul- LiVAN und Thompson angenommen hatten. Für Invertin gilt Proportionahtät nur so lange, bis 10—20 % des Rohrzuckers hydrolysiert sind, und nur für sehr kleine Enzymmengen. Für Diastase war Proportionahtät zwischen Enzymkonzentration und Wirkung schon von Paschutin (4) angegeben, und sie ist später durch die schöne Arbeit Kjeldahls genau bekannt ge- worden. Als Beispiel für das Ansteigen der Wirkung mit vermehrter Enzym- menge diene folgender Versuch Kjeldahls: Malzauszug in com 1 Gebildete Maltose mg 0,1 Auf der Erfahrung, daß bei der Einwirkung von verschiedenen Mengen desselben Malzextraktes auf eine bestimmte gleiche Menge einer Stärke- lösung bei bestimmter Temperatur die Reduktionskraft des Substrates proportional der Malzauszugsmenge ist, hat Kjeldahl seine bekannte Methode der Diastasebestimmung begründet. Dabei darf das Reduktions- 3 5 10 15 20 30 0,31 0,49 0,82 1,1 1,1 i;2 1) Vgl. hierzu J. Duclaux, Compt. rend., 143, 344 (1906). — 2) J. Duclaux, 1. c.p. 162. — 3) Ad. Mayer, Enzymologie (1882). — 4) Paschutin. Dubois' Arch. (1871), p. 359. § 6. Kinetik der Enzymreaktionen. 117 vermögen von 100 g Trockensubstanz nicht größer sein, als das Reduktions vermögen von 30 g Traubenzucker oder 45 g Maltose. Nach A. Meyer (1) arbeitet man am sichersten bei 60°. Medwedew(2) fand bei der Unter- suchung der Leberaldehydase die Oxydationsgeschwindigkeit von Salicyl- aldehyd ebenfalls der Fermentkonzentration proportional, Kastle und Loevenhart (3) dehnten diese Beziehung auch auf das Gebiet der Lipaseu aus, und bezüglich der Katalasen kann dasselbe berichtet werden. Wir erinnern uns, daß eine Proportionahtät zwischen Menge von inorganischen Katalysatoren und dem Effekt gleichfalls verbreitet aufgefunden worden ist. Nun haben E. Schütz, Borissow und J. Schütz (4) schon 1885 für die Pepsinwirkung ein ganz anderes Abhängigkeitsgesetz zwischen Ferment- menge und Wirkung aufgedeckt, welches außerhalb des Gebietes der Enzym- lehre bisher nii'gends beobachtet worden ist, bei den Enzymen aber, wie wir auf Grund unserer heutigen Erfahrung sagen können, jedoch eine sehr weitgehende Gültigkeit besitzt. Die ScHÜTZsche Regel sagt, daß die in einer bestimmten Zeit umgesetzte Substanzmenge innerhalb gewisser Grenzen der Quadratwurzel der wirksamen Fermentmenge proportional ist. Nach Mett kann man dieses Gesetz für das Pepsin sehr anschaulich zeigen, indem man mit festem Eiweiß gefüllte Capillaren in verschieden konzentrierte Pepsinlösungen bringt und den Fortgang des Abschmelzens vergleichend feststellt. Auch in neuester Zeit hat Grützner (5), wenn er auch für Pepsin und Trypsin das einfache Proportionalitätsgesetz als maßgebend ansieht wieder bestätigt, daß während einer gewissen Zeit die ScHÜTZsche Regel zutrifft. Daß nun dieses eigenartige Abhängigkeitsverhältnis nicht etwa eine spezielle Eigenart der Enzymwirkungen berührt, sondern vom reaktions- kinetischen Standpunkte aus ohne weiteres verständhch ist, geht insbe- sondere aus den von Arrhenius (6) gegebenen Darlegungen hervor. Alle Erfahrungen bezügüch der SCHÜTZschen Regel sprechen dahin, daß sie nur so lange gilt, als erst ein sehr kleiner Teil des Reaktionsmaterials umgesetzt ist, also nur im Beginn der Reaktion, so lange die Gesamtmenge der rea- gierenden Stoffe annähernd unverändert bleiben. Nun kann man aus der — dx k^ 1 ScHÜTZschen Regel x = k /t die Beziehung ableiten "17" "^^ — ' ^- '^• die Reaktionsgeschwindigkeit ist indirekt proportional der umgesetzten Substanzmenge. Dies ist offenbar dasselbe als wenn wir die wirksame Menge eines der reagierenden Stoffe der Menge von Reaktionsprodukten x indirekt proportional setzen. Arrhenius hat nun darauf aufmerksam gemacht, daß ein solcher Fall tatsächlich bei Verseif ungen von Estern durch Ammoniak vorliegt, wo im Anfang der Reaktion die wirksame Menge der OH-Ionen indirekt proportional sein muß der Menge der NH^-Ionen des entstehenden Ammoniumfettsäuresalzes. Bei der Pepsinwirkung wird das Pepsin von den entstehenden Peptonen größtenteils gebunden, und es gilt die Beziehung Pepsin X Peptone = k (gebundenes Pepsin). Es ist also die Pepsinmenge den Reaktionsprodukten (Pepton) umgekehrt proportional. 1) A. Meyer, Stärkekörner (Jena 1895), p. 65. — 2) A. Medwedew. Pflüg. Arch., 65, 249 (1896). — 3) Kastle u. Loevenhart, Amer. Chem. Journ., 24, 491 (1900). — 4) E. Schütz, Ztsch. physiol. Chem., 9, 577 (1885). Borissow, zit. bei SsAMOiLOW, Arch. Scienc. Biol., 2, 705. J. Schütz, Ztsch. physiol. Chem., 30, 1 (1900). — 5) P. V. Grützner, Pflüg. Arch., 141, 63 (1911). A. Palladin. Ebenda, 134, 337 (1911). Über das Proportionalitätsgesetz bei d. tryptischen Caseinvfirdauung ferner S. G. Hedin, Ztsch. physiol. Chem., 57, 468 (1908); 64, 82 (1910). Sind Hemmungskörper zugegen, so versagt das Enzymzeitgesetz oft völlig. — 6) Sv. Arrhenius, Medd. Nobel Inst., /, Nr. 9 (1908). H. Euler, Ergebn. d. Physiol., 9, 251 (1910). 118 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. Für manche Fälle, wie für das Pepsin in den Untersuchungen von Brücke (1) hat sich die bei so vielen Katalysen nachgewiesene Eigenschaft, daß sich die wirksame Katalysatormenge während der Reaktion nicht ändert, ohne weiteres auch auf dem Gebiete der Enzyme konstatieren lassen. Doch hat bereits O'Sullivan (2) für das Hefeinvertin und Tammann(3) für das Mandelemulsin überzeugend nachgewiesen, daß diese Enzyme während der Reaktion allmählich unwirksam werden, und die Reaktion daher bei keiner Temperatur vollständig beendet werden kann. Analoge Erfahrungen wurden später sehr häufig gesammelt. Dieser Verlust an Ferment kann natürhch sehr verschiedenen Ursachen entstammen. Für das Lab haben Reichel und Spiro (4), sowie Fuld und Pincussohn (5) hinreichend dar- getan, daß der Fermentverlust durch die Aufteilung des Enzyms zwischen Lösung und Eiweißniederschlag (Adsorptionsbindung) völhg erklärt werden kann. In anderen Fällen aber werden die Enzyme, wie besonders Tammann ausgeführt hat, in Nebenreaktionen allmähUch unwirksam gemacht, nie jedoch in der Hauptreaktion, in welcher das Enzym als Katalysator wirkt. Das Unwirksamwerden erfolgt um so schneller, je höher die Temperatur ist. Übrigens büßt Emulsin selbst bei der Aufbewahrung als Trocken- präparat in längerer Zeit beträchtlich an Wirksainkeit ein. Worin der Verlust an Wirksamkeit besteht, konnte für das \<3mulsin nicht festgestellt werden. Man hat die vorzeitige Beendigung der F aaktion durch Zugrunde- gehen des Enzyms in Nebenreaktionen als „falsches Gleichgewicht" be- zeichnet. Analoge Erscheinungen wurden übrigens durch Bredig auch bei der Knallgaskatalyse durch Platinsol und der HgOg-Katalyse durch Silber- sol nachgewiesen. Bei Tammann finden sich auch interessante Beobachtungen über die Gesetze der Geschwindigkeit des Enzymzerfalles. LiCHTWiTZ(6) bezeichnet als „Fermentlähmung" eine Schwächung der Invertinwirkung lebender Hefe durch Invertzucker, die nach Entfernung des Invertzuckers bestehen bleibt. Worin dieser Einfluß begründet ist, läßt sich den Angaben nicht entnehmen. Die Lage des „falschen Gleichgewichtes" kann bei verschiedenen Enzymen und verschiedenen Versuchsbedingungen mehr oder weniger weit vom idealen Endzustande der vollständigen Spaltung entfernt hegen. Beim Emulsin war es schon Liebig und Wöhler(7) aufgefallen, wie entfernt die Wirkung auf das AmygdaUn von einer vollständigen Spaltung bleibt. Hingegen gab Piria (8) an, daß Sahein durch Emulsin vollständig gespalten wird. Labenzym spaltet das Casein, Invertin die Saccharose wenigstens bei höheren Temperaturen praktisch vollständig. Auch bei der tryptischen Verdauung fanden Kutscher (9) und andere Forscher selbst die letzten Reste der Albumosen in Aminosäuren aufgespalten. Weniger weit geht die Stärkehydrolyse durch Diastase. Nun ist aber nach den Erfahrungen Tammanns(IO) die Enzymzer- störung nicht die einzige Ursache einer gefundenen Lage des falschen Gleich- gewichtes. Einmal hängt der Endzustand von der Temperatur ab. Eine bei niederer Temperatur zum Stillstande gelangte Emulsinkatalyse kann 1) E.Brücke, Sitz.ber. Wien. Ak.,j7, 131. — 2) O'Sullivan, Journ.Chem.Soc. (1890). /, 834 — 3) G. Tammann, Ztsch. physik. Chem., i8, 426 (1895). — 4) H. Feichel n. K. Spiro, Hofmeisters Beitr., 6, 68 (1904); 7, 479 (1906). — 5) E. ZuLD u. L. Pincussohn, Biochem. Ztsch., 9, 318 (1908). — 6) L. Lichtwitz, Rtsch. physiol. Chem., 78, 128 (1912). — 7) Liebig u. Wöhler, Lieb. Ann., 22, 19 (1837). — 8) Piria, Lieb. Ann., 56, 36 (1845). — 9) Kutscher, Die Endprodukte der Trypsin Verdauung (Straßburg 1899). — 10) Tammann, Ztsch. physik. Chem,, j, 25 (1889); Ztsch. physiol. Chem., 16, 271 (1892). § €. Kinetik der Enzymreaktionen. 119 man durch Temperaturerhöhung wieder in Gang bringen und bis zu dem der neuen Temperatur entsprechenden neuen „falschen Gleichgewichte" wieder fortsetzen. Tammann fand ferner, daß bei Vermehrung der Amygdaünmenge bei derselben Enzymquantität die absolute Menge der Amygdaünspaltungsprodukte größer ist. So wurden gespalten von 0,51 g Amygdahn 0,11 g, von 1,02 g 0,15 g, von 2,04 g 0,24 g. Die relativen Mengen der Spaltungsstoffe sind geringer, wenn mehr Amygdalin verwendet wird. Setzt man Amygdalin zu einer bereits im Endzustande befindlichen Lösung zu, so kommt die Reaktion neuerlich in Gang. Von Interesse ist ferner, daß das Ausäthern der Spaltungsprodukte bei der Glucosidkatalyse des Emulsins das falsche Gleichgewicht ebenfalls verschiebt und die Reaktion sehr merklich der Vollständigkeit näher bringt. Andererseits kann man durch absichtUchen Zusatz von Spaltungsprodukten ein früheres Eintreten eines falschen Endzustandes erzielen. Für die Alkoholgärung wurde bereits durch BoussiNGAULT (1 ) gezeigt, daß Entfernung der bereits gebildeten Kohlen- säure- und Alkoholmengen den Reaktionsfortgang stark befördert. Hier- her zählen ferner die biologischen Beobachtungen von Pfeffer und Han- STEEN über die Endospermentleerung von Samen und jene von Saposch- KIKOFF über die Stärkeentleerung der Laubblätter. Der Einfluß der Spaltungsprodukte auf die Enzymwirkung erfährt auch eine wirksame Illustration durch die Beobachtung Tammanns, daß Emulsin nach Er- reichung des falschen Gleichgewichtes in Amygdahnlösung auf SaUcin noch einzuwirken imstande ist. Endüch läßt sich das Gleichgewicht durch Verdünnen der Lösung nachträglich verschieben. Legen schon diese Tatsachen in Verbindung mit den oben erwähnten Feststellungen, daß Enzymreaktionen auch durch Vermehrung der Enzjrm- menge weiter getrieben werden können, die Erwägung nahe, daß das Enzym selbst, und zwar in umkehrbarer Weise, an den „falschen Gleichgewichten" beteiligt ist, so kann man diese Auffassung um so mehr vertreten, wenn man berücksichtigt, daß die Kohlenhydratenzyme streng spezifisch durch Glucose, Galactose und Fructose gehemmt werden. Armstrong (2) hat gezeigt, daß Lactase durch Galactose, Emulsin durch Glucose, Maltase ebenso durch Glucose, Invertin aber durch Fructosezusatz gehemmt wird. Ein derartig spezifischer Einfluß der Reaktionsprodukte ist kaum anders verständhch als durch die Annahme, daß bei Herstellung des falschen Gleichgewichtes eine Bindung des Enzyms an eines der Reaktionsprodukte, den sterischen Verhältnissen des Enzyms entsprechend, erfolgt. Substratkonzentration und die Geschwindigkeit der Enzymreaktionen. ~ Die großen Analogien der Enzymwirkungen mit inorganischen Katalysen forderten schon seit längerer Zeit dazu auf, das Zeitgesetz der Enzym Wirkungen näher festzustellen. 'Süllivan und Thompson (1890), die zu den ersten Forschern gehörten, welche sich auf diesem wichtigen Gebiete betätigten, entschlossen sich auf Grund ihrer Erfahrungen über den Verlauf der Invertinspaltung des Rohr- zuckers zu der Annahme, daß das Geschwindigkeitsgese ' dieser Reak- tion völlig den von Wilhelmy für die Säurekatalyse des Rohrzuckers festgestellten Beziehungen entspreche. Diese Ansicht sti^ß jedoch lange Zeit auf fast allseitigen Widerspruch. Duclaüx(3), Tammann und 1) BoussiNGAULT, Compt. rend., 9/, 373 (1880). Einfluß tryptischer Verdauun^- produkte auf Trypsinwirkung: E. H. Waltebs, Journ. Biol. Chem., 12, 43 (1912). — 2) E. Fr. Armstrong, Proceed. Roy. Soc, 73, 516 (1904). — 3) E. Duclaüx, Ann, Inst. Pasteur, 12, 196 (1898). Tammann, Ztsch. physik. Chem., 3, 33 (1889). 120 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. später besonders Henri (1) haben energisch bestritten, daß die Invertin- wirkung auf Rohrzucker den Charakter einer unimolekularen Reaktion besitzt. Nach Henri könnte man bei Enzymreaktionen überhaupt nie- mals an solche einfache Beziehungen denken, und müßte sich darauf be- schränken, die Reaktionsgesetze durch empirische Formeln möglichst annähernd auszudrücken. Nun war gerade die Invertinkatalyse ein in- struktiver Fall dafür, wie die Eliminierung eines unbeachtet gebliebenen Einflusses auf den Reaktionsverlauf mit einem Schlage klaren Sachverhalt schafft. Die Invertin Wirkung ist nämlich tatsächlich eine unimole- kulare Reaktion, wenn man die Mutarotation der entstehenden Glucose vor der Polarisation durch Zusatz von etwas Alkali aufhebt (2). Die Invertin -Rohrzuckerspaltung liefert dann gut stimmende Werte für 1 a k = — In . In neuerer Zeit haben sich noch weitere sichere Fälle t a— X ergeben, in welchen Enzymreaktionen durch die unimolekulare Formel dar- gestellt werden können. Ein sehr gutes Beispiel haben Katalasen ver- schiedener Herkunft in den Untersuchungen von Senter und Euler (3) geliefert. Nach Bach (4) folgt auch die Tyrosinasewirkung unstreitig dem- selben Gesetz. Es sind sodann verschiedene Fälle bekannt, in welchen fett- spaltende Enzyme dem unimolekularen Wirkungsgesetze entsprechen, und selbst für Kohlenhydratenzyme (Mandelemulsin nach Hudson und Paine (5), Speicheldiastase nach Taylor) haben sich hier und da unimolekulare Formeln einwandfrei als giltig erwiesen. Sehr häufig sinken die nach der unimolekularen Formel berechneten K-Werte mit fortschreitendem Verlaufe der Reaktion stark ab, ein Verhalten, welches auf eine Ver- minderung der aktiven Katalysatormenge bezogen werden muß. Daß hierbei nicht unbedingt eine Zerstörung des Enzyms angenommen werden muß, sondern das Enzym gewiß oft durch Reaktionsprodukte in an- sehnlichem Maße adsorptiv gebunden werden kann, wurde oben bereits ausgeführt. Für Lipasen hat derartige Erwägung Peirce(6) näher aus- geführt. Am kompliziertesten liegen wohl die Verhältnisse bei den pro- teolytischen Enzymen, wo man bisher (von der ScHüxzschen Regel ab- gesehen) keijie sicheren reaktionskinetischen Daten erlangen konnte. Mit der Feststellung von Henri und Larguier des Bancels(7), daß im Begiane der Einwirkung von Trypsin auf Gelatine die unimolekuiare Formel gut stimmt, ist wohl noch kein näherer Einblick in die Kinetik der Proteolyse gewährt. Man hat unstreitig außer dem Fermentverlust durch Bindung in löslichen und unlöslichen Reaktionsprodukten noch auf die Änderung in der Beschaffenheit des Mediums durch Aciditäts- abnahme usw. Rücksicht zu nehmen (8), wodurch es äußerst schwierig wird, das Reaktionsgesetz klar zu legen. Am besten steht es noch mit der Erforschung der Dipeptidspaltung, die Eüler(9) mit der Unter- 1) V. Henri, Ztsch. physik. Chem., jp, 194 (1901); Compt. read., yjj, 891 (1901); 135, 916 (1902); Ztscb. Elektrochem., //, 790 (1905). — 2) Hudson, Journ. Amer. Chem. See, 30, 1160, 1564 (1908). Taylor, Journ. Biol. Chera., 5, 405 (1909). — 3) Senter, Ztsch. physik. Chem., 44, 257. H. Euler, Hofmeisters Beitr., 7, 1 (1905). P. Waentig u. O. Steche, Ztsch. physiol. Chem., 76, 177 (1911). — 4) A. Bach, Ber. Chem. Ges.. 41, 216, 221 (1907). — 5) Hudson u. Paine, Journ. Amer. Chem. Soc., 31, 1242 (1909). Vgl. E. F. Armstrong, Proceed. Roy. Soc. Lond., 73, 500 (1904). — 6) Geo. Peirce, Journ. Amer. Chem. Soc, J2, 1517 (1910). — 7) V. Henri u. Larguier des Bancels, Compt. rend., 136, 1581 (1902). — 8) Vgl. bes. A. W. V18SER, Ztsch. physik. Chem., 52, 257 (1905). — 9) H. Euler, Arkiv för Kemi, 2, Nr. 39 (1907). § 6. Kinetik der Enzymreaktionen. 121 suchung der Wirkung von Erepsin auf Glycylglycin in Angriff genommen hat. Hier ergab sich das Gesetz unimolekularer Reaktionen tatsächlich bis zum Zeitpunkte der Erreichung des halben Umsatzes. Einer Dis- kussion bedurfte endlich auch die Frage, inwieweit die Heterogenität des Mediums die Enzymkinetik beeinflußt, da es ja durchaus nicht von vorneherein sicher steht, ob nicht die Diffusionsverhältnisse in dem heterogenen Medium für die Reaktion mehr in Betracht kommen als die eigentliche chemische Reaktion selbst. In dieser Hinsicht hat Senter(I) hervorgehoben, daß der Temperaturkoeffizient für Enzyme pro 100 c selten unter 1,6 gefunden wird und oft mehr als 2. Würden Diffusionsvorgänge das ausschlaggebende Moment für die Reaktions- geschwindigkeit von Enzym reaktionen sein, so sollte man keinen größeren Koeffizienten als 1,26 erwarten. Für die Lipasenreaktion haben Boden- stein und DiETz(2) dieses Fragengebiet studiert, wobei zu erwähnen ist, daß hier der Katalysator in Form fein zerhackter und gewaschener Pankreasdrüse dem zu spaltenden Ester (Amylbutyrat) zugesetzt wurde, also in unlöslicher Form. Aber auch hier stellte sich heraus, daß die Geschwindigkeitskonstante der Reaktion mit der Theorie gut im Ein- klänge stand; nur der Endzustand war nicht identisch mit jenem, welchen die liomogene Katalyse erreicht. Infolgedessen neigen viele Forscher, wie Henri, Euler (3), Senter(4) zu der Ansicht, daß es nicht be- rechtigt sei mit Herzog (5) die Diffusion als maßgebenden Faktor bei den Enzymreaktionen anzusehen, sondern daß die Enzymwirkungen durch die chemischen Reaktionsgeschwindigkeiten beherrscht werden. Senter will nur die Katalase hiervon ausnehmen, da die Parallelität mit der von Bredig studierten mikroheterogenen Platinkatalyse eine vollkommene sei v>ntl der Temperaturkoeffizient nur 1,7 beträgt. Weiteres über die Endzustände von Enzymreaktionen: Reversion von Enzymreaktionen. Es wurde bereits dargelegt, daß die bei Enzymreaktionen beobachteten Endzustände in der Regel nicht mit dem stabilen Gleichgewichtszustande der betreffenden Reaktion zu- sammenfallen, wie zuerst Tammann in seiner Arbeit über die Amyg- dalinspaltung durch Emulsin hervorgehoben hat. Unseren Auseinander- setzungen ist aber auch zu entnehmen, daß solche Abweichungen unbedingt zu erwarten sind, wenn das Enzym an die spaltbare Sub- stanz ebenso adsorbiert wird, wie es an die Reaktionsprodukte gebunden wird. Denn nur dann wird die Gleichgewichtskonstante TT Kl durch den bekannten van t HoFFSchen Quotienten K = -^ — C (spaltb. Subst.) ausgedrückt werden. In den Versuchen von Dietz C (Reaktionsprodukt)« und Bodenstein mit Pankreaslipase ergab sich nun eine befriedigende Übereinstimmung mit der Theorie unter der Annahme des Exponenten I/o für die Esterkonzentration: K = ~. Da nun bei Adsorptionsvor- gangen Abweichungen vom HENRYschen Verteilungssatze m diesem Sinne sehr gewöhnlich sind (der Exponent in den Adsorptionsisothermeu ist 1) G. Senter, Journ. Physic. Chem., 9, 311 (1905). - 2 M Bodenstmn Ztsch. Elektrochem.. r2, 605 (1906). W. Dietz, Ztsch physiol. Chem., 5^, 279 (1907). - 3) H. Euler, Ztsch. physiol. Chem., 45, 420 (1905). - 4) G. Senter. Ebenda, 47, 126 (1906). — 5) R. O. Herzoo, Ebenda, 4S. 365 (1906). 122 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismue. meist 0,6—0,7), so darf man hier wohl an eine Adsorption des Esters an die Lipase in dem fein verteilten Katalysator denken (1). Bezüglich der Frage, welchen Einfluß die Temperatur auf die Lage des Gleichgewichtes bei Enzymreaktionen haben kann, haben tvir zu be- rücksichtigen, daß nach den von van 't Hoff entwickelten theoretischen Grundsätzen bei Enzymreaktionen keine wesentliche Änderung des Reaktionsgleichgewichtes mit steigender Temperatur zu erwarten ist. Nur Reaktionen mit hoher Wärmetönung ändern ihren Gleichgewichts- zustand mit der Temperatur erheblich. Nun gehören die Enzymreaktionen durchaus zu den Reaktionen mit relativ sehr geringem Wärmeumsatz. Die produzierte Wärmemenge ist z. B. für Lipasespaltung 1,2 Cal., In- vertinrohrzuckerspaltung 4,5 Cal., Salicinspaltung 5,3 Cal, Dipeptidspaltung 5,4 Cal. (2). Für peptische und tryptische Verdauung ist die Wärmetönung von Null nur wenig verschieden. Dieses Verhältnis ist von nicht ge- ringer biologischer Bedeutung, nachdem die enzymatischen Spaltungen die wichtigsten Vorgänge im Ernährungsprozeß betreffen, und dieselben nach dem Gesagten in ihrem Reaktionseffekte nur wenig von der Außen- temperatur abhängen können. Erwähnt wurde bereits wiederholt, daß sich die Fermentreaktionen hinsichtlich ihres Temperaturkoeffizienten von chemischen Reaktionen in der Regel nicht unterscheiden. Einer von EuLBR(3) gegebenen Zusammenstellung ist zu entnehmen, daß nur bei Lipase, Invertin, Katalase und Tyrosinase Werte um 1,5 pro 10 °C ge- funden wurden; sonst lag der Koeffizient meist zwischen 2 und 3; Es ist eine 1898 von van 't Hoff (4) zuerst ausgesprochene Konsequenz der Auffassung der Enzyme als Katalysatoren, daß Enzym- reaktionen auch im Sinne von Synthesen denkbar sind, sowie das Gleich- gewicht bei Reaktionen zwischen Estern und Säuren unter bestimmten Bedingungen sich gegen die Spaltung oder gegen die Esterbildung ver- schieben läßt. Praktisch erwiesen wurde die Existenz enzymatischer Synthesen zuerst von A. Croft Hill (5) (1898), indem aus Trauben- zucker bei genügend hoher Konzentration durch Maltase Disaccharid gewonnen wurde. Die Reversion der Enzym Spaltungen ist jedoch, wie die Folge zeigte, ein recht kompliziertes Problem und wir sind heute anscheinend noch recht weit von der Aufklärung der beobachteten Tat- sachen entfernt. Am besten scheinen die Verhältnisse hinsichtlich der Lipasewirkung übersehbar zu sein. Hier haben eine ganze Reihe von Autoren (Hanriot, Kastle und Loevenhart, Bodenstein, Pottevin, Welter (6) u. a.) gezeigt, daß man in wasserarmem und an Fettsäure und Alkohol reichem Substrat ohne Schwierigkeit Synthese von Ester oder Neutralfett erzielen kann, während bei Gegenwart von 40—50 % Wasser das Fett glatt aufgespalten wird. Diese Reaktion reiht sich ziem- 1) Auch W. M. Bayliss, Das Wesen d. Enzym Wirkung; deutsch v. Schorr (Dresden 1910), vertritt die Ansicht, daß es sich bei der Bindung zwischen Enzym und Substrat um Adsorptionsvorgänge handle. — 2) Berthelot, Thermochemie (1897). O. Herzog in Oppenheimer, Die Fermente, 3. Aufl., 7, 202 (1910). Für proteolyt. Enzyme: F. Tangl, Lengyel u. Hari, Pflüg. Arch., J15, 1, 7, 11 (1906). — 3) H. Euler, Ergebn. d. Physiol., 9, 329 (1910). — 4) J. van 't Hoff, Ztsch. anorgau. Chem., 18, 1 (1898); Sitz.ber. Berlin. Ak. (1909), p. 1065; (1910), p. 963. — 5) A. Croft Hill, Joum. Chem. Soc, 73, 634 (1898). — 6) Hanriot, Compt. rend., 132, 212 (1901). Kästle u. Loevenhart, Amer. Chem. Joum., 24, 491 (1900). H. Pottevin, Compt. rend., 136, 1152 (1903); Bull. Soc. Chim. (3), 35, 693 (1906); Ann. Inst. Pasteur, 20, 901 (1907). M. Bodenstein u. Dietz, Ztsch. Elek- trochem., 12, 605 (1906). W. DiEXZ, Ztsch. physiol. Chem., 52, 279 (1907). A. Welter, Ztsch. angewandt. Chem., 24, 385 (1911). § 6. Kinetik der Enzyrareaktionen. 123 lieh gut an umkehrbare inorganische Katalysen an, wenn auch nicht alle Fettsäuren, und nicht alle Alkohole (sekundäre und tertiäre schwer) sich synthetisch vereinigen lassen. Nach Bayliss(I) entsteht in einer Lösung von Hydrochinon und Glucose in Glycerin Glyceringlucosid reichlich und wenig Hydrochinonglucosid (Arbutin). Bourquelot und Bridel(2) ge- wannen durch die synthetische Wirkung von Emulsin auf Alkohol und Glucose /9-Äthylglucosid, und haben gezeigt, daß durch Emulsin auch ^-Glucoside von Propyl-, Amyl- und Benzylalkohol, sowie die entsprechen- den /?- Galactoside gebildet werden, Mittels a-Glucosidase aus unter- gäriger Bierhefe wurde aus Glucose in 30— 35%igem Alkohol a-Äthyl- glucosid hergestellt. Der Fall der Reaktion Traubenzucker-Maltose-Enzym ist bedeutend schwieriger zu deuten. Es hat sich ergeben, daß das von Croft Hill erhaltene Disaccbarid nicht mit Maltose, sondern mit Isomaltose identisch war [Emmerling (3)]. Hingegen gelang Armstrong (4) der Nachweis, daß das Emulsin, welches auf Maltose unwirksam ist, Isomaltose leicht spaltet, und aus Glucose Maltose bildet. Wie auch die Arbeiten Rosen- thalers (5) über die komplexe Natur der enzymatischen Amygdalinspaltung durch Emulsin und die Möglichkeit durch Emulsin d-Benzaldehydcyan- hydrin zu synthetisieren gelehrt haben, ist der Begriff „Emulsin" kein einheitlicher, und man kann auch nicht sagen, ob das, was man als „Mal- tase" angewendet hat, ein wohl definiertes Enzym darstellt. Meist wurde nur wässeriger Hefeauszug verwendet. Für die Invertinwirkung liegt einmal die Angabe von Kohl (6) vor, wonach hier Rohrzuckersynthese möglich ist, zum anderen die wesentlich abweichende Auffassung von Pantanelli (7), welcher die Rohrzucker- reversion durch Mucorenzym studierte und zu dem Ergebnis kam, daß die Rohrzuckerbildung nicht durch das Invertin bedingt sei, sondern durch ein spezielles Enzym, welches er Revertase nannte. Es ist nicht aus- geschlossen, daß im Organismus Enzyme wirkhch existieren, welche unter den gegebenen Bedingungen nicht spaltend, sondern synthetisch arbeiten. Man denke an die Koagulasen, von denen man überhaupt nur die Wirkung im Sinne der Kondensation kennt, z. B. Amylokoagulase, welche löshche Stärke fällt. Was es mit dem Entstehen unlösUcher Produkte aus Eiweiß durch Lab, einem Prozeß, welchen man gewöhnhch als „Plasteinbildung" bezeichnet, für eine Bewandtnis hat, bedarf noch der Aufklärung (8). Es sei erwähnt, daß es durchaus unsicher ist, ob Lab und Pepsin wirkhch diffe- rente Enzyme darstellen, und daß koaguüerende Wirkungen auch durch Papayotin hervorgerufen werden können (9). Euler (10) hat ein synthetisch wirksames Enzym aus Hefepreßsaft angegeben, welches aus Kohlenhydraten und Phosphorsäure Ester bildet. Der Reaktionsverlauf dieser Synthese ist nach Euler nahezu unimolekular, mit dem Temperaturkoeffizienten 1) W. M. Bayliss, Journ. of Physiol, 43, VI (1912); 44 (1912). — 2) E. Bourquelot u. M. Bridel, Compt. rend., 155, 319 u. 731 (1912); 156, 168, 330 (1913). — 3) O. Emmerling, Ber. Chem. Ges., 34, 600, 2206 (1901). — 4) E. Fr. Armstrong, Proceed. Roy. Soc. Lond. B., ?6, 592 (1905). — 5) L. Rosen- thaler, Biochem. Ztsch., 14, 238 (1908); /;, 257 (1909); 26, 7 (1910). - 6) F. G. Kohl, Beihefte bot. Zentr., 23, I, 64 b (1908).^— 7) E. Pantanelli, Atti Acc. Line. (5), 15, I, 587 (1906); 16, II, 419 (1907). — 8) über Plastein: Danilewsky, Lawrow u. Salaskin, Ztsch. physiol. Chem., 36, 277 (1902). — 9) D. Kurajeff, Hofmeisters Beitr., /, 121- 2, 411 (1912). — 10) H. Euler u. S. Kuelberg, Ztsch. physiol. Chem., 74, 15, 13 (1911); 76, 468 (1812). 124 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. 1,8—2,2 pro 10°; die Reaktion verläuft am besten bei schwach alkaUscher Reaktion (10~^ OH')- Euler hat vorgeschlagen, diese synthetisch wirk- samen Enzyme durch die Namensendung „— ese" zu kennzeichnen und hat das in Rede stehende (recht labile) Enzym Phosphatese benannt. Auf andere interessante Beobachtungen auf diesem Gebiete, wie die Bildung von Isolactose aus Glucose und Galactose durch Kefirenzym [(Fischer und Armstrong (1)], die von Cremer (2) angegebene Bildung von Glykogen in anfangs glykogenfreiem Hefepreßsaft nach Versetzen mit 30 % Fructose, sei hier nicht weiter eingegangen. Die bisherigen Beobachtungen über synthetisch verlaufende Enzym- wirkungen widerlegen noch nicht den Satz, daß jedes Enzym unter be- stimmten Bedingungen die Reaktion nach beiden Richtungen katalysieren kann. Es scheint, als ob die von Euler(3) ausgesprochene Hypothese, daß jedes Enzym teils aus ausschheßhch spaltend und teils aus ausschUeß- lich synthetisch wirksamen Fermentmolekülen besteht und daß der Aus- fall der Reaktion von der vorwiegenden Fermentart bestimmt wird, als unnötig abgelehnt werden könne. Nicht zu billigen ist es, daß von manchen Autoren die Begriffe „Synthetische Fermenttätigkeit" und „Antienzym- wirkung" vermengt werden. Antienzyme haben nach unserer Auffassung mit Synthesen überhaupt nichts zu tun. Hat auch die Enzymforschung noch große Lücken aufzuweisen, so kann man doch das Ergebnis nicht von der Hand w^eisen, daß die Auf- fassung der Enzymreaktionen als Katalysen, wie sie gegenwärtig von Forschern, wie Bredig, Herzog, Bayliss, Eüler, Neilson, Acree(4) und vielen anderen vertreten wird, im letzten Dezennium bedeutende Fortschritte vermittelt Jiat, so daß wir Grund genug haben, diese Theorie als erfolgreich weiter beizubehalten. Auf eine Erklärung der Enzym- wirkung selbst werden wir wohl noch längere Zeit zu verzichten haben. Die Theorie der Zwischenreaktionen hat aber auch hier mancherle- für sich. 0. Nasse (5) stellte die Ansicht auf, daß die Enzyme durch Ver- mehrung der freien Ionen wirken; es bleibt noch unentschieden, wie weit man berechtigt ist, an derartige Vorgänge zu denken. Die von Preisswerk (6) geäußerte Hypothese der Möglichkeit, daß Atoiugruppen zwischen Enzym und Substrat verschoben werden könnten, vermeidet nicht den Einwand, daß in solchen Fällen stets die bei Enzymreaktionen vermißten stöchiometrischen Verhältnisse vorkommen müßten. Viele Enzymtheorien sind überhaupt seit jeher unfruchtbar gebheben. Insbesondere gilt dies von der seit Liebig und Nägeli wiederholt auf- getauchten Lehre, wonach bei der Enzymwirkung Übertragung von Atom- schwingungen eine Rolle spiele. Rosenthal (7) gibt an, auch durch elek- trische Schwingungen von geeigneter Wellenlänge Effekte von Enzym- reaktionen erzielt zu haben. Weitere Theorien endüch nahmen zu Strah- 1) E. Fischer u. E. F. Armstrong, Ber. Chem. Ges., 35, 3144 (1902). Arm- strong, Chen». News, 86. 166 (1902). — 2) M. Cremer, Ber. Chem. Ges., 32, 2062 (1899). — 3) H. Euler, Ztsch. physiol. Chem., 52, 146 (1907). — 4) C H. Neil- son, Amer. .Journ. Physiol, 15, 148 (1906). S. F. Acree, Journ. Amer. Chem. Soc., 30, 1755 (1908). EüLER, Ztsch. phvsiol. Chem., 45, 420 (1905). — 5) O. Na.58E, Ztsch. physik. Chem., 16, 748 (1895). A. Rohonyi, Biochem. Ztsch., 34, 176 (1911). — 6) E. Preisswerk, Verhandl. Ges. dtsch. Naturf. (1911), 2, 1. 208. — 7) J. Rosenthal, Biolog. Zentr., 31, 185 (1911). § 6. Kinetik der Enzymreaktionen. 125 lungen ihre Zuflucht. Nach Lambert (1) sollen lösliche Enzyme während der Dauer ihrer Funktion n-Strahlen aussenden, und Barendrecht (2) meint, daß die Lactase zweierlei Strahlungen aussende, wovon die eine auf Glucose wirksam sei, die andere auf Galactose. Auf die Methodik der Enzymuntersuchung kann hier nicht näher eingegangen werden. Michaelis (3) hat hierüber zuletzt zusammenfassend berichtet. Manche Methoden, wie die Kontrolle der elektrischen Leit- fähigkeit, der Viscosität (4), die dilatometrische Methodik für proteolytische Enzyme, die Formoltitrierung nach Sörensen (5), werden in Zukunft gewiß viel weitgehender verwendet werden, als es bisher geschehen ist. Zum quaütativen Nachweise besonders glucosidspaltender Enzyme ist in der Pflanzenphysiologie die Untersuchung gefrorenen, hernach unter Chloro- formzusatz aufgetauten Materials oft sehr zweckmäßig (6). Produktion der Enzyme im Organismus. Profermente oder Zymogene. Viele Enzyme, wie proteolytische, diastatische, in- vertierende Fermente, Oxydasen und Katalasen scheinen so allgemein vorzukommen, daß man dieselben als fast nie fehlende Bestandteile tieri- schen und pflanzlichen Protoplasmas betrachten kann. In anderen Fällen handelt es sich wieder durchaus nicht um verbreitete Zellbestandteile, Die Beschränkung der Maltosespaltung auf manche Rassen der Hefe zeigt deutlich, wie sehr hier biologische Anpassungen Einfluß nehmen können. Auch haben Pfeffer und Katz(7), sowie Pantanelli (8) für die Diastasebildung durch Schimmelpilze, sowie Went (9) für Monilia ge- zeigt, daß die Enzymproduktion sehr deutlich regulatorisch vermindert und gesteigert werden kann. Nach Verfütterung von Inulin, Lichenin bei Kaninchen konnte Tschermak(IO) in analoger Weise die Bildung entsprechender Kohlenhydratenzyme im Darm beobachten, die sonst nie vorkommen. Hierbei ist jedoch stets der Mechanismus der Enzym- sekretion, wie insbesonders aus den Arbeiten von Pantanelli (11) hervor- geht, genau zu beachten. Zunächst ist sicherzustellen, inwiefern tat- sächlich Enzymaustritt aus lebenden Zellen in Frage kommt, nachdem tote Zellen in der Regel reichlich Enzyme (Invertin, Diastase) in die Kulturflüssigkeit von Pilzen entleeren. Aus intakten lebenden Wurzel- zellen treten Diastase und Peroxydase in der Regel nicht aus ; hingegen geben Samen allgemein Diastase, selten auch proteolytisches Enzym ab (12). Pantanellis Studien über Invertinsekretion haben ferner gezeigt, daß ein Kolloidgehalt des Mediums, wie 2,5 7o Gummi arabicum, Agar nicht nur die Invertinwirkung selbst hemmt, sondern auch die Enzymproduktion und Enzvmsekretion herabsetzt. Leicht durch die Plasmahaut diffun- 1) Lambert, Compt. rend., 138, 196 (1904) u. p. 1284. — 2) H. P. Barend- recht, Ztsch. physik. Chem., 49, 456 (1904); 54, 367 (1905). — 3) L. Michaelis, Abderhaldens Handb. d. biochem. Arb.meth., j, I, 16 (I9l0). — 4) Hierzu Achalme u. Bresson, Compt. rend., 152, 1420, 1621 (1911). W. M. Bayliss, Journ. of Physiol, 36, 221 (1908). — 5) S. P. Sörensen, Biochem. Ztsch., 7. 45 (1907). — 6) L. GuiQNARD, Compt. rend., 149, 91 (1909). W. Palladin, Fortschritte d. naturwiss. Forschg., /, 253 (1910). — 7) W. Pfeffer, Ber. sächs. Ges. d. Wiss. (1896), p. 513. Pflanzenphysiologie, 2. Aufl., /, 506 (1897). J. Katz, Jahrb. wiss. Botan., 3/, 599 (1898). Duclaux, Mikrobiolog., //, 84. W. Benecke, Lafars Handb. d. techn. Mykol., /, 363. — 8) E. Pantanelli, Amali di Bot., 8, 133 (1910). — 9) F. A. C. Went, Jahrb. wiss. Botan., j6, 611 (1901). — 10) A. V. Tschermak, Biochem. Ztsch., 45, 452 (1912). — 11) E. Pantanelli, Annal. di botan., 8, 133 (1910); 3, 113 (1905): 5. 229 (1907); Ebenda, 355. Rend. Accad. Line. Roma (5), 15, 1, 377 (1906). — 12) F. Czapek, Jahrb. wiss. Botan., 29, 374 (1896). H. Wohllebe, Diss. (Leipzig 1911). 126 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. dierende Stoffe wie Alkohol, Glycerin fördern hingegen die Ausscheidung von Invertin bei Mucor. In den Versuchen Eülers über die Invertin- bildung in Hefe ergab sich, daß Vorbehandlung des Materials mit Rohr- zucker die Fermentbildung nicht mehr anregt als Behandlung mit Glu- cose. Im übrigen folgt die Enzymzunahme dem Gesetze unimolekularer Reaktionen (1). Da es sichergestellt ist, daß Enzyme auch sich selbst in ihrer eigenen Zersetzung katalysieren wie das Papayotin nach WuRTz(2), und sich manche Enzyme gegenseitig zerstören können (3), so dürfen wir auch Einrichtungen im Organismus erwarten (Antienzyme?), welche solche Vorgänge regeln bzw. zu verhindern vermögen. Unter Umständen können sich natürlich auch Fermentwirkungen unterstützen (4), wofür zahlreiche Fälle denkbar sind. Über die Änderung des Enzymgehaltes bei Mikroben unter ver- schiedenen Lebensbedingungen, sowie über Variationen im Enzymgehalte wären noch Arbeiten von Euler (5) zu vergleichen. Die Enzyme des Organismus sind gewiß nicht alle von Anbeginne der Entwicklung in der Eizelle enthalten, sondern entstehen im Laufe der Individualentwicklung auf „epigenetischem Wege" (6). Hier und da ist man bei der Untersuchung der Enzymreaktionen auf Stoffe gestoßen, welche bereits durch gelinde Einwirkungen, wie Behandlung mit ver- dünnter Essigsäure, leicht und rasch wirksame Enzyme bilden. Man hat solche Stoffe, die namentlich aus der Tierphysiologie bekannt sind, als Profermente oder Zymogene bezeichnet. Hammarsten (7) fand ein Labzymogen, Ebstein und Grützner (8) ein Propepsin in der Magenschleimhaut. Ein Zymogen des Trypsin wurde durch Heiden- hain (9), ein Proptyalin durch Goldschmidt (10) bekannt. Nach Lang- ley(II) lassen sich Pepsin und Propepsin dadurch voneinander trennen, daß 0,5—1 7o Na^COg das Pepsin rasch zerstört, hingegen das Pro- ferment intakt läßt. Propepsin, mit welchem sich Glaessner(12) sodann näher beschäftigt hat, ist N-haltig, doch von fraglichem Eiweißcharakter; es wird leicht von verschiedenen Stoffen adsorbiert, zeigt keine wahr- nehmbare Diosmose, wird von 0,1 »/o HgClg und 1 % Phenol zerstört Von pflanzlichen Proenzymen ist die Existenz eines Protrypsin durch ViNES(l3) in Nepentheskannen und durch Frankfurt (14) in Samen wahrscheinlich gemacht worden. Green (15) hat über Proinulase be- richtet, und Pantanelli(16) über Proinvertin bei Mucor. Letzteres ist auch in der Kulturflüssigkeit abgeschieden nachzuweisen. Daß, wie Detmer(17) für Diastase fand, und wie es voraussichtlich auch bei anderen Enzymen sehr häufig der Fall sein dürfte, die Ferment- 1) H. Euler u. D. Johanson, Ztsch. physiol. Chem.,70, 388 (1912). — 2) A. WuRTZ, Compt. rend., p/, 787. — 3) A. Wroblewski, B. Bednarski u. M. Woj- CZYNSKI, Hofmeisters Beitr., /, 289 (1901). Verdauung von Trypsin durch Pepsin wurde schon 1876 durch W. Kühne beobachtet. — 4) J. E. Abelous, Rev. m6i. mera. en l'honneur de Lupine (1911), p. 1. — 5) H. Euler u. Beth AE Ugglas, Ztsch. physiol. Chera., ^o, 279 (1910); Arkiv för Keifii, j. Nr. 34. — 6) Vgl. A. Herlitzka, Naturf. Ges. (1906), 2, 2, 296; Zentr. Physiol. (1906), p. 775. — 7) Hammarsten, Maly Jahresber. Tierchem., 2, 118 (1872). Lörcher, Pflüg. Arch., öp, 141. — 8) Ebstein u. Grützner, Pflüg. Arch., 8, 122, 617 (1874). — 9) Hei- denhain, Ebenda, 10, 557 (1875). — 10) Goldschäudt, Ztsch. physiol. Chem., w, 273 (1886). — 11) J. N. Langley, Journ. of Physiol., 5,-246 (1881). — 12) K. Glässner, Holmeisters Beitr., /, 1 (1901). — 13) S. Vines, Journ. Linn. Soc, 15, 427 (1877); Ann. of Botan., // (1897). — 14) S. Frankfürt, Landw. Versuchsstat., 47, 449 (1897). — 15) Fr. Green, Ann. of Botan., 7, 121 (1893). — 16) E. Pan- tanelli, Atti Accad. Line (5), /5, I, 587 (1906). — 17) W. Detmer, Botan. Ztg. (1883), p. 601. § 7. Immunreaktionen. 127 bildung von Sauerstoff gegenwart abhängig ist, dürfte wohl auf die Zymogenproduktion zu beziehen sein. § 7. Immunreaktionen (i). Es war in erster Linie das Studium der menschlichen und tierischen Infektionskrankheiten, welches die Aufmerksamkeit auf Stoffe und Reak- tionen eigentümlicher Art lenkte, welche sich trotz der aufgefundenen wesentlichen Differenzen mit Fermenten noch immer am besten an die Darstellung der Enzyme und Enzymreaktionen anschließen lassen. Auch hier tritt allenthalben eine intensive Wirkung minimaler Stoffquantitäten vor Augen, es handelt sich hier wie dort in der Regel um thermolabile Substanzen kolloider Natur, sowie um das Merkmal der hochgradig speziali- sierten Wirkung; auch das äußerliche Moment, daß man von den an den Immunreaktionen beteiligten Stoffen meist nur die Wirkung genau kennt, die stofflichen Eigenschaften hingegen bisher nicht oder höchst unzureichend feststellen konnte, stellt die Iramunochemie an die Seite der Enzymologie. Die Immunochemie ist längst aus jenem Stadium herausgetreten, in welchem sie das Studium der bacteriellen Infektionen als ihre Haupt- aufgabe zu betrachten hatte. So wie das bacteriell infizierte Tier sich der Parasiten und der von jenen produzierten Stoffe dadurch er- wehrt, daß es spezifisch wirksame Gegenstoffe, „Antikörper" besitzt oder infolge der Infektion erzeugt, so vermag der tierische Organismus auch vielfach auf die Einverleibung fremder Eiweißstoffe pflanzlicher oder tierischer Provenienz durch Reaktionen zu antworten, welche die Elimi- nierung jener Proteine zum Ziele haben. Die Immunreaktionen beziehen sich also allgemein auf die Ausschaltung körperfremder Stoffe, unter welchen Eiweißstoffe entschieden die erste Stelle einnehmen. Man bezeichnet alle jene Substanzen, welche „Immunstoffe" im Körper erzeugen, als Antigene. Vom chemischen Standpunkte aus dürfen wir bei aller Vorsicht hinsichtlich der Beurteilung der Bacterien- toxine als Proteinstoffe wohl noch immer sagen, daß bisher keine einzige nicht eiweißartige Verbindung bekannt geworden ist, welche zu den Antigenen gehört. Wenngleich die Immunreaktionen derzeit noch so gut wie ausschließlich auf dem Boden der Tierphysiologie und Patho- logie liegen, so mehren sich die Anzeichen immer mehr, daß eine pflanz- liche Immunochemie in naher Zeit in Ausbau begriffen sein wird. Da in der höheren Pflanze die Assimilation fertiger Eiweißkörper bei weitem nicht jene Rolle spielt wie im Tier, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn bisher vor allem die Bacterien mit ihren staunenswerten Stoff- wechselanpassungen in der botanischen Immunochemie die Hauptrolle spielen und wir von den Immun reaktionen im. Stoffwechsel höherer Pflanzen noch kaum etwas wissen. Daß auch im normalen Stoffwechsel sich Vorgänge abspielen dürften, welche sich mit den Iramunreaktionen direkt vergleichen lassen, wird wohl gleichfalls als ein Resultat künftiger 1) Zur Orientierung auf diesem biologisch so bedeutsam gewordenen Gebiete dienen in erster Linie die Handbücher von R. Kraus u. C. Levaditi, Handb. d. Technik u. Methodik d. Iramunforschung (Jena 1908 ff.). E. P. Pick in KoUe u. Wassermanns Handb. d. pathogen. Mikroorganism., 2. Aufl. (1912), /. W. Kruse, Allgem. Mikrobiologie (Leipzig 1910). Oppenheimer, Toxine u. Antitoxine (1904), ferner besonders Sv. Arrhenius, Ergebn. d. Physiol., 7, 480 (1908). R. P. van Oalcar, Progress. Botan., /, 533 (1907). ^ 128 Zweites Kapitel: Die chemischen Reaktionen im lebenden Pflanzenorganismus. Forschungen schon heute vorauszusehen sein. Das darzustellende Gebiet umfa